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Beitrag vom 29. Mai 2015 | Rubrik: Bachmann und Brockmann, Bachmannpreis 2015

Bachmann und Brockmann II: Von Frauen, Profis und besseren Gewinnchancen

Bachmann-Tasche 2015 (Foto: ORF/Ferdinand Neumüller)

Foto: ORF/Ferdinand Neumüller

Auf der Pressekonferenz vom 28. Mai 2015 gaben die Veranstalter des Bachmannpreis-Wettbewerbs letzte Neuigkeiten zu den »39. Tagen der deutschsprachigen Literatur« bekannt: Die Farbe der Bachmannpreis-Tasche, eine Veränderung beim Wahlmodus, den Namen des Redners der »16. Klagenfurter Rede zur Literatur« und – ta-da! – die KandidatInnenliste für die Lesungen vom 2.-4. Juli 2015.

Beim ersten Blick auf die KandidatInnenliste fällt auf, dass diesmal viele im Literaturbetrieb schon erfahrene und bekannte Schriftstel­lerInnen eingeladen worden sind (u.a. Teresa Präauer, Saskia Hen­nig von Lange, Nora Gomringer, Tim Krohn).

Doris Brockmann (Foto:privat)Doris Brockmann
ist (bzw. war) passionierte Fernsehstudentin der »Tage der deutschsprachigen Literatur«. Bis 2013 bloggte und twitterte sie über den Bachmannpreis immer im angenehm kühlen Arbeitszimmer, 2014 war sie erstmals live im aufgeheizten Klagenfurt dabei, um sich mal alles vor Ort anzuschauen. 2016 wird sie zum dritten Mal nach Kärnten reisen. Ansonsten widmet sie sich der angewandten Schriftstellerei im Dienste der Alltagsbeobachtung auf
walk-the-lines.de

Dominierten in den vorherigen Jahrgängen eher die Debütanten, treten in diesem Jahr verstärkt Autorinnen und Autoren an, die bereits mehrere Bücher veröffentlicht haben, mit Preisen und Stipendien ausgzeichnet wur­den und im öffentlichen Vortragen eigener Texte erprobt sind. Ob man nun von einem Trend zur Professionalität sprechen kann, den die fast zur Hälfte neu besetzte Jury mit ihrer Auswahl anzeigen wollte, oder ob sich die Dichte eher zufällig ergeben hat, wird zu überprüfen sein.

Wir schauen uns hier und heute erstmal in gewohnter Manier die Liste der Eingeladenen an und verschaffen uns mithilfe kleiner Re­chenaufgaben einen ersten Überblick

Geschlecht

Geschlechtsspezifisch steht es 10:4 für die Frauen. Die nahezu kontinuierliche Aufwärtsentwicklung des Frauenanteils setzt sich weiter fort – mit geradezu beängstigender Geschwindigkeit. Wir er­innern uns: 2010 nahmen 5 Schriftstellerinnen teil, 2011 erhöhte sich die Zahl auf 6, im Jahre 2012 war Gleichstand erreicht und 2013 gingen die Frauen mit 8:6 erstmals in Führung. Diesen schö­nen Erfolg konnten sie im letzten Jahr mit einem erneuten 8:6 si­chern. Und nun nach der kleinen Steigerungsverschnaufpause ein solcher Vorsprung: 10:4 – welch ein »Geschlechterverhältnis«! (Wann werden die Männer nach der Quote rufen?)

Land

Länderspezifisch sind 19 Nationalitätszugehörigkeitsnennungen (inklusive zwei nichtdeutschsprachiger Länder) zu verzeichnen – bei insgesamt nur 14 KandidatInnen. Nein, das ist nicht unver­ständlich oder irgendwie gemogelt, sondern hat damit zu tun, dass einige mit »Doppelpass« antreten. Wie will man da noelle-naumän­nisch vorgehen? Ist der Geburtsort entscheidend? Oder der Wohn­ort? Hm. Ich würd’ mal sagen, wir nehmen einfach die an erster Stelle genannte Staatszugehörigkeit. Und heraus kommt folgende Verteilung:

D A CH
7 5 2

Die EidgenossInnen sind auch in diesem Jahr wieder an Bord (zäh­len wir die Doppelnennungen hinzu, sogar mehr als 2). Wir erin­nern uns: Im Jahr 2013 fehlten sie erstmals seit Bestehen des Wett­bewerbs. Der Rest sieht einigermaßen ausgewogen aus: Keine be­fremdliche Monopolstellung der AutorInnen aus Deutschland wie ebenfalls im Jahr 2013, als 11 TeilnehmerInnen für »D« an den Start gingen.

Alter

Altersspezifisch ist zu vermelden, dass in diesem Jahr das Ge­samtalter der eingeladenen FinalistInnen 536 Jahre beträgt. Daraus ergibt sich ein Pro-Kopf-Durchschnittsalter von 38,28 Jahren. Bei der Errechnung habe ich die Geburtsmonate der KandidatInnen nicht berücksichtig. D.h., alle, die erst noch Geburtstag haben, mussten hier der Einfachheit halber ein wenig älter gemacht wer­den. Da ich bei den vorherigen Bachmannpreis-Jahrgängen in der­selben Weise verfah­ren bin, bleibt sich das im Verhältnis gleich.

Durchschnittsalter beim Bachmann-Wettbewerb 2010-2015

Im Jahrgang 2015 sind lediglich zwei Twentysomethings vertreten. Die jüngste Kandidatin ist 23 Jahre alt, der älteste Kandidat wurde 1965 geboren. Dass Jahr für Jahr im Durchschnitt immer mehr älte­re SchriftstellerInnen zur Wettbewerbsteilnahme eingeladen wer­den, ist mir persönlich sehr sympathisch – je älter ich werde.

In den nächsten »Bachmann-und-Brockmann-Folgen« werden wir uns genauer mit den eingeladenen Kandidaten und Kandidatinnen beschäftigen – aber keine Angst: Es wird nicht privatdetektivisch observiert oder gar gestalkt.

Taschenfarbe und Eröffnungsredner

Von der heutigen Pressekonferenz bleibt noch nachzutragen, dass die für manche zu einem begehrten Sammelobjekt gewordene Bachmannpreis-Tasche auch in diesem Jahr wieder schneeweiß­grundig ist – das wird nun wohl auch so bleiben. Der alljährliche Farbwechsel bezieht sich fortan also nur noch auf die Beschriftung. Das Rot (2014) ist heuer einem Türkis gewichen. Ist es eher blau- oder grünstichig? Hätte ich eine Rot-Grün-Schwäche wüsste ich wahrscheinlich mehr. So muss ich einfach abwarten, bis ich sie am 1. Juli in den Händen und nah vors Gesicht halten kann.

Auf der am selben Tag stattfindenden TDDL-Eröffnungsveranstal­tung wird Peter Wawerzinek die »16. Klagenfurter Rede zur Litera­tur« halten. Der Bachmannpreisträger von 2010 hat seinem Vortrag den Titel: »Tinte kleckst nun einmal« gegeben. Das gefällt mir und erscheint reizvoll angesichts der mehrheitlich nur mit elektronischem Schreibgerät bewaffneten Gäste. Sicherheitshalber werde ich ein paar Blätter Löschpapier in meine Reisetasche packen.

Bleibt noch eine Neuerung zu vermelden, die das Procedere der Preisvergabe betrifft: Wurden bisher für jeden der vier zu vergeben­den Jury-Preise die Kandidaten jeweils neu nominiert, wird fortan der Verlierer einer Stichwahl für den nächsten zu vergebenden Preis gesetzt. Damit soll das Risiko eingeschränkt werden, dass jemand, der oder die bei der Vergabe des Hauptpreises mit einer Stimme Rückstand unterlegen war, chancenlos bleibt und am Ende gar nichts bekommt. – Das gefällt mir auch.

Doris Brockmann

2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Brad Roderick schrieb am 4. Juni 2015 um 21:14 Uhr

    Nun ja, da es nun ja glücklicherweise kein Problem mehr darstellt, als Frau zu schreiben und zu veröffentlichen – nicht so wie zu Zeiten, da man Frauen und Schwarze ( http://de.memory-alpha.wikia.com/wiki/Jenseits_der_Sterne ) nicht als Autoren haben wollte und daher Identitäten verschleiert werden mussten – ist es wohl nun einfach so, dass insgesamt wohl mehr Frauen als Männer schreiben (und lesen) und auch, dass Frauen wohl eher Zeit zum Schreiben finden, auch weil es mehr Frauen als Männer in Teilzeit gibt. Als Mann würde ich gerne Teilzeit arbeiten und nebenbei schreiben, aber da muss sich die Gesellschaft wohl noch ein wenig entwickeln, dass dies auf einfachem Wege möglich ist.

  2. B. schrieb am 9. Juni 2015 um 19:49 Uhr

    Liebe Doris Brockmann,
    Ihr Beitrag über die heurigen TDDL gefällt mir sehr gut: bestens recherchiert und ausgewertet und insbesondere sehr schwungvoll beschrieben und ansprechend präsentiert. Herzlichen Dank!
    LG, B.

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