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Beitrag vom 19. November 2007 | Rubrik: E-Books, Literatur online

Amazon präsentiert Kindle: Die Zukunft des eBooks hat schon wieder begonnen

Newsweek-Titel von dieser WocheDer Online-Buchhändler Amazon.com hat am Montag, 19.11.2007, ein neues eigenes eBook-Lesegerät mit dem Namen Kindle präsentiert. Für deutsche Augen liest sich das recht schwäbisch. Übersetzt bedeutet »to kindle« so viel wie »anzünden«. Ein im Zusammenhang mit Büchern nicht unbelasteter Begriff.

Aber egal: Im alten Europa wird das neue Lesegerät ohnehin auf absehbare Zeit nicht erhältlich sein. Und an eine Bestellung in den USA sollte man nicht denken, denn das Gerät kann hierzulande technisch nicht betrieben werden, da es zum Empfang der Textdaten den us-amerikanischen Mobilfunkdienst EVDO benötigt. Allerdings dürften bei einer Kaufsumme von 399 Dollar für das Gerät auch amerikanische Käufer nicht begeistert sein. Für diesen Preis erhält man lediglich Gerät und Zubehör, aber noch keinen Text zum Lesen.

Die elektronischen Bücher fürs Kindle können ausschließlich bei Amazon heruntergeladen werden, wozu kein PC notwendig ist. Was Amazon als Vorteil preist, kennen wir schon vom nicht mehr existierenden Gemstar-eBook: Wo kein PC für die Übertragung notwendig ist, ist die Gefahr geringer, dass die Bücher dort gehackt und kostenlos in Umlauf gebracht werden können. Eine Horrorvorstellung für Verlage!

Neben den elektronischen Büchern aus dem integrierten Online-Shop, kann mit Kindle auch auf ausgewählte Weblogs und Wikipedia zugegriffen werden. Außerdem sind bekannte Zeitungen wie die New York Times oder die Washington Post für Kindle erhältlich. Über einen integrierten eMail-Account kann man sich zudem eigene Word- und Mobipocket-Dateien oder Bildchen auf das Gerät schicken. Letztere sieht man jedoch nur in Schwarz-Weiß. Da die Konvertierung über Amazon erfolgt, ist diese nicht kostenlos. Auch der Zugriff auf die ausgewählten Blogs erfolgt mit Kindle nicht kostenlos, jedoch will Amazon die Blog-Autoren an den Einnahmen beteiligen.

Mit den Inhalten kann und muss Amazon punkten! Denn einer der Gründe, warum bisherige eBook-Lesegeräte nie den Markt erobern konnten, bestand darin, dass es einfach keine guten Bücher in elektronischer Form gab. Nur Goethe, Shakespeare oder Mörike damit zu lesen, ist nicht wirklich cool.

Zum Start des Kindle sind 101 der 112 Bestseller der New-York-Times-Liste elektronisch erhältlich. Immerhin. Um sie drahtlos über EVDO auf das Gerät zu laden, ist erfreulicherweise kein monatlicher Mobilfunk-Vertrag erforderlich, das regelt und bezahlt Amazon im Hintergrund.

Die New-York-Times-Bestseller sind durch die Bank zum Kampfpreis von 9 Dollar 99 erhältlich, da in den USA keine Buchpreisbindung besteht. Wie bei den eBook-Geräten, die während der letzten Jahre kamen und gingen, bleibt die Frage offen, ob man auf die Texte noch in 10 Jahren zugreifen kann, wenn sich Formate und Lesegeräte längst geändert haben. Kein Medium ist so kompatibel wie Papier.

Damit sind wir bei einem weiteren Grund fürs Scheitern bisheriger eBook-Lesegeräte: Die Dinger sind und waren in keinster Weise cool. Sie können außer Text darstellen wenig, sind groß und klobig und wirken schon beim Erscheinen veraltet. Nicht mal Elektronik-Freaks wollen darauf Texte lesen. Das in China produzierte Kindle-Gerät erfüllt all diese Kriterien. Zwar ist es kleiner als das GemStar-eBook, doch ist es »weit davon entfernt flach zu sein«, wie es Ryan Block von Engadget ausdrückte. Und cooles Design stellt man sich anders vor, als dass damit aus dem Kindle eine Art iPod für Bücher werden könnte. Allein die weiße Farbe reicht nicht.

Kindle von AmazonDoch das Gerät solle eigentlich verschwinden, wünscht sich Amazon-Chef Jeff Bezos, der mit dem Kindle das aktuelle Cover der Newsweek ziert. Wieder einmal wird die größte Buch-Revolution seit Gutenberg proklamiert. Wir lehnen uns gähnend zurück.

Doch mit dem Verschwinden des Gerätes ist das Bewusstsein der Leserin gemeint. Der Text soll im Vordergrund stehen. Eigentlich soll sie nicht merken, dass sie »elektronisch« liest.

Aber warum sollte man das auf einem weiteren Gerät tun, das man neben Mobiltelefon, PDA und iPod mit sich rumschleppen muss? Ginge das alles nicht viel besser auf dem neuen iPhone?

Ist beim Kindle die Drahtlos-Funktion deaktiviert, hält es längstens eine Woche ohne Strom durch, ansonsten muss das Gerät laut Amazon schon wieder nach zwei Tagen ans Netz. Das Display ist nicht beleuchtet, sodass selbst der Vorteil wegfällt, im Dunkeln lesen zu können. Als Zubehör bietet Amazon eine kleine einsteckbare Leselampe an, die einen weiteren Energiefresser darstellen dürfte und die Lesezeit weiter verkürzt.

Die anderen präsentierten Software-Eigenschaften wie digitale Anmerkungen, Suchfunktion, Lesezeichen und eine vergrößerbare Schriftdarstellung sind Standards, die jede eBook-Software mitbringt.

Fazit: Uncool, zu groß, zu wenig Funktionen und zu teuer. Solange Amazon nicht beginnt, das Gerät zu verschenken, dürfte es genauso wenig Chancen haben, wie all die elektronischen Lesegeräte zuvor. Aufgrund der proprietären Übertragungstechnik können europäische eBook-Fans das Gerät ohnehin nicht nutzen.

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Blogs, die auf diesen Beitrag verlinken

  1. Voland & Quist Verlagsblog » Blog Archiv » Amazons ebook-Reader Kindle ist da verlinkte am 20. November 2007 um 22:38 Uhr

    […] auch die Besprechungen in der taz, dem literaturcafe.de und der readbox. Und die Quelle aller: die […]

  2. Jakobs Blog schrieb am 12. Dezember 2007 um 22:50 Uhr

    Setzten sich die Ebooks nun endlich durch?…

    Vor einiger Zeit wurde das Ebook als Flop bei Computerworld aufgelistet, und nun hat Amazon in den USA einen neuen Ebook-Reader, oder wie es offiziell heisst, einen  New Wireless Reading Device – den Kindle – herausgebracht. In vielen Beiträgen …

  3. Das leidige Thema ElektroBuch | Bücher Online Lesen verlinkte am 19. März 2009 um 15:45 Uhr

    […] kam Amazon und brachte im Herbst 2007 mit dem Kindle plötzlich wieder ein neues Lesegerät auf den Markt. Und der eBook-Hype begann erneut. (Quelle: Das […]

  4. Setzen sich die Ebooks nun endlich durch? | Jakobs Blog verlinkte am 2. August 2012 um 21:42 Uhr

    […] literaturcafe.de wird folgendes Fazit gezogen: Fazit: Uncool, zu groß, zu wenig Funktionen und zu teuer. Solange […]