Zur Walpurgisnacht zwei kleine garstige Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm

4
Unke
Unke, die keine Brocken isst (Foto: Tischer)

Von wegen »… und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende!« Einige der Märchen, die die Gebrüder Grimm zusammengetragen haben, waren ganz schön böse. Zur Walpurgisnacht gibt es daher im Podcast des literaturcafe.de zwei kleine garstige Märchen zu hören.

Dass es in den Märchen, die die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts gesammelt haben, nicht immer zimperlich zugeht, ist bekannt. In »Hänsel und Gretel« wird die Hexe verbrannt, der Wolf frisst die sieben Geißlein, das Rotkäppchen und die Großmutter. Und im Froschkönig gibts für den Frosch auch keinen Kuss, sondern der muss erst von der Prinzessin gegen die Wand geschleudert werden, damit er sich in einen Prinzen verwandelt.

Nicht immer siegt moralisch einwandfrei das Gute über das Böse, und liest man einige der unbekannteren Märchen vor, so herrscht bei den Zuhörerinnen und Zuhörern oft Erstaunen: »Was!? Das ist von den Gebrüdern Grimm?«

Daher gibt es zur Walpurgisnacht (die Nacht auf den 1. Mai) in einer Podcast-Sonderfolge zwei kleine garstige Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm zu hören:

Das eigensinnige Kind
Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden und kein Arzt konnte ihm helfen und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt war und Erde über es hingedeckt, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, es kam immer wieder heraus. Da musste die Mutter selbst zum Grabe gehn und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein und hatte nun erst Ruhe unter der Erde.

Märchen von der Unke
Ein Kind saß vor der Haustüre auf der Erde und hatte sein Schüsselchen mit Milch und Weckbrocken neben sich und aß. Da kam eine Unke gekrochen und senkte ihr Köpfchen in die Schüssel und aß mit. Am andern Tag kam sie wieder und so eine Zeit lang jeden Tag. Das Kind ließ sich das gefallen, wie es aber sah, dass die Unke immerfort bloß die Milch trank und die Brocken liegen ließ, nahm es sein Löffelchen, schlug ihr ein bisschen auf den Kopf und sagte: „Ding, iss auch Brocken!“ Das Kind war seit der Zeit schön und groß geworden, seine Mutter aber stand gerade hinter ihm, und sah die Unke, da lief sie herbei und schlug sie tot; von dem Augenblick an ward das Kind mager und ist endlich gestorben.

Beide Texte entstammen der Ausgabe von 1819 der Grimmschen »Kinder- und Haus-Märchen«. Es liest Wolfgang Tischer. Musik: »Sinister Dark Ambient Background Music« von CO.AG Music.

4 Kommentare

  1. Das Märchen „Das eigensinnige Kind“ hat Alexander Kluge im Film „Die Patriotin“ und im Buch „Geschichte und Eigensinn“ verwendet um zu zeigen, wie man in Deutschland (anders als z.B. In Frankreich) mit Eigensinn verfährt.
    Zu den extremen Märchen der Gebrüder Grimm zählt auch „Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben“. Es wird wohlweislich in den meisten Ausgaben weggelassen.

  2. Da ich schon früh lesen konnte, bekam ich zu meinem 4. Geburtstag eine (übrigens wunderschöne) Ausgabe von den “unbekannten Märchen” der Brüder Grimm, die ich hüte wie meinen Augapfel. Meine Mutter hatte die wohl selber nicht gelesen, sonst hätte sie sie mir nicht geschenkt. Da stehen allerlei solche brutalen und dunklen “gasrtigen” Märchen drin. Aber ich weiß noch genau, dass die Grimmschen Märchen mich nie verwirrt oder verängstigt haben. In meiner Fantasie floss auch kein Blut, denn wenn im Märchen einem der Kopf abgeschlagen wurde, war es nicht anders als wenn ich mit der Schere einer meiner Papierpüppchen den Kopf abgeschnitten hätte. Selbst bei grausamen Bestrafungen wie die der Schneewittchen-Stiefmutter war ich nicht verstört, denn mein Gerechtigkeitssinn war nicht verletzt worden. Ein Kind kann sich immer nur das vorstellen, was es schon selber oder im Film erlebt hat. Ist es traumatisiert, werden solche Darstellungen ebenfalls traumatisch wirken. Das erklärt, warum wir Erwachsenen so entsetzt auf solche Geschichten reagieren. Wir haben selber schon zu viele grausame Bilder im Kopf. Das zeigt aber (neben anderen Erklärungen wie z.B. C.G. Jungs Märchentheorien) auch, warum Märchen ERZÄHLT und nicht gezeigt werden sollten. Es scheint mir so, dass das, was in der eigenen Fantasie passiert, immer therapeutisch und selbststärkend wirkt.

  3. Diese Märchen sind unglaublich. Das eigensinnige Kind konnte von seiner Mutter nicht erzogen werden, d. h. die Mutter war unfähig Grenzen zu setzen und erst als die Mutter den Mut fand es zu zügeln, fand es Ruhe in seinem Grab, da es nun den Auftrag seines Lebens erfüllt hatte, der Mutter zu helfen, Grenzen zu setzen. Eine tiefe Liebe offenbart sich da.
    Das zweite Märchen ist noch besser. Hier hat die Mutter den Schutzgeist des Kindes erschlagen woraufhin das Kind natürlich starb.
    Märchen stammen aus einer Zeit, als man noch fest an die spirituellen Naturkräfte glaubte.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein.
Bitte geben Sie Ihren Namen ein