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Podcast zum Nachlesen: »Alle sind so ernst geworden« von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre

Alle sind so ernst geworden von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre

Noch vor Weihnachten erschien »Alle sind so ernst geworden«. Geschrieben Gesprochen von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre. Übersetzt Transkribiert von Stefanie Saier. Die beiden Autoren smalltalken miteinander. Das Ergebnis ist ein Podcast in Buchform.

Bevor das Buch auch bei mir unter dem Weihnachtsbaum lag, hatten mich die beiden Herren im Anzug auf dem Cover bereits mehrfach angelacht: in den sozialen Medien. An die 30-Instagram-Posts widmete der Diogenes-Verlag dem Buch bislang: das Buch mit Katze, das Buch neben einem Glas Wein und Kerze, als Geschenk unterm Baum.

Doch es gibt noch mehr: viral inszenierte Videos zum Buch. Zahlreiche Prominente halten das Werk in die Kamera, moderieren es auf ihre Art an, umtanzen und bewerben es. Sascha Lobo machte den Anfang, er ist vom Buch »unfassbar beeindruckt« und empfiehlt es »zutiefst«. Jan-Josef Liefers, Annette Frier, Olli Schulz und Carolin Kebekus … das Promi-Aufgebot scheint endlos. Sogar sonst um Unabhängigkeit bemühte Nachrichtenmoderatoren wie Claus Kleber machen mit. Auf der Website von Martin Suter gibt es die vollständige Liste mit über 70 Promis, die bereitwillig (oder etwa gegen Geld?) für ein Werbevideo posieren. Beachtlich.

In der Diogenes-typisch beigelegten Postkarte wirbt Martin Suter für (kostenpflichtige) Inhalte seiner Website. Im Herbst 2021 soll es eine große Lesetour geben. Beeindruckende Allround-Vermarktung. Suter und Stuckrad-Barre sind Meister der Selbst-Inszenierung, Werbeprofis und verfügen über ein weitreichendes Netzwerk.

Alle sind so ernst geworden von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre

Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre sprechen. Miteinander. Ihre Gespräche wurden aufgezeichnet und in ein Buch gepackt. Die meisten Unterhaltungen erschienen zuvor als Podcast auf der Webseite von Martin Suter. So ist das Ergebnis der Zweitvermarktung ein Podcast in Buchform.

Die Autoren haben sich in einem Hotel in Heiligendamm kennengelernt und sind mittlerweile befreundet. Viele Gespräche wurden am Ort ihrer ersten Begegnung aufgezeichnet. In Badehosen, das Thema des ersten Kapitels.

Die beiden smalltalken möglichst unernst und podcasttypisch über alles Mögliche. Dem Wort »Äähm« ist ein Kapitel gewidmet. Dem »Glitzer« ebenso, der Leser erfährt von Martin Suter: »Rohstoffmäßig bin ich glitzertechnisch völlig ausgerüstet«.

Die beiden lästern über Hochzeiten (BvSB: »Und dann weiß man, da haben schon wieder irgendwelche in zweiter Ehe glückliche Kinder Blumen streuen müssen«). Sie plaudern übers Geld, »Rechnungen« und »Geldscheine« – so lauten weitere Kapitelüberschriften – und übers Verliebtsein. Sie zitieren Woody Allen und Mark Twain. Sie kauen und drehen Worte des anderen im Mund herum. Sie sprechen über Drogen, Kochen und Ibiza. Mehr über die Welt als über Gott. Dekadent bis bodenständig. Ihre Gespräche plätschern auf 272 Buchseiten fröhlich dahin wie ein ziellos mäandernder Fluss.

Der Redeanteil des 45-jährigen Stuckrad-Barre ist höher, er scheint die Gespräche unterschwellig zu moderieren. Stuckrad-Barre hört sich selbst gern reden. Man muss ihm zugestehen: das kann er. Eloquent und schlagfertig setzt er zu seinen mehrzeiligen Monologen an:

MS: »Das ist ja diese automatische Musik, oder?«

BvSB: »Ein schöner Begriff dafür: automatisch. Ja.«

MS: »Ja, die läuft immer gleich.«

BvSB: »Das ist natürlich völliger Unfug, Martin, dass das immer gleich wäre, wiewohl das Repetitive durchaus ein wichtiges Element ist in der elektronischen Musik. Aber wenn nun du dich damit wahnsinnig gut auskennen würdest, das wäre ja ganz und gar tragisch. Das tue ja schon ich längst nicht mehr.«

Dabei scheint Stuckrad-Barre den überlegten Schweizer ab und an zu überrollen. Gerne hätte ich mehr von der Lebensweisheit des 72-jährigen Suters gehört als von den Stuckrad-Barreschen Erläuterungen.

Alle sind so ernst geworden von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre

Ein Podcast zum Nachlesen? Warum nicht. Die Dialoge der beiden Herren sind unterhaltsam. Mehr als nur eine gelungene PR-Aktion. Zumindest für Fans von Suter oder Stuckrad-Barre oder beiden. Jemand, der mit den beiden wenig anfangen kann oder sie nicht kennt, mag die die Lektüre von »Alle sind so ernst geworden« langweilig finden.

Ansonsten liest sich das Buch wie ein guter Podcast: Man hört zwei interessanten Leuten zu und wünscht sich, man könne sich selbst ins Gespräch einmischen.

Juliane Hartmann

Suter, Martin; von Stuckrad-Barre, Benjamin: Alle sind so ernst geworden. Gebundene Ausgabe. 2020. Diogenes. ISBN/EAN: 9783257071542. 22,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Suter, Martin; von Stuckrad-Barre, Benjamin: Alle sind so ernst geworden. Kindle Ausgabe. 2020. Diogenes Verlag AG. 18,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

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