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Parlamentspoetin für den Bundestag: Machen statt fordern!

Nicht nur Poesie, sondern auch Style: Amanda Gorman rezitiert ihr Gedicht »The Hill We Climb« bei der Amtseinführung des US-Präsidenten Jo Biden (Screenshot: YouTube)
Nicht nur Poesie, sondern auch Style: Amanda Gorman rezitiert ihr Gedicht »The Hill We Climb« bei der Amtseinführung des US-Präsidenten Jo Biden (Screenshot: YouTube)

Brauchen wir in Deutschland eine Parlamentspoetin? In den letzten Tagen wurde darüber heftig »diskutiert«. Einige neigten zur Polemik statt Poetik. Eine staatlich bezahlte Dichterin? Es ist Zeit, mit Abstand auf die Forderung zu blicken. Schon jetzt könnten wir Poesie in den Bundestag bringen.

Die Diskussion um eine Parlamentspoetin jedweden Geschlechts begann, als die Journalisten und Autoren Mithu Sanyal, Dmitrij Kapitelman und Simone Buchholz einen Gastbeitrag in der »Süddeutschen Zeitung« verfassten. »Dichterin gesucht« lautete der Titel, und der Untertitel fasste zusammen: »Die Politik poetischer und die Poesie politischer machen: Deutschland braucht eine Parlamentspoetin.«

Welche Relevanz hat das Vorbild Kanada wirklich?

Leider stand der komplette Beitrag hinter der Paywall, sodass ihn wahrscheinlich die wenigsten gelesen hatten, die auf den Social-Media-Kanälen Stellung bezogen. Im Beitrag fragen sich die drei Autor:innen, ob Deutschland nicht eine Parlamentspoetin nach kanadischem Vorbild guttäte. In Kanada gibt es nämlich eine offizielle »Parliamentary Poet Laureate«. Als neunte Poetin dieser Art hat Louise Bernice Halfe derzeit den Job als kanadische Parlamentspoetin inne.

Sanyal, Kapitelman und Buchholz berichten, dass Halfe im Juni 2021 ein Gedicht darüber geschrieben habe, wie indigene Kinder in »Umerziehungslager« gesteckt wurden, wo viele den Tod fanden. Ein Umstand, der in Kanada erst in jüngster Zeit nicht mehr verschwiegen, sondern öffentlich diskutiert wurde. Das Gedicht sei eine Gelegenheit zur kollektiven Trauer gewesen, schreiben die drei. Viele Medien übernahmen diese Behauptung. Die im Juli 2021 parallel veröffentlichte Video-Lesung von Louise Bernice Halfe hat jedoch bis heute nur 218 Aufrufe (Stand: 19.01.2022), was die Behauptung der kollektiven Trauer auf Basis dieses Gedichtes ziemlich relativiert.

Die tatsächliche Relevanz der kanadischen Parlamentspoetin sei einmal dahingestellt. Die drei Autor:innen schreiben in ihrem Beitrag:

»Seit Menschheitsbeginn haben wir uns mithilfe von Geschichten und Gedichten unserer selbst versichert, Veränderungen verarbeitet und uns in die Zukunft hinein entworfen. Wir erzählen nicht Geschichten über uns, wir sind diese Geschichten. Und wenn wir nicht in der Lage sind, Geschichten zu erzählen, sind wir nicht in der Lage, Gesellschaft zu gestalten. Wenn Kultur also das gesellschaftlich verbindende Element ist, warum fordert die deutsche Politik sie dann nicht viel konkreter auch für sich ein? Warum haben wir keine Poetinnen und Poeten im Bundestag?«

Stattdessen – so mag man als lyrisch interessierter Mensch ergänzen – sitzen im Parlament viele Juristen, deren poetische Sprache eher begrenzt ist.

Amtsdichterin mit Bundestagsbüro

Aber den dreien geht es nicht darum, dass mehr Poetinnen als gewählte Volksvertreter im Parlament sitzen, es geht ihnen um das Amt einer Parlamentspoetin. Sie stellen sich eine Art Parlamentsscheiberstipendium vor, wenn sie hinsichtlich der zu erwartenden Kosten schätzen:

»Ein Büro im Bundestag. Ein jährliches Honorar oder eher Stipendium für die Künstlerinnen und Künstler. Etwas Zeit der Abgeordneten vielleicht noch.«

Und wer soll die Künstlerinnen auswählen? Im Artikel heißt es:

»Die Kommission, die diese Poetinnen und Poeten wählt, würde natürlich so besetzt werden, dass sie unser Land wirklich repräsentiert: so divers wie nur irgend möglich.«

Und wen könnten sich die drei Verfasser:innen in diesem Amt vorstellen?

»… eine junge, türkischstämmige Parlamentspoetin, für die nächsten zwei Jahre. Danach würde rotiert, die Position würde neu vergeben, und dann wäre vielleicht ein jüdischer Autor im Amt. Zwei Jahre später eine Schriftstellerin aus Ruanda. Wieder zwei Jahre später ein syrischer Dichter, Musiker, Maler.«

Gedichte gegen das Gendern

Hier wird deutlich, dass die Autor:innen in der poetischen Amtsinhaberin einen Vertreter oder eine Vertreterin einer Minderheit sehen. Was aber, wenn die Kommission aus Gründen der parlamentarischen Ausgewogenheit auch mal eine ältere Frau auswählt, die sich in ihren Gedichten gegen das Gendern ausspricht und die Schönheit der deutschen Heimat mit einer etwas anderen Konnotation besingt?

So richtig in Fahrt kam die Diskussion um eine Parlamentspoetin aber erst, als sich die Parlamentspräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) nur eine Woche nach Erscheinen des Artikels mit den drei Verfasserinnen traf und von diesem Treffen in ihrem Büro ein Bild twitterte und dazu kommentierte: »Heute habe ich mich mit den Initiator*innen für eine #Parlamentspoetin getroffen (klar, mit 2G+). Ich bin von dem Vorschlag begeistert: Mit Poesie einen diskursiven Raum zwischen Parlament & lebendiger Sprache öffnen. Ich trage diese Idee jetzt gerne ins Präsidium des Bundestags.«

Simone Buchholz (links) und Dmitrij Kapitelman sprechen mit Bundestagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt über die Idee einer Parlamentspoetin (Quelle: Tweet von Katrin Göring-Eckardt/Klick zur Anzeige)
Simone Buchholz (links) und Dmitrij Kapitelman sprechen mit Bundestagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt über die Idee einer Parlamentspoetin (Quelle: Tweet von Katrin Göring-Eckardt/Klick zur Anzeige)

Und dann ging es los, und der Hashtag #Parlamentspoetin trendete bei Twitter. Tenor der meisten Kommentare: »Gibt es nicht dringendere Probleme? Verschwendung von Steuergeldern! Habt ihr sonst keine Probleme?« Der Ton wurde rüder.

Bisweilen wurden Schmähgedichte verfasst, die nahezu alle eines gemeinsam hatten: Sie waren in Reimform geschrieben und hatten Probleme mit der Metrik und offenbarten sehr gut, was landläufig mit »Poesie« verbunden wird: Reime.

Lyrik als überflüssiger Blödsinn

Ganz unabhängig davon, ob die Idee einer Parlamentspoetin gut oder schlecht ist, wird einem als Kunst- und Kulturmenschen eines bewusst: Für viele Menschen sind Gedichte überflüssiges Zeug. Intellektueller Blödsinn, mit dem sich Menschen beschäftigen, die sonst nichts zu tun haben.

Während in Pandemiezeiten Künstlern bereits von politischer Seite vermittelt wurde, dass Kunst und Literatur, also Buchhandlungen, Theater und Museen, nicht systemrelevant sind, scheint sich dieser Eindruck durch »Volkes Stimme« in den sozialen Medien scheinbar zu bewahrheiten.

Im Feuilleton hingegen wurde die Diskussion dankbar aufgegriffen, es wurden von kompetenten Menschen Kommentare dafür und dagegen verfasst und auch Autorinnen und Autoren äußerten sich positiv und negativ zur Idee. Mitunter wurden bereits Vorschläge gemacht oder – mehr oder weniger ernst gemeinte – Bewerbungen eingereicht.

Zweifellos: Lyrik hat es schwer. Nicht nur im Parlament – auch beim gemeinen Volke. In Buchform verkauft sie sich nicht. Ich selbst sitze regelmäßig in Jurys für Lyrikstipendien und Lyrikpreise und weiß um die Vermittlungsprobleme aus der Praxis.

Natürlich ist die Diskussion, sind die Kommentare auf Twitter politisch aufgeladen, und es geht im Kern nicht um die Poesie. Und dennoch bin ich irritiert, wie naiv beide Seiten argumentieren. Die einen sehen in der Poesie überflüssiges Zeug, die anderen – allen voran die drei Verfasser:innen des SZ-Artikels – glauben, Poesie und eine Parlamentspoetin könnten »die sinnliche Welt des Fühlens, Sehens, Schmeckens, Metaphernfindens, der Synästhesie in den Bundestag bringen« und – wie es Göring-Eckardt ergänzt – »einen diskursiven Raum zwischen Parlament & lebendiger Sprache öffnen«.

Eine Poesiequote für den Bundestag

Wenn dem so wäre, dann bräuchte man keine staatlich finanzierte Auftragskunst. Dann könnte man das viel einfacher gestalten und für den Bundestag eine »Poesiequote« festlegen: Mindestens, sagen wir mal, 10% aller Bundestagsreden müssten künftig in Gedichtform erfolgen. Oder vor jeder Sitzung trägt die Bundestagspräsidentin ein Gedicht vor. Würde das nicht auch und wesentlich günstiger »die sinnliche Welt des Fühlens, Sehens, Schmeckens, Metaphernfindens, der Synästhesie in den Bundestag bringen«?

Und könnte man nicht auch auf eine gewisse Freiwilligkeit setzen? Könnten nicht die Zeitungen Gedichte zur politischen Lage veröffentlichen, um die Bevölkerung »anzupoetisieren«? Bei Frank Plasberg und in anderen Talkshows könnte – neben dem Vorlesen der üblichen Kommentare aus dem Internet – auch eine Talkshowpoetin die Diskussion lyrisch verarbeiten, um »die sinnliche Welt des Fühlens, Sehens, Schmeckens, Metaphernfindens, der Synästhesie« auch in die Talkshows zu bringen.

Roger Willemsen im Gespräch über »Das Hohe Haus«
Roger Willemsen im Gespräch mit Wolfgang Tischer über das Buch »Das Hohe Haus« (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Bisweilen wurde das bereits erfolgreich gemacht. Man denke an Roger Willemsen, der seinerzeit das Parlament ein Jahr lang dokumentarisch-literarisch begleitete. Sein Buch »Das Hohe Haus« war ein Bestseller! Man denke an Grass, dessen lyrische Stellungnahme in der FAZ seinerzeit für Diskussion und Empörung sorgte. Er hatte Wirkung, wenngleich eher diametral zu der derzeit bevorzugten Richtung. Er war eben noch der alte weiße Mann und nicht die türkischstämmige Rapperin. Und auch ein anderer weißer Mann sollte im Auftrag des Parlaments singen, und er ließ sich auch das Reden nicht verbieten, als ihn der Bundestagspräsident stoppen wollte. Wer Poesie will, muss sie auch aushalten.

Es braucht daher keine Parlamentspoetin, keine Auftragsdichtung.

Wer Poesie in den Bundestag bringen will, kann es schon jetzt und ohne Auftrag tun. Man muss nur machen statt fordern.

Wolfgang Tischer

2 Kommentare

  1. Ein paar Anmerkungen: Dass holpriges Metrum und Reim immer noch Standard bei Gelegenheitsdichtern sind, kann ich bestätigen. Und dass es dieses Kulturbanausentum bei einer bestimmten Gruppe gibt („Ist das Kunst oder kann das weg?“), auch. Dass es Lyrik schwer hat, sehe ich nicht unbedingt so. Jenseits der offiziellen Kulturszene ist da durchaus breites Interesse. Lyrikwebseiten können mehrere hunderttausend Besucher im Jahr anlocken. Man muss allerdings das liefern, was gesucht ist. Politische Lyrik ist dabei durchaus ein interessierendes Thema. Auf meiner thematisch breit gefächerten Website gehört sie zum oberen Fünftel der Themen (aus mehr als 180). Also im Netz würde einiges gehen (ohne Stipendium und Posten) und das Literaturcafé wird sicher demnächst ebenfalls mit guten Beispiel vorangehen und jeden Monat ein politisches Gedicht servieren, oder?-)

  2. Zur Lage des Lyrischen in unserer Gesellschaft kann ich nicht viel sagen. Ich bin doch zu sehr Gelegenheitsdichter, der für die Schublade arbeitet. Und auch kein Kartograph der lyrischen Landschaft im deutschsprachigen Raum. Aber ein offizielles Amt, dann auch noch politisch korrekt ausgestaltet und ausgestattet, halte ich für völlig kontraproduktiv. Mindestens nicht dienlich. Naiv ist da durchaus das richtige Wort. Poesie und Politik gehören so eng verquickt einfach nicht zusammen, wie ich finde. Zwei Sphären, die immer wieder zusammenfinden, aber eben nicht, indem das Poetische institutionalisiert wird und Gefahr läuft, instrumentalisiert zu werden oder zum „Spaßmacher“, „Wasserträger“ oder zum „Narren“ des Parlaments und der Regierenden zu mutieren . Wenn die beiden eine Liaison eingehen, dann geschieht dies denke ich im Individuum, dem dichtenden oder dem politisch arbeitenden. So etwas lässt sich nicht „machen“, sondern geschieht unverfügbar und gewiss nicht durch eine Institution „Parlamentsdichter/dichterin“. Also: weg damit!

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