Anzeige
Startseite Literarisches Leben BUCH-WIEN-08-Rückblick: Risikosportart Lesen

BUCH-WIEN-08-Rückblick: Risikosportart Lesen

Ausschnitt aus der Website zur BUCH WIEN 08Seit einigen Jahren schreibt Barbara Fellgiebel für das literaturcafe.de Rückblicke auf die Buchmessen von Frankfurt und Leipzig. Nun war sie auf der ersten BUCH WIEN unterwegs und schildert uns hier ihre Eindrücke literarischer und touristischer Art.

Der Flug Faro-Salzburg ist halb so teuer wie Faro-Wien, also nehme ich die Chance wahr, diese noch nie gesehene Musikmetropole kennenzulernen.

Salzburg – ein Unesco-Weltkulturerbe. Stolz, erhaben, integer, unwirklich. Eine einzige Theaterkulisse. Dass es solche Städte (noch) gibt! Das Schönste ist diese heilige Ruhe abends um 21 Uhr. Das Flanieren in Gassen, Bestaunen von Häusern, die 500 Jahre oder älter sind. Ungläubig gehe ich durch die Gewölbe von Salzburgs ältestem Restaurant, dem St. Peter, das bereits 803 entstand. Ja, Sie lesen richtig, 803, nicht 1803!

Mozart und Karajan dominieren die Musikstadt, doch auch Namen wie Wolf Dietrich, Haydn und Tomaselli prägen das Stadtbild.

Paul Klee im Museum moderner Kunst. Franziskaner, St. Peter, Nonnenberg – eine Kirche ist stilvoller als die andere. Salzburger Nockerln standen hoch auf meiner Salzburg-Wunschliste. Da stehen sie bei der Weiterreise nach Wien noch immer, denn der Hunger war nicht groß genug. Die Geschmacksnerven bedauern es, die Hüften freuen sich.

Wien, here I come, dank österreichischem Intercity in bequemen 2,5 Stunden.

Salzburg ist erhaben, Wien majestätisch.

Mit großem finanziellen und persönlichen Engagement wird die erste BUCH WIEN eröffnet, eine viertägige Publikumsbuchmesse, eingebettet in das einwöchige Lesefest Wien. Die halbstündige Pressekonferenz ist sachlich und präzise, mit angenehm wenig Geschwafel. Die Eröffnung der Messe findet mitten in der Messehalle, d.h. inmitten der Verlagsstände statt. Das wäre in Frankfurt undenkbar, aber überhaupt sollte man David nicht mit Goliath und Wien nicht mit Frankfurt vergleichen, denn die Dimensionen beider Buchmessen könnten unterschiedlicher kaum sein. Hier ist man so stolz auf dieses Bemühen, die bisher 60jährige regionale Buchmesse, die immer im Wiener Rathaus stattgefunden hat und für alle kostenlos zugänglich war, ins moderne Messegelände hinterm Prater verlegt und mithilfe besonders osteuropäischer Präsenz internationalisiert zu haben.

Über 20.000 Besucher haben den Eintrittspreis von 8 Euro nicht gescheut. (In Frankfurt sind es knapp 300.000 – aber ich wollte ja nicht vergleichen.) Die auf 400 Quadratmeter aus 10 Buchhandlungen entstandene Messebuchhandlung erfreut sich unerhoffter Verkaufserfolge.

Die 475 Literaturveranstaltungen sind gut bis sehr gut besucht, besonders das vielfältige Programm der Lesefestwoche. Ob eine literarische Bootsfahrt auf der Donau von Wien nach Bratislava und zurück, Donna Leon im Belvedere, Péter Esterházy im Burgtheater,

Michael Köhlmeier und Band in der Roten Bar oder die Gespräche in der Literaturzentrale. In nur sieben Tagen erleben die Besucher Bücher in all ihren Schattierungen.

Ausschnitt aus der Website zur BUCH WIEN 08Die ganz persönlichen Messeerlebnisse sind für jeden Besucher, jede Besucherin anders. Für mich ist es immer wieder interessant, Autoren und deren Wirkung aufs Publikum zu beobachten. Wie präsentieren sie sich? Wie kommen sie bei wem an und warum merken die Langweiler nicht, dass sie besser aufhören sollten; können sie nicht spontan kürzen? Müssen sie jedes Wort lesen, bis der letzte höfliche Zuhörer sich gequält auf dem immer härter werdenden Stuhl windet? Weniger ist mehr, das gilt gerade hier ganz besonders.

Das fängt schon bei der feierlichen Eröffnung an: Die Frau Bundesministerin Schmied hält sich kurz, knapp und prägnant, vorbildlich, wie ihr Nachredner zu Recht feststellt, um mit dem nächsten Atemzug in eine zu lange Rede zu verfallen. Ilja Trojanow, der von mir sehr bewunderte multilinguale Erfolgsautor, hält laut Ankündigung die Festrede. Nein, er liest aus einem seiner Werke, was sich nach den 5-6 vorangegangenen Reden angenehm abhebt, aber leider zu lang ist. Das Ach-wie-schade-schon-zu-Ende-Gefühl wird nicht erzielt, vielmehr ein Aufatmen, als er endlich fertig ist.

Autor und Hanser-Verleger Michael Krüger, Autor Thomas Glavinic, Philosoph Konrad Paul Liessmann und Architekturkritiker Friedrich Achleitner unterhalten sich über das Thema Warum sollen wir noch lesen… und liefern herrliche, wenn nicht Sternstunden so doch Sternmomente dieser Buchmesse:

Sie sind sich einig, dass sie alle skurrile Randfiguren in ihren jeweiligen Schulklassen waren, weil sie mit dem Lese-Gen versehen zu den 4-5 % der Bevölkerung gehören, die freiwillig der Risikosportart Lesen frönen und zwar nach wie vor ganz altmodisch im Papierformat, denn sie lechzen nicht danach, ganze Buchhandlungen in Form von Kindle oder anderen eBooks mit sich rumzuschleppen. Das kulinarische Lesen wird immer zwischen Mensch und gedrucktem Buch stattfinden.

Elke Heidenreich ist vielen Österreichern erstaunlich unbekannt. Sie erscheint gut gelaunt, mit funkelnden, schelmischen Augen und gibt sich ganz hier und jetzt bei der Sache, natürlich, salopp, erfrischend und ehrlich. Lebt wie sie lehrt:

Nimm dir nicht das Glück zu lesen! Es lebe das Lustprinzip. Der Moderator geht spontan auf ihre klaren, überzeugenden Antworten ein, im angenehmen Gegensatz zu vielen seiner Kollegen in Frankfurt (Ich wollte doch nicht vergleichen, ja ja, ich hör’ schon auf!).

Die Mischung morgens Wien-Sightseeing, nachmittags BUCH WIEN, abends Lese-Events erweist sich für mich als ideal. Und so viele Weihnachtsmärkte wie in Salzburg und Wien habe ich noch in keinem Jahr bestaunen können.

Der Spittelberg, ein Biedermeierviertel in dem eine Galerie neben der nächsten, ein uriges Restaurant neben dem nächsten liegt, hat die ohnehin schon engen Gassen mit Weihnachtsmarktbuden gefüllt und führt den Besucher in köstliche Waldbeeren-Mango-Marillen-Orangen-Zitronen-Punsch, Glühwein mit und ohne Bio, Nougatherzen, Laugen-Marzipan-Mohn-Sesam-Pizza-Brezen, Kokosstangen und vieles mehr Versuchungen. Rasch weiter ins Mumok, dem Museum der modernen Kunst in dem teilweise erotische, teilweise gewöhnungsbedürftige Kunst gezeigt wird.

Da gefällt mir die Egon Schiele-Gustav Klimt Ausstellung im Leopold Museum besser.

Am nächsten Tag ins Belvedere, da gibt es mehr Klimt. Der hat es mir nämlich ganz besonders angetan.

Das Hundertwasserhaus – eine Wiener Sehenswürdigkeit, die ich mir nicht entgehen lassen wollte. Das gehört frisch gestrichen, meint eine kritische Besucherin. Ich lasse mich eher von der verwirklichten Philosophie faszinieren, mag die ganze Anlage mit gemütlichem Cafe, in dem informative Videos vom Haus gezeigt werden über den Infoladen, in dem mich das wundervolle Klimtportrait Die Jungfrau” völlig begeistert, bis hin zum Hundertwasservillage mit dem leider stinkenden The WC of Modern Art und grenzwertig viel Touristenkitsch.

Wien hat abgesehen von großen wichtigen, richtigen Museen auch witzige, ungewöhnliche, oder was halten Sie vom Schnapsmuseum, oder dem Fake Museum, das Fälschungen aller Art zusammengetragen hat. Schade, dass man nicht unbegrenzt aufnahmefähig ist und somit viel Kultur auf ein andermal verschieben muss.

Freitagabend lade ich zu ALFA in Wien ins Cafe Sperl – einem Informationstreffen für Autoren, die sich für Europas südwestlichsten deutschsprachigen Literatursalon interessieren. Es kommen trotz widrigster Witterungsverhältnisse 10 Leute zu einem angeregten Austausch zusammen.

Samstag ist der Messetag der beeindruckenden Frauen:

Ausschnitt aus der Website zur BUCH WIEN 08Donna Leon, die seit 1981 in Venedig lebt, feiert mit ihrem 18. Inspektor-Brunetti-Krimi große Erfolge. Nein, ihr wird Venedig nie langweilig, nein, der Stoff, die Inspiration geht ihr auch nicht aus.

Hera Lind reist mit jüngster Tochter Franzi an, und punktet mit einer guten Mischung aus Hintergrundinfo zur Entstehung ihres jüngsten Buches Herzgesteuert und Lesekostproben und hört mit soviel geweckter Neugier auf, dass der am Verkaufstisch sitzende Buchhändler schnell Nachschub holen muss.

Ruth Klüger ist amerikanische Professorin. Eine kluge, vom schweren Auschwitz-Schicksal gezeichnete Frau, deren Jugenderinnerungen weiter leben in diesem Jahr im Rahmen des Projektes Eine Stadt. Ein Buch. in 100.000facher Sonderauflage gedruckt worden sind und unter der Wiener Bevölkerung zwecks Anregung zum Lesen verteilt werden. Dass es gerade dieses Buch ist, das schmerzhaft schildert, wie sehr das Kind Ruth unter Wien gelitten hat, wirkt auf mich wie ein Hohn.

Ob sie sich mit Wien versöhnt habe, will ich von ihr wissen.

– Wie könnte ich? meint sie verächtlich und freut sich dennoch über die Anerkennung.

Erika Pluhar – welche Erscheinung, welche Stimme, welche Frau. 69 ist sie inzwischen und wirkt erotischer denn je. Wie schön, wenn man so etwas über Frauen sagen kann und nicht nur über Männer wie Sean Connery.

Mit ihrer melodiösen Stimme liest sie Stellen aus ihrem neuen, aus männlicher Perspektive geschriebenen Buch ER, und schildert die erstaunlichen Erfahrungen, die sie dabei gemacht hat.

Bereichert und beglückt verziehe ich mich ins Pressezentrum, das klein aber fein, die Journalisten weder verhungern noch verdursten lässt. (Ganz im Gegensatz zu Frankfurt, ja ja ich weiss…)

Abends will ich mir Harald Martenstein und andere Unerhaltungskünstler im Künstlerhaus ansehen. Hier trennt sich die Jugend vom Alter: Für 8 Euro Eintritt sitzen junge Studenten stundenlang offensichtlich ungestört auf rückenschmerzenverursachenden Holzbänken, bestenfalls mit dünnem Schaumgummipolster versehen, während die paar Menschen älteren Kalibers nach spätestens 30 Minuten regenwurmartige Verrenkungen machen, um dem Schmerz entgegen zu wirken. Die geschlechtsspezifischen Kommentare zu den gesehenen Künstlern sind einen eigenen Artikel wert.

Als der Rücken gar nicht mehr mitmacht, will ich meinen letzten Wienabend mit einem Kaiserschmarrn krönen und lande im ahnenreichen 1861 eröffneten Cafe Schwarzenberg in dem schon Clinton dinierte. Die auf der Speisekarte vermerkte 20-minütige Wartezeit auf den Kaiserschmarrn nehme ich gern in Kauf. Dann wird er wenigstens frisch gemacht denke ich in meiner Naivität. Was nach ca. 9 Minuten kommt, hätte ich nicht mal meinem Hund kredenzt. Ein Berg harter, dunkelgelber, völlig geschmackfreier Mehlspeisenbrocken, die ich verzweifelt und enttäuscht versuche mit dem dazu servierten Zwetschgenkompott genießbar zu machen … das kann doch nicht wahr sein.

Als sich meine österreichische Begleiterin bereit erklärt, mal zu probieren, ob das wirklich so schmecken soll, zitiert sie entsetzt den Ober an den Tisch: »Entschuldigens aber dös ist ungenießbar. Sie können doch bittschön einer piefchinesischen Touristin aus Deutschland nicht einen solchen Kaiserschmarrn vorsetzen!«

Sprachlos zieht der Ober von dannen und ward nicht mehr gesehen.

Am Sonntag geht’s zurück nach Salzburg, weg vom Wiener Wind, hin zu puderzuckerschneebestäubtem Vorweihnachtstreiben – wie ein Riesenbreughelgemälde. Ob ich doch noch zu meinen Salzburger Nockerln komme? Aber ja doch: Im ebenfalls ahnenreichen Wirtshaus Stern wird ein Nockerl für eine Person (5,50 EUR) angeboten und köstlich frisch serviert – welch Entschädigung!

Summasummarum:

Eine gelungene herrliche Wienwoche mit empfehlenswerter Salzburgklammer. BUCH WIEN die erste war ein voller Erfolg mit Ausbaumöglichkeiten in jede Richtung: Platz für mehr Aussteller, mehr Besucher, mehr Bücher, (noch) mehr Veranstaltungen und hoffentlich ein zukünftiger Dauerbrenner.

Barbara Fellgiebel lebt in Portugal an der Algarve, wo sie jeden Monat Europas südwestlichsten deutschsprachigen Literatursalon veranstaltet. Nähere Infos unter www.alfacultura.com

Im Café: »Nur wer anwesend ist, kann gewinnen« – Barbara Fellgiebels Betrachtungen zur Frankfurter Buchmesse 2008
Im Café: »Wer pünktlich ist, hat keine Fantasie!« – Barbara Fellgiebels Betrachtungen zur Frankfurter Buchmesse 2007
Im Café: »Wo können die Leute das nur alles hinessen?« – Barbara Fellgiebels Betrachtungen zur Frankfurter Buchmesse 2006
Im Café: »Ein Fest der leisen Höhepunkte« – Barbara Fellgiebels Betrachtungen zur Frankfurter Buchmesse 2005
Im Café: »Autoren sind wie Tiere im Freigehege« – Barbara Fellgiebels Betrachtungen zur Frankfurter Buchmesse 2004

2 Kommentare

  1. Buch Wien ist super beschrieben. Ich las ebenso die Buchmessen-Berichte Frankfurt.
    Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei und Frech. Danke höchstwahrscheinlich auch von den lieben Mitmenschen, die nicht zu den Messen fahren und hier eine
    andere Perspektive nachlasen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein.
Bitte geben Sie Ihren Namen ein