Bachmann und Brockmann VII: Menschen, Themen, Situationen

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Der Jury-Vorsitzende Burkhard Spinnen krault einen HundDrei Tage wurde am Wörtersee gelesen, gelauscht, diskutiert und sich delektiert.

Nun liegen die Karten auf dem Tisch und die Jury muss ihr Spiel machen, an dessen Ende es gilt, fünf Preise zu vergeben. Doris Brockmann hat die Ereignisse verfolgt und zieht Resümee.

Was war los an welchem Tag und wer las was? Mit Inhaltskurzsätzen für die Vergesslichen.

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Jetzt ist alles aufgelesen. Bevor morgen die Preise verliehen wer­den, möchte ich eine Bestandsaufnahme vornehmen.

Doris Brockmann (Foto:privat)Doris Brockmann
ist (bzw. war) passionierte Fernsehstudentin der »Tage der deutschsprachigen Literatur«. Bis 2013 bloggte und twitterte sie über den Bachmannpreis immer im angenehm kühlen Arbeitszimmer, 2014 war sie erstmals live im aufgeheizten Klagenfurt dabei, um sich mal alles vor Ort anzuschauen. 2017 wird sie zum vierten Mal nach Kärnten reisen. Ansonsten widmet sie sich der angewandten Schriftstellerei im Dienste der Alltagsbeobachtung auf
walk-the-lines.de

Manchmal ist der erste Eindruck erstaunlich richtungsweisend: Das „Kinder“-Thema, das mir beim ersten Betrachten der Autorenpor­träts aufgefallen war, kehrte in den Lesungen und Diskussionen während der diesjährigen Tage der deutschsprachigen Litera­tur häufig und vielgestaltig wieder: Es ging um Pubertätsgeschichten, gewollte und ungewollte Schwangerschaften, um die Geburt eines blinden Kindes, ein (möglicherweise Bomben bauendes) Pflege­kind – und der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen brachte zudem einiges an eigenen Vatererfahrungen ins Gespräch.

Wollte man die drei Lesetage jeweils mit einem tagestrendspezifi­schen Stichwort auf den Begriff bringen, wäre das folgende, mit der Einschätzung eines Großteils der #TDDL-Twitterer überein­stimmende Fazit zu ziehen:

Tag 1: „Tag der Schamhaare“ (Daniela Strigl) – Körperlichkeit al­lerorten: Riesenpenisse, Schwanzwurzeln, Brüste, Schamhaare, Bauchwülste, Körper voller „Wundmale“. So viel Eindeutiges nö­tigt die deutende Jury, die Freudsche Werkzeugkiste hervorzukra­men und die Texte mit allerlei psychoanalytischem Besteck zu se­zieren. Dem neu hinzugekommene Juror Juri Steiner macht das be­sonders viel Spaß. Er beherrscht aber auch sein Handwerk.

Tag 2: „Tag der Scham bzw. der Mütter“. Die Haare sind ab. Die Scham bleibt. Das Thema Mutterschaft rückt in den Vordergrund, wobei die Großmütter dominieren. Die erzählten Großmütter stam­men aus Russland und rufen Genealogievorstel­lungen in Gestalt der Matroschka-Schachtelpuppen hervor. Ein Querflötist und ein Brasilien-Tramper können da nur schwerlich eingeordnet werden (so­fern wir die Freudsche Werkzeugkiste geschlossen lassen).

Tag 3: „Tag der Käfer, Würmer und überforderten Mütter“. Diabo­lisch anmutende Knaben zwischen Käfersammlung und Bomben­bau treffen auf Mütter in Extremsituationen, von denen eine schon mal „Spaghetti horrori Regenwurmi“ kocht. Die Jury findet sich in einem Wechselbad der Textqualitäten wieder, wurden ihr doch Hei­ßes und Kaltes direkt hintereinander serviert.

Während der Le­sungen habe ich mich immer wieder nach dem Ge­samt der in die­sem Jahr für klagenfurttauglich befundenen Texte gefragt. Welche Themen, Orte, Zeiten, Protagonisten erschienen den JuroInnen in­teressant, dass sie entschieden, davon sollte wäh­rend der Tage der deutsch­sprachigen Litera­tur 2013 erzählt werden?

Die Reise führte durch Brasilien, nach Kiew, auf die schwedische Insel Ingarö, in das russische Dorf Ostrov, nach Hamburg, Mün­chen, Mannheim und an einen namenlosen postapokalyptischen Ort.

Als Protagonisten begegnen uns ein Bankberater und eine ältere Frau, ein Student, eine junge Frau, ein 16jähriger Junge, eine junge Frau, ein Brasilianer, eine junge Russin, ein junger Mann, ein Star-Querflötist, eine russische Urgroßmutter und ihre Urgroßenkelin, ein junge Mutter, ein junger Mann und ein geheimnisvoller Junge, ein Junge im Pubertätsalter und eine 40jährige Frau.

In drei Geschichten liegt der Handlungszeitrahmen nicht in der Ge­genwart: einmal werden wir zeitlich zurückversetzt in die 80er Jah­re des letzten Jahrhunderts, ein anderes mal in das Jahr 1941, und im dritten Fall werden historische Rückbezüge auf die Jahre 1815 und 1844 vorgenommen.

Worum ging es inhaltlich? Hier die Themen in einem Satz:

  • versteckter Machtkampf zwischen einem heiratsschwindeldem Bankberater und einer älteren krebskranken Villenbesitzerin (Laris­sa Boehning)
  • 22jähriger stiehlt einen Fotoband im (spätpubertären) Verlangen, einem souveränen Truman Capote ebenbürtig zu sein (Joachim Meyerhoff)
  • Nora zwischen Kinderwunsch, ungewollter Schwangerschaft und im Koma liegender Mutter (Nadine Kegele)
  • Pubertätsgeschichte über den 15jährigen Luis, der sich selbst durchsichtig werden möchte (Verena Güntner)
  • somatisierende junge Frau trennt sich infolge schleichenden Lie­besverlustes von ihrem Freund (Anousch Müller)
  • Tramptour durch Brasilien und deutsch-brasilianische Klischee­vorstellungen (Zé do Rock)
  • russisches Mädchen möchte ihrer hexenzauberkundigen matriar­chalen Restfamilie entfliehen (Cordula Simon)
  • durch zu viel Entscheidungsfreiheit paralysierter Thirtysomething trennt sich von seiner Freundin (Heinz Helle)
  • Deutschlandtournee eines Star-Querflötisten mit Absturzgefahr (Philipp Schönthaler)
  • Judendeportation in Kiew 1941 als Erinnerungsgeschichte einer Urgroßenkelin (Katja Petrowskaja)
  • wie reagiert eine Familie auf die Geburt eines blinden Kindes (Hannah Dübgen)
  • wie kümmert man sich um einen Ersatzsohn im Alltag einer po­stapokalyptischen Welt (Roman Ehrlich)
  • pubertierender Käfersammler zwischen erster Verliebtheit und Loslösung von der Mutter (Benjamin Maack)
  • frustrierte Ehefrau erhält die Nachricht, dass ihr Sohn von einem Kindergartenausflug nicht zurückgekommen ist (Nikola Anne Mehlhorn)

Neun der vierzehn Geschichten wurden aus der Ich-Perspektive (einmal in Überformung zur „Wir“-Form, einmal in Anrede auf ein „Du“) geschrieben, die anderen hatten einen personalen respektive auk­torialen Erzähler.

So. Nach der Hektik der drei Vorlesetage können wir uns nun ent­spannte Nachlesetage mit den zum Download bereitgestellten Tex­ten gönnen. Doch zunächst noch heißt es, Daumendrücken und Ab­warten, wie das hohe Preisgericht zu Klagenfurt am Wörtersee entscheiden wird.

Doris Brockmann

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