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Beitrag vom 28. August 2016 | Rubrik: Literarisches Leben

Literarisches Quartett: Bitte mehr Biller!

Mara Delius hat in den USA und London studiert (Foto: ZDF)

Mara Delius hat in den USA und London studiert (Foto: ZDF)

Ohne Maxim Biller wäre die Wiederauflage des Literarischen Quartetts sicherlich schon abgesetzt. Und ohne Maxim Biller wäre das Literarische Quartett sterbenslangweilig. Ein spannendes Buch braucht gute Bösewichte. Und das Literarische Quartett braucht Biller.

Würden Sie sich spät in der Nacht eine Sendung ansehen, in der Christine Westermann mit Volker Weidermann über Bücher spricht? Höchstens doch, um bei akuten Schlafstörungen endlich wegzudämmern. Biller hingegen polarisiert, Biller ist meinungsstark. Man kann mit oder über Biller lachen, man kann sich über ihn aufregen oder über ihn freuen. Klar, könnte man sagen, dass es in einer Literatursendung über Bücher gehen sollte und nicht um Biller. Aber ohne Biller würden auch die Bücher nicht interessieren. Rückblickend muss man anerkennen, dass Biller die vergangenen Sendungen genutzt hat, um gute Bücher vorzustellen. Er hat den Geheimtipp Bov Bjerg zum Bestseller gemacht und gezeigt, dass das auch nach Heidenreich und Reich-Ranicki noch möglich ist. Biller hat das hervorragende Buch »Priceton 66« in die Sendung gebracht.

Diesmal hat er sogar das grundlos überhypte und noch gar nicht erschienene Buch »Meine geniale Freundin« in der Runde vorgestellt. Und zwar nicht, weil es ihm gefallen hätte, sondern weil er zusammen mir den drei anderen Teilnehmern herausfinden wollte, warum dieses relativ belanglose Buch gerade in den USA so hochgejubelt wird. Es wäre für Biller ein Leichtes gewesen, sich im Vorfeld witzige und markante Sätze zu überlegen, um auf das Buch einzudreschen, aber er hat es eben nicht getan. Wieder ein Punkt für ihn, sein Diskursanliegen schien echt zu sein.

Gast in der Runde war diesmal Mara Delius, Literaturkritikerin der »Welt« und Tochter des Schriftstellers Friedrich Christian Delius. In der Sendung wurde das aber nicht erwähnt, sondern sie wurde als jemand vorgestellt, der in den USA und London studiert hat. Und so sah Mara Delius auch aus. Schick und streng in engen Hosen und High Heels, aber immer etwas streberhaft wirkend. Der Typ Frau, der sich die halblangen Haare von Zeit zu Zeit immer hinter die Ohren streicht. Man freute sich schon förmlich darauf, dass sie Biller bei einer auch nur im Ansatz frauenfeindlichen Bemerkung wuchtig eins überbrät. Passierte aber nicht. Stattdessen sprach sie auch mal über Sprache und Stil der Bücher. Leider etwas zu angespannt, doch nicht unsympathisch. In die Runde gebracht hatte sie jedoch überflüssigerweise den Bestseller »The Girls«, der nun wirklich schon an allen Ecken und Kanten durchgekaut wurde.

Maxim Biller und seine literarische Rückhand (Foto: ZDF)

Maxim Biller und seine literarische Rückhand (Foto: ZDF)

Und wieder bringt Biller die Schwachstellen des Buches auf den Punkt. Er lobt es, findet aber, dass die »WhatsApp-Prosa« der kurzen Sätze im Anfangskapitel und die Rahmenhandlung mit der älteren Frau im Ferienhaus nicht gelungen seien. Wer also das Buch ob dieser beiden Dinge schon nach wenigen Seiten weglegte, mag ihm nochmals eine Chance geben.

Eine sehr schöne steile These stellte übrigens Mara Delius auf. Gute Literatur könne man an den Sexszenen erkennen. Sind diese schwülstig und sprachlich missglückt, könne man auch sonst vom Buch wenig erwarten, sagte Delius sinngemäß und zitierte peinliche und sprachlich missglückte Passagen aus dem Buch »Die Vegetarierin«.

Dieses Buch führt zu einem grundsätzlichen Problem der Sendung: die langatmigen Versuche, den Inhalt von Büchern schlecht wiederzugeben, womöglich noch mit Spoilern garniert. Diskussionsleiter Weidermann ist geradezu ein Spezialist für dieses Sprachgestöpsel. Jeder Autor wird angehalten, den Inhalt seines Buches kurz und prägnant in einem Pitch zusammenzufassen, aber wenn im Literarischen Quartett begonnen wird, den Inhalt von Büchern zu verraten und schlecht nachzuerzählen, wird es öde. Wer sich für Inhaltsangaben interessiert, soll lieber die Literaturtipps in der Brigitte lesen. Dabei waren in dieser Sendung die Moderationskarten vom Postkartenformat auf DIN-A5-Größe angewachsen. Doch selbst auf eine Postkarte hätten zwei drei Sätze zum Inhalt des Buches gepasst, die man in Ruhe hätte vorbereiten können. Anstatt – unterstützt von allen in der Runde – den Inhalt zu rekapitulieren und zusammenzupuzzeln, als habe man das Buch das letzte Mal vor 10 Jahren gelesen.

Biller hielt sich diesmal etwas zurück. Die zwei oder dreimal, die er verbal etwas heftiger einschlug, konterte Weidermann fast schon häschengleich automatisch und unnötig aufgeregt. Legendär schon jetzt die Biller-Geste, mit der flachen Hand knapp auf Augenhöhe eine Unterbrechung von Weidermann parierend mit einem »Ganz kurz, ich kann’s ja begründen.« Es folgt dann meist eine eher schwache Begründung, die nicht weiter interessant ist. Ein Biller trifft besser auf kurze Distanz.

Fällt kaum auf: Frau Westermann in covergleichen Tarnfarben (Foto: ZDF)

Fällt kaum auf: Frau Westermann in covergleichen Tarnfarben (Foto: ZDF)

Die Buchauswahl der Sendung ist hin und wieder Anlass für Anmerkungen und Kritik. Einmal wurde der Kiwi-Überhang angemahnt, diesmal war jedoch weniger die Tatsache bemerkenswert, dass nur Bücher von Autorinnen vorgestellt wurden, sondern dass kein Buch einer deutschsprachigen Schriftstellerin dabei war.

Zudem konnte auch diesmal die Frage nicht abschließend geklärt werden: Was macht eigentlich Frau Westermann in der Runde?

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 26.08.2016 besprochenen Bücher:

  • Elena Ferrante: Meine geniale Freundin: Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und frühe Jugend) (Neapolitanische Saga). Gebundene Ausgabe. 2016. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518425534. EUR 22,00 » Bestellen bei Amazon.de
  • Emma Cline: The Girls: Roman. Gebundene Ausgabe. 2016. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783446252684. EUR 22,00 » Bestellen bei Amazon.de
  • Han Kang: Die Vegetarierin: Roman. Gebundene Ausgabe. 2016. Aufbau Verlag. ISBN/EAN: 9783351036539. EUR 18,95 » Bestellen bei Amazon.de
  • Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe: Roman. Gebundene Ausgabe. 2016. Luchterhand Literaturverlag. ISBN/EAN: 9783630875095. EUR 18,00 » Bestellen bei Amazon.de

12 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Jochen Brachmann schrieb am 28. August 2016 um 12:30 Uhr

    Sie können gern Herrn Biller in den 7. Himmel loben. Sie können ihn glorifizieren wie Sie wollen. Wenn ich weiß, dass er an einer Sendung teilnimmt, bleibt mein Fernseher ausgeschaltet. Wenn ich ihn zufällig in einer Sendung sehe, wird SOFORT umgeschaltet. Wenn ich weiß, er nimmt an einer Veranstaltung teil, bleibe ich fern. Der Mann ist und bleibt für mich für alle Zeiten indiskutabel und unerträglich! Allein über ihn an dieser Stelle zu schreiben vermittelt mir größte Übelkeit. Biller – nein Danke! Und das auf alle Ewigkeit!

  2. Johannes Bär schrieb am 28. August 2016 um 23:13 Uhr

    Ich bin froh, dass Sie sich positiv über Herrn Biller äußern! Wenn ich lese, dass Sie zuerst über die Herkunft, dann über das Aussehen des weiblichen Gastes Mara Delius auslassen und dann noch zu wissen meinen, wie der „Typ Frau“ ist, wird klar, dass Sie nicht in erster Linie an Literatur interessiert sind. Tröstlich, dass Sie zugestehen, dass es vor allem Frau Delius in der Sendung zu verdanken war, dass die Sprache der Romane thematisiert wurde.
    Mich würde wundern, wenn „Auerhaus“ in zehn Jahren noch jemand erinnert. Es ist ein Roman für Männer der geburtenstarken Jahrgänge, die bedauern, nicht mehr jung zu sein, aber kein sprachlich gelungenes Kunstwerk.
    Biller zerstört die Sendung eher, als dass er sie fördert. Er unterbricht jeden (!) immer (!). Kann nicht zuhören und infolge dessen auch keine wertvollen Beiträge leisten. Mindestens dreimal pro Sendung sagt er “Nur ein Satz noch”, hat aber keine Ahnung, was ein Satz ist. *Meinungsstark* hieße für mich, dass er was zu sagen hat und dass seine Meinung interessant ist. Dafür ist sie jedoch a) nicht differenziert genug und b) vertraut er seinen Worten nicht, sondern muss dasselbe immer und immer wieder sagen. Ich vermute eher, dass man ihn bald rauswirft. Wenn ich Bösewichte möchte, gucke ich Tatort.
    Insgesamt – von Daniel Cohn-Bendit abgesehen – haben mich die Gäste immer mehr überzeugt, wobei Frau Westermann fast Format gewinnt, was ich ihr anfangs vollständig abgesprochen habe. Weidermann bleibt leider auch farblos, v.a. damit beschäftigt, Biller zu zivilisieren.

  3. Anke Dörsam schrieb am 29. August 2016 um 08:36 Uhr

    Ist das unbewusst oder undurchdacht?
    Chauvinistischen Moderator hochloben – check (ich beziehe mich hier nicht auf seine Texte, sondern auf sein Verhalten in der Diskussion, Unterbrechen, Frauen auf das Persönliche reduzieren, unter der Gürtellinie angreifen)
    Frauen auf ihr Äußeres und ihre Verwandtschaft zu einem männlichen Verwandten reduzieren – Check
    Überflüssigkeit der einzigen Frau des festen Ensembles feststellen/ihre Beteiligung infrage stellen (anders als bei den andern festen Mitgliedern, die immerhin auch nicht genug beigetragen haben, um erwähnt zu werden) – check

    Ich habe vor sechs, sieben Jahren den Podcast regelmäßig gehört und von Folge zu Folge auf eine Fortsetzung von Fräulein Else gefiebert, mir sogar verkniffen, das Ende einfach selbst einfach selbst zu lesen, weil ich es lieber hören wollte – ich hätte so etwas von Literaturcafé.de überhaupt nicht erwartet, habe es immer geschätzt!

  4. Peter Bramböck schrieb am 29. August 2016 um 16:06 Uhr

    Ihr Lob für Biller freut mich sehr! Die Sendung mit Cohn-Bendit als Gast war für mich der Höhepunkt der bsiherigen neuen Quartett-Folge!Daniel statt Weidermann – das wär’s!!!

  5. Jochen Brachmann schrieb am 29. August 2016 um 18:02 Uhr

    Danke, Herr Bär, Sie sprechen mir aus der Seele. Ich habe Herrn Biller ein paarmal live erlebt, um seinen für mich unzumutbaren Charakter wahrnehmen zu müssen und um für mich zu beschließen, ihn weder im Fernsehen noch bei einer Veranstaltung/Lesung jemals wieder zu erleben. Seine unfreundliche, unhöfliche – nein: seine ekelhaft-angewiderte, menschenverachtende, arrogante, verletzende, herabwürdigende, stillose, eiskalte (bzw. komplett herzenswärmebefreite) Art im Umgang mit egal welchen Leuten – ich war jedesmal fassungslos und konsterniert. Für mich wird’s niemehr Biller geben. In keiner Form.

  6. p. schrieb am 30. August 2016 um 16:16 Uhr

    Ich bin mit allen regulären Teilnehmern sehr unzufrieden. Ich finde Biller nicht scharfsinnig, sondern peinlich. Er nennt Bücher langweilig, lobt aber die langweiligen Aspekte in anderen, er findet Sprache zu schlicht, lobt den lakonisch schlichten Stil in anderen. Ich glaube, er hat tatsächlich eine ernsthafte Meinung, nur findet er die Worte dazu nie. Sein ständiger Versuch, einen Streit auszulösen, wirkt auf mich nur noch anstrengend, nur von Weidermann überboten, der jedes Mal den humorlosen, spießerischen Lehrer spielen möchte, als ob Biller Zähmung bräuchte, obwohl er in seiner Buchbesprechung auch immer undifferenziert und feuilletonistische Sätze äußerst. Er ist richtig ekelhaft, weil er im _lauten_ Kontrast versucht, besser zu erscheinen. Ich finde Frau Westermann hier ebenfalls vollkommen unnötig. Sie hat nie eine Meinung, die sie nicht ängstlich vorträgt, sie mag keine wirklichen Diskussionen, sie widerspricht auf eine Art, die mich tatsächlich einschlafen lässt.

    Das Problem, denke ich, ist, dass alle drei verschiedene Sendungen im Sinn hatten. Weidermann wollte das Quartett als solches wiederbeleben und wollte mit Biller auch ein wenig spitzen Dialog integrieren. Biller wollte Meinungen, die fetzen, Leute, die sich an den Hals gehen, und sich hinter der Bühne aber lieb haben, und gleichzeitig genießt er, der einzige mit einer Meinung zu sein. Westermann scheint mir eine brave Buchsendung haben zu wollen. Ich finde das alles schlicht mies.

  7. Alexa Neumeister schrieb am 2. September 2016 um 10:39 Uhr

    Ich kann das Lob für Herrn Biller nicht nachvollziehen. Seine arrogante Art, alles nieder zu machen, die anderen Teilnehmer zu unterbrechen, bewusst zu spoilern etc .., dazu die anderen regulären langweiligen Teilnehmer, die vor ihm kuschen. Die einzige Sendung, die mir bisher gefallen hat, war die mit Thea Dorn als Gast, sie hat das Niveau angehoben ohne die Spielchen von Herrn Biller mitzumachen. Meine Empfehlung: Das Lesenwert Quartett auf SWR 3 anschauen, hier wird spannende Unterhaltung auf hohem Niveau geboten! Warum wird im Literaturcafé darüber nicht berichtet?

  8. Alexander Cien schrieb am 2. September 2016 um 11:28 Uhr

    Schließe mich den anderen Kommentaren an. Der Mann beherrscht nicht einmal die einfachsten Umgangsformen und Verhaltensregeln einer ansehenswerten Diskussionsrrunde. Ich habe ja den Verdacht, dass er den Kotzbrocken nicht nur mimt, sondern in seiner geistigen Dissoziation wirklich so ist, wie er sich gibt. Bitte nehmt ihn aus der Sendung, dann mag ich auch wieder diese Sendung sehen.

  9. Sabina Haas schrieb am 2. September 2016 um 13:10 Uhr

    Warum ist es wichtig, ob sich Frau Delius die “halblangen Haare von Zeit zu Zeit immer hinter die Ohren streicht” und dass sie enge Hosen und High Heels trägt? Weil sie eine Frau ist? Würde man sich bei Biller über seine Kleider äussern? Oder seine Frisur?
    Und zu Biller allgemein: Für mich ist er eher ein Abtörner, ich könnte sofort auf ihn verzichten. Schauen tue ich die Sendung nicht wegen Biller, sondern trotz Biller. Ohne Frau Westermann hingegen würde mir in der Sendung etwas sehr Sympathisches fehlen.

  10. Kai Lücke schrieb am 5. September 2016 um 22:33 Uhr

    Mir geht es wie Sabina Haas. Das “lesenswert-Quartett” ist die einzige Literatur-Rezensionsrunde (oder wie man derartige Sendungen nun nennen will) von Rang im deutschprachigen Fernsehen. Einerseits nicht so bieder wie der “Literaturclub”, andererseits nicht von gegenseitigen Animositäten und “starken Meinungen” geprägt wie im “Literarischen Quartett”.
    Der entscheidende Unterschied zur ZDF-Sendung: Den Diskutanten geht es wirklich um die Bücher, um die Literatur!
    Schade nur, dass die Sendung so selten kommt.

  11. Kai Lücke schrieb am 5. September 2016 um 22:37 Uhr

    Oh, Entschuldigung.
    Ich bezog mich nicht auf Frau Haas, sondern auf Alexa Neumeister.

  12. Jörg Gebhardt schrieb am 14. Oktober 2016 um 23:43 Uhr

    Danke. Ich habe lange nach Worten gesucht und sie just in diesem Kommentar gefunden.

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