Ein Erschrecken vor so viel Brennen: Lest Kafka! Lest Reiner Stach!

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Kafka von Reiner Stach

Ein eisiger Raum der Stille. Eine Halle, unermesslich in ihren Ausmaßen. An den Wänden blauschimmerndes Eis. Ein blaues Leuchten von nirgendwoher. Kälte, Frost. Inmitten ein Mensch. Ist es Kafka?

Lieber ist mir das Bild des Feuers.

Ich will es mit einem brennenden Haus vergleichen, das Leben und Schreiben Franz Kafkas. Ein Haus das lodert, flammt, von unten nach oben in heißem Orange und Rot knistert. Ein brennendes Haus, von dem jeder Betrachter ahnt, nein weiß, dass dieses Feuer begonnen hat zu lodern um in einem einzigen Aufflammen, in einem riesigen Feuerball die Welt zu erleuchten. Weithin. Und doch zusammenzustürzen in sich und zu verlöschen.

Es bleibt ein Erschrecken vor so viel Brennen, vor so viel Glut, beginnen wir die ersten Sätze zu lesen. Was sage ich Sätze! Es ist ein Satz, der uns mit Kafka verbindet, der uns über die Zeit begleitet, uns erstarren ließ und lässt. Wer kennt ihn nicht, den Satz, der uns tiefe Beklommenheit verursacht. Den Satz, der uns unwillkürlich auf unsere Beine blicken lässt. Den Satz der uns hineinzieht in ein Geschehen, das wir staunend und mit leichtem Abscheu verfolgen: Als Gregor Samsa an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.

Welch ein Erschrecken ob eines solchen Satzes! Doch Kafka gräbt sich mit noch anderen Begebenheiten in unsere Sinne. Wie von allem verlassen erfahren wir die Vergeblichkeit unseres Tuns in dieser Welt, wenn wir mit dem Landvermesser K. ans Tor pochen und Einlass begehren.

Die Einsamkeit des Menschen, selbst in Zeiten unbegrenzter Kommunikation, liegt plötzlich vor uns wie ein unbekanntes Meer. Und wir, inmitten, auf einer winzigen Insel, sind von Verzweiflung umgeben. Denn selbst die kleinste Hoffnung die wir noch retten wollen wird zerstört, wenn wir in einem Brief Kafkas an seine Verlobte Milena lesen: Die Blume habe ich nicht bekommen, die schien dir im letzten Augenblick doch zu schade für mich. Welch ein Schrecken!

Ja, Kafka! Seine Sätze bleiben tief, dunkel, schemenhaft, wie er selbst. Alles breitet er vor uns aus, das ganze Dasein in Verlorenheit, Hoffnung, Sehnsüchten und Vergeblichkeit.

Kafka von Reiner Stach

Doch Kafka muss man lesen, darüber wollte ich hier eigentlich keine Worte verlieren. Schreiben wollte ich nur ein paar Sätze zu Reiner Stach, zu seiner Biografie über Franz Kafka.

Sie trauen sich aber was! hatte angesichts einer etwas gewagten Situation eine Postbotin zu mir gesagt. Was liegt nicht alles in einem solchen Satz! Verwunderung, Respekt, Unglauben, Kopfschütteln.

Ich traue mich was, heißt nicht, ich traue mir zu, angemessen zu sprechen über diese drei heftigen Bände, in denen uns Reiner Stach Franz Kafkas Leben und Werk nahe bringt. Dies ist nicht möglich.

Ich schreibe in aller Bescheidenheit um diese oder jenen auf die Bücher aufmerksam zu machen. Der Literaturwissenschaftler Reiner Stach stellt uns damit Franz Kafka vor. Man kann sagen, er stellt ihn vor uns. Er betrachtet ihn und wir betrachten ihn mit ihm. Alle Seiten seines Daseins. Er umrundet ihn, geht am Ende gar durch ihn hindurch. Er blättert Schicht um Schicht von ihm. Nimmt, was er findet, und dreht und wendet es, seziert es unter einem Mikroskop der Leidenschaft.

Die innere Tiefe wollte Kafka ausloten bei seinem Schreiben. Lange hat er gezögert, die Fundstücke der literarischen Öffentlichkeit seiner Zeit zu zeigen.

Reiner Stach nun gräbt sich mit unglaublichem Wissen, mit Ahnungen und Empfindungen hinein in die literarischen Ergebnisse eines kurzen Lebens. Stach seziert Kafka und breitet ihn gleichzeitig auf für uns, die wir an einem Genie verzweifeln möchten.

Was entsteht ist eine große Zuneigung, eine Sucht nach mehr, ein Wissenwollen nach dem Damals, nach jener Zeit, die einem Franz Kafka Abgrund und tragendes Gerüst für so viel Zweifel und Schrecken wurde. Und dies bietet uns Reiner Stach mit einer Fülle geradezu lyrisch verarbeiteter Fakten. Er schreibt für uns einen Roman über seinen Protagonisten. Ein ästhetisches Gebilde in drei Bänden.

Fast möchte ich sagen, wer diese drei Bände gelesen hat, nein genossen hat, hat Kafka verstanden. Stimmiger ist, wer sie gelesen hat, ist Kafka nahe, sehr nahe, seinem Schreiben und seinem Versuch zu leben.

Adi Hübel

2 KOMMENTARE

  1. Hallo Nadine, es würde mich wahnsinnig freuen, wenn du meine Begeisterung an diesen Büchern teilen würdest. Ich bin erst beim zweiten angelangt. Kafkas Sätze wollen bedacht sein und so geht meine Lektüre langsam voran. Aber mit ganz großem Erstaunen und mit außergewöhnlichen Glücksgefühlen.
    Schreib mir doch, ob du dich schon hineinbegeben hast in Stachs Welt
    adi

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