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Beitrag vom 15. April 2010 | Rubrik: Literarisches Leben

Du kannst eine Lesung nicht attraktiver machen, wenn’s der Autor nicht drauf hat

Das Ende der Wasserglaslesungen?Manchmal muss man sich wundern, welche Diskussionen losgetreten werden. Die kommen oft hochtrabend theoretisch und akademisch daher, doch bei näherer Betrachtung erscheinen sie wie ein Aprilscherz.

»Hat die Wasserglaslesung ausgedient?«, lautet solch eine aktuelle Debatte. Den Begriff prägte Prof. Stefan Porombka in einem Interview, das mit der literarischen Benachteiligung des östlichen Teils der Republik begann und mit der Forderungen nach neuen Formen der Literaturvermittlung endete.

Die »Wasserglaslesung«, das ist offenbar jene Form der Lesung, der Loriot in »Pappa ante portas« ein satirisches Denkmal setzte. Lesungen, bei denen das Publikum weitestgehend aus Frauen über 50 besteht.

Ja, möchte man da impulsiv rufen, recht hat er, der Porombka! Literatur muss spannender präsentiert werden! Literatur muss Spaß machen! Und zu Lesungen müssen wieder mehr junge Menschen kommen!

Warum schicken Verlage einen stammelnden Autor auf Lesetour?

Doch dann hält man kurz inne und erinnert sich an die Lesungen von Max Goldt: der Mann füllt Säle, der Mann lockt auch junges Publikum an und er sitzt da doch nur allein an einem Tisch auf der Bühne, eine typische Wasserglaslesung. Oder man denke an die Marathon-Lesungen von Harry Rowohlt. Rowohlt ist stolz darauf »die alten Klaften, die immer in Dichterlesungen gehen«, schon vor Jahren vergrault zu haben. Und auch er füllt Säle, wobei seine Lesungen zugegebenermaßen weniger Wasser- als mehr Whiskeyglaslesungen sind.

Doch plötzlich wird einem der Unsinn der Debatte bewusst: Du kannst eine Lesung nicht attraktiver machen, wenn’s der Autor nicht drauf hat!

Ohnehin muss man sich fragen, warum manche Verlage einen stammelnden Autor auf Lesetour schicken, der seine Texte minutenlang dröge und schnarchlangweilig einleitet, um dann auch noch aus den eigenen Texten vorzulesen wie ein Erstklässler aus der Lesefibel.

Da täte der Verlag doch besser daran, statt des Autors lieber Christian Brückner auf Lesetour zu schicken.

Fast schon automatisch genießen einen solchen Vorteil namhafte Autorinnen und Autoren aus dem Ausland. Statt James Salter liest dann eben wirklich Christian Brückner die deutschen Textpassagen oder Boris Aljinovic kommt als deutsche Romanstimme für Siri Hustvedt mit.

Es ist Aufgabe eines Autors, ein Buch zu schreiben – er muss es nicht vorlesen können

Es ist Aufgabe eines Autors, ein gutes Buch zu schreiben. Er muss es ja nicht unbedingt gut vorlesen können. Dafür gibt es Profis, denen man gerne zuhört.

Wenn Porombka fordert, man könne » z.B. Texte gegeneinanderstellen oder auch ihre Entstehung veranschaulichen«, so scheitert auch das. Man möchte doch nicht gleich zwei schlecht lesenden Autoren zuhören und genauso wenig möchten viele Autoren nichts zur Entstehung ihre Werke sagen, sondern das Buch für sich sprechen lassen.

Denn natürlich interessiert das die meisten Leserinnen und Leser: Wie ist der Text entstanden? Was ist denn der Autor eigentlich privat für einer? Ist er auch so ein Trottel, wie die Hauptperson seines Romans?

Exhibitionistisch veranlagtere Autoren haben den Trend bereits längst erkannt und greifen auch zur Multimedia-Maschinerie. Man denke nur an Stuckrad-Barre, als der früher noch Popautor war. Auch da saßen die jungen Mädels in der ersten Reihe, während Stuckrad-Barre von seinen Promi-Begegnungen berichtete, Musik einspielte und Dias zeigte.

Ein bisschen erinnern heute noch die Lesungen von Thriller-Autor Sebastian Fitzek daran. Auch der baut Beamer, Leinwand und Lautsprecher auf und berichtet unterhaltsam und humorvoll aus seinem Leben als Autor, weil das, so Fitzek, die Leser interessiere. Und auch bei Fitzek ist die Bude voll, obwohl er wenig aus seinen Werken liest. Und wenn er liest, dann gut, schließlich ist er auch ein Radio-Mann, der weiß, wie man gut vorliest.

Und es ist gerade dieser bewusst leicht unprofessionell wirkende Einsatz von Bildprojektionen und Musikeinspielungen, der dem ganzen Charme verleiht. Das hatte Stuckrad-Barre damals und das hat Sebastian Fitzek heute drauf.

Will man es technisch besser und perfekter machen, dann scheitert es meist wieder am Autor, der hier nicht mithalten kann. So ging Frank Schätzing mit seinem Roman LIMIT auf multimediale Lesetour, doch irgendwie erreichte er nur 80% der Perfektionsquote, was ein ungutes Gefühl zurücklässt. Der Mann ist eben doch kein Schauspieler.

Andere Formen der Lesungen, in denen Porombkas Forderungen erfüllt sind, gibt es ebenfalls schon. Texte gegenüberstellen? Klar, das wird knallhart bei den ebenfalls gut besuchten Poetry-Slams gemacht. Hier gewinnt meist, wer witzig und laut ist und die meisten sexuellen Anspielungen in die Texte einbaut.

Filigranere und ruhigere Texte kann man da bei den Lesebühnen hören, die ebenfalls gut besucht sind – wenn die Lesenden gut sind.

Und da haben wir es wieder: Es gibt keine »Wasserglaslesung« und es gibt keine andere wie auch immer geartete »bessere« Form der Literaturvermittlung.

Es gibt nur den gut lesenden, präsenten oder charismatischen Autor, der das Publikum fesselt und in Besitz nimmt und es gibt den drögen Nuschler, dem auch keine andere Form der Präsentation mehr hilft. Es sei denn, er lässt lesen.

Wolfgang Tischer

6 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. PvC schrieb am 15. April 2010 um 10:48 Uhr

    Anspruchsvolles Publikum sollte man nicht am Alter festmachen. In einer Zeit, in der sich die Veranstaltungen sogar auf dem platten Land nur so jagen, erwarten auch “Ältere” das Besondere. Und man kann sich glücklich schätzen, wenn man Alt UND Jung vor’s Podium bekommt (gelingt mir z.B. mit kulinarischen Lesungen); schließlich treten lesende Autoren in Konkurrenz mit zig anderen Kulturveranstaltungen und dem nächsten Fußballspiel sowieso.

    Dass ein Autor nicht lesen können muss, kann man so sehen. Aber ein Autor, der sich öffentlich präsentiert, sollte sich nicht zu schade sein, an “Berufsfortbildung” zu denken. Eine Lesung soll nicht nur nehmen (Bücher verkaufen), sondern auch geben. Den meisten Leisen und den Nuschlern würde schon ein einfacher Kurs in Atemtechnik oder Artikulation helfen. Fast jedes Stadttheater bietet heutzutage billige Laienkurse, wo man lernen kann, wie man spricht und sich bewegt.

    Warum sind uns die Amerikaner über (nicht nur die)? Nun – ich lebe z.B. in Frankreich und da gehört es zum Selbstverständnis eines lesenden Autors dazu, sich auch bei Auftritten so viel Professionalität wie möglich zu erarbeiten. Und es gibt die Strukturen, das zu lernen.

    Natürlich bleiben viele Autoren lieber im einsamen Kämmerlein. Aber vergessen wir nicht, dass Lesungen eine wichtige Einkommensquelle sind, vom Schreiben allein wird man nämlich nicht satt! Und deren Honorar steigt in der Tat mit dem Können.

  2. Andreas Schneider schrieb am 15. April 2010 um 14:15 Uhr

    Der Grund, wrum sich Autoren, die eigentlich gar nicht (vor-)lesen wollen, sondern einfach nur schreiben möchten, dies trotzdem antun müssen, liegt doch eindeutig im heutigen Werbeverhalten. Wer springt noch auf einfache Flyer an? Wieso müssen Lesungen videotechnisch und musikalisch untermalt werden? – Die Bevölkerung (nicht nur der potentielle Leser) ist “hypermultimedialisiert” – es geht nichts mehr ohne bunte, möglichst noch bewegte, Bilder.
    Wo ist die alte Zeit geblieben, in der wir nicht einmal wüssten, wer sich hinter welchem Pseudonym versteckt? – In der wir nicht wussten, wo und wie unser Lieblingsschriftsteller lebt?
    In ihrem Satz: “Es ist Aufgabe eines Autors, ein Buch zu schreiben – er muss es nicht vorlesen können.” steckt für mich die eigentliche Wahrheit, doch so wird kein Buch mehr verkauft …

  3. Immanuel schrieb am 16. April 2010 um 11:02 Uhr

    Der Text hat schon viel wahres. Natürlich ist es langweilig einem Autor zuzuhören, der nicht gut lesen kann, aber das sind meiner Meinung nach nicht die Gründe warum Lesungen leer bleiben. Denn ist es nicht so, das groß angekündigte und von dem jeweiligen Verlag beworbene Bücher auf ihren Lesungen gut gefüllt sind, während jene, welche in der Masse eher untergehen leer bleiben? Und da hat es oft wenig mit der Qualität des Buches, noch mit der Lesefähigkeit des Autors zu tun, sondern einfach mit der Vermarktungsmöglichkeit der Bücher.

    Abgesehen davon finde ich es kritisch zu sagen, ein Autor müsse einen Text nicht lesen können. Natürlich gehen so Sachen, wie Leserythmus, melodie, etc. immer mehr unter, denn ehrlich kann kaum noch jemand wirklich einen Text flüssig lesen. Ein Autor soltle es aber können um eben solche Sachen zu kontrollieren. Vielleicht würde das wieder dazu führen, dass mehr Menschen ordentlich lesen, wenn mehr bekannte Bücher ordentlich zu lesen wären.

  4. Jo schrieb am 17. April 2010 um 10:18 Uhr

    Der Rückgang der Autorenlesungen – nicht nur in den USA – und die Versuche, eingerostete Vor-Lesekulturen hierzulande aufzubrechen, schärfen den Blick auf das Schmelzen des Umlandes um den Elfenbeinturm. “Distributionskulturen” wandeln sich mit dem Aufkommen reiner Konsumcomputer wie dem iPad, die engere Verteilungskanäle schaffen. Unterschätzt wird momentan in dieser Diskussion noch sehr, dass Eigenschaften, die zu Rezeption wie Produktion unerlässlich sind – ich spreche hier von einer Schulung der Einbildungskraft und der dazugehörigen geistigen Umsetzungsfähigkeit textbasierter Inhalte – stark rückläufig zu sein scheinen. Gelingende Literaturvermittlung muss sich daher auf ihre Wurzeln besinnen und identifikatorische Anknüpfungspunkte bereitstellen – wobei es keine Rolle spielt, ob dies zu den Autoren oder den Romaninhalten geschieht. Gerade Goldt und Rowohlt sind Beispiele, wie dies gelingen kann, während eine Anbiederung an technologiebasierte Rezeptionsgewohnheiten, wie dies Schätzing versuchte, eher wenig erfolgsversprechend sind. Andererseits erreiche ich mit meinem Lyrikblog täglich um die zwanzig Leser, an Spitzentagen auch mal weit über hundert, mit meinen verlagsfreien Printprodukten nicht einen. Ich denke, in Zukunft werden weniger die bisherigen Königswege zur Öffentlichkeit das Zentrum der Aufmerksamkeit durchschneiden, sondern jeweils individuelle, autor- und textspezifische Vorgehensweisen.

  5. Johanna Sibera schrieb am 1. Mai 2010 um 13:58 Uhr

    Hallo, an alle Frauen über 50: Bleibt mal schön gemütlich daheim bei den nächsten, sagen wir einmal, drei bis fünf Lesungen, deren Besuch Ihr eigentlich eingeplant habt – dann schauen wir einmal, wer da noch im Publikum sitzt! Der Großteil der lesenden Menschheit besteht nun einmal aus Frauen; ja, und die sind dann plötzlich, hast du’s nicht gesehen, über fünfzig. Ob ein Autor gut lesen kann oder nicht, ist doch nicht gar so wichtig, Hauptsache bleibt immer noch der Inhalt!

  6. Nina schrieb am 18. Juli 2010 um 19:43 Uhr

    Was im Artikel geschrieben wurde, sollte auch wirklich mal gesagt werden. Ich habe schon viele Lesungen von Autoren erlebt, auch von Hobbyautoren, aber dass einer nicht vorlesen konnte, ist mir noch nie untergekommen. Wie oft bitte passiert so was, dass ein Autor tatsächlich stammelnd vorliest? Wenn, dann war einer mal zu leise, da sollte aber das Publikum auch reagieren und mal wer “Bitte lauter!” rausrufen, dann kann der Vorlesende sofort korrigieren, statt das dann nachher in ein Diskussionsforum im Internet zu schreiben.

    Ich persönlich möchte bei einer Autorenlesung auch den Autor selbst hören – will ich es einfach nur gut vorgelesen bekommen, tut es auch das Hörbuch auf CD. Dafür bin ich damit dann auch zeitlich flexibel.

    Allerdings kommt es mir auch immer öfter vor, dass “das Besondere” gefordert wird. Das ist aber meiner Ansicht nach kaum zu machen, zumal der Autor normalerweise mit der Programmgestaltung doch alleine gelassen wird. Woher soll der Autor nun Bilder für eine nebenbei laufende Diaüberblendung holen? Wie soll er sich auf die Schnelle ein supertolles, zum Inhalt passendes Kostüm besorgen, oder die richtige Musik? – All das ist auch sowohl Zeit- als auch Kostenfrage.
    Klar, wenn ein Popstar eine Halle mit Gästen füllt und die Tickets zu seinem Konzert dementsprechend kosten, kann er auch ein paar Pyrotechniker beschäftigen. Die derjenige aber auch nicht persönlich casten muss. (Dagegen der normale Musiker muss sich auch damit begnügen, einfach nur zu singen und zu spielen.) Bei Lesungen ist man einerseits so, dass es am besten nichts kosten soll, andererseits wissen die Leute gar nicht, was sie am liebsten aufgefahren haben wollen. Und selbst hier ist es so, dass es an konkreten Ideen mangelt, wie ein Text noch gut rüberkommt und was “nebenbei” konkret gemacht werden soll. “Was Besonderes halt” heißt es dann meist.
    Gut, “was Besonderes” möchten wir alle. Nur wenn man nicht mal selbst weiß, was man konkret will …

    Allerdings gibt es meiner Ansicht nach nicht darum oft wenig Besucher bei Lesungen, weil die Leute mal vom Vortragendem, dem Programm etc. enttäuscht wurden. Die meisten waren noch bei keiner Lesung (bzw. liegen ihre Erfahrungen damit bis in die frühe Schulzeit zurück) und können sich gar nicht so recht vorstellen, wie das nun abläuft. So mancher ist auch wirklich erstaunt, wenn z.B. nicht nur klassische und Kinderliteratur geboten wird oder wenn das Ganze auch mal lockerer abläuft.

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