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Beitrag vom 27. Juni 2006 | Rubrik: Notizen

Bildungspolitischer Unfall literaturportal.de

BildÜber das neue, vom Marbacher Literaturarchiv betriebene Angebot literaturportal.de hatten wir in einer früheren Notiz bereits vor der offiziellen Eröffnung ein vernichtendes Urteil gefällt.

Jetzt, nachdem das Portal offiziell auf einer Pressekonferenz des Kulturstaatsministers vorgestellt wurde, offenbart sich das ganze Desaster des Projekts.

Joachim Leser vom Blütenleser hat das Portal bereits sehr deutlich als das bezeichnet, was es am Ende geworden ist: digitaler Mist unter Schirmherrschaft der Bundesregierung.

Natürlich wird eine solche Kritik, wenn sie vom Betreiber eines anderen Literaturportals kommt, gerne mit Hinweisen wie “purer Neid” abgetan.

Wie wohltuend ist es daher, dass auch Wieland Freund in der Welt das Portal als “bildungspolitischen Unfall” bezeichnet.

Nun muss man zunächst auch wissen, dass dieses Portal eine Förderung von 150.000 Euro durch die Bundesregierung erhalten hat, sodass davon auszugehen ist, dass die Gesamtkosten des Projektes noch weitaus höher sind.

Wie wir schon in unserer Notiz festgestellt haben, wurde dafür ein Angebot geschaffen, dessen Inhalte bereits an anderer Stelle im Netz existieren und zumeist in qualitativ besserer Form anzutreffen sind.

Leser wie Freund kritisieren daher hauptsächlich die inhaltliche Qualität des Literaturportals. Freund bemängelt, dass es ohne Redaktion ohnehin keine Qualität geben kann und weist darauf hin, dass man sich für die Autorenporträts ohnehin im größeren Umfang bei der Wikipedia bedient hat. Ein Umstand der nebenbei bemerkt ohne Quellenangabe auch nicht rechtmäßig ist.

Allerdings ist es müßig, auf die vielen Fehler und Unzulänglichkeiten des Portals hinzuweisen*. In der Regel dienen öffentliche Projekte wie das Marbacher Literaturportal ohnehin meist nicht dazu, inhaltlich zu überzeugen. Die entsprechenden Fördergelder werden üblicherweise in Personalstellen umgesetzt, die für andere Dinge zum Einsatz kommen.

Das Resultat literaturportal.de ist somit exemplarisch, denn am Schluss – wenn der Geldgeber nachfragt, was denn nun aus dem Geld geworden ist – kopiert oder kauft man sich noch schnell bereits bestehende Inhalte zusammen. Am Ende steht dann eine erfolgreiche Pressemeldung des Geldgebers, wie auch hier geschehen.

Daher geht es nicht darum, dass das Geld bei anderen Portalen besser aufgehoben wäre und man mit dieser Summe beispielsweise das literaturcafe.de über Jahre hätte betreiben können, sondern dass all die Dinge, die qualitativ schlecht im literaturportal.de zusammengeschustert wurden, bereits in weitaus besserer Qualität und ohne staatliche Förderung existieren. Daher wird mit einem solchen Portal keine Literaturförderung betrieben, sondern es besteht vielmehr die Gefahr, dass ehrenamtliche und privatwirtschaftliche Initiativen zerstört werden.

Zum Glück wird sich Qualität durchsetzen und wenn das Literatuportal auf dem jetzigen Niveau bleibt, so wird es bereits in wenigen Monaten eine der vielen ungepflegten Ruinen im Internet sein. In diesem Fall wäre das zu hoffen, denn weiteres Geld zu investieren, würde die Dinge nur verschlimmern.

So bleibt uns nur, das zu wiederholen, was wir bereits in unserer ersten Notiz zum Thema vermerkt hatten: Was hätte man mit diesem Geld nicht alles Sinnvolles machen können! Wie hätte man nicht bereits bestehende Initiativen stärken können! Nicht nur im Internet, sondern auch außerhalb. Denken wir nur an die vielen Bibliotheken, die landauf landab geschlossen werden. Dass notwendige und wichtige staatliche Fördergelder für Literatur in solchen Projekten versenkt werden, ist mehr als traurig.

Wolfgang Tischer, literaturcafe.de

* Nachtrag: Auch hier ist die Antwort aus Marbach exemplarisch für die Reaktion öffentlicher Betreiber auf Kritik. In der Regel bedankt man sich bei den Kritikern für die Hinweise inhaltlicher Art und verspricht, diese Fehler schnell zu korrigieren. So findet sich nun im Bereich mit den Autoreninfos der folgende Text: Wir danken all unseren Lesern und Benutzern für ihre Kritik und Zustimmung nach dem Start des Literaturportals. Kritische Hinweise betrafen vor allem die Autorenbiografien. Wir nehmen Ihre Vorschläge und Anregungen gern in die Redaktion unserer Artikel auf und bitten unsere Leser, uns auch weiterhin mit wacher und kritischer Aufmerksamkeit zu begleiten. Im Sinne eines verbesserten Service haben wir damit begonnen, die Autorenportraits mit dem elektronischen Katalog des Deutschen Literaturarchivs Marbach (Kallìas) zu verknüpfen, so dass Sie von den Biografien auch Zugang zu unserem Archiv und zu unserer Bibliothek finden.

Anders gelesen bedeutet dies, dass das Literaturarchiv nicht in der Lage war, von Anfang an fehlerfreie Infos bereitzustellen. Wahrlich kein Ruhmesblatt, wenn das Literaturarchiv nun die Besucher der Website um “Vorschläge und Anregungen” bitten muss.

Dass das hausinterne Archiv von Anfang an nicht mit dem Literaturportal verbunden war, zeigt zudem, dass hier Synergien nicht genutzt wurden und Konzeption und Projektbeirat versagt haben. Mit den Projektmitteln wurde also laut Aussage aus Marbach zusätzlich nochmals ein schlechterer Datenbestand aufgebaut bzw. aus Quellen wie Wikipedia zusammenkopiert.

Nachtrag II: Mittlerweile ging zum Thema literaturportal.de ein offener Brief des literaturcafe.de an Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Wir halten Sie über die Antwort auf dem Laufenden.

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