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Beitrag vom 9. März 2015 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Arno Geiger: Leichtes Buch mit schwerem Flusspferd

Arno Geiger: Selbstportrait mit Flusspferd

Was kommt nach einem Bestseller? »Der alte König in seinem Exil« war Arno Geigers bislang größter Bucherfolg. Jetzt – vier Jahre später – erscheint sein neuer Roman »Selbstporträt mit Flusspferd«. Wer nur das Vorgängerbuch gelesen hat, wird davon enttäuscht sein.

Doch das liegt nicht am Autor.

Julian Birk ist Tierarzt. Er ist knapp über 30. Zufällig begegnet er nach fast 10 Jahren seiner ersten großen Liebe Judith wieder, die einen verletzten Uhu in die Praxis bringt. Doch der Vogel ist nicht mehr zu retten.

Die Tiersymbolik in Arno Geigers Roman »Selbstporträt mit Flusspferd« kommt eindeutig daher: Ein Zwergflusspferd sitzt einen Sommer lang träge im Garten eines Professors fest, bevor es den Schlamm des Gartenteiches hinter sich lassen kann . Genauso ergeht es Julian.

Denn nach der Einleitung von »Selbstporträt mit Flusspferd« erfolgt eine Rückblende, knapp 10 Jahre zurück ins Jahr 2004. Julian erinnert sich an die Zeit nach der Trennung von Judith. Damals war er noch Student und 22 Jahre alt. Im Hier und Jetzt sind nur die ersten drei Seiten von »Selbstporträt mit Flusspferd« angesiedelt. Dass Geiger die Klammer nicht mehr in die Gegenwart schließt, erstaunt. Nur in kleinen Andeutungen werden wir erfahren, was in den 10 Jahren dazwischen passiert sein könnte. Arno Geiger zeigt die Welt des Protagonisten und sein Denken in diesen wenigen Wochen des Jahres 2004. Julian ist 22, und »Selbstporträt mit Flusspferd« hat 22 Kapitel. Geiger achtet auf Details. Und er beschreibt sie.

Wer als Leserin oder Leser nur Arno Geigers Buch »Der alte König in seinem Exil« kennt, der wird enttäuscht sein. »Der alte König …« war ein Ausnahmebuch. Es stand auf der Belletristik-Bestsellerliste, obwohl Geiger darin über die Demenzerkrankung seines Vaters schrieb. Auch das als präziser Beobachter, nie kitschig oder sentimental, oft humorvoll und berührend. Für viele lag in diesem Buch mehr Trost und Erkenntnis als in einem Gesundheitsratgeber. Geiger wurde zu einer Art Alzheimer-Fachmann und von unzähligen Institutionen eingeladen, um über die Krankheit und seinen Vater zu sprechen. Doch er ist ein Schriftsteller, und im Grunde genommen machte er das, was ein guter Schriftsteller tun sollte: Wenn er etwas beschreibt, lässt er uns das in einem anderen Licht erleben, lässt uns Dinge sehen, die wir selbst nicht zu erkennen vermochten. »Das Buch ist das Stärkste. Ich bleibe, auch wenn ich rede, immer unter dem Buch«, sagte Geiger damals im Interview mit dem literaturcafe.de.

Arno Geiger beschreibt sachlich, akribisch, aber niemals mit Distanz. Das verbindet seine Bücher. Wer nur die Themenschwere von »Der alte König …« kennt, wird sie im »Selbstporträt mit Flusspferd« nicht wiederfinden. Hier ist der Ich-Erzähler nicht der Autor, sondern ein 22-Jähriger mit Liebeskummer, der glaubt, sein Leben sein erst mal gelaufen und er habe das Beste wohl schon hinter sich.

Was das »Selbstporträt mit Flusspferd« nicht gebraucht hätte, sind einige Betrachtungen und »Analysen« des Protagonisten, die sich allzu sehr bei gewissen Lesern anbiedern. Sie passen nicht zu einem 22-Jährigen, vielleicht stammen sie vom 32-jähringen Erzähler, vielleicht sogar vom Autor. Für Sekundenbruchteile sitzt man wie an einem Stammtisch, und man hätte diese Passagen im Lektorat streichen sollen. Zum Glück sind es nicht viele.

Das Spektakuläre im Unspektakulären

So sehr Julians Leben im Sommer 2004 eine Art Stillstand oder Zeitlupenbetrachtung erfährt, so sehr lüftet der Autor die Glasglocke und lässt die Welt da draußen in Julians Leben hereinbrechen. Die Fernsehbilder einer Geiselnahme in einer Schule im Kaukasus und die blutige Erstürmung mit Hunderten von Toten und Verletzten verstören Julian. Der Terror ist auch in Geigers Roman präsent, und eine seiner Romanfiguren liefert eine bemerkenswerte Analyse zum Weltbild der Terroristen. Das siebzehnte Kapitel schließlich öffnet in diesem Roman kurzzeitig nochmals eine ganz andere Dimension, auch das gekonnt – und in diesem Fall den Leser verstörend.

Arno Geiger selbst ist Jahrgang 1968 und arbeitet sich in die Gedankenwelt eines nicht halb so alten Menschen ein. Dass Julian ein Flusspferd betreut, ist das Exotischste an diesem Plot. Ansonsten ist dieser Student ein reichlich normaler Mensch. Er sucht nach einem Platz ist dieser Welt – ein abgegriffener Satz, der es dennoch auf den Klappentext geschafft hat. Als Leser erlebt man nichts Spektakuläres. Und dennoch ist es in gewisser Weise genauso berührend, wie Arno Geiger den Moment der Orientierungslosigkeit beschreibt: Julians Zweifel an sich und der Welt, ohne jedoch zu verzweifeln. Das Spektakuläre des Romans liegt im Unspektakulären.

Wolfgang Tischer

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3 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Rouven schrieb am 9. März 2015 um 17:12 Uhr

    Ich hab mich den ganzen Artikel gefragt wieso Hr. Tischer das Buch gelesen hat.

  2. Uli schrieb am 10. März 2015 um 11:24 Uhr

    Immerhin: Er hat es gelesen!

  3. Eva Jancak schrieb am 10. März 2015 um 11:32 Uhr

    Haben Sie “Es geht uns gut” und “Alles über Sally” gelesen?

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