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Beitrag vom 28. Februar 2014 | Rubrik: Literarisches Leben

29 Autoren-Tipps für eine erfolgreiche Lesung

WasserglasLesungen sind für einen Autor überaus wichtig – nicht nur finanziell, denn viele Autorinnen und Autoren verdienen mit ihren Auftritten mehr als mit dem Verkauf ihrer Bücher.

Lesungen sind vor allen Dingen eine Möglichkeit, mit seinen Leserinnen und Lesern persönlich in Kontakt zu kommen. Diese Chance sollte man als Autorin oder Autor optimal nutzen!

Der Autor Ruben Wickenhäuser hat an den unterschiedlichsten Orten gelesen und gibt Anfängern und Profis Tipps, wie die Lesung erfolgreich wird.

Vor der Lesung

  • Packen Sie frischen Ingwer ein. Klingt seltsam? Ein fingernagelgroßes Stückchen frischer Ingwer ist der Retter in der Not, wenn Ihr Hals streiken will!
  • Eine Lesung ist kostbar. Handeln Sie selbstbewusst ein Honorar aus. Es wird beim ersten Mal nur eine Anerkennung sein. Aber später wird es steigen. Denn dieses Honorar ist kein überhöhter »Stundensatz«, vielmehr wird es einen wesentlichen Teil der Bezahlung Ihrer täglichen Schreibarbeit ausmachen, wenn Sie nicht den Lottogewinn eines Bestsellers landen. Und vergessen Sie den »Werbeeffekt« für ihr Buch, den einige Veranstalter bei Honorarverhandlungen ins Feld führen. Der ist eher Wunschdenken.
  • Schließen Sie einen Lesevertrag. Gerade wenn Sie ungern über Geld reden: Ein Vertrag schafft von vornherein alle Missverständnisse zum Honorar oder zur Übernahme von Fahrt- und ggf. Übernachtungskosten aus dem Weg. Es macht einen professionellen Eindruck und gibt auch dem Veranstalter Sicherheit.
  • Telefonieren Sie mit dem Veranstalter. Sollen die Stühle wie im Kino stehen? Welcher Raum steht zur Verfügung? Wie viele Zuhörer sind geladen? Werden Sie mit oder ohne Mikro lesen? Wie viel früher sollten Sie da sein? Wo sind Sie untergebracht, wenn eine Übernachtung erforderlich ist? Werden Sie abgeholt? Alles Fragen, die gerade am Anfang im Gespräch am leichtesten zu klären sind. Das schützt vor Überraschungen. Vor Ort ist es unter Umständen zu spät.
  • Nach der Lesung. Sprechen Sie an, wie es nach der Lesung weitergeht. Man wird Sie nur selten als den großen Autor hofieren und sonst durchaus, insbesondere nach Schullesungen, auch mal im Regen stehenlassen.
  • Photos! Nehmen Sie einen eigenen Photoapparat mit oder bitten Sie den Veranstalter, einen mitzubringen. Das hat nichts mit Eitelkeit zu tun, sondern ist einfach praktisch für spätere Berichte und Pressearbeit – und als Erinnerung.
  • Planen Sie den Ablauf. Wollen Sie nur lesen? Oder haben Sie ein Rahmenprogramm? Dann informieren Sie den Veranstalter natürlich auch über benötigte Technik. Längst nicht mehr alle Schulen haben Diaprojektoren (schon gar nicht funktionstüchtige) oder Beamer.
  • Planen Sie Leseteile. Lesen Sie nicht fünfzig Seiten am Stück. Teilen Sie die Lesung in viele Leseabschnitte, die vielleicht durch Sachteile oder durch ein Gespräch mit dem Publikum aufgelockert werden. Außerdem können Sie dann die Länge der Lesung besser kontrollieren, Sie strapazieren die Konzentration des Publikums selbst bei 90 Minuten nicht übermäßig, und Sie haben durch die Ablenkung dringend benötigte Pausen.
  • Machen Sie es sich leicht. Nehmen Sie ein Buch als Leseexemplar, spicken Sie es mit verschiedenfarbigen Lesezeichen und zeichnen Sie nach Herzenslust Anweisungen hinein! Sei es, wo lauter oder langsamer gelesen werden soll, sei es, wo ein Sachteil folgt … Wenn das Lampenfieber Sie packen sollte oder Unerwartetes geschieht, werden Sie für jede Stütze dankbar sein. Mein erstes Buch hatte ich für die Lesungen auch stilistisch geradezu nachlektoriert. Nur keine Hemmungen! Niemand wird den Wortlaut des Geschriebenen mit Gelesenem abgleichen. Und wenn … ist er selbst schuld.
  • Persönliches Gepäck. Wenn Sie eine mehrtägige oder wochenlange Lesereise machen, nehmen Sie sich persönliche Dinge mit, mit denen Sie Ihr Hotelzimmer wohnlicher machen können – ein Bild von der Familie, Lieblingsstücke, Ihr Lieblingsgetränk und natürlich Ihre Arbeit, auch wenn Sie oft keine Energie mehr dafür haben werden. Hotelzimmer und häufige Hotelwechsel sind nur am Anfang schön. Ohrpfropfen nicht vergessen.

Aufbau

  • Ingwer nicht vergessen. Das hilft. Wirklich.
  • Frühstück! Vor Morgenlesungen: Gönnen Sie sich genug Zeit für ein herzhaftes und sättigendes Frühstück, auch wenn Sie vor Aufregung kaum etwas herunterzubringen meinen. Wenn Sie mehrere Veranstaltungen haben, wird ein leerer Magen Ihrer Ruhe nicht gerade förderlich sein.
  • Früher kommen. Kommen Sie eine Viertelstunde vor Veranstaltungsbeginn, spätestens. Ein gehetzter Autor oder eine gestresste Autorin tut weder sich noch dem Publikum einen Gefallen. Und wenn etwas fehlt, haben Sie wenigstens etwas Zeit, es zu richten.
  • Aufbau ohne Publikum. Wenn möglich, bauen Sie auf und besprechen Sie letzte Punkte, bevor Publikum hereingelassen wird. Die Ruhe können Sie gut brauchen, um sich zu sammeln.
  • Ein Glas Wasser. Ein Wasser – ohne Kohlensäure – ist das beste Getränk zu einer Lesung. Kaffee oder Tee kann unter Umständen den Speichelfluss anregen. Ein Mund voller Speichel ist richtig lästig.
  • Stilvolles Ambiente. Ich vergesse es selbst regelmäßig: Nehmen Sie vielleicht ein dezentes Tischtuch mit. Das wirkt auf den sterilen Schul- und Bürotischen Wunder. Ein eigener Becher oder ein Glas kann gleichfalls gut wirken. Nichts sieht unromantischer aus als eine halb volle Mineralwasserflasche aus Plastik neben Ihrem Buch. Je nach Thema kann ein Kerzenständer angebracht sein. Aber prüfen Sie unbedingt das Licht. Schlechtes Licht auf Ihrem Text tut nur eines: Ein schlechtes Licht auf Sie werfen.

Die Lesung läuft!

  • Natürlich bleiben. Geben Sie nicht den großen Künstler. Das Publikum erwartet von Ihnen eine gute Veranstaltung, und das Publikum bezahlt Sie. Hochmut ist da nicht angebracht.
  • Radar einschalten. Versuchen Sie, auch während der Lesung einen groben Eindruck vom Befinden Ihres Publikums zu bekommen. Wenn Ihnen etwas merkwürdig vorkommt, sprechen Sie es ruhig nach dem Leseteil an – vielleicht ist ja einfach die Akustik in den hinteren Reihen zu schlecht? Oder es zieht jemandem?
  • Nicht aus dem Konzept bringen lassen. Als Sie anfangen wollen, beginnt ein Zuhörer sie mit ständigen nachfragen oder Kommentaren zu nerven. Bleiben Sie ruhig. Behalten Sie die Kontrolle und weisen Sie den oder die Betreffende(n) freundlich, aber bestimmt darauf hin, dass Sie mit der Lesung beginnen müssen, da sonst die Zeit knapp wird. Die anderen Zuhörer sind ja auch wegen Ihnen gekommen, nicht wegen jener Person.
  • Unruhige Klasse = Lehrersache. Die Lehrer sind verantwortlich dafür, dass die Klasse ruhig bleibt. Nicht Sie. Sollten die Lehrer selber auf die Idee kommen, sich unterhalten zu wollen oder mit Hausarbeitskorrekturen zu rascheln (alles schon passiert), weisen Sie sie freundlich, aber bestimmt darauf hin, dass das stört. Lehrer haben während der Veranstaltung natürlich in der Klasse zu bleiben.
  • Beobachten Sie sich. Versuchen Sie während Sie lesen, sich selbst zu beobachten: Sprechen Sie nicht zu schnell? Sprechen Sie deutlich, aber nicht überdeutlich? Werden Sie auch nicht schneller? Kontrollieren Sie sich ständig selbst und justieren Sie Ihre Stimme entsprechend. Und konzentrieren Sie sich dabei trotzdem voll auf das zu Lesende. Mit etwas Glück spüren Sie, wie Ihr Text Sie selbst mitzureißen beginnt – genießen Sie es, aber lassen Sie sich nicht davon wegspülen.
  • Kunst der Pause. Machen Sie Pausen an den richtigen Textstellen. Oft wirken die Pausen für den Lesenden länger als fürs Publikum. Lieber eine etwas längere Pause als eine Hetzerei. Das gleiche gilt für die Lesegeschwindigkeit: Schalten Sie lieber einen Gang runter.
  • Wenige Gesten. Seien Sie sparsam mit dem Gestikulieren. Ihr Text soll durch sich selbst und durch ihre Stimme wirken, nicht dadurch, dass Sie wild herumzappeln. Es sei denn natürlich, Sie wissen wirklich genau, was Sie tun …
  • Lesen Sie voraus. Versuchen Sie, bereits den nächsten Satzteil zu verstehen, noch während Sie den vorangegangenen lesen. Dann können Sie sich auf unerwartete Wendungen einstellen – und diese Wendungen wird es auch in ihren eigenen Texten plötzlich geben.
  • Sprechen Sie mit dem Fotografen. Großartig ist es, wenn die Presse anwesend ist und sogar ein Fotograf kommt. Der kann jedoch sowohl Sie als auch das Publikum reichlich nerven, wenn er ständig vor dem Publikum herumläuft und Bilder schießt, womöglich noch mit Blitzlicht. Bitten Sie den Fotograf, die Bilder gleich am Anfang zu machen, bevor Sie lesen und während Sie noch mit dem Publikum plaudern. Setzen Sie bewusst Gesten für die Fotos ein, nehmen Sie eine lockere, aber bewusste Haltung an und scherzen Sie etwas mit dem Fotografen und dem Publikum. Das schafft eine entspannt Atmosphäre und sorgt für gute Bilder.
  • Beantworten Sie Fragen auf Augenhöhe. Wenn Sie Fragen beantworten, bleiben Sie humorvoll, ernst und freundlich und machen Sie nicht den Fehler, von oben herab zu wirken. Es gibt dumme Fragen, aber das muss man den Fragenden ja nicht auch noch spüren lassen … Sie sind der Autor, aber nichts rechtfertigt es, sich über das Publikum zu erheben. Sind Sie ein besserer Mensch als eine Hausfrau? Eine Professorin? Ein Lehrer oder Schüler? Kaum.
    Reagieren Sie bei Standardfragen nicht genervt, weil Sie sie schon unzählige Male beantwortet haben, denn der Fragende hört Ihre Antwort zum ersten Mal.
  • Gönnen Sie sich Applaus. Bedanken Sie sich am Ende beim Publikum für seine Aufmerksamkeit, ohne dabei devot zu wirken (Wer hofft, die Zuhörer hätten diese schrecklichen Stunden gut überstanden, gehört aufs Schafott). Und dann erbitten Sie ein Echo, wenn es nicht von selbst kommt: Applaus, wenn es gefallen hat! Bei Schulen erbitte ich mir einen Augenblick vollkommener Ruhe aus, ohne einen Mucks, und das funktioniert wirklich. Sogar bei jugendlichen Schülerinnen und Schülern. Um so lauter ist dann ihr anschließendes Klatschen. Genießen Sie ruhig den Moment des Erfolgs. Sie haben es verdient.
  • Erscheint ein Bericht in der Zeitung oder auf einer Website, womöglich sogar mit Foto, so ist das wunderbar. Denken Sie aber daran, dass sowohl der Text als auch das Bild urheberrechtlich geschützt sind. Sie dürfen auch Zitate daraus (außerhalb der engen Grenzen des Zitatrechts) ohne ausdrückliche Genehmigung der Zeitung nicht auf Ihrer Website veröffentlichen. Fragen Sie also um Erlaubnis oder verlinken Sie den Bericht, wenn er online zu finden ist.

Über den Autor dieses Artikels

Ruben Wickenhäuser (Foto: Fernando Ponzetta))

Ruben Wickenhäuser (Foto: Fernando Ponzetta)

Ruben Wickenhäuser veröffentlichte seit 1996 zahlreiche Romane, Fach- und Sachbücher sowie journalistische Beiträge und Kurzgeschichten (zuletzt: »Und Austinat konnte fliegen«, in: jungeWelt). Gerade erschienen ist sein Handbuch zu seinem bevorzugten Sport: »Jugger. Das Praxisbuch, Grundlagen – Training – Teambuilding«. Ruben Wickenhäuser lebt in Schweden.
Weitere Informationen unter uhusnest.de

Ruben Wickenhäuser stellt für seine Lesungen eine digitale Lese-Infomappe als PDF-Datei (3,7 MByte) bereit, sodass Veranstalter und Interessierte wissen, was sie erwartet. Ein weiterer guter Tipp.

Die Lesetipps sind ebenfalls auf der Website von Ruben Wickenhäuser zu finden. Für diesen Beitrag wurden sie ergänzt und leicht überarbeitet.

5 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Jeanine Krock schrieb am 1. März 2014 um 20:36 Uhr

    Vielen Dank für die wertvollen Hinweise und Tipps.

  2. Fabian Neidhardt schrieb am 4. März 2014 um 14:24 Uhr

    Lieber Herr Wickenhäuser, vielen Dank für diese Tipps, viele Sachen sind sehr gut beschrieben. Und Sie denken soweit über den Tellerrand, dass es ja nicht nur die Lesung selbst, sondern um das gesamte Projekt geht in Ihren Tipps. Denn möchte ich als Sprecherzieher und Sprecher einige Sachen ergänzen und um eine weitere Meinung erweitern:

    „Packen Sie frischen Ingwer ein.“
    Auch Salbeibonbons sind eine Alternative, falls man Ingwer nicht mag.

    „Beobachten Sie sich.“
    Meiner Erfahrung nach kann keiner, der sich selbst beobachtet, gleichzeitig auf den Text konzentrieren. Die Fähigkeit, gut zu lesen, sollte schon vorher vorhanden sein. Wenn ich währenddessen meine Gedanken auf meine Präsentation, statt auf den Text lenke, dann bleibt keine Chance, den Text zu erleben. Aber das Publikum sollte die Chance bekommen, einen Text, den es mag, vom Autor interpretiert zu bekommen. Und nicht dem Versuch zusehen, wie jemand gut vorlesen will. Wenn, dann gehört vor die Lesung noch das „Bereiten Sie sich vor“: Lesen Sie die Stellen, die Sie herausgesucht haben, ein paar Mal, am besten vor Testpublikum. Und lassen Sie sich von diesem sagen, was zu schnell, laut oder undeutlich war. Man selbst hat selten ein Gespür dafür. Wenn sie das geübt haben, können Sie sich während der Lesung voll auf den Text und das Publikum einlassen.

    „Lesen Sie voraus.“
    Hier liegt ein ähnlicher Fall wie oben vor. Wie wollen Sie sich in eine Situation, eine Stimmung, eine Emotion fallen lassen, wenn Sie gedanklich schon den Halbsatz weiter vorne sind? Seien Sie mit den Gedanken, wo sie auch beim lesen sind. Aber wie oben gesagt, bereiten Sie sich vor! Sie müssen wissen, was kommt. Nicht Wort für Wort, aber vom Gefühl. Und um sich das zu vereinfachen, können Sie die von Herrn Wickenhäuser angesprochenen Anmerkungen sehr gut nutzen.

    Wie gesagt, viele Tipps sind sehr gut und nützlich, die beiden oben genannten wollte ich aus einem anderen Blickwinkel nochmal betrachtet wissen.

    Mit den besten Grüßen aus Stuttgart, Fabian Neidhardt

  3. Kai Seuthe schrieb am 8. März 2014 um 09:30 Uhr

    Lieber Herr Wickenhäuser,

    Ihr Artikel hat mir sehr gut gefallen und ich bin Ihnen dankbar für diese konkrete Liste, worauf man achten sollte. War dahingehend bisher nicht so richtig fündig geworden. Sehr hilfreich und unbedingt empfehlenswert.

  4. Jürgen Schulze schrieb am 14. April 2014 um 11:38 Uhr

    Wirklich ganz ausgezeichnet.
    Ich danke den Autor für seine wertvolle Hilfe.
    Auch ich werde bald schon meine Autoren auf Lesereise über die Dörfer schicken.
    Dabei wird mir dieser Artikel sehr helfen.

  5. Will Hofmann schrieb am 10. März 2016 um 16:31 Uhr

    Lieber Herr Wickenhäuser,

    danke für die vielen guten Tipps. Habe bald meine erste Lesung auf der LBM 2016. Nur weiß ich nicht recht, was ich mit dem Ingwer anfangen soll. Ein Stückchen in den Mund schieben und zerkauen? Oder nur dran schnuppern? Oder schon vor Lesebeginn in die Wangentasche schieben?

    Würde mich über eine Antwort freuen.

    Viele Grüße
    Will Hofmann

    (Zu lesendes Werk: „Götter“)

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