StartseiteWillms' WocheWillms' Woche: Intimrasur, Sex und virtuelle Welten

Willms’ Woche: Intimrasur, Sex und virtuelle Welten

Die Zeiten, in denen Helden zum Mond oder zum Mittelpunkt der Erde reisten, sind längst vorbei. Mit dem Einzug des PCs in den Alltag eroberte ein neues Medium die Literatur: der Cyberspace. Geprägt wurde der Begriff von William Gibson, der 1984 – im Geburtsjahr des Macintosh – den Hacker Case in das virtuelle Abenteuer »Neuromancer« schickte. Der Roman ist der Auftakt zu einer Trilogie, die als Vorreiter des Cyberpunk gilt, eine Art Film Noir der neuen Sci-Fi-Literatur – dunkel, brutal und aussichtslos. Natürlich hat Gibson das Genre nicht neu erfunden, bereits in den 60er Jahren schuf Philip K. Dick mit »Träumen Androiden von elektrischen Schafen?« (aka »Bladerunner«) eine Dystopie von Kultstatus, auf die seitdem viele Cyberpunk-Autoren gerne zurückgreifen. Mit »Neuromancer« beschritt William Gibson, der am 17. März 60 Jahre alt wird, jedoch ganz neue Wege. Menschen, die ihre Nerven mit dem Cyberspace vernetzen – so etwas hatte es in der Form noch nie gegeben. Noch immer liest sich das Abenteuer extrem spannend und schwindelerregend schnell – auch für Computerlaien.

Neue Wege schlägt auch Charlotte Roche ein – neue Wege des Ekels könnte man sagen. Bisher machte sie vor allem als Moderatorin durch eher unkonventionelle Interviews auf sich aufmerksam, brachte sogar den Medienprofi Robbie Williams aus der Fassung. Gerade ist ihr heiß diskutierter Roman »Feuchtgebiete« erschienen, in denen die gebürtige Engländerin Themen wie Masturbation, Sex und Analfissuren mit einem oft zu ausgeprägten Hang zum Detail erläutert. Ob der Aufruf zu weniger ausgeprägter Intimhygiene und die fast schon liebevolle Annäherung an Sperma und Eiter literarisch wertvoll sind oder nicht, sei dahingestellt. Zumindest bombardiert Charlotte Roche erfolgreich die Grenzpfeiler des guten Geschmacks. So schafft sie es pünktlich zu ihrem 30. Geburtstag am 18. März in die Schlagzeilen, durch die damit verbundene Kontroverse natürlich in die Bestsellerlisten – und nun sogar ins literaturcafe.de!

Charlotte Roche: Feuchtgebiete illustrierte Ausgabe mit beigelegtem Plakat: Roman. Gebundene Ausgabe. 2008. DUMONT Literatur und Kunst Verlag. ISBN/EAN: 9783832181017
Charlotte Roche: Feuchtgebiete: Roman. Taschenbuch. 2017. DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783832164225. 10,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Daniel Unger: Charlotte Roche - eine Popliteratin? Eine exemplarische Analyse der Werke Feuchtgebiete (2008) und Schoßgebete (2011) bezüglich ihrer Zugehörigkeit zur literarischen Entwicklungslinie der Popliteratur. Taschenbuch. 2013. Bachelor + Master Publishing. ISBN/EAN: 9783955493462. 29,99 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Charlotte Roche: Feuchtgebiete. Broschiert. 2008. Dumont. ISBN/EAN: 9783832180577. 14,90 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Eine Buchkritik folgt.

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2 Kommentare

  1. Also, die “Feuchtgebiete” haben es schon in sich! Da denkt man, ärger geht es nicht; diese wunderbaren Grauslichkeiten – die in Wahrheit ja jeder kennt – sind nicht zu überbieten, und siehe da – auf den nächsten fünf Seiten werden sie locker getoppt! Charlotte Roche hat aber auch einen herrlich leichten Stil drauf, immerhin schildert sie aus der Haut und Sichtweise einer Achtzehnjährigen! “Milchschaumprosa” einer jungen deutschen Autorin, so hat es neulich ein Kritiker in der österreichischen “Presse” genannt; eine Rezensentin in einer anderen Zeitung hat dafür die Werke Philip Roths als “Prostataprosa” bezeichnet – himmlisch, wie man ja doch die jeweilige Wochenendlektüre ein wenig nach den Charts und ihren diversen Besprechungen ausrichten kann.

    viele Grüße

    Johanna Sibera
    Klosterneuburg/Österreich

  2. heiß diskutiert, daß hat die Autorin von “Feuchtgebiete” geschafft, damit kann man sich echt toll vom echten Leben ablenken, wo noch wichtigere Dinge existieren als ekelerregende Bücher, warum also Geld ausgeben?!

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