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Schoßgebete von Charlotte Roche: Gruppensex mit Alice Schwarzer

Stapel: »Schoßgebete« von Charlotte Roche in einer Buchhandlung»Schoßgebete« ist da. Das zweite Buch von Charlotte Roche und der Nachfolger von »Feuchtgebiete« ist seit einer Woche in den Buchhandlungen erhältlich. Und genauso zuverlässlich, wie der Medienhype beginnt, nervt das Gejammer derer, die das Geschreibsel schrecklich, den Rummel verächtlich und das perverse Buch ohnehin nicht als Literatur bezeichnen.

Ob es klug war, das Werk mit einer 15-seitigen Sex-Szene zu beginnen, in der sich Fans und Feinde in ihren Vorurteilen bestätigt sehen?

Amazon-Leserrezensenten: Stolz aufs Vorurteil

Denn wer nur reinliest, liest einen anderen Text, das belegen die Amazon-Leserrezensionen, die dem Werk nicht mal eine Woche nach Erscheinen eine Durchschnittswertung von zweieinhalb von fünf Sternen geben (Stand: 15.08.2011) und das Werk als »banales Feuchtgefummel« abtun. Die meisten Stimmen sind im Ein-Sterne-Bereich zu finden. Einige »Rezensenten« schreiben ganz offen, dass sie nur die Kindle-Leseprobe heruntergeladen haben. Stolz aufs Vorurteil. Sie kennen das Buch nicht, sondern nur die Szene am Anfang, die den Eindruck erweckt, als ginge es auch in »Schoßgebete« nur um die Aufzählung möglichst vieler Körperflüssigkeiten. So sieht »Literaturkritik« im Internet aus.

Andeutung geplanter Leidenschaft

Aber bleiben wir bei dieser Szene, die mit dem ersten Satz des Buches beginnt: »Wie immer vor dem Sex haben wir beide Heizdecken eine halbe Stunde vorher angemacht.«

Das ist kein schlechter erster Satz, denn darin liegt bereits die Andeutung von geplanter Leidenschaft. Sex-Szenen sind in Büchern immer heikel, und das nicht, weil sie schlüpfrig und jugendgefährdend sind, sondern weil sie in 9 von 10 Fällen peinlich bis lächerlich sind. Selbst große Autoren schaffen es kaum, eine solche Szene wirklich erregend hinzubekommen, wie der Bad Sex in Fiction Award alljährlich belegt. Zu abgedroschen oder gynäkologisch das Vokabular, zu verunglückt die Metaphern.

Und bei Roche? Sie lässt es auf die Direktheit ankommen, lässt ihre Erzählerin das Geschehen analytisch kommentieren, denn die Protagonistin steht ohnehin unter ständiger Selbstbeobachtung und -analyse, sodass die Vorgangsbeschreibungen viel Komik in sich bergen. Denn wer würde sonst in einer Sex-Szene Alice Schwarzer erwähnen?

Pornos, Geo Kompakt, dreimal zum Psychiater und die Welt retten

Charlotte Roches Hauptperson ist von Selbstzweifeln zerfressen. Wie sich eine gute Liebhaberin beim Sex verhalten sollte, das hat sie aus Pornos und der Geo Kompakt. Und ihre Selbstbeobachtungen beim Sex sind symptomatisch für ihr ganzes Leben. Dreimal die Woche geht sie zur Psychiaterin, sie scheint kein echtes Leben zu leben, keine echten Gefühle zu kennen, denn alles ertrinkt in Selbstreflektion und dem Sinnieren darüber, wie das alles nach außen wirken könnte und ob man denn ein guter Mensch sei, der mit Bioprodukten die Welt und die Delfine rettet.

Ein Frauenroman auf Drogen

»Schoßgebete« ist ein Frauenroman auf Drogen. Der Wiedererkennungseffekt könnte bei vielen Leserinnen und Lesern schmerzlich sein. Roches Direktheit ist nicht nur gegenüber sich selbst mutig, sondern auch gegenüber den Lesern, die dies nicht immer aushalten und daher lieber dem Buch die Schuld geben. Was könnten denn die anderen denken, wenn man sagt, dass man das Buch gut findet? Halten die einen für ein Ferkel, weil sie zwar das Buch nicht gelesen haben, aber dennoch davon überzeugt sind, dass es von vorn bis hinten eklig und versaut ist? Und schon denken wir ein bisschen selbst wie die Protagonistin.

Dabei gibt es eigentlich nur zwei Stellen mit Sex, und daher vermittelt der Bucheinstieg ein falsches Bild, denn in Schoßgebete setzt Roche kaum Ekeleffekte ein – oder das, was andere als solche empfinden.

Die Welt eines extremen Charakters

Indem Roche uns in die Welt eines extremen Charakters führt, schafft sie Literatur und erobert wieder Neuland. Hinzu kommt eine strenge Form (ein Handlungszeitraum von drei Kapiteln und drei Tagen) und eine Sprache, die zu dieser Rollenprosa perfekt passt.

Die beliebte Frage, wie viel von der Autorin selbst in ihrer Hauptperson steckt, die nicht von allen Autoren gerne gehört wird, beantwortet Charlotte Roche sehr offen. Sie spielt damit, dass ein Großteil der Geschichte ihre eigene sei und das Werk eine einzige Selbsttherapie, vor deren Veröffentlichung ihr ihre Therapeutin abgeraten habe. So bedient Charlotte Roche die mediale Neugiermaschine perfekt und es erstaunt, dass sich just Alice Schwarzer nicht zu doof ist, sich an diesem Medienköder festzubeißen. Und Roches Behauptung, sie sei ja eigentlich keine Schriftstellerin, ist das Understatement, das nicht unbedingt die schlechtesten Autoren auszeichnet.

Die Menschenverachtung einer gewissen Druck-Zeitung

Lesern und Nichtlesern dürfte durch die Medienberichte hinlänglich bekannt sein, dass Roche im Roman den Unfalltod ihres Bruders und ihrer zwei Stiefbrüder aufarbeitet, die auf der Fahrt zu Roches Hochzeit 2001 bei einer Massenkarambolage tödlich verunglückt sind. Ihre Mutter überlebte schwer verletzt. Doch es geht im Buch nicht nur um das Unglück. Es geht auch darum, wie eine gewisse Druck-Zeitung und ein Fernsehsender, das Unglück vermarkten und den Trauernden skrupellos und menschenverachtend auflauern und nachjagen.

Wieviel Roche im Roman steckt, ist für die Literaturkritik egal

Doch anders, als es der Medienzirkus durch angebliche Äußerungen von Roches Stiefvater suggeriert, sind diese Passagen, die als Rückblenden die Handlung durchziehen, keinesfalls »ohne Rücksicht, Skrupel und Respekt« geschrieben – im Gegenteil. Es ist erneut die direkte Sprache der Protagonistin, die im richtigen Moment auch mal verstummt, die diese Beschreibung von Trauer, Wut und Ohnmacht zu den bedrückendsten und eindringlichsten im Buch werden lässt. Es sind die Erlebnisse, die den Hintergrund der Hauptfigur bilden und den Vordergrund um so deutlicher werden lassen.

Daher ist es für eine ernsthafte Literaturkritik egal, wie viel Roche in der Hauptfigur steckt. Die Autorin hat eine einmalige Figur geschaffen.

Gut gelaunter weiblicher Psycho-Zombie

Charlotte Roche ist mit »Schoßgebete« das gelungen, woran viele gezweifelt haben: sie hat ein Nachfolgewerk geschrieben, das das erste überragt und dessen Protagonistin weitaus vielschichtiger ist als in »Feuchtgebiete«. Eine Figur, die am Leben gebrochen ist, sich danach selbst neu zusammensetzt und nie mit dem Ergebnis zufrieden sein wird. Eine gezeichnete und stellenweise bewusst überzeichnete Figur, die uns dennoch aus den jungen Müttern entgegenblicken könnte, deren Kinder beim Italiener am Nebentisch nerven. Eine Art gut gelaunter weiblicher Psycho-Zombie, dem wir es von außen nicht anmerken, so als würden wir einen Roman nur anhand einer Leseprobe beurteilen.

Wolfgang Tischer

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12 Kommentare

  1. Danke, lieber Wolfgang, für die sehr umfassende Einführung ins Buch. Natürlich habe ich schon viel darüber gelesen und gesehen und ich glaube, ich werde es mir auch kaufen, weil mich das Thema und die Verarbeitung interessiert. (Während ich das erste nicht mit der Kneifzange angefasst hätte.) Was mich wirklich wundert, ist die Art der “Rezensionen” bei amazon. Da disqualifizieren sich die Rezensenten doch bloß selber damit. Dass die Roche mit dieser Sex-Szene anfängt, ist mutig, doch ich glaube, die zu schreiben ist ihr leichter gefallen, als alles, was sie über Erinnerungen, Gefühle und Gedanken im Laufe des Buches noch schreiben wird. Außerdem ist so ein Anfang natürlich immer ein Verkaufsargument. Und den ersten Satz finde ich Spitze!

  2. “Daher ist es für eine ernsthafte Literaturkritik egal, wie viel Roche in der Hauptfigur steckt.”

    Ich fürchte, das ist bestenfalls ein frommer Wunsch, ein ideal, von dem man sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten eher weiter entfernt hat. “Wir verlegen keine Bücher, wir verlegen Autoren.” verkündete seinerzeit Siegrfried Unseld, und alle, alle richteten sich danach, man mag es begrüßen oder verdammen. Ganz offensichtlich benutzt auch das Marketing von Piper die Biographie der Autorin für ihre Vermarkung jenes Bandes, und ich bezweifle, dass selbst irgendeine ‘seriöse’ Rezension nicht auch auf Roches Biographie eingehen wird. Aber die obige Besprechung war immerhin ein guter Versuch!

  3. Eine etablierte österreichische Tageszeitung, “Die Presse”, hat neulich bezweifelt, dass man Charlotte Roche guten Gewissens als Schriftstellerin bezeichnen kann. Ich möchte sie sehr wohl eine solche nennen. Ich bin sicher, dass es kaum einer schafft, ihre Schilderung des Fadenwürmerbefalls der Familie und der Person der Protagonistin zu lesen, ohne an bewusster Stelle heftigen Juckreiz zu verspüren. Das allein ist es aber auch noch nicht. Was sich z.B. so unmmittelbar zeigt, ist Roches Fähigkeit, Sex in unverblümtester, detailverliebtester Art zu schildern, ohne dabei auch nur im geringsten pornografisch zu wirken – jeder Ärzteroman im billigen Heftchenformat erfüllt diese Aufgabe besser. Eher ist man geneigt, zum Telefon zu greifen und einen sofortigen Arzttermin zu fixieren – sei es beim Gynäkologen, Urologen oder Therapeuten. Ich habe das Buch jedenfalls mit größtem Vergnügen gelesen.

  4. Schon das Buch „Feuchtgebiete“ war eines der Bücher, die ich durchgelesen (! Sonst wäre eine faire und konstruktive Meinung wohl nicht möglich), zugeschlagen und den Kopf geschüttelt habe. Schon deshalb werde ich das neue Werk nicht lesen.

    Ich frage mich in solchen Fällen, was ein Buch zum Bestseller macht … und warum andere Bücher – die handwerklich, thematisch und auch inhaltlich einfach ausgereifter (bei „Feuchtgebiete“ kann man schon von Quantensprüngen reden) und anspruchsvoller sind in den Regalen verstauben – oder es gar nicht erst in den Buchhandel schaffen.

    Was macht ein gutes Buch heute aus – die beste Vermarktung?

    Viele Grüße Denis

  5. Hallo Denis,
    lassen wir doch den Begriff “gutes Buch” einmal ganz weg und fragen vielmehr: was macht ein dermaßen erfolgreiches Buch aus? Da hätte ich, zumindest im Fall “Schoßgebete” und “Feuchtgebiete”, eine Antwort: Charlotte Roche beschreibt in einer sehr herzlichen, gut verständlichen und total nachvollziehbaren Art Dinge, die noch keine und keiner vor ihr so geschildert hat – das alltägliche und wirklich jedem und jeder bekannte Toilettenritual (waschen wir uns nicht alle irgendwie und irgendwann??), Misslichkeiten, die Eltern von ihren Kindern aus der Schule heim geschleppt werden, wie etwa Spulwürmer. Sie schildert ehelichen Sex, der nicht immer zur Freude gereicht und dem eher manchmal etwas durchaus Mühsames anhaftet – siehe die auf der ersten Seite geschilderte Belebung des Geschehens durch Heizdecken, eigentlich ein quälender Gedanke. Charlotte Roches Stil ist momentan singulär und unverwechselbar; ich gebe jedoch zu, dass sie vielleicht doch weit mehr Frauen als Männer in der Leserschaft anspricht.

  6. Nein – mit Frau oder Mann hat meine Meinung nichts zu tun – den Rest haben Sie recht gut beschrieben – in anderen Worten: Banal

    Und seien wir ehrlich – würden jene Bücher eine derartige Beachtung finden, wären Sie von Gerda Müller aus Solsdorf?

    Es bleibt allein dem Geschmack der Leser überlassen, ob sie auf dieses Vermarktungspferd aufspringen … und auch das haben Sie in anderen Worten beschrieben: Es steht nichts in den Büchern, was nicht jeder schon weiß.
    viele Grüße

  7. Danke für die Rüge ;-), wieder was gelernt. Ich werde “Schoßgebete” also wieder oben auf meinen Bücherstapel legen und diesmal nicht kapitulieren.
    Der erste Satz ist im Übrigen bei längerem Nachdenken absolut perfekt, weil er die ganze Szene zu einer Karrikatur werden lässt …

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