Textkritik: Spielfeld – Prosa

Eine Textkritik von Malte Bremer

Spielfeld

von Felix Mennen
Textart: Prosa
Bewertung: 5 von 5 Brillen

Der Ball rollte unaufhaltsam Richtung Seitenauslinie. Alle sahen ihm dabei zu, nur Till, der von Beruf Schauspieler war, rannte wie ein Blöder quer über den Fußballplatz dem Ball hinterher.
Tatort Berlin-Mitte, ein Kunstrasenplatz mitten zwischen den Häusern, wo ich mich jeden Mittwoch zwischen 13 und 15 Uhr für zwei Stunden mit einem Haufen Verrückter zum Kampf um den Ball treffe.
Ich stand in Höhe der Seitenauslinie, auf die der Ball zurollte. Es war ein aussichtsloses Unternehmen. Doch Till kam dem Ball auf den letzten Metern gefährlich nah. Vielleicht konnte er’s noch schaffen. Noch einen Meter, noch einen halben. Der Ball berührte die Seitenauslinie. Till sprang – und genau in dem Moment, als der Ball mit vollem Umfang über die Seitenauslinie gerollt war, trat Till auf den Ball und drückte ihn mit der Sohle zurück ins Feld. Eine sagenhafte Leistung. »Aus!« brüllte unser Torwart, Heinz, der Theologiestudent, gehässig über den Platz. Till drehte sich wutentbrannt zu Heinz um. »Ich weiß, dass es knapp war! Ich weiß sehr wohl, dass es verdammt knapp war, aber du!« Till zeigte mit dem Finger auf Heinz. »Du kannst das von da hinten gar nicht gesehen haben!«
»Trotzdem war der Ball aus!« rief Heinz.
»Halt’s Maul!« schrie Till und drehte sich einmal nach links und einmal nach rechts. »Das können nur er!« Damit meinte er mich. »Und Achim!« gesehen haben. Damit meinte er den kleinen stämmigen Brettartisten aus unserer Mannschaft, der auf der anderen Seite des Spielfeldes ebenso wie ich auf Höhe der Seitenauslinie stand. »Achim, war der Ball aus der oder nicht?« fragte Till.
»Aus«, sagte Achim trocken.
Till drehte sich zu mir um. »Und was sagst du?«
Aus irgendeinem Grund musste ich an Anne, die Vermieterin in meiner WG, denken, heute Morgen, wie sie beim Frühstück plötzlich aufsprang, sich mit dem Rücken zu mir drehte, die Beine spreizte und mich durch ihre gespreizten Beine verkehrt herum fragte: »Sieht man da was?« Anne trug an diesem Morgen ein enges graues Sommerkleid, das kurz unter ihren Arschbacken abschloss. Was sah ich jetzt wohl? Ich meine, was lief hier ab? Anne wollte von mir wissen, ob ihr Kleid zu gewagt war? Sie hatte gleich einen wichtigen Termin. Behauptete sie. Anne behauptete auch immer, dass sie nie einen Slip trug. So wie’s aussah, hatte Anne wirklich einen wichtigen Termin, nämlich bei der Polizei, weil sie neulich nachts, als ich diese Schreie aus ihrem Zimmer hörte, doch jemand umgebracht hatte, mit einem Eispickel. »Sieht man da was?« Anne schaute mich immer noch verkehrt herum durch ihre gespreizten Beine an. Ihr Mund stand lächelnd offen. Ach nee, das war gar nicht ihr Mund.
»Was heißt sehen?«, fragte ich, »das heißt im Prinzip sieht man nur da was, wo man gar nicht hingucken soll.« Diese Art der Dialektik hatte ich mir von Nils, meinem jüdischen Freund aus Russland, angewöhnt. Seiner einzigartigen Dialektik verdanke ich auch, dass ich in einer der bittersten Stunden meines Lebens noch was zu lachen hatte: nach meiner Meniskusoperation. Ich hatte vorher ne Rückenmarkspritze bekommen, und als ich wieder auf meinem Zimmer lag, war ich immer noch von der Hüfte abwärts gelähmt. Ich fasste zwischen meine Beine, und das fühlte sich an, als ich als ob ich eine lauwarme Bockwurst in der Hand hielt. Da kam Nils rein. Er fragte mich, wie’s geht? Und ich jammert über meine furchtbaren Kopfschmerzen, die ich vom Nachlassen der Narkose hatte. Das war sein Stichwort. Nils kennt alles, was du ihm erzählst. Er war in Sibirien, in Afghanistan, hat Menschen getötet, er ist durch die Hölle gegangen. Erzähl ihm nichts, er hat alles schon erlebt, nur viel schlimmer.
»Was heißt Schmerzen?« sagte Nils, »das heißt, im Prinzip kenn ich ganz genau.« Und dann erzählte er mir von seinen 500 Knochenbrüchen, und wie er mit seinem Gipsarm damals seine Freundin nur noch in einer Stellung bumsen konnte, nämlich im Stehen von hinten auf dem Küchentisch, sodass er sich mit seinem gesunden Arm abstützen und den Gipsarm auf ihren Rücken legen konnte. Nils stellte die Szene für mich nach, während ich mit meiner Bockwurst zwischen den Beinen unter der Decke lag. »Verstehst du, nur so.« Nils stützte einen Arm in der Luft auf, während er sein Becken vor und zurück bewegte. »Anders ging nicht«, sagte er und lachte ganz fürchterlich dreckig bei dem Gedanken daran.
Soviel zu der Dialektik meines jüdischen Freundes aus Russland. Im Krankenhaus hatte ich übrigens gelegen, weil ich mich beim Fußball verletzt hatte. Mein Stichwort: Zurück aufs Spielfeld: Die alles entscheidende Frage: War der Ball aus oder nicht? »Was heißt aus?« sagte ich. »Das heißt, im Prinzip hast du einen Riesen-Sprint hingelegt, und es war verdammt knapp, aber der Ball war leider im Aus.«
»Danke«, sagte Till. Dann drehte er sich zu Achim, zeigte mit dem Finger auf ihn. »Und für dich hoffe ich, dass du den Ball wirklich Aus gesehen und nicht nur Aus gebrüllt hast, weil Heinz Aus gebrüllt hat!«

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Zusammenfassende Bewertung

Ich erinnere mich: zu Zeiten des Kalten Krieges machten anti-sowjetische Witze über einen Sender namens »Radio Eriwan« die Runde, die alle gleich gebaut waren: ein Hörer stellte Radio Eriwan eine Frage wegen angeblicher Errungenschaften oder Fehlleistungen der glorreichen Sowjetrepublik, und Radio Eriwan antwortete stets mit »im Prinzip ja« bzw. »im Prinzip nein«, um in der nachgefügten Einschränkung sich selbst Lügen zu strafen.
Die halbe Nacht habe ich mich geärgert, dass ich mir Witze so schlecht merken kann, denn ein einfaches Beispiel würde viel mehr bewirken als selbst meine klug-weitschweifigen Erläuterungen (Gar nicht wahr, dass Eigenlob stinkt, es ist im Gegenteil lebensnotwendig, sonst lobt einen ja keiner), schon wollte ich literaturcafe.de-Besucher bitten via eMail auszuhelfen, feilte grade an eingängigen Bittgesuchen (schulterklopf) – da fiel mir über dem ununterbrochenen Scheiße-Gemurmels angesichts meiner Unfähigkeit (wiedergutmach) ein alter, geschmackloser, aber eben typischer Eriwan-Witz ein:
Anfrage an Radio Eriwan: »Ist es richtig, dass es den Werktätigen der glorreichen Sowjetunion gelungen ist, aus Scheiße Marmelade herzustellen?« Die Antwort: »Im Prinzip ja; nur am Geschmack muss noch gearbeitet werden.«
Für Assoziationen, die während des Lesevorgangs in einem Leserhirn entstehen, trägt ein Autor keine Verantwortung (es sei denn, sie entsprechen seinen eigenen). Ausgehend aber von diesem klaren Prinzip der Radio-Eriwan-Witze frage ich mich: welches steckt hinter Nils’ einzigartigen Dialektik?
In seinem Ur-Beispiel erklärt Nils, dass er im Prinzip Schmerzen kenne, schildert das, wechselt dann aber das Thema und erinnert sich an Erfreulicheres: »Themawechsel« könnte man dieses Prinzip taufen.
Der Icherzähler will daraus gelernt haben: er sehe im Prinzip was, aber da dürfe man nicht hinschauen. Dieses Prinzip erinnert an das von Radio Eriwan, hat aber nichts mit Nils’ »Themawechsel« zu tun.
Auf Tills Frage antwortet der Icherzähler zunächst gar nicht: zwar verwendet er den Begriff im Prinzip, meint damit aber Tills sagenhafte Leistung, um anschließend die Frage direkt zu beantworten: diese Prinzip könnte man getrost »Zuckerbrot und Peitsche« nennen – denn Till ist es zufrieden.

Es gibt also keinen inhaltlichen Zusammenhang in Nils’ einzigartiger Dialektik (vielleicht macht sie gerade das einzigartig). Es bleibt ein formaler Zusammenhang durch die Frage Was heißt… und die Einleitung der Antwort Das heißt im Prinzip …
Dass ich was anderes erwartet hatte, ist einzig mein Problem und geht nicht zulasten der Erzählung. Was bleibt also?
Ein ungemein flockig-leichter amüsanter Text, den zu lesen einen Riesen-Spaß gemacht hat, der an der entscheidenden Stelle einfach so unterbricht, um den Icherzähler bizarre Ander-Geschichten (fiel mir gerade ein wegen der Ander-Konten, muss einem nicht gefallen) Erinnerungen loswerden zu lassen, ein Text, der den Leser direkt einbezieht, wenn ihm Verhaltensmaßregeln gegeben werden, falls er Nils begegnen sollte: das Spielfeld weitet sich vom Fußballfeld zu einer erotischen und persönlichen Spielwiese, die nirgendwo peinlich wird – vielleicht eine Spur
zu gewollt (siehe Einzelkritik).

Und die Kritik im Einzelnen? Je nun: Das andere ist wichtiger – an welchem Text könnte man nicht feilen und verbessern (außer an denen von absoluten Meistern), und vielleicht belegen meine Anregungen nur, dass ich gerne Korinthen kacke? Vielleicht aber sind sie sogar hilfreich – wer weiß das schon. Jedenfalls weiß ich: Bereits übermorgen werde ich mit meinen Formulierungen nicht mehr zufrieden sein.

Die Kritik im Einzelnen

Ich würde diesen Absatz vor den vorigen stellen: Hier werden Ort und Umstände genannt, die den Erzählfluss bereits unterbrechen, kaum dass er begonnen hat; das nimmt der ungemein reizvolleren langen Unterbrechung jeden Überraschungseffekt! »Tatort« evoziert (vielleicht bewusst) Schimi-Assoziationen, die der nachfolgende Text weder einlösen noch parodieren will; es wirkt deswegen effekthascherisch – das hat dieser Text aber gar nicht nötig: wieso also nicht einfach Ort oder Berlin-Mitte ohne Schnickschnack? zurück
Wegen der Unterbrechung beginnt jetzt ein überflüssiges Rätselraten: was ist »Es«? Dass ein Ich auf der Seitenauslinie stand? Dass ein Ball auf selbige zurollt? Da weder das eine noch das andere »Unternehmen« sind, darf der Leser suchen: gemeint ist das Hinterherrennen; dazu muss der Leser aber einen ganzen Absatz überspringen! Keine Lust, also: vertauschen der beiden ersten Absätze! zurück
Der Icherzähler nennt das »Unternehmen« aussichtslos, und schon im folgenden Satz kommt der Schauspieler dem Ball »gefährlich nahe«. Das will mir nicht einleuchten, dieses »doch« ist mir zu schwach: dennoch wäre gut, zwischen den Sätzen vielleicht ein Doppelpunkt – überhaupt: die Satzzeichen! Angeblich waren es nur noch wenige Meter, die der Ball zu rollen hatte. Ich weiß natürlich nicht, wie mühsam dieser Ball rollte, aber wenn – und sei es ein Schauspieler – jemand wie ein Blöder rennen muss, um einen Ball zu kriegen, dessen Erreichen unmöglich ist, kann das Rollen nicht so gemächlich vonstatten gehen, wie die Punkte zwischen den Sätzlein den Anschein erwecken: das Komma zwischen »Noch einen Meter, noch einen halben« bildet eine lobenswerte Ausnahme; mehr davon!!! zurück
Zum Ausgleich gibt’s hier zu viele Kommas; es sind keine 3 Personen: unser Torwart, Heinz und der Theologiestudent! Das lässt sich eleganter lösen, indem z.B. das Komma zwischen Torwart und Heinz einfach getilgt wird. Dass Till sich anschließend wutentbrannt zu Heinz umdreht, ist logisch – schließlich ist dieser der einzige, der in diesem Augenblick allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Was daraus folgt? Statt Heinz hätte ein einfaches ihm genügt, und damit wäre gleichzeitig verhindert, dass selbiger dreimal nacheinander mit Namen genannt wird: sooo schön klingt Heinz nun auch wieder nicht. zurück
Irgendwie habe ich Fußballfelder anders in Erinnerung als hier beschrieben: wenn wir pro Seitauslinie zwei Linienrichter annehmen (ob nun echte oder zufällige, ist egal, zumal bei dieser außergewöhnlichen Fußballmannschaft), dann können die nicht auf verschiedenen Seiten stehen, sondern höchstens in verschiedenen Hälften; heißen müsste der Passus fußballregelgerecht also »in der anderen Hälfte des Spielfeldes« (wobei sich über das in in »in der Hälfte« natürlich nicht minder trefflich streiten ließe – man hat ja auch sonst nichts zu tun). zurück
Richtig herum zwischen gespreizten Beinen hindurch wäre eine Sensation!!! Verkehrt herum dagegen ist ziemlich überflüssig – es sei denn als Kotau vor dem geargwöhnten dumpfdummen Leser … zurück
Halten zu Gnaden: Aber da wird maßlos übertrieben! Ab hier würde ich den Rest des Satzes ersatzlos streichen; weder die Schreie noch der Mord noch der Eispickel haben irgendeine weiterführende Bedeutung – viel reizvoller ist es, sich als Leser vorzustellen, was Anna wohl in dieser Aufmachung bei der Polizei widerfährt; der Anlass ihres Besuches tritt demgegenüber vollständig in den Hintergrund. Ha: es reizt mich sogar ausgesprochen, dieses Zusammenzutreffen eigenhändig zu gestalten, aber ich muss jetzt weiter schreiben zurück
Ein viel gereister jüdischer Russe, der perfekt deutsch spricht und meinetwegen auch in Afghanistan gekämpft haben darf, das ist bereits an der Schmerzgrenze, passt aber gerade noch zu dessen einzigartiger Dialektik (siehe Zusammenfassung); aber dass der überdies noch den skandinavischen Vornamen Nils mit sich herumschleppen soll, übersteigt diese Schmerzgrenze deutlich, selbst wenn Nils eine Anspielung sein sollte auf den viel gereisten Nils Holgerson. Nein: Ein jüdischer wäre Vorname angebracht (muss nicht gerade Nathan sein, von wegen Anspielung und so), vielleicht auch ein russischer. Nils ist wie der Eispickelmord einfach zu dick aufgetragen und nimmt dieser Erzählung einiges von der wunderbaren Unbeschwertheit… zurück
Hier ist die sprachliche Flapsigkeit ebenfalls zu betont: alle anderen unbestimmten Artikel sind korrekt: warum hier nicht auch? (zurück)
Ich möchte wetten, dass hier entweder ein Wörtlein fehlt zwischen ich und ganz, z.B. ein sie oder das oder es, oder eines der genannten Wörtchen ganz ersetzen sollte. zurück

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