Stephen King und Owen King: Sleeping Beauties – Nur nicht einschlafen

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Buch und Hörbuch: Sleeping Beauties von Stephen und Owen King
Buch und Hörbuch: Sleeping Beauties von Stephen und Owen King

»Sleeping Beauties« heißt der Roman, den Stephen King zusammen mit seinem Sohn Owen King geschrieben hat. Sind zwei Kings besser als einer?

Über 70 Charaktere tauchen in diesem kingtypisch backsteindicken Buch auf. Das Problem daran: Die Figuren des Romans sind nahezu alle dumm.

Die Grundidee der Geschichte von »Sleeping Beauties« klingt einfach und vielversprechend: Was passiert, wenn eine mysteriöse Schlafkrankheit alle Frauen dieser Welt befallen würde? Sobald sie müde werden und einschlafen, umgibt sie plötzlich eine Hülle wie ein Kokon. Die Frauen sind nicht tot, doch sie schlafen wie Dornröschen. Plötzlich sind die Männer unter sich. Was passiert in einer Welt ohne Frauen?

70 Personen und ein Fuchs: Das Personenverzeichnis von Sleeping Beauties
70 Personen und ein Fuchs: Das Personenverzeichnis von Sleeping Beauties

70 handelnde Charaktere und einen Fuchs listet das Personenverzeichnis am Anfang des Buches auf. Die Liste dorthin zu setzen ist löblich, denn oftmals findet man eine solche erst am Ende eines Buches und ärgert sich, dass man das Who-is-who erst nach der Lektüre entdeckt hat. Doch obwohl 70 Personen nach unglaublich viel klingt, ist das für den Roman dennoch völlig unerheblich. Es hätten auch nur 40 oder 225 sein können. Denn die Personen in dieser Geschichte interessieren einen nicht wirklich. Da ist das Ehepaar Lila und Clint Norcross, die so etwas ähnliches wie die Hauptfiguren der Story sind. Sie ist der weibliche Sheriff des Städtchens Dooling in den Appalachen und er Psychiater des örtlichen Frauengefängnisses. Er hadert am Beginn des Buches mit seinem Alter und seiner Fitness, sie verdächtigt ihn, ein uneheliches Kind zu haben. In Australien, so ist in den Nachrichten zu hören, hat eine mysteriöse Schlafkrankheit einige Frauen befallen.

Nahe Dooling explodiert ein Wohnmobil, das offenbar als Drogenküche diente (Seit »Braking Bad« ist sowas ja gang und gäbe in den USA). Doch irgendetwas scheint seltsam an diesem Unfall. Auf der Landstraße liest Lila die etwas verwirrt scheinende Eve auf, die sich offenbar in diesem Wohnmobil befunden hat. Irgendwas an ihr ist seltsam, und Lila bringt sie zur Sicherheitsverwahrung ins Frauengefängnis. Dann bricht die Schlafkrankheit auch im Gefängnis, in Dooling und in den USA aus. Um Frauen, die einschlafen, spinnt sich das merkwürdige Gewebe. Schnell wird klar, dass man es nicht entfernen und die Frauen nicht wecken sollte, denn diese werden dann zu mörderischen Furien. Mit allen Mitteln – auch härteren – versuchen die noch wachen Frauen, nicht einzuschlafen.

Vater und Sohn schreiben eine Geschichte

Von Zeit zu Zeit arbeitet Stephen King gemeinsam mit anderen Schriftstellern an Erzählungen und Romanen. Man denke an das im literaturcafe.de unlängst besprochene »Gwendys Wunschkasten« oder an »Ein Gesicht in der Menge« mit Steward O’Nan. Zum ersten Mal hat King nun mit einem seiner Söhne gemeinsam einen Roman geschrieben. Allerdings nicht mit Joe Hill, der sich durchaus schon einen Namen gemacht hat, sondern mit dessen jüngeren Bruder Owen King. Man könnte strategische Absicht unterstellen. Will Stephen (70) so langsam seinen Sohn (40) als Nachfolger aufbauen? Unterstellen wir einfach, dass die beiden Spaß daran hatten, gemeinsam an einer Story zu schreiben. So vermitteln es schließlich auch die Interviews mit den beiden. Offenbar war die Zusammenarbeit sehr intensiv und die Textstellen wanderten zwischen den beiden hin und her, und das Manuskript wuchs.

Zwei Jungs, ein Buch
Zwei Jungs, ein Buch

Dass »Sleeping Beauties« zwei Autoren hat, merkt man dem Text nicht an. Es gibt keine Brüche oder sprachliche Wechsel im Buch. Der Text könnte auch ein ganz normaler Roman von Stephen King sein – allerdings leider einer der schlechteren.

Auf der anderen Seite könnte man von »Sleeping Beauties« auch behaupten, dass man dem Werk sehr wohl anmerke, dass es von zwei Männern geschrieben wurde, die dabei ihren besonderen Spaß hatten. Da gibt es blutige Tode, Explosionen und Waffen en masse. Es gibt derbe Sprüche über Frauen, weil die männlichen Charaktere des Buches nun mal einfache Menschen vom Lande sind. Einige Rezensenten betonen immer wieder, dass die Geschichte schließlich im Hillbilly-Land spiele, in einer Gegend also, in der die meisten sicherlich Trump gewählt haben. Aber will man einen Roman lesen, der von dummen Männern und unsympathischen Frauenfiguren bevölkert ist? Die meisten davon sind ohnehin nur dazu da, dass sie früher oder später auf irgendeine Art draufgehen. Niemand verlangt, dass man sich immer mit den Charakteren eines Buches identifizieren muss, aber egal sollten sie einem nicht sein. Es gibt schon in der realen Welt Männer genug mit sexistischen Sprüchen über Frauen. Warum dies dumme Gequatsche dann auch noch in einem Buch lesen? Klammheimlich muss man den beiden Autoren unterstellen, dass sie vielleicht Spaß dabei hatten, den Figuren diese Worte in den Mund zu legen.

Die Buchbesprechung im Video

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Stephen King, Owen King: Sleeping Beauties – Buchbesprechung

Wachbleiben als Substanzfrage

Wenn der Welt plötzlich die Frauen fehlen würden, so wäre dies in vielerlei Hinsicht eine furchtbare Sache. In der Geschichte hätten sich Dramen abspielen können, doch nicht so in »Sleeping Beauties«. Denn – frei nach Paulus – »wenn ich einen Roman schriebe, / hätte aber darin die Liebe nicht, / wäre er dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke«.

Denn die Menschen in diesem Roman sind nicht nur dumm, gemein oder misstrauisch – ihnen fehlt die Liebe! Stephen und Owen King schaffen es tatsächlich, fast 1.000 Seiten über Frauen und Männer zu schreiben, ohne dass darin so etwas wie echte Liebe vorkommt. Es gibt King-Romane mit unglaublich berührenden Momenten, in diesem Werk findet sich jedoch kein einziger. Zu wissen, dass der geliebte Partner, sobald er einschläft, vielleicht nie wieder aufwacht, birgt eine unglaubliche Dramatik, die in diesem Buch nicht vorkommt. Wachbleiben wird in »Sleeping Beauties« zu einer Substanzfrage, aber nie zu einer substanziellen Frage.

Auf einen anderen negativen Aspekt der Männer-Frauen-Geschichte soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden, um das Werk nicht zu spoilern.

Die Hauptmotivation, das Buch schon irgendwann vor der Hälfte überhaupt noch weiterzulesen, besteht einzig und allein darin, dass man wissen möchte, wie die Sache ausgeht. Doch auch hier hat »Sleeping Beauties« die Schwachstelle so vieler King-Romane: das alles andere als fulminante Ende, über das an dieser Stelle ebenfalls nicht mehr gesagt werden soll.

Ein Hörbuch für Unkonzentrierte

Den Roman gibt es auch in einer ungekürzten Hörfassung, die wie fast immer von David Nathan mit unglaublicher Professionalität und Präsenz eingelesen wurde. Es liegt daher nicht am Sprecher, dass einem bei der Hörfassung noch viel deutlicher wird, wie viele überflüssige Worte hier vereint sind. »Sleeping Beauties« ist im Grunde genommen ein Hörbuch für diejenigen, die immer sagen, dass Hörbücher nichts für sie seien, da sie sich beim Zuhören immer so konzentieren müssten. Hört man bei den fast 28 Stunden einmal fünf oder zehn Minuten nicht zu, so ist das auch egal. Wichtiges verpasst hat man fast nie. Irgendeiner der 70 Charaktere wird gestorben sein.

Das Hörbuch liest wie immer souverän und gekonnt David Nathan
Das Hörbuch liest wie immer souverän und gekonnt David Nathan

So bleibt am Ende dieses Romans der Eindruck, dass Vater und Sohn mächtig Spaß beim Schreiben der Geschichte hatten. Wenn man genau darauf achtet, bemerkt man, dass sie sich offenbar gegenseitig Schreibaufgaben stellten. Es fällt beispielsweise auf, dass das durchsichtige Gespinst, das die schlafenden Frauen umgibt, immer mit anderen Worten und Vergleichen beschrieben wird. Beim Fabulieren hätte jedoch ein Lektor die beiden bremsen und den Roman um mindestens 300 Seiten kürzen sollen. Und die beiden hätten wahrlich mehr Liebe in die Geschichte stecken sollen.

Wolfgang Tischer

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1 KOMMENTAR

  1. Wie von Ihnen gewohnt: ein unterhaltsamer und prägnanter Beitrag, lieber Herr Tischer.
    Was King betrifft, so habe ich lediglich ein Buch von ihm mit Vergnügen gelesen: “Das Lesen und das Schreiben”. In meinen Augen ist dieser Autor (wie so viele) überbewertet.

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