Heavenly, San Diego

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Foto: Christiane Nagler
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Mit Musik, selbst gebastelten Postern, Schmuck und schönen Worten kommen sie dir entgegen und möchten einfach reden – oder? Sie lächeln, hüpfen um dich herum und überhäufen dich mit Komplimenten. Sie sind freundlich und zuvorkommend, die Obdachlosen in Ocean Beach. Doch hinter den scheinbar sorglosen Fassaden verbergen sich tragische Schicksale.

Eine literarische Reisereportage von Christiane Nagler.

Ich höre klaren, lieblichen Gesang, der über das Treiben im nebeligen Morgens zu mir dringt. Neben der Türe des Starbucks‘ sitzt eine Indofrau und singt, während eine grau gestreifte Katze schlafend bei ihr liegt. Mit den beiden Löffeln in ihren Händen klackert sie eine taktvolle Melodie und wippt mit geschlossenen Augen ihren Kopf. Dann öffnet sie die Augen wieder, blickt über die Menschen hinweg oder an ihnen vorbei oder durch alle hindurch. Es gibt nur sie und ihre Katze.

Leute laufen an ihr vorbei, schenken ihr kaum Beachtung, vollführen alle ihr morgendliches Ritual, während die Stände für den Markt aufgebaut werden. Ein leichter Geruch mexikanischen Essens liegt in der Luft, und der Morgen räkelt sich mit all seinen Gliedern. Es ist einer dieser Momente, an denen die Sonne den Regen verabschiedet und sich wieder deutlich ihrer Herrschaft bewusst wird. Der Geruch von nassem Teer, von gemahlenen Kaffee und dem Salz des Meeres am Morgen nach einer verregneten Nacht, an dem einem alles erfrischt vorkommt: Das alles fühlt sich an wie ein Neuanfang.

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Das Erwachen des Tages

Ich stehe vom Balkon auf, und als ich zur Türe raus gehe, ist die Sängerin weg. Ich sehe mich um, nicht suchend, aber hoffend, und plötzlich steht sie vor mir. Ihre Zähne schimmern etwas gelblich und ihre Haare stehen ihr in wirren Dreads vom Kopf, aber dennoch hat ihr Gesicht etwas Schönes. Die markanten Wangenknochen lassen ihre großen Rehaugen kleiner aussehen, wenn sie lächelt. »I love your hair … and your shoes.« Sie grinst. Ich blicke runter auf meine nackten Füße und muss lachen. »Thank you.« »I‘m Heavenly«, stellt sie sich mir vor, und ihre Augen leuchten. »Have a nice day.« Sie umarmt mich. Ich nehme den süßen Geruch ihres Schweißes wahr, der mir schon allgemein vertraut vorkommt. Eigentlich will ich sagen, dass ihre Musik wunderschön zu meinem Morgenkaffee passte. Doch Heavenly läuft schon über die Straße davon, mit der Katze, die einfach auf ihrem Rucksack thront und die Welt von oben betrachtet, als wäre es das Normalste überhaupt.

In den folgenden Tagen suche ich das Gespräch mit Heavenly. Jeden Morgen höre ich ihren Gesang zu meinem Kaffee auf dem Balkon des Hostels und sehe den Leuten mit all ihrer Hektik und Nicht-Hektik in den sonnigen Tag starten, der sich am Ende wieder einmal mit einem der schönsten Sonnenuntergänge verabschieden würde. Ich erfahre, dass sie 24 Jahre alt ist und seit eineinhalb Jahren am Strand von Ocean Beach leb. Sie erzählte von ihren Eltern, weiß aber nicht, wo sie sind oder ob sie noch leben. In jungen Jahren haben sie Heavenly weggegeben, aber keine Pflegefamilie wollte sich ihrer annehmen.

»Zu frech, zu wild. Ich war ein verdammtes Kind. Hätte mir mal einer gesagt, dass ich später hier landen würde, vielleicht wäre ich nicht so frech gewesen. Was hatte ich schon für eine Ahnung von dieser Welt, aber ist doch auch nicht das schlechteste Leben.« Sie lacht und schüttelt wild den Kopf als sie das sagt.

Wieder singt sie, die Katze hat die Augen geschlossen und hebt ihren Kopf in die Sonne. Wie langsam in solchen Momenten die Zeit vergeht.

Hinter den meisten Obdachlosen steckt eine tragische Geschichte, die sie in dieses jetzige Leben katapultiert hat und wodurch es für viele aussichtslos scheint, wieder in das »normale« Leben einzusteigen. »Wenn du einmal aus dem System raus bist, ist es schwer wieder rein zu kommen«, sagt Ben einmal, ein anderer Obdachloser.

Ausgestoßen wegen Andersheit, LGBTQ-Jugendliche, Veterane, körperlich und geistig Behinderte, ältere Leute mit gesundheitlichen Beschwerden, posttraumatische Belastungsstörungen, sozial schwache alleinerziehende Frauen, Männer, Kinder.

Mehr als 500.000 Menschen leben in den USA auf der Straße, darunter sind 25% Kinder und die Zahl steigt stetig an. Es gibt viel zu wenig Notunterkünfte, Versorgungseinrichtungen, ärztliche Untersuchungsräume, allgemeine Hilfsorganisation. Das ist schon lange ein riesiges Problem in den USA.

»Ich mag mein Leben … Es ist warm, wir haben den Stand, wunderschöne Sonnenuntergänge, Musik, Luft nicht vollgepumpt mit Abgasen wie in der Stadt, mal ein bisschen Gras, mal Alkohol oder etwas anderes. Und natürlich haben wir uns. Du bist niemals allein, weißt du? Das macht dich auch von den Anderen abhängig. Aber wenn ich genug von diesem Ort habe, dann sammele ich Geld bis ich es mir leisten kann zu gehen und finde einen neuen Platz.« Justin ist ebenfalls 24 und lebt schon seit 4 Jahren auf der Straße. Eigentlich wollte er immer Geschichtsprofessor werden, konnte sich aber nie das Collage leisten.

Die Obdachlosen kennen sich alle und lachen so viel zusammen. Es ist eine Gemeinschaft, der sich viele anschließen, um nicht alleine zu sein. Jeden Tag geht es nur darum, etwas zu essen und den Tag mit Freude zu verbringen. So scheint es in einem Moment, aber im Anderen kann es ganz anders aussehen.

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Drogen, Alkohol, allgemein die Substanzabhängigkeit ist nicht unbedingt der Anfang des Prozesses, der einen obdachlos macht, sondern entsteht oft erst, wenn man schon auf der Straße sitzt, einfach um sein Leben damit ein wenig erträglicher zu gestalten. Und wie soll man auch so einfach aufhören, wenn man umgeben ist davon?

Die Löffel des Lebens

Heavenly und ich sehen uns jeden Tag kurz und reden, schenken einander Origami-Tiere und essen Tacos am Taco-Tuesday oder frisches Obst aus dem Hostel, das ich beim Frühstück mitnehme.

Manchmal kommt ihr Freund vorbei und setzt sich dazu, verschwindet aber immer wieder. Die Katze bleibt stets an ihrer Seite, liegt neben ihr, und manchmal scheint es, als würde das Tier lächeln und nichts auf der Welt könne es aus der Ruhe bringen.

Am letzten Abend laufe ich an Havenly vorbei zum Supermarkt, sie wirkt sehr nervös und aufgebracht. Ich bekomme nur ein knappes Hallo. Es ist das erste Mal, dass ich sie ohne ihre Katze sehe. Als ich fragen will, ob alles in Ordnung ist, kommt ein Mann mit halb verfaulten Zähnen und legt ihr etwas in die Hand. Sie sieht ihn an und murmelt immer wieder »Thank you, thank you so much mate, thank you«, während sie das Heroin auf ihren Löffeln vor dem gut besuchten Starbucks kocht.

Ich stehe immer noch da, ihr Anblick lähmt meinen Körper. Sie hebt ihren Kopf und mustert mich mit gierigen Augen. »What do you want? Do I know you? Fuck off!«

Die Löffel, sie schenken ihr jeden Tag alles um zu überleben. Musik, Essen, Heroin und ein Lächeln.

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