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Stärke des Banalen: »Die Tage des Rauchs« – Ellis Avery über den 11. September 2001

Ellis Avery: Die Tage des Rauchs, 11.-21. September 2001

Zum 20. Jahrestag wird viel über »Nine Eleven« geschrieben. Ganze Romane. Der Terroranschlag hat längst Einzug in die Popkultur gehalten. Ellis Avery veröffentlichte ihr Tagebuch der »Smoke Week« bereits 2003. Stärke und Nähe liegen im Banalen. Erst jetzt ist der Text auf Deutsch erschienen.

Selbst im Jahre 2021 wird in Beiträgen über die Terroranschläge des Jahres 2001 immer wieder erwähnt, dass wir alle noch wissen, wo wir damals waren und was wir gemacht haben, als entführte Linienmaschinen ins World Trade Center und ins Pentagon krachten. Auch jüngere Autor:innen schreiben mittlerweile Bücher über ein Ereignis, das als Zäsur der Weltgeschichte gilt. Die rauchenden Zwillingstürme werden zur historischen Hintergrundtapete von Romanen mit erfundenen Geschichten, wie es der Zweite Weltkrieg oder der Fall der Berliner Mauer längst geworden sind. 20 Jahre nach den Anschlägen ist »Nine-Eleven« Popkultur.

Wie viele, hat die Schriftstellerin Ellis Avery damals alles aufgeschrieben, was passiert ist. Avery, deren Roman »Die Teemeisterin« 2008 auch auf Deutsch erschienen ist, lebte damals in New York. Ihre Wohnung war 30 Blocks von den Zwillingstürmen entfernt. Vom Fenster aus konnte sie sie sehen.

In kurzen Texten und knappen Sätzen beschreibt Ellis Avery ihr Leben vom 11. bis zum 21. September 2001. Avery war nah dran und dennoch weit genug weg. Sie hat keine Angehörigen oder Freunde durch den Anschlag verloren. Die Fenster ihrer Wohnung blieben heil, selbst Asche und Staub erreichten sie nicht wirklich.

Ellis Averys Text beschreibt und wertet selten. Wie die Nachricht des Anschlags zunächst träge in die oberen Straßen Manhattans sickert. Wie Telefone und Stromnetz überlastet sind. Wie schnell Gerüchte und Verschwörungsmythen die Runde machen. Die Angst vor weiteren Anschlägen unmittelbar danach. Der Blick aus dem Fenster, wo keine Türme mehr zu sehen sind.

Und wie schnell damals von den Menschen auf der Straße aber auch vom Präsidenten die Forderung und Drohung kam, Afghanistan zu bombardieren. Zum 20. Jahrestag der Anschläge wissen wir, wie verheerend die Besetzung dieses Landes endete, von dem man am Anfang nur die Auslieferung Osama Bin Ladens verlangte.

Avery beschreibt das, was viele erlebten, viele machten, die in New York waren, die aber nicht unmittelbar betroffen waren: Man ruft seine Liebsten an und versichert, dass es einem gut gehe. Sie will Blut spenden, wird jedoch abgewiesen. Avery läuft durch die Straßen und sieht immer mehr der Zettel, mit denen die Menschen ihre Angehörigen suchen. Mit Entsetzen und Voyeurismus nähert sie sich dem Unglücksort.

Avery produziert Postkarten im Copyshop und hängt diese ebenfalls überall auf, darauf die E-Mail-Adressen von Politikerinnen und der Medien. Ihre Forderung endet: »Ich bitte darum, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, ohne das Leben unschuldiger Menschen zu gefährden.« Eine hilflose Geste, die das damals übliche Weiterleiten von Kettenbriefen in die Wirklichkeit bringt. Hilflosigkeit und die erste leichte Ahnung, dass sich am 11. September 2001 etwas verändert hat.

Ansonsten bleibt Averys Text im alltäglich Banalen und Persönlichen einer merkwürdigen Zeit. Da war eine Ahnung, aber noch kein Abstand.

Wie Sharon Marcus in einer Nachbemerkung zu den Tagebuchnotizen Ellis Averys schreibt, hatte damals kein Verlag Interesse daran. Es sei eher eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen als ein Text über den Anschlag des 11. Septembers, lautete das Urteil. Aus der heutigen Sicht begründet man diese ablehnende Haltung damit, dass der Verlagsbetrieb »heteronormativ und überwiegend weiß« sei. Bei nüchterner Betrachtung mag diese Begründung genauso fadenscheinig sein, wie die damalige Einschätzung des Textes selbst.

Ellis Averys Tagebuchaufzeichnungen sind banal. Ihre Geschichte ist austauschbar. Sie beschreibt etwas, das viele erlebten, so wie sich alle daran erinnern können, wo sie am 11. September 2001 waren. Schon damals scheint sich Avery dieser Tatsache bewusst zu sein. Das Leben in seiner Banalität geht weiter. Und dennoch ist etwas verschoben worden. Die Stärke ist die Banalität.

2003 erschienen die Aufzeichnungen unter dem Titel »The Smoke Week« schließlich beim kleinen unabhängigen Verlag Gival Press. Genau zur rechten Zeit hat der kleine unabhängige Verlag Lilienfeld den Text in der deutschen Übersetzung von Alex Stern veröffentlicht. Ellis Avery verstarb 2019 an einem Krebsleiden. Sie wurde 46 Jahre alt.

Wolfgang Tischer

Ellis Avery; Sharon Marcus (Nachwort); Alex Stern (Übersetzung): Die Tage des Rauchs: 11.–21. September 2001. Gebundene Ausgabe. 2021. Lilienfeld Verlag. ISBN/EAN: 9783940357892. 18,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

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