
»Männer sind Schweine«, sangen einst die Ärzte. Im Fall des als TikTok-Phänomen angepriesenen Romans »Zart ist das Fleisch« von Agustina Bazterrica kriegen geschlechtsunabhängig alle ihr Fett weg. Allerdings ist es ranziges Fett, wenn auch hübsch verpackt in einem haptisch aufwendig gestalteten Cover.
Wenn der Mensch zum Schlachtvieh wird
Der Reihe nach: Ein südamerikanisches Land, irgendwann in näherer Zukunft. Eine nicht exakt bestimmte Pandemie hat zur Vernichtung nahezu sämtlicher Tiere geführt, es gibt noch einige wenige, aber die sind so selten, dass die Begegnung mit ihnen als Sensation gilt und keines von ihnen es noch auf den Speiseplan schafft. Weil, zumindest in der Welt der Autorin, Menschen gierige Fleischfresser sind und sowieso eine Überbevölkerung droht, ist man nach einigen Anpassungsschwierigkeiten dazu übergegangen Menschen genauso zu behandeln wie Schlachtvieh. Mit anderen Worten: Man mästet, schlachtet und isst sie. Es existieren also Farmen, Viehtransporte, Jagdreviere, Schlachthöfe und Gerbereien, in denen Menschen aufgezogen, verschifft, getötet, gejagt, zerlegt und für den Verzehr aufbereitet werden. Wer wo wie und wann das humane Schlachtvieh von denen scheidet, die es essen dürfen, geht nicht klar aus dem Text hervor. Und das ist nur eines der Schwierigkeiten, die der Text hat.
Ein Held ohne Kontur
Held des Romans ist ein Schlachthofmitarbeiter im mittleren Management, dessen Alltag das Buch erzählt. Er hat vor einiger Zeit sein Kind verloren, lebt temporär getrennt von seiner Frau und liebt seinen inzwischen in Demenz abgeglittenen Vater, dessen Pflegeplatz in einem Heim er bezahlt.
Dieser Marcos ist ein Mensch fast ohne Eigenschaften. Denn abgesehen davon, dass er hin und wieder Sex mit einer freien Metzgerin zwischen blutigen Extremitäten hat, seine Frau schon irgendwie noch liebt und sich für seinen Vater verantwortlich fühlt, erfahren wir nahezu nichts über sein Innenleben.
Ah ja, er verachtet seine Schwester und deren Familienidyll mit Ernährer und Zwillingsteenagern in der Vorstadt.
Weil ihn ein Lieferant von Superdelikatessenfleisch zu bestechen versucht, landet eines Tages eine junge Frau in seinem Hof, die er schlachten, verkaufen oder weiter mästen kann, ganz wie es ihm beliebt. Nur mit ihr schlafen oder sie als menschliches Wesen behandeln hätte Strafen und gesellschaftliche Ächtung zur Folge.
Vom Ladenhüter zum TikTok-Hit
Bereits 2020 einmal unter dem Titel »Wie die Schweine« im Hardcover bei Suhrkamp erschienen, hat der Verlag das Buch nach einer offenbar großen internationalen Beachtung in den Sozialen Medien neu aufgelegt.
Allerdings nicht unter dem ursprünglichen deutschen Originaltitel, sondern als »Zart ist das Fleisch«, einer Neuübersetzung des Titels, den das Buch in seiner englischen Übersetzung bekam. Dass sich darauf keinerlei Hinweis im Buch findet, kann man schulterzuckend entweder als Versehen oder Marketingmasche verbuchen. Man darf es allerdings auch schlicht und ergreifend relativ unaufrichtig finden.
Figuren ohne Fleisch und Blut
Die Autorin, geboren 1974 in Buenos Aires, stammt aus einer geradezu von Fleischverzehr besessenen Kultur, sodass es naheliegend ist, dass sie in einem Roman Züchtung und Schlachtung thematisiert, um bestimmte landestypische Kulturphänomene oder die in ihrer Heimat immer noch vorherrschende Machokultur auf die Schippe zu nehmen. Ihr das allein zum Vorwurf zu machen wäre kleinlich. Was man ihr aber durchaus vorwerfen kann ist, dass sie Figuren ohne Ecken und Kanten geschaffen hat, deren Handlungen und – wenige Reflexionen – einzig um des größtmöglichen Schockfaktors wegen stattfinden. Dazu passt, dass Haupt- und Nebenfiguren schlichtest möglich entweder nur als schön, alt, schlank, fett oder entsprechend ihrer ethnischen Herkunft charakterisiert werden.
Literarisch und psychologisch ist die Personage dieses Buches so spannend wie Wandfarbe beim allmählichen Eintrocknen zuzuschauen. Ein gewisser Handlungsstrang existiert zwar durchaus. Doch der ist so durchschaubar, dass es auf eine verquere Art fast schon wieder aufregend ist zu erfahren, dass genau der erwartete Plottwist genauso wie erwartet eintritt.
Ausbleibender Schock
Was den Schockfaktor betrifft, der in verschiedenen Besprechungen des Romans so reh- oder hirschäugig herausgestellt wurde, so kann man den zwar für Leute nachvollziehen, die glauben wollten, dass Steaks in Supermarktkühlregalen wachsen. Alle übrigen Menschen, von denen der Rezensent davon ausgeht, dass sie die Mehrheit darstellen, sind zweifellos rasch gelangweilt davon. Zumal da offenbar eins zu eins Technologien und Gerätschaften aus der Massentierschlachtung für Menschen übernommen wurden, die nicht plausibel wirken.
»Zart ist das Fleisch« ist von Leserinnen und Lesern und in einigen Kritiken als Kapitalismussatire verstanden worden. Satire lebt schließlich von Tabubrüchen und davon gibt’s einige im Text. Aber auch die gröbste Gesellschaftssatire funktioniert halt dramaturgisch nur, solange sich in irgendeiner Weise eine emotionale Bindung der Leserinnen und Leser zu den im Text beschriebenen Personen herstellen lässt. Die Figuren dieses Romans sind jedoch klischeehafte Abziehbilder, deren Entscheidungen und Schicksale kalt lassen. Selbst Edward Lee, US-amerikanischer Großmeister der bewusst unsubtilen Horrorschlachteplatten, vermag es seinen Figuren mehr Tiefenschärfe zu verleihen als es der Autorin mit ihrer Personage gelungen ist.
Besser gleich die Originale
Dieser Rezensent rät Leserinnen und Lesern: Greifen Sie zum literarischen Original, falls Ihnen nach einer Horrorshow ist: Lesen Sie Margaret Atwoods »Report der Magd«, lesen Sie Angela Carters »Haus des Puppenmachers« oder »Blaubarts Zimmer«, lesen Sie Pavel Kohouts grandiose Totalitarismussatire »Die Henkerin«. Wer’s handfester blutig tropfender mag, schaue sich im Programm des Leipziger Festa-Verlages um, der deutschsprachigen Adresse für Horror in all seinen schwarzen, roten oder bunt schillernden Variationen.
David Gray
Agustina Bazterrica; Matthias Strobel (Übersetzung): Zart ist das Fleisch: Roman. Taschenbuch. 2026. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518475485. 12,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Agustina Bazterrica; Matthias Strobel (Übersetzung): Zart ist das Fleisch: Roman. Kindle Ausgabe. 2026. Suhrkamp Verlag. 11,99 € » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

