
Alle Jahre wieder fährt Barbara Fellgiebel zum Louisiana Literaturfestival in Europas schönstem Museum für moderne Kunst nach Humlebaek, nördlich von Kopenhagen, südlich von Helsingör. »Ein Kulturorgasmus, auf den ich nicht verzichten möchte«, schreibt die Autorin. Von Barbara Fellgiebel. Fotos: Dagmar Wallen und die Autorin.
Auch in diesem Jahr nehme ich nur an einem der vier Festivaltage teil, und zwar am Samstag, dem 22. August 2026. Nelio Biedermann und Siri Hustvedt gehören in diesem Jahr zu den Starautoren – beide verpasse ich. Die heute auf dem Programm stehenden Autoren sind mir weniger geläufig – umso mehr freue ich mich auf mögliche ALFA-Effekte, d.h. Autoren kennenzulernen, die faszinieren und unbedingt von mir gelesen oder per Audiobuch gehört werden wollen.
Nach diesem Wahnsinnssommer mit Extremtemperaturen hat sich leider gerade zum Literaturfestival viel Regen angesagt und der Samstag erweist sich als der regenärmste.
Da die meisten Veranstaltungen im Freien stattfinden, ist eine gewisse Trockenheit von großer Bedeutung.

Die Stimmung ist wie immer erwartungsvoll, neugierig, zugewandt, aufgeschlossen. Vielen Anwesenden scheint es egal zu sein, wer da auftritt – sie lassen sich nur gar zu gern überraschen von dem, was sie zu hören bekommen. Andere sind Experten und speziell zu gerade diesem Auftritt, gerade diesem Autor oder jener Autorin gekommen.
Wir, das ist in diesem Jahr meine fotografierende Kollegin und Freundin Dagmar Wallen aus Stockholm und ich. Dagmar ist Louisianaerstbesucherin. Heute ist von 10 – 19 Uhr geöffnet. Wir treffen um 10:40 Uhr ein und haben entsprechend keine Parkplatzfindungsprobleme und überhaupt gut Zeit, vor dem Beginn des Literaturprogramms um 12 Uhr die Kunstausstellungen genießen zu können, allen voran Lucian Freud, ein Enkel von Sigmund. Wir betrachten die Freudausstellung ungewollterweise von hinten nach vorn. Auch interessant und Aha-Erlebnisse bescherend.

Die so sehr geglückte Verschmelzung von Kultur und Natur ist jedes Jahr aufs Neue zu bestaunen.
Mein Kunst-Highlight ist der Neuerwerb Akuas überlebende Kinder des ghanaischen Künstlers El Anatsui. Anlässlich eines Residenzaufenthaltes unweit von Humlebaek fand der Künstler 1996 verwittertes Treibholz am Strand und stellte daraus diese beeindruckenden Figuren her. Sie wirken wie eine Gruppe von Sklaven, die aus dem Meer zurückkehren.

Punkt 12 Uhr beginnen die Literaturveranstaltungen. Im Konzertsaal ein Gespräch zwischen zwei dänischen Autoren, auf der Villabühne, das heißt im Garten, Kindertheater: Lille Tut på eventyr.
Da wir beide des Dänischen nicht gerade mächtig sind, wählen wir das Kindertheater und nehmen dort unser mitgebrachtes Picknick zu uns. Wie clever von den Veranstaltern, auf diese Weise junge Familien ins Museum zu locken. Wie schön, kunterbunte Patchwork-Familien beobachten zu können. Gleichgeschlechtliche Eltern, extrem junge Eltern, Großeltern, alles ist vertreten. Lit.festivalchef Christian Lund lässt es sich nicht nehmen, in den Reihen Freunde und Bekannte mit herzlichen Händedrücken zu begrüßen. Und dann ist er auch schon weg und die Bühne gehört Lille Tut, bzw. Sille Grønberg und Palle Windfeld. Ich stelle mir vor, meine Enkel hier dabeizuhaben. Sie hätten kein Wort verstanden und wären doch fasziniert.
Es gelingt uns, Karten für den immer ausgebuchten Konzertsaal zu ergattern und so lauschen wir von 14 bis 15 Uhr Katie Kitamura und Vincenzo Latronico. Beide sind mit ihren Romanen für renommierte Preise nominiert worden: Kitamura stand mit Audition auf der Shortlist des Booker Prize und war zudem Finalistin für den Pulitzer-Preis, Latronico kam mit Perfection auf die Shortlist des International Booker Prize..

Sie sind sich vor vielen Jahren erstmals begegnet, als sie beide erfolglos schrieben und jeden Job annahmen, nur um überleben zu können. Ihre Unterhaltung ist wie ein Pingpongspiel – schlagfertig, wohlformuliert, sparsam auf den Punkt gebracht, bringen sie einander (und das Publikum) zum Lachen, machen respektvolle Bemerkungen zum Werk des anderen, staunen über ihr Gegenüber und das Schönste:
Die clevere Moderatorin Gyrith Ravn hält sich total zurück, stets bereit einzugreifen, zu beschwichtigen oder zu erklären, aber nie sich selbst in den Vordergrund stellend und ihre wohlformuliert vorbereiteten Fragen unbedingt stellen zu müssen. Das war bei manchen ihrer (überwiegend aber nicht nur männlichen) Kollegen in den vergangenen Jahren anders. Ich beglückwünsche sie nach dem Gespräch dazu und sie meint erfreut: Ja, mir ist klar, dass kein Mensch hier ist, um MICH zu hören! Vielleicht bitter, aber wahr für alle Moderatorinnen und Moderatoren.

Die 1979 in der USA geborene Katie Kitamura ist zweisprachig aufgewachsen (japanisch und englisch). Ihr jüngstes Buch Audition gehörte zu Barack Obamas Lieblingsbüchern des Jahres 2025. Es besteht aus zwei Teilen, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören. Eine gleichzeitige 2-story-line nennt sie das.
Auch bei Vincenzo Latronico zerfällt das Buch Die Perfektionen in zwei Teile: Der erste spielt in Berlin, der zweite in Lissabon. Zu 126 Seiten hat der geniale Autor diesen europäischen Generationsroman verdichtet, der eigentlich nichts anderes als die moderne Fassung von Die Dinge von George Perec ist.
Beide Autoren sind erstaunt, wie die Kritiker ihre Charaktere interpretieren. Beide Bücher scheinen zum Schreiben zu ermuntern. So gibt es Leitfäden »how to read Perfection«. Begriffe wie relatability, false consciousness und performativity werden dem Publikum an den Kopf geworfen.
Katie fragt Vincenzo, wann bei ihm der moment of commitment eintrat.
Er: Sieben Jahre ohne Buchveröffentlichung, nach meiner täglichen Meditation und vor meinem täglichen Yoga. An seinem Geburtstag schickte er das fertige Manuskript an seine Agentin mit den Worten:
Ich bitte um Entschuldigung, dass Sie sieben Jahre nichts von mir erhalten haben. Nun kommt etwas, was Sie nicht erwartet haben. Dieses Buch ist sehr dünn, kein Dialog, keine Handlung, die Kopie eines in den 60-er Jahren auf Französisch erschienenen Buches (Die Dinge von George Perec).
Das Publikum johlt.

Für die Nominierung zum International Booker Prize hat es gereicht.
Amüsiert und bereichert begeben wir uns zur Parkbühne: Dort wird um 16 Uhr der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov von Kim Skotte interviewt. Der 1968 in Jambol geborene Bookerpreisträger hat seinen Vater »zu Tode gepflegt« und diese Pflege dokumentiert. Herausgekommen ist Der Gärtner und der Tod.

Dieser sympathische Mann erzeugt nicht nur bei mir einen ALFA-Effekt und noch während er von seiner Pflege und dem Nahekommen von Vater und Sohn erzählt, lade ich das Hörbuch sofort herunter. Der Vorleser Oliver Dupont legt lautstark los, ich drücke panisch den Mute-Button, aber mein widerborstiges Handy weigert sich, den Ton abzustellen. Wie peinlich!
Der 1944 geborene Vater war Gärtner und Poet, ohne es zu wissen. Vor 17 Jahren bekam er die Diagnose »Sie haben noch ein Jahr zu leben« – 17 Jahre später lautet die Diagnose: Noch einen Monat. Diesen Monat verbringen Vater und Sohn in Georgis Wohnung und der Sohn tut alles für seinen Vater. Als er diesem die Windeln wechselt, bekommt er Vaters viertes Lob im ganzen Leben.
Georgi erklärt uns die bulgarische Tradition, Pflanzen und Tieren das Ableben ihres Besitzers mitzuteilen. »Dem Esel pustest du zweimal ins Ohr – dann weiß er Bescheid.«
Georgis Themen sind Homecoming und Nostalgie. »Wenn ich gefragt werde, wo ich zu Hause bin, sage ich: ich weiß nicht, ich hab kein Zuhause. Wir sehnen uns nicht nach einem Ort, sondern nach der vergangenen Zeit!« Beeindruckend schildert er seine Kindheit:
»Die Väter waren abwesend und deshalb so wichtig für die Söhne.«
In den drei Wochen vor dem Tod lernt der Sohn seinen Vater erst wirklich kennen.
Am Abend vor seinem Tod legt er sich neben den Vater und hält dessen Hand. Da sagt der Vater: Kümmere dich um meine ID-Karte – morgen wirst du sie brauchen. Und genauso war es.
Man kann über das Sterben schreiben, aber nicht über den Tod.
Bewegt und bewegend endet dieses Gespräch.

Das letzte Gespräch des Tages wird von der sympathischen Synne Rifbjerg moderiert. Sie lauscht belustigt dem culture clash zwischen der Amerikanerin Elizabeth Strout aus Maine und dem 20 Jahre jüngeren Schotten Douglas Stuart aus Glasgow. Sie ist Pulitzerpreisträgerin (für Olive Kitteridge), er erhielt für sein Debut Shuggie Bain 2020 den britischen Booker Prize und steht mit seinem dritten Roman John of John wiederum auf der Longlist für den Booker Prize. Vor seiner Schriftstellerkarriere war Stuart Modedesigner in New York und arbeitete u. a. für Calvin Klein, Ralph Lauren und GAP.
Beide leben in New York und sind Nachbarn – auf Bücherregalen! Denn ihre jüngsten Neuerscheinungen liegen in vielen Buchhandlungen nebeneinander. Sie sind sich sympathisch und ihre so besondere Art und Weise, die eingeschneite Kleinbürgerlichkeit ihrer Herkunft miteinander zu vergleichen, ist bittersweet.
Dass Elizabeth Strout zu den angesehensten Erzählerinnen der amerikanischen Gegenwart gehört, für ihr Gesamtwerk den Siegfried-Lenz-Preis und von Denis Scheck das Prädikat »ganz große Erzählkunst« erhalten hat, erfahre ich erst, als ich wieder zu Hause bin.
Hoch zufrieden, aber überwältigt von so vielen Eindrücken verlassen wir Louisiana in der Gewissheit: Ein Besuch hier lohnt IMMER – egal wen man erleben darf. Vorausgesetzt, man versteht gut Englisch und am liebsten auch Dänisch.
Es gibt vier Bühnen, zwei drinnen, zwei draußen. Die größte ist die Parkbühne mit großem, an drei Seiten offenem Zelt und Bestuhlung für mehrere Hundert Personen. Links des Zelts ist diesmal erstmalig ein mehrere Quadratmeter großer Bildschirm aufgebaut, der vielen hundert Besuchenden den sonst vom Zeltdach versperrten unbehinderten Blick auf die Bühne gewährt. Welch willkommene Verbesserung.
Ich komme zu dem Schluss: egal, wen man sich anhört – Louisiana Autorengespräche sind immer besonders und bereichernd.
Barbara Fellgiebel



Ein sehr inspirierender Artikel, der Besuch auf einen Louisiana -Besuch macht.
Ich habe mir 2 Titel notiert.
Die Treibholz-Installation lässt mich primär an Geflüchtete denken.