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Reiseliteratur und Nachhaltigkeit: Was für ein scheißgeiles Leben

Auch Birgit-Cathrin Duval zieht bisweilen mit Mann und Hund in die wilde Natur und übernachtet draußen. Aber wollt ihr das wirklich lesen? (Foto: Birgit-Cathrin Duval)
Auch Birgit-Cathrin Duval zieht bisweilen mit Mann und Hund los in die wilde Natur und übernachtet draußen. Aber wollt ihr das wirklich lesen? (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Reiseblogger ziehen als »digitale Nomaden« um die Welt. In Blogs und auf Instagram berichten sie von ihrem »scheißgeilen Leben« – und immer mehr von ihnen veröffentlichen Bücher. Aber will man die wirklich lesen?

Neulich erhielt ich die Pressemitteilung eines Verlages. Das ist nichts Neues. Als Journalistin erhalte ich täglich viele Pressemitteilungen. Die meisten lese ich nicht, weil sie für mich nicht relevant sind. Manche lese ich, weil ich sie interessant finde und sie mich neugierig machen. Diese Pressemitteilung las ich, weil ich einfach nur mit dem Kopf schütteln konnte:

Sie hatte Flugangst, Angst vor Schießereien in der City, vor Autopannen in der Wüste und Hunden hinterm Gartenzaun. Sarah Bauer schien die Neurosen gepachtet zu haben und dennoch wagte sie die Reise ihres Lebens: allein durch die USA, 13.000 km mit Flugzeug, Bus und Auto. Von New York bis Chicago, über die Route 66 bis Los Angeles und San Francisco. In dem neuen Reisebuch »Angst ist keine Ausrede« (National Geographic) beschreibt sie, wie es ihr gelingt, sich ihren Ängsten zu stellen – und ihren Lebenstraum zu leben.

Seit längerer Zeit gibt es eine regelrechte Schwemme dieser Bücher. Der Inhalt ist stets derselbe. Aufbruch aus dem alten Trott. Losziehen (meistens wird in einem umgebauten Van losgefahren) und meistens sind es Bücher von Influencern, die eine stattliche Anzahl von Follower haben.

Vor einem Jahr habe ich mir ein Rezensionsexemplar eines solchen Buches kommen lassen. Die Presseinfo lautete:

Durch die ganze Welt reisen – im eigenen kleinen Haus- und den Hund immer dabei? Für viele ein Traum und Lisa Leschhorn lebt ihn. In der Neuerscheinung »Vier Pfoten ein Van« aus dem Bruckmann Verlag nimmt die Autorin uns mit auf ihre spektakuläre Reise:
Atemberaubende Fotografien von Silvio Schatz zeigen den süßen Vierbeiner vor den schönsten Kulissen, welche die Natur Europa und Kanadas zu bieten hat. Doch nicht nur das: Neben großen Gefühlen enthält der Band auch nützliche Alltagtipps für alle,  die auch von einem Vanlife mit Hund träumen.

Ich mag Hunde und liebe Kanada. Vielleicht hat mich das dazu bewogen, das Buch anzufordern. Die »atemberaubenden Fotografien« entpuppten sich als nette Fotoalbumbilder. Und statt Hund ist meist das Paar (plus Hund) zu sehen, wie die beiden in ihrem Van leben.

Geschrieben ist es so, wie Influencer ihre Blogs schreiben: »Ich habe dies gemacht und dann habe ich das gemacht und dann sind wir hierhin gefahren und haben das erlebt …« – ihr versteht, was ich meine.

Wer liest sowas? Ich jedenfalls nicht. Das Buch ist wunderschön gestaltet, sogar mit Lesebändchen, aber es bietet mir null Lesefreude und keinen Mehrwert.

Und auch auf die Cocktails und Kochrezepte »Unsere absoluten Vankitchen-Lieblingsgerichte für Frühstück, Lunch und Dinner haben wir für euch zusammengefasst« habe ich keine Lust.

Denn gleich folgt der Hinweis: »Wenn ihr unsere Gerichte kocht, oder euch unsere Getränke mixt, dann taggt uns doch gern auf Instagram. Wir freuen uns, eure Leckereien zu sehen, und posten es gerne in unserer Instagram-Story, um die tollen Gerichte zu sehen.«

Warum? Weil einem die Schreibe der Autorin ständig das Gefühl gibt, dass nur das Vanlife-Leben fetzt und nur das Essen, das man sich im Van zubereitet, natürlich mit Blick auf See oder Meer, schmecken kann.

Aus dem Grund werde ich mir »Angst ist keine Ausrede« keinesfalls zukommen lassen. Ich weiß, es endet mit derselben Enttäuschung. Ein Blick auf das Blog der Autorin bestätigt mir das:

Ich bin Sarah, 30 Jahre jung und inspiriere dich zu dem scheißgeilen Leben, von dem du jeden Freitag nach Feierabend heimlich träumst. Ohne Kompromisse, frech und gnadenlos realitätserprobt.
Von der hirntoten Vollzeit-Angestellten zur digitalen Nomadin. Von 6 Wochen Jahresurlaub zu 6 Monaten Reisen. Vom konventionellen Konsum zum befreienden Minimalismus. In einer interkulturellen Fernbeziehung mit ein paar Jahrzehnten Altersunterschied und meinem absoluten Seelenverwandten.

ICH – ZEIGE – DIR. Es ist dieser Ton, dieses »Ich weiß, wie das Leben geht, und ich zeige es dir jetzt!« Diese Ansprache! Nein, danke. Da hab ich keinen Bock drauf. Für mich klingt das nach unterschwelliger Unterstellung, nach Anmaßung. Als hätte man als hirntote Vollzeit-Angestellte kein scheißgeiles Leben. Als wäre ihre Lebenseinstellung die einzig richtige. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass ich bereits seit vielen Jahren ein scheißgeiles Leben führe und nichts vermisse?

Und: Wer für eine Fernbeziehung über den Ozean pendelt, der braucht mir nichts davon zu erzählen, dass er es vom konventionellen Konsum zum befreienden Minimalismus geschafft hat.

Wobei wir wieder beim Thema sind: Bücher, die Mehrwert besitzen, die nachhaltig sind. Die den Leserinnen und Lesern Genuss beim Lesen bereiten, Relevanz für ihr Leben besitzen und ihr Leben nach dem Lesen des Buches auf die eine oder andere Weise bereichern. Die ihnen nicht die Welt erklären und wie das mit dem Leben so funktioniert.

Zu diesem Thema mache ich mir sehr viele Gedanken. Schließlich bin ich selbst Autorin und habe mehrere Bücher veröffentlicht. Schaffe ich mit meinen Büchern einen Mehrwert? Erzähle ich meinen Leserinnen und Lesern etwas Neues, das sie noch nicht kennen? Haben meine Bücher in einigen Jahren noch Relevanz?

Neulich habe ich mit Leona, der @heimatnomadin, darüber gesprochen. Wir tauschen uns zurzeit oft über dieses Thema aus. Was drücke ich mit meinen Blogbeiträgen, was mit meinen Instagram-Posts aus? Ist es relevant? Ist es nachhaltig? Oder ist es bloßes Gesülze, Bilder die Kaffeetassen auf Kochern zeigen, Vans, die irgendwo im Wald stehen, wo sie nichts zu suchen haben, Lagerfeuer, die irgendwo zwischen Tannen und Fichten lodern, obwohl offenes Feuer im Wald verboten ist? Was hat dieses Instagram mit uns gemacht, dass es wichtiger ist, ein Bild von meinem Biwak im Naturschutzgebiet zu posten, als darauf zu achten, wie wir die Natur und die Wildtiere respektieren?

Ist das besser? Mikroabenteuer-Buch von Christo Foerster (Foto: Birgit-Cathrin Duval)
Ist das besser? Mikroabenteuer-Buch von Christo Foerster. (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Leona geht es genauso wie mir: Wie schaffen wir es, nachhaltig und mit Mehrwert zu leben und darüber zu berichten? Einer, der das bereits eine ganz Weile tut, ist Christo Foerster mit seiner Mikroabenteuer-Idee. Darüber hat er bereits mehrere Bücher verfasst. Wie es gelingt, vor der eigenen Haustür Abenteuer zu erleben. Das ist nachhaltig, klug und interessant geschrieben. Das sind Bücher, die einen echten Mehrwert besitzen. Und von solchen Büchern möchte ich künftig mehr lesen.

Was meint ihr? Lest ihr Reisebücher? Welche lest ihr und warum? Glaubt ihr, dass man in einem Van und mit Hund ein besseres Leben führen kann? Schreibt es unten in die Kommentare. Ich bin gespannt auf eure Meinung!

Birgit-Cathrin Duval

9 Kommentare

  1. Liebe Birgit,
    sehr gut beschrieben!!! Statements und Beschreibungen, die unterschwellig nur den Zeigefinger heben oder sich selbst beweihräuchern haben keine Nachhaltigkeit. Denn was für mich das Richtige ist, entscheide ich selbst. Ob auf dem Berggipfel im Morgengrauen, auf Exkursion in historischen Tempeln oder bei einer Outdoortour im Van mit Hund.
    Anregungen hole ich mir, egal ob aus Büchern oder Blogs. Wohlgemerkt Anregungen.
    Kurz, gut recherchiert, treffend beschrieben, gut fotografiert und mit etwas Humor gewürzt, das sind Bücher/Blogs mit Nachhaltigkeit.
    Und manche stecken sogar im Reisegepäck.
    Der Autor denkt sogar an das Format – bravo
    Liebe Grüsse Katrin

  2. Liebe Birgit, du hast es auf den Pinkt gebracht: es geht nicht um Informationen, sondern um Selbstdarstellung. Es gibt aber auch sehr gute Aussteigerbücher, nur habe ich schon sehr lange keins mehr gefunden. Mein absolutes Lieblingsbuch in dem Genre ist „Der Ruf der Kalahari“ von Mark und Delia Owens, die „Der Gesang der Flusskrebse“ geschrieben hat.

  3. Liebe Birgit,

    ich stimme dir in so vielem zu – und habe doch selbst ein ähnliches Buch geschrieben. Wie du möchte ich aber relevant schreiben, nicht ein Klischee auf das nächste stapeln und daneben ein gefiltertes Selfie setzen.

    Könntest du dir vorstellen, mein Buch (letztes Jahr erschienen) so kritisch zu lesen, wie du es mit dem Angst-Ausreden-Buch getan hast? Deine Meinung würde mich sehr interessieren.

    Es geht mir nicht um Werbung für das Buch, sondern um eine fundierte Meinung. Freunde und Verwandte finden ja meist alles gut…

    Herzliche Grüße aus Kiel
    Eva

  4. Na, da bin ich aber froh, dass ich übliche Reiseführer für Touristen schreibe. :-)
    Sonst würde ich vielleicht auch mein Fett abbekommen.
    Ein Digitaler Nomade oder Influencer, der sein Glück gefunden hat und davon Leben kann, hat meines Erachtens jedoch viel richtig gemacht. Die Lebensentwürfe unterscheiden sich eben. Auch in anderen Genres gibt es Schrott. Am Ende ist im Leben immer der Erfolg entscheidend.
    http://www.zum-nachreisen.de

  5. Großartig geschrieben. Vor allem vor dem Hintergrund selbst Autor zu sein und waschen Servus Welt gesehen zu haben. Influencer Schreibe ist und bleibt furchtbar schlicht und simpel. Bestenfalls Deutschrap bietet noch weniger Stil.
    Darum schreibe ich Romane und Shortstories. Die berichten auch vom Unterwegs, aber in gut.

  6. Vielen Dank für den erfrischenden Artikel. Ich hab schon immer Bücher an die Wand geschmissen (tatsächlich!), die mir erzählen, wie ich leben (erziehen, arbeiten, spielen etc) SOLL oder MUSS, damit ich den Vorstellungen irgendwelcher Autoren entspreche.

  7. Hallo Birgit,

    hier ein spannendes Buch über eine Reise mit Mehrwert.
    Nein, man muss nicht mit ZEN vertraut sein und auch nicht zwingend mit Motorrädern. diese Reise die man beim lesen miterleben kann ist überaus facettenreich.
    Der Titel passt in die Zeit in der das Buch von Herrn Pirsig geschrieben wurde:
    Robert M.Pirsig: ” Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten “.
    Für mich war uns ist es d a s Reisebuch.

    Grüsse aus dem Berneroberland

  8. Hallo Birgit, ich gebe dir recht was das Unspannende an diesen Reisebüchern angeht. Ich selbst würde so ein Buch nicht kaufen, es interessiert mich auch nicht, was man mit Van und Hund erleben kann. Auch gefallen mir diese Begrifflichkeiten wie “hirntot” nicht. Ich arbeite im Gesundheitswesen. Reiseberichte (Europa, Asien und USA) veröffentliche ich als Selfpublisher auch, aber hier geht es ausschließlich ums Motorradfahren in dreiwöchigen Urlauben. Das ist der Unterschied zu Aussteigern. Diese Berichte von anderen Motorradfahrern verschlinge ich förmlich. Ob das nachhaltig ist, kann ich nicht beurteilen.
    Grüße Margitta Bieker

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