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Eine Textkritik am Rande des Abhangs

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In einer Nacht vom 28. Februar auf den 1. März tobte ein Sturm über Deutschland, Österreich und die Schweiz. Ein Ergebnis dieses Ereignisses wog 2430 Gramm, hatte eine Länge von 48 Zentimetern und erhielt den Namen des Sturms: Wiebke. Das ist banal. Die schönsten Frauennamen enden auf a. Sturmunabhängig.

Die Eltern lebten noch manches Jahr neben sich her. Weitere Stürme kamen nicht auf.

Wiebke blieb leicht, von kleiner Statur, und trug mit vier Jahren eine Brille zwischen dem Kastanienrot ihrer Haare.

Die Mutter ging Zigaretten holen, als Wiebke fünf Jahre, 364 Tage und sieben Stunden alt war. Sie kam nie zurück. Manche Frau lebt, was Mann will. Mehr gibt es an dieser Stelle nicht zu sagen.

Ihren sechsten Geburtstag feierte Wiebke ohne schriftlichen Gruß und Sopran beim Geburtstagsständchen. Den Kuchen hatte der Bäcker die Straße quer gegenüber gebacken. Wie jeden Tag. Wiebkes Vater konnte nicht backen. Ein Herd, viele Schalter. Es gab auch Licht auf dem Geburtstagstisch – eine selbstklebende Leuchtfolie in Neongrün, mit den Jahren ausgewechselt in LED-Lauflicht-Streifen mit Farbwechsel.

In dem Film Hass heißt es am Anfang und am Ende: »Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von ’nem Hochhaus fällt. Während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut …‘. Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung!« Stimmt.

Wiebkes Vater heißt Hugo. Er ist 31 Jahre alt, von Sternzeichen Widder. Mancher weiß nun alles, was er wissen muss. Hugo trägt ein voreiliges Grau in den Schläfen und er arbeitet in Wechselschicht. Früh – spät – nachts. Seine Arbeitskleidung ist eine blaue Latzhose, die er häufig wechseln muss aufgrund der Hitze am Arbeitsplatz.

Hugo schäumt in einem Automotive-Unternehmen. Er ist so wenig Schäumer wie einer, der bohrt, ein Bohrer ist. Nicht jede Tätigkeit verdient einen eindeutigen Namen. Hugo hilft bei der Fertigung von Stoßfängern, Kotflügeln, Längsträgern und Heckspoilern für noble Karosserien wie Bentley, Bugatti, Lamborghini und Porsche. Sein eigenes Auto ist ein alter Ford Escort LX Overwiew, rot, Baujahr 1996. Dieses Verkehrsmittel wird bei der nächsten TÜV-Prüfung gnadenlos durchfallen. Das ahnt Hugo schon heute.

Wenn Hugo Spät- oder Nachtschicht hat, darf Wiebke auf dem Weg in den Kindergarten im alten Ford sitzen, vorne, wie eine Königin. Die anderen Kinder werden außerdem im Auto gefahren, wenn Hugo Frühschicht hat.

Das Lieblingsessen von Wiebke ist Pommes mit Schnitzel. Schnitzel lassen sich zubereiten wie folgt: Jemand klopfe sie weich, wende sie in wenig Weizenstaub, Keimzelle, Bröseln und brate sie sanft in Butter. Wird die Butter schwarz, war sie zu heiß. Versuch und Irrtum nach Thorndike.

Wiebkes Mutter lebt mittlerweile irgendwo mit irgendwem. Irgendwer entwickelt sich nach erster Romantik zu einem, bei dem nach zwei bis ungezählt Flaschen Bier die Hand eigenständig ausholt. Ziel ist zu 99,9 Prozent Wiebkes Mutter. Der Rest trifft die Wand. Glück erkennt sich später. Wiebkes Mutter wird bei ihm, der namenlos bleibt, ausharren, bis wer wen ins Grab bringt. So oder so gibt es keinen Fehler in dieser Rechnung.

Voller Sehnsucht denkt Wiebke oft an ihre Mutter. Nachts kräuseln sich Gedanken zu Bildern. Kinder sind so. Die Phantasie macht aus Müttern Mütter.

Hugos Vater Hermann ist seit 37 Jahren verschollen im Land. Man denke sich einen Vater aus und werde, wie er ist.

Seit dem 10. März, sechs nach Wiebkes Geburt, ist Hugo Vater. Er war auch vorher Vater, nebenbei von Arbeit, Streitigkeiten, Geldnöten. Als Wiebkes Mutter nicht nach Hause zurückkehrte, er zwei Stunden, drei Stunden, fünf Stunden auf den Nachschub der Zigaretten wartete, das Kind leise im Bett unter der Decke weinte, stellte er sich eine einzige Frage: »Wie?«

Wiebkes Mutter, die den Namen Carla erhält, wollte nie Mutter sein. Sie mochte den Bauch nicht, den sie vor sich her schob, sie mochte kein Geschrei von einem strampelnden Zellhaufen, keine Windeln, weder mit noch ohne, kein Glucksen und Spucken. Was Wiebkes Mutter mochte war, sich ellenlange Sendungen aus dem Bildungsfernsehen von Teil eins bis achthundert siebenundneunzig anzusehen, dabei kiloweise Chips und Salzstangen zu verzehren, um innerhalb von vier Jahren ihr Gewicht erfolgreich zu verdoppeln.

Hermann, mit sechsundsechzig bereits alt und gebeugt, wünscht sich mittlerweile ein Enkelkind, vielleicht ein Zartes mit kastanienrotem Haar oder ein Schaf mit treuen Augen oder eine Maus mit weichem Fell. Hauptsache ein pochendes Herz, egal in welcher Größe.

Die Lebenserwartung von Hermanns Frau Lotte lag statistisch gesehen höher als seine. Entgegen jeder Statistik ist sie früher gestorben. Nicht alles lässt sich auf die Minute berechnen.

Ein wesentlicher Punkt, wenn nicht der Wesentlichste in der Geschichte, ist die Wohnung von Hugo und ehemals Carla. Sie ist aller Wahrscheinlichkeit nach lebensmüde und strömt einen Geruch aus, der an Faulheit erinnert. Farblos geht sie in Tag und Nacht, als wolle sie ihre Belanglosigkeit offensiv demonstrieren. Ihr innerer Zustand ist wie kurz vor einer Organtransplantation. Drohende Komplettentleerung, und Überleben nicht unbedingt gesichert. Hier ist sich am Rande des Abhangs mit allen erdenklichen W-Wörtern daheim. (Auch eine grammatikalische Entartung muss dabei nicht fehlen!)

Hugo fällt. Die Landung ist nicht aufzuhalten, so wenig wie überhaupt.

© 2015 by Louise Lunghard. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein grandioser, vorbildlich eigenwilliger Text
Wie hier mit Erwartungen, Sprache und Konstruktionen gespielt wird, sucht seinesgleichen! Genauere Hinweise und Begründungen finden sich in der Einzelkritik. Ich bin mehr als nur sehr gespannt auf den ganzen Text!

Die Kritik im Einzelnen

Was ein famoser Beginn: Es wird nur angedeutet, man bekommt lakonisch Schnipsel geliefert, die Zusammenhänge muss man selbst herstellen. Dazu tritt der Erzähler auf, kommentiert die Ereignisse, gibt seinen Senf dazu: In dieser Sturmnacht wird ein Kind gezeugt und nach dem Sturm benannt – das sei banal. Wieso? Der Erzähler hält halt Frauennamen auf a für besser: das seien die schönsten!
Wir erfahren: Die Ehe schlurte vor sich hin, stürmische Nächte gab es wohl nicht mehr (zumindest nicht im erotischen Sinne). Andere Erzähler würden vielleicht nach Erklärungen suchen, das Scheitern dieser Beziehung untersuchen – aber nicht hier: Es ist, wie es ist. Sachlich, trocken, neutral.
In dieser Beziehungslosigkeit wächst Sturmtochter Wiebke auf. Sie ist Brillenträgerin seit ihrem vierten Lebensjahr. Erst jetzt wird deutlich, was Die Eltern lebten noch manches Jahr neben sich her eigentlich für Folgen hat: Wiebke spielt keine Rolle, wichtig ist sie nur bei der Brille.
Dieser uralte Witz vom Geschwind-Zigaretten-holen-Gehen bekommt eine ironische Umwertung durch das lapidare Manche Frau lebt, was Mann will – denn das könnte auch anders verstanden werden, nämlich so, dass Wiebkes Vater genau das gewollt hätte, aber nur Frau das ausführen kann. Tatsächlich war es ja der Mann, der das Nebeneinander-her-Leben duldete. Frau aber hält es nicht mehr aus und holt geschwind Zigaretten.
Der Zeitpunkt wird buchhalterisch-exakt genannt. Wer nicht aufmerksam ist, merkt nicht, dass die Mutter einen Tag vor Wiebkes 6. Geburtstag verschwindet. Deswegen fehlt der Sopran, und es gibt nicht einmal einen schriftlichen Gruß. Was sagt uns das zum Verhältnis der namenlosen Mutter zu Wiebke?
Schön, dass dazu weiter nichts ausgeführt wird; so lassen sich eigene Schlussfolgerungen zum Charakter der Mutter ziehen – auch wenn uns tiefere Gründe verschwiegen werden.
Vom Vater wissen wir, dass ihn die Bedienung eines Herds überfordert – das wird selbstverständlich nicht ausgesprochen. Das schmucklose Ein Herd, viele Schalter macht das Alberne von Vaters Überforderung viel anschaulicher. Dass es auch Licht gab in dieser letztlich traurigen Situation, ist blanker Zynismus: Schließlich handelt es sich nur um Beleuchtung!  zurück

Das Thema des Romans wird eingeführt, es geht um den Absturz, und schließlich um die Landung. In ersten Kapitel bekommen wir nur den Beginn des Absturzes mit! zurück

Wer kennt nicht diese Frage nach dem Sternzeichen! Die fragende Person glaubt dann anhand der Antwort tatsächlich, alles zu wissen über den Befragten. Die Fragenden nicken sogar dann wissend, wenn man ein falsches Sternzeichen angibt. Und lässt man sie raten, liegen sie in der Regel falsch. Also: Der Vater ist Widder? Mir sagt das gar nichts. zurück

Diese Personifizierung einer Farbe hat was: Fühlt sich Hugo deswegen etwa alt? zurück

Es sollte wegen der Hitze heißen, denn diese ist der Grund für den Kleiderwechsel; aufgrund wird korrekt verwendet bei Motivation oder Einstellung zu einer Handlung: Aufgrund seiner Erfahrung … (also nicht wegen seiner Erfahrung!) zurück

Schäumer = Schaumschläger? Das ist einfach nur witzig!  zurück

Jetzt unterweist der Erzähler Hugo in der Kunst der Schnitzelzubereitung – schließlich ist das Wiebkes Lieblingsessen, und Mutter ist weg. Allerdings fehlt noch die Bedienungsanweisung für den Herd. Und ob Hugo beim Einkaufen Weizenstaub finden wird oder gar Keimzellen, bleibt fraglich. zurück

Ist das Ziel nicht zu 100% die Mutter, und beträgt lediglich die Trefferquote 99,9%? Das würde ich umformulieren. zurück

Erneut bissige Wortspiele, diesmal mit den Bedeutungen von Mutter bzw. Vater: zum einen die biologische Ebene, zum anderen die familiäre. zurück

Zunächst habe ich den Punkt nach Frage ersetzt durch einen Doppelpunkt, denn diese Frage folgt unmittelbar. Dabei ist das gar keine Frage, sondern lediglich ein simples Fragewort! Es liegt beim Leser, dieses Fragewort zu ergänzen, und ich vermute, da gibt es nichts Falsches! Der Erzähler hält sich deswegen fein raus. zurück

Erneut dieses Spiel mit dem Leser: Wiebkes Mutter erhält genau an dieser Stelle ihren Namen, so, als ob dem Erzähler gerade eingefallen wäre, dass sie noch keinen hat. Gleichzeitig tut der Erzähler so, als handle es sich um eine reale Person, die durch einen erfundenen Namen geschützt werden müsse. zurück

Dieses sprachliche Zahlenmonster (897) würde ich durch Ziffern ersetzen (wie alle Zahlen jenseits der 12). zurück

Man hätte viel erzählen können über das Zerwürfnis zwischen Hugo und seinen Eltern; angedeutet war es schon sehr früh durch seit 37 Jahren verschollen im Land. Jetzt erfahren wir, dass er sich am liebsten ein Enkelkind gewünscht hatte mit kastanienrotem Haar … dabei hat er ein solches. zurück

Die Personifizierung der Wohnung als ironische Verkehrung: Die Wohnung hält diese Personen nicht mehr aus? Wohl eher hält Hugo es nicht mehr aus. zurück

Es ist sich daheim: Welch gelungene grammatische Entartung! zurück

Ausführlicher Test: Tolino Shine 2HD und Tolino Vision 3HD

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Der Tolino des Jahres 2015

Mit den beiden aktuellen Modellen Tolino Shine 2HD und Tolino Vision 3HD sind die Tolino-Lesegeräte technisch auf dem aktuellen Stand der E-Reader-Technologie angekommen. Doch welches Modell sollten Sie kaufen oder verschenken?

Wir haben die neue Modellgeneration ausführlich in der Praxis getestet und geben Tipps.

Wahrheit und Wirklichkeit: »Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte« von Paul Auster

Paul Auster: Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte

Im Jahre 1990 schrieb Paul Auster eine Weihnachtsgeschichte, die so ganz anders war, als man es gemeinhin von einer Weihnachtsgeschichte erwartet. Doch viele Jahre lang konnte man diesen modernen Klassiker auf Deutsch nicht lesen – bis er schließlich in einem Film zu sehen war.

Glücklicherweise ist das nun anders und man kann die Erzählung kaufen, lesen und sogar an Weihnachten verschenken.

Unser literarischer Adventskalender öffnet sich wieder

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Der literarische Adventskalender

Ab heute öffnet sich wieder unser literarischer Adventskalender. Freuen Sie sich auf 24 Ausschnitte aus 24 nie geschriebenen Romanen.

Eine Empfehlung für den Kalender wurde bereits im letzten Jahr von unerwarteter Seite ausgesprochen.

Das Joshua-Profil: Von Sebastian Fitzek brutal ins Hirn gerammt

Buch: Das Joshua-Profil von Sebastian Fitzek (Foto: Duval)
Buch: Das Joshua-Profil von Sebastian Fitzek (Foto: Duval)

Sebastian Fitzek hat es getan! Er hat das geschafft, was nur wenigen Autoren gelingt: Er brachte es fertig, mich mit dem Protagonisten von »Das Joshua-Profil« zu identifizieren, dass ich körperlich gelitten habe: Wie Max Rhode bekam ich schlimme Kopfschmerzen.

Mit einem Unterschied: Meine Kopfschmerzen sind echt. Verursacht hat sie der Autor.

Morgen mehr: Verleger Jo Lendle über die täglichen Romanhappen von Tilman Rammstedt

Tilman Rammstedt schreibt »Morgen mehr«
Vom Verlag an den Schreibtisch gefesselt? Tilman Rammstedt schreibt jeden Tag zwei Romanseiten (Bildcollage mit einem Video des Hanser Verlags)

Tilman Rammstedt – u. a. Bachmannpreisträger 2008 – schreibt einen neuen Roman. Und zwar vom 11. Januar bis zum 8. April 2016. Am 9. Mai 2016 soll das fertige Buch mit dem Titel »Morgen mehr« dann im Hanser Verlag erscheinen und gedruckt in den Buchhandlungen liegen.

Jeder kann jedoch vorab die Entstehung des Romans verfolgen, denn per E-Mail, WhatsApp-Nachricht und sogar gelesen als Audio-Datei wird Tilman Rammstedt ab dem 11. Januar 2016 täglich seine zwei getippten Seiten sofort an jede und jeden verschicken, der sie lesen oder hören will.

Ist das nur eine Spielerei? Hochliteratur? Oder Kinderkram? Wolfgang Tischer hat Rammstedts Verleger Jo Lendle gefragt.

Textkritik: Nach diesem Anfang las jeder weiter

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Als Vamin es leid war, daß sich in ihrem Leben nichts änderte, beschloß sie, die Ergebnisse ihrer Studien zu veröffentlichen. Sie war klug genug, daraus keine wissenschaftliche Abhandlung zu machen, denn die hätte erst einmal der Orden begutachtet. Sie rechnete nicht damit, daß ihr Bericht danach noch gedruckt worden wäre, ganz gleich, was andere Leute darin sehen oder nicht sehen würden. Das Sonderbare ist nicht beliebt, schon gar nicht, wenn es vorgetragen wird mit dem Anspruch wissenschaftlich begründeter Ernsthaftigkeit.

In einer Geschichte freilich kann man allerhand erzählen. Wenn sie es nur geschickt genug anfinge, dachte Vamin, würde niemand sich genötigt sehen, öffentlich einzuschreiten. Wenn aber ihre Überlegungen mehr wären als ein phantasievolles Gespinst aus Ängsten und Erwartungen, dann würde sich ihr Leben ändern. Ganz schnell.
Also schrieb sie für den Almanach des nächsten Jahres eine Geschichte.

Siehst Du!
stand im Almanach auf das nächste Jahr in kraftvollen roten Buchstaben da, in einer kleinen Sammlung von Sagen und Märchen, die in jedem Almanach erschien, seit Menschengedenken in der Abteilung für die kalten Wintertage.

Siehst Du!
stand da, direkt hinter der Geschichte über die Trolle in den Wäldern, die Kinder entführten und austauschten gegen verschlagene Doppelgänger, und vor dem Märchen über den unendlichen Wald auf dem Gebirge, aus dem noch keiner wiedergekehrt war, der sich einmal zu tief hineingewagt hatte.

Wer solche Geschichten schreibt, könnte man sich denken, dürfte nicht mehr so weiterleben wie bisher. Irrtum. Solche Geschichten werden am Kamin vorgelesen, während die Zuhörer auf ihren Rabas herumkauen und heißen Tee trinken, und sie leben nur durch die Wärme des Feuers und den Duft der brennenden Kerzen und des würzigen Kräutertees. Vamins Geschichte dagegen …

Vamins Geschichte war sehr kurz.

In den großen alten Häusern von Windhaven, schrieb sie, und tatsächlich strahlte das prachtvolle kannelierte Initial am Anfang ihrer Geschichte etwas von der Würde und dem Ernst dieser Häuser aus; so genau hatte sie sich das vorgestellt.

In den großen alten Häusern von Windhaven, heißt es, und vielleicht auch in den großen alten Häusern anderer Städte bewachen uns die Augen der Unsichtbaren durch die Spiegel unserer Zimmer hindurch. Habt ihr noch nie Blicke auf euch gespürt? Habt ihr nicht, wenn ihr euch umwenden wolltet, hastig oder behutsam, direkt auf euch selbst geblickt, auf euer verstörtes, unsicheres Gesicht, das euch anschaute? Ihr habt euch dann wieder eurer Beschäftigung zugewandt und nicht mehr daran gedacht, auch nicht an die schwache Ahnung einer fließenden, sanften Bewegung hinter dem Glas, als würde jemand eurem Blick ausweichen wollen ins Dunkel hinein, das sich hinter dem Glas verbirgt. Habt ihr dennoch noch nie das Bedürfnis verspürt, einen Spiegel einfach einzuschlagen, um zu erkunden, welche Finsternis sich dahinter verbirgt?

Nach diesem Anfang las jeder weiter.

Aber wir haben ja von klein auf gelernt, welch schreckliches Unglück über den kommt, der einen Spiegel zerbricht. Ob deshalb in den alten Häusern die Spiegel durch Gitter geschützt sind, die jeden, der in sie hineinschaut, aus einem Kerkerfenster blicken lassen? Wir haben uns längst daran gewöhnt. Deshalb bauen auch manche von uns ein symbolisches Gitter für einen neuen Spiegel, den sie im Hafen erstehen können, damit er ihnen nicht so unanständig nackt und schutzlos erscheint.

Es läge an den Brunnen, hat man uns erzählt, die auch mit einem Gitter abgedeckt werden, damit keiner hinein fällt. Oder vielleicht, damit nichts aus dem dunklen Wasser schießt und den versonnenen Betrachter packt und mit sich hinunter zieht – wer weiß?

Aber das habe ich nie geglaubt. Wenigstens habe ich es nicht mehr geglaubt, seitdem ich bemerkt habe, wie dick die Wände in den großen alten Häusern sind. Es fällt nicht auf, weil zwischen allen Zimmern Durchgänge sind oder Türen, deren Tiefe durch kunstvolle Abstufungen, durch kleine Aufgänge und Wendungen kaschiert wird, so daß sie alle zu kleinen Portalen werden, anstatt einfache Türen zwischen zwei Zimmern zu sein, die nur durch dünne Wände getrennt sind.

Das ist wirklich so, dachte sie, als sie das schrieb.

Aber es klingt nicht hohl, wenn man an die Wände klopft, so schwer und stark sind die Mauern, und wer zuweilen, wenn alles still zu sein scheint, auf ein leises Schaben lauscht, auf sehr gedämpftes Rascheln und Schleichen, der lauscht vergebens.

Trotzdem glauben wir, daß wir bewacht werden. Wir glauben es so sehr, daß wir fast meinen – und manche meinen es wirklich –, uns schaue selbst durch harmlose Brillengläser hindurch ein Agent der Wächter an, und das aus keinem anderen Grunde als dem: Wir spiegeln uns in ihnen und werden so, während wir beobachtet werden, auf uns selbst zurückgeworfen.

Dieses Gefühl ist so stark, daß wir die Bewacher direkt ansprechen, wenn wir etwas finden, das uns bemerkenswert erscheint.

»Siehst Du!« sagen wir dann. »Siehst Du!« nicht etwa zu unserem Gegenüber, sondern mit einem Unterton von Trotz und Widerwillen zu unseren Bewachern, die irgendwo sind, über uns, hinter uns, neben uns. Schlaft nicht ein, sagen wir, siehst Du! Du hast es doch gleich geahnt! sagen wir, und dann wenden wir uns wieder unseren Geschäften zu, ein wenig verlegen wie ein Kind, das dabei ertappt wurde, wie es mit einem imaginären Freund sprach. Aber was wissen wir, mit wem Kinder reden?

Vamins Leben änderte sich tatsächlich von da an.

Aber das ist eine andere Geschichte.

© 2015 by Henrik Verkerk. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein leiser Text mit überraschenden Wendungen
und mit kleinen Mängeln (wozu die alte Rechtschreibung nicht zählt). Der Leser wird hier Zeuge eines Schreibprozesses, Zeuge des Ringens um den Inhalt und die Gestaltung des Inhalts: Was ist einem Leser zuträglich? Empfindet der Leser das genau so, wie Vamin es behauptet, oder lehnt er das ab?

Um das zu erreichen, schafft sich der Erzähler die Ich-Erzählerin Vamin. Wir wissen nicht genau, was sie schreibt, aber worüber. Sie verwendet uns und wir, macht sich gemein mit uns Lesern, überzeugt sich damit, dass richtig ist, was sie schreibt. Der eigentliche Erzähler kommentiert Vamins Erfolg, scheint stolz, was und wie Vamin schreibt:

Das lässt einen fast vergessen, dass Vamin von einem Erzähler erfunden ist: Sie verdrängt ihn gewissermaßen. Der taucht nämlich erst am Ende wieder auf! Wie heißt es zu Beginn: In einer Geschichte freilich kann man allerhand erzählen. Richtig! Aber nur, wenn man es kann!

Die Kritik im Einzelnen

Ich würde aus dem Adjektiv ein Adverb machen (denn sonst müsste nach prachtvolle ein störendes Komma stehen). Dann hieße es das prachtvoll kannelierte Initial. Das bedeutet übrigens ein mit zusätzlichen Linien bzw. Elementen ausgeschmückter Großbuchstabe. zurück

In der Kombination mit durch darf ein hindurch in der Regel fehlen. Mir fällt grad auch keine Ausnahme ein, die ein zusätzliches hindurch benötigte. zurück

Auch hier: Verwandlung eines Adjektivs (sanfte) in ein Adverb (sanft) und daraus eine sanft fließende Bewegung machen. zurück

Dennoch noch? Warum dennoch? Da fehlt mir der Zusammenhang! Hier wäre eine direkte Leseransprache geeigneter, denn es handelt sich ja um ein Resümee des bisher Geschriebenen; da brauchte es auch kein denn mehr – eigentlich passte da besser:
Habt ihr eigentlich noch nie das Bedürfnis verspürt, einen Spiegel einfach einzuschlagen (…) zurück

Dieser Bruch ist genial: Der namenlose Erzähler macht hier seiner erfundenen Erzählerin Vamin Mut: Sie habe einen so großartigen Anfang geschaffen, dass jeder weiterlesen würde – das klingt, als sei der Erzähler von Vamins Leistung überrascht! zurück

Und noch eine Geschichte: Der Erzähler schreibt, dass Vamin etwas schreibt, das auch gedruckt wurde – und jetzt ändert sich ihr Leben? Gilt das auch für den Erfinder von Vamin? Das ist einfach nur ein gelungenes Spiel mit der Fiktion! zurück

Diana Hillebrand: Heute schon geschrieben? – Mit Profitipps zum Bucherfolg

Schreibratgeber von Diana Hillebrand: Heute schon geschrieben?

Diana Hillebrand ist eine der besten Schreibtrainerinnen Deutschlands. Hunderte von Autorinnen und Autoren hat sie in ihren Seminaren und Kursen inspiriert und zum (besseren) Schreiben motiviert. Selbst Verlagsmitarbeiter und Lektoren wurden von ihr geschult.

Ihr fundiertes Wissen und ihre Erfahrung hat Diana Hillebrand nun in einem zweibändigen Schreibratgeber zusammengefasst. »Heute schon geschrieben? – Mit Profitipps zum Bucherfolg« ist damit wohl die umfangreichste und fundierteste Schreibschule, die man zwischen vier Buchdeckeln finden kann.

Rosamunde-Pilcher-Lesung in Stuttgart am 20.11.2015

Rosamunde Pilcher gelesen von Lilian Wilfart und Wolfgang Tischer - Freitag, 20.11.2015 um 20.15 Uhr Buchcafé der Buchwochen, Haus der Wirtschaft, Stuttgart

Cornwall, Südengland: Malerische Meeresküsten, wogende Gräser, traumhafte Gärten und beeindruckende Herrenhäuser. Die Welt der Rosamunde Pilcher. Doch die meisten kennen sie nur aus ZDF-Fernsehfilmen. Dabei hat die englische Autorin (*1924) literarisch so viel mehr zu bieten.

Lilian Wilfart und Wolfgang Tischer lesen Erzählungen von Rosamunde Pilcher in deutscher Übersetzung am Freitag, 20. November 2015 auf den Stuttgarter Buchwochen.

Das Rätsel der Liebe: »Eins im Andern« von Monique Schwitter

Monique Schwitter: Eins im Andern

Mit ihrem Roman »Eins im Andern« hat Monique Schwitter den Schweizer Buchpreis gewonnen. Am Deutschen Buchpreis schrammte sie knapp vorbei, das Buch stand auf der Shortlist.

Einen Ausschnitt des Romans hatte die Autorin bereits in Klagenfurt gelesen, wo sie preislich jedoch leer ausging. Fein, dass das Buch nun im Heimatland der Autorin ausgezeichnet wurde.

Astrid Braun hat »Eins im Andern« fürs literaturcafe.de gelesen und ist dem Rätsel der Liebe nachgegangen.

Kitsch gehört dazu: »Leonardos Zeichen« von Jo Berger

Jo Berger: Leonardos Zeichen

Unserem Kritiker Malte Bremer den Liebesroman einer Self-Publisherin vorlegen? Da könnten wir ja gleich ein paar Mentos in Cola-Flaschen werfen.

Aber manche Dinge muss man einfach ausprobieren. Manchmal passiert Unerwartetes.

Literatur als Kasperletheater: Das beleidigte Quartett

Volker Weidermann im literarischen Quartett (Foto: ZDF)
Volker Weidermann im literarischen Quartett (Foto: ZDF)

Zum zweiten Mal fielen sich Menschen vor laufender Kamera gegenseitig ins Wort und erwähnen dabei Buchtitel. Mit Literatur oder gar Literaturkritik hat die Neuauflage von »Das Literarische Quartett« weiterhin wenig zu tun.

Wirkte die Premiere noch sehr gehetzt, so ist die Sendung bereits mit der zweiten Ausgabe zum Kasperletheater verkommen.

lit21.de soll literarische Online-Quellen bündeln – Ein Interview mit Thierry Chervel vom Perlentaucher

Thierry Chervel vom Perlentaucher (Foto: privat)
Thierry Chervel vom Perlentaucher (Foto: privat)

Mit lit21.de startet das etablierte und verdienstvolle Online-Kulturmagazin perlentaucher.de ein neues Projekt. Als sogenanntes Metablog will lit21.de literarische Quellen im Web bündeln.

Wie entstand das Projekt? Welche Ziele werden damit verfolgt? Und hat es anspruchsvollere Literatur schwerer im Internet?

Wolfgang Tischer hat sich mit Thierry Chervel, dem Gründer und Herausgeber des Perlentauchers, über das neue Projekt lit21.de und die Literatur im Netz unterhalten.

Akif Pirinçci und die dunkle Seite der Buchhandelsmacht

Felidae nicht lieferbar

Über Akif Pirinçci wollte ich nichts schreiben. Und ich will es auch jetzt nicht. Es gibt unsympathische Menschen, deren Ansichten und Aussagen so unappetitlich sind, dass nur die Nichtbeachtung die einzig angemessene Reaktion ist.

Doch dann reagierten sein Verlag Random House und die Buchgroßhändler mit einer Art Verbannung des bekannten Katzenkrimi-Autors.

Gutmenschentum und die durch das Internet geförderte Empörungskultur werden plötzlich zur Bedrohung für Demokratie und freie Rede.