StartseiteLiterarisches LebenNeues Magazin »Bookframe«: Warum will Genre immer ins Feuilleton?

Neues Magazin »Bookframe«: Warum will Genre immer ins Feuilleton?

Cover der ersten Ausgabe der Zeitschrift Bookframe, die im März 2026 erscheinen soll (Bild: WB Media & Commerce)
Cover der ersten Ausgabe der Zeitschrift Bookframe, die im März 2026 erscheinen soll (Bild: WB Media & Commerce)

Mit »Bookframe« erscheint zur Leipziger Buchmesse ein neues gedrucktes Buchmagazin. Das verschnarchte Titelthema der ersten Ausgabe: »Genre-Kritik mit Sch(r)eck: Wie das Feuilleton junge Leserinnen ausschließt«. Geht’s noch erwartbarer? Soll die angebliche Opferrolle Auflage bringen? Dabei ist das eigentliche Opfer die sterbende Literaturkritik.

Mega-Phrase: »auf Augenhöhe«

Das Versprechen in der Pressemeldung des neuen Buchmagazins Bookframe klingt ambitioniert: »fundierte Kritik«, »investigative Beiträge«, »keine Werbeplätze für Verlage«. Man sei »keine Plakatwand«. Stattdessen wolle man »auf Augenhöhe und respektvoll« kritisieren. Das sei »der entscheidende Unterschied« zum traditionellen Feuilleton.

»Wir wollen nicht länger akzeptieren, dass Millionen Leserinnen und Leser implizit als weniger anspruchsvoll angesehen werden, nur weil sie Genre-Literatur lesen«, erklärt Chefredakteurin Jana Finze in der Meldung. Diese Haltung sei »nicht nur elitär, sie ist journalistisch unhaltbar«. Aber warum? Bookframe, soviel scheint klar, soll ein Magazin fürs Genre sein, und man macht sich stark für die Leserschaft, die sich oft durch ihre Lektüre-Vorliebe herabgewürdigt fühlt. Framing mit Bookframe.

Cover der ersten Ausgabe der Zeitschrift Bookframe, die im März 2026 erscheinen soll (Bild: WB Media & Commerce)
Cover der ersten Ausgabe der Zeitschrift Bookframe, die im März 2026 erscheinen soll (Bild: WB Media & Commerce)

Das Cover der ersten Ausgabe zeigt eine Karikatur des Literaturkritikers Denis Scheck, der mit nägelduchsetztem Baseballschläger vor dem Portal der »Deutschen Literatur« Bücher der Genres »Fantasy«,  »New Adult«, »Romance« und »Dark Romance« abwehrt. Was mit der Einschränkung »Deutsch« gemeint sein soll, erschließt sich leider nicht. Ebenso wenig, warum der Baseballschläger mit »Anspruch« beschriftet ist. Denn das würde ja bedeuten, dass die Macher des Magazins selbst eingestehen, dass die Bücher dem Anspruch an die Literatur nicht standhalten können. »Elitäres Denken« oder einfach nur »Literaturkritik« wären im Sinne der Pressemeldung die besseren Beschriftungen gewesen. Allerdings sind Karikaturen, die sich selbst durch Beschriftungen erklären müssen, ohnehin nicht die besten.

Herausgeberin von Bookframe ist die WB Media & Commerce GmbH aus Ludwigswinkel. Hinter ihr steht der 28-jährige Raphael Wagenblatt, der bereits den Phantorion Verlag mit Genre-Sublabels wie »Darkverse« und »Futureverse« betreibt. Rund 70 Euro im Jahr kostet das Abo der neuen Zeitschrift, 100 Seiten stark soll das Heft werden, zweimonatlich erscheinen. Die Einzelausgabe kostet 12,95 Euro.

Die Bestsellerlisten gehören dem Genre

Doch Genre-Bücher und insbesondere New-Adult-Romane sind omnipräsent. Ohne sie würde der Buchhandel längst kein Umsatzplus mehr erzielen. Warum will man dennoch von Scheck und dem Feuilleton geliebt werden? Rebecca Yarros hat mit »Fourth Wing« über zwölf Millionen Exemplare verkauft. Über BookTok wurden 2024 allein 25 Millionen Bücher abgesetzt, hauptsächlich Genre-Titel. Colleen Hoover, Sarah J. Maas, Freida McFadden – ihre Namen stehen Woche für Woche auf den Bestsellerlisten.

Und das Feuilleton und die Literaturkritik? Denis Schecks »Druckfrisch« wird am Sonntagabend um 23:35 Uhr versendet, die Quote kaum messbar. Der SWR hat Schecks Druckfrisch-Klon »lesenswert« Ende 2024 eingestellt. Das »Literarische Quartett« dümpelt vor sich hin. Literatursendungen im Radio werden abgesetzt. Die wenigen verbliebenen Literaturseiten in Tageszeitungen kämpfen ums Überleben oder wandeln sich in Lifestyle-Rubriken mit Buchtipps, die aus Inhaltsangaben bestehen.

Literaturkritiker und Jane-Austen-Fan Denis Scheck (Foto: Tischer)
Literaturkritiker und Jane-Austen-Fan Denis Scheck (Foto: Tischer)

Natürlich gibt es die alten Reflexe noch. Scheck nannte »Fourth Wing« im Juni 2025 bei seiner Dankesrede zum Friedrich-Perthes-Preis »strunzdumme militaristische Drachenpornos« und sprach von »Hirnpest in Buchform«. Die Empörung war vorhersehbar, die Debatte erwartbar. Scheck liebt die Provokation. Und Scheck ist Fantasy-Fan. Es ist also nicht so, dass er nicht wüsste wovon er spricht. Unlängst interviewte er für Druckfrisch Genre-Autorin Ursula Poznanksy.

Scheck liegt daher mit seinem grundsätzlichen Urteil über den Bestseller »Fourth Wing« nicht falsch.  Objektiv betrachtet ist Rebecca Yarros sprachlich im unteren Bereich unterwegs, die Handlung ist unterkomplex, die Welt faschistisch gezeichnet ohne kritische Distanz. Der Bestseller funktioniert im Kern über zwei Dinge: süße Drachen und explizite Sexszenen.

Schon 2023 hatte Schecks Teilnahme als Juror bei den TikTok Book Awards für Aufruhr gesorgt. Die BookTok-Community warf ihm vor, »nicht einer von uns« zu sein, ein »alter weißer Mann«, der ihre Lieblingsbücher in der Papiertonne versenke. Die Kontroverse ist uralt. Sie funktioniert, weil beide Seiten davon profitieren: Scheck bekommt Aufmerksamkeit für seine Polemik, die Genre-Community fühlt sich bestätigt in ihrer Opferrolle und rückt zusammen.

Was will das Genre im sterbenden Feuilleton?

Warum also will ein Segment, das den Buchmarkt dominiert, das über BookTok, Bookstagram und Goodreads eigene Strukturen aufgebaut hat, unbedingt im Feuilleton stattfinden? Sarah Lippasson, die im BuchMarkt-Magazin kürzlich ein »feministisches Plädoyer für das unterschätzteste Genre der Welt« veröffentlichte, liefert unfreiwillig die Antwort: Es geht um Legitimation. Um Anerkennung. Um den Wunsch, ernst genommen zu werden. Aber von wem?

Denn das Genre hat diese Anerkennung längst – beim Publikum. Aber offenbar reicht das nicht. Man will auch die Weihen der Hochkultur erhalten, obwohl man es nicht ist. Man bettelt unterschwellig um die Liebe jenes Feuilletons, das man gleichzeitig als »elitär« und »journalistisch unhaltbar« bezeichnet.

Lippasson argumentiert, Romance verhandle »Beziehungen, Selbstbestimmung, gesellschaftliche Rollenbilder, mentale Gesundheit, sexuelle Aufklärung« – also »die Themen, die uns Menschen seit eh und je am meisten bewegen«. Das kann man so sehen. Aber Themen machen keine guten Bücher. Und es erklärt nicht, warum jede berechtigte Kritik an Genre-Konventionen, an repetitiven Plots, konservativen Frauenbildern, an vorhersehbaren Strukturen als »patriarchale« Herabwürdigung gelten soll.

Nicht jede Fantasy will den Nobelpreis. Nicht jeder Thriller ist literarisch ambitioniert. Dass das Feuilleton Unterschiede macht, ist seine Aufgabe, nicht sein Versagen. Im großen Pool der Genre-Literatur sind die Perlen seltener als ihre Verteidiger oftmals wahrhaben wollen.

Geschäftsmodell mit moralischer Aufladung

Was Bookframe mit seinem formulierten Anspruch verschleiert: Hier wird kein Vakuum gefüllt. Die Zielgruppe hat längst ihre Plattformen – BookTok erreicht Millionen, Goodreads funktioniert als Empfehlungsmaschine, Instagram ist voll mit Buchtipps. Ein Printmagazin für 70 Euro im Jahr kommt zehn Jahre zu spät. Trotz Online-Trubel scheint nur im Papier die Ewigkeit zu liegen.

Dass Raphael Wagenblatt selbst einen Genre-Verlag mit Sublabels wie »Darkverse by Phantorion« betreibt, ist kein Zufall. Bookframe ist Teil einer Markenstrategie, die »Literatur als Markenwelt« versteht, wie es auf der Website des Phantorion Verlags heißt. Dagegen ist nicht zu sagen. Aber die Rhetorik vom »Ausschluss« und der »systematischen Unterschätzung« ist Marketinggeklingel.

Die erste Ausgabe von Bookframe widmet sich also ausgerechnet Denis Scheck. Der omnipräsente Kritiker scheint auch für Genre-Lieberhaberinnen unverzichtbar – wenngleich als Feinbild. Vermutlich wird Bookframe genau das tun, was es dem Feuilleton vorwirft: eine Scheindebatte am Leben halten, die beiden Seiten nützt, aber niemandem weiterhilft und höchstens das »Wir« gegen »die da« weiterführt.

Es gibt kein Genre, kein Buch, das vor Kritik geschützt werden muss. Gute Bücher setzen sich durch – mit oder ohne Feuilleton. Und was für sie »gut« bedeutet, dass sollte doch die Leserin selbst entscheiden. Dafür braucht sie kein Feuilleton und eigentlich auch kein TikTok. Die Behauptung, Millionen Leserinnen würden »implizit als weniger anspruchsvoll« behandelt, ist angesichts der Marktdominanz absurd. Nicht einmal die Autorinnen selbst wie Lilly Lucas oder J. S. Wonda sagen in Gesprächen, dass sie Hochliteratur schreiben. Aber sie wollen dennoch in ihrem Bereich und mit ihrer Arbeit ernst genommen werden.

Was fehlt, ist eine andere Form der Kritik. Eine Kritik, die sich dessen bewusst ist, dass sie Genre bespricht und keine Hochliteratur und die für die Leserinnen ein Urteil fällt, ob die Lektüre lohnt, ohne in jedem dritten Satz die Genre-Literatur zu glorifizieren oder sie »zu feiern«, wie es im Untertitel von Bookframe heißt. Eine Kritik, die nach klaren Kriterien jenseits von Thema und Gefühl zwischen guten und schlechten Büchern unterscheidet, statt das gesamte Genre zu verteidigen oder zu verachten. Die anerkennt, dass »Fourth Wing« Millionen Menschen zum Lesen bringt, ohne deshalb behaupten zu müssen, es sei große Literatur.

Im besten Fall kann Bookframe das leisten. Doch in der Pressemitteilung positioniert sich das Magazin eher als Schutzraum, in dem »jede Stimme« willkommen ist und »auf Augenhöhe« kritisiert wird. Das klingt weniger nach Journalismus und mehr nach Community-Management.

Die Genre-Literatur beherrscht den Buchmarkt längst. Warum will sie dennoch ins sterbende Feuilleton? Weil Opfererzählung und Ausgrenzung einfacher ist als Literaturkritik?

Wolfgang Tischer

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