Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2018 (4/5)

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Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2018 (1/5)

Am 14.08.2018 wurde die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2018 bekannt gegeben. 20 Bücher haben die Chance, am 8. Oktober 2018 den mit 25.000 Euro dotierten Preis zu erhalten. Am 11. September 2018 werden es nur noch sechs sein, denn dann wird die Shortlist bekannt gegeben.

Unser Textkritiker Malte Bremer hat wie bereits in den Jahren 2016 und 2017 mit allen 20 nominierten Titeln den »Buchhandelstest« gemacht und sich die jeweils ersten Seiten angeschaut: Taugt das was? Will man das weiterlesen? Spannend? Oder langweiliges Gelaber? In den kommenden Tagen lesen Sie in 5 Teilen Maltes Meinung zu jeweils 4 Büchern.

Diesmal: María Cecilia Barbetta, Maxim Biller, Helene Hegemann, Inger-Maria Mahlke.

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten

Ein Elvio tastet die Taschen seines Regenmantels nach Streichhölzern ab und verlässt mit einer brennenden Zigarette im Mundwinkel das Haus, als Kirchenglocken ertönen, die das Erwachen seiner Tochter einläuten.

Da gibt es ein paar Unklarheiten: Hat Elvio diesen Regenmantel an oder hängt der an einem Haken in der Diele? Waren in dessen Taschen tatsächlich Streichhölzer, oder musste Elvio sie anderswo suchen? Gefunden hat er sie zumindest, schließlich trägt er eine brennende Zigarette im Mundwinkel!

Weiter: Hat Elvio ganz bewusst so pünktlich das Haus verlassen, dass seine Tochter durch den Glockenlärm geweckt werden musste? Und warum sollte ein Erwachen eingeläutet werden, quasi so ein katholisches Auferstehungsritual, statt ein einfaches Aufwachen?

Wie auch immer: Noch ahnte Theresa nichts von den Veränderungen, die ihnen bevorstanden – Das ist aber spannend, denn wir Leserinnen jedweden Geschlechts wissen das doch auch nicht! Boa hey, da gibt es Veränderungen! Zunächst gesellte der Vater sich zu ihnen mit der Sonntagszeitung und einer Kinderzeitschrift. Wer ihnen ist, weiß frau & man nicht. Stattdessen erfährt man & frau, dass die Kinderzeitschrift angeblich ein handfester Beweis sei für das schlechte Gewissen des Vaters.

Fazit: Bin selten einem so verkorksten Beginn begegnet!

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten: Roman. Gebundene Ausgabe. 2018. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103972894. EUR 24,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Maxim Biller: Sechs Koffer

Maxim Biller: Sechs Koffer

Mai 1965: Gleich zu Beginn erfahren wir, in welche Zeit wir den Text einzuordnen haben und dass des Ich-Erzählers Vater ein Übersetzer war: Er übersetzte den Schwejk ins Russische. Das ist zu schlussfolgern aus dem tschechisch-russischen Wörterbuch. Und wir wissen, dass es noch eine Mutter gibt namens Rada und eine Schwester des Ich-Erzählers und einen Onkel Dima und dass der Vater die Tschechoslowakei für ein »beschissenes kommunistisches Land« hält.

All das wird nicht aufgedrängt, sondern entwickelt sich ganz organisch und selbstverständlich – so soll es sein. Wir Leser sind mittendrin, statt nur dabei! Das können nur wenige. Maxim Biller kann es. Und wie! »Sechs Koffer« sind bisher für mich der überzeugendste Text!

Maxim Biller: Sechs Koffer: Roman. Gebundene Ausgabe. 2018. Kiepenheuer&Witsch. ISBN/EAN: 9783462050868. EUR 19,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Helene Hegemann: Bungalow

Helene Hegemann: Bungalow

Am Anfang erinnert sich die Ich-Erzählerin, dass sie wegen des Ozonlochs das Haus nicht verlassen durfte und sie als 17jährige auf der Waschmaschine liegend von hinten von einem Georg gevögelt wurde, der jetzt kurz vor dem Kommen war. Sie trug dabei eine horizontal gestreifte Strickjacke. Und ihr ist langweilig. Auch Maria ist es langweilig, deswegen liegt diese kiffend auf dem Sofa. Ich-Erzählerin schubst Georg weg, weil das etwas Überlebenswichtiges sein soll. Georg stolpert über seine runtergelassene Hose, knallt mit dem Hinterkopf an die Holzregale, und dann würgt sie ihn, was sie dann nie wieder gemacht hat.

All das (und noch mehr) schreibt sie »in einen Stapel Notizbücher«, und zwar für sich! Warum? Nun: Sie »weiß nicht, wer das außer ihr bis zum Ende lesen soll.«

Das weiß ich auch nicht. Ich jedenfalls kann mit diesem langweiligen spätpubertären Gesums nichts anfangen!

Helene Hegemann: Bungalow: Roman. Gebundene Ausgabe. 2018. Hanser Berlin. ISBN/EAN: 9783446253179. EUR 23,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Inger-Maria Mahlke: Archipel

Inger-Maria Mahlke: Archipel

Das Werk beginnt mit einer Aufzählung von 16 Personen und deren Verbindungen. Das habe ich nur überflogen, da ich mir das eh nicht merken kann.

Als dann im ersten Kapitel die meteorologischen Umstände geklärt werden und die erste Personengruppe geballt auftaucht, hätte ich zwar nachschlagen können – aber wozu? Viel schöner ist es doch, wenn ich von oben herab diese Gruppe betrachten darf und mir selbst anhand von deren Verhalten vorstelle, wer da mit wem und ob da auch Kinder dabei sind und wer überhaupt Kind oder Nichtmehrkind ist, und wir bekommen auch die Gedanken und Vorlieben und Rituale in dieser Gruppe mit

Das ist mitreißend flott erzählt. Ob die tatsächlich jetzt allesamt die Ausstellung »80 Jahre surrealistische Konferenz von Santa Cruz de Tenerifé« besuchen?

Hätte fast was Surrealistisches …

Inger-Maria Mahlke: Archipel. Gebundene Ausgabe. 2018. Rowohlt Buchverlag. ISBN/EAN: 9783498042240. EUR 20,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Lesen Sie demnächst in Teil 5 Maltes Meinung zu den Büchern von Carmen-Francesca Banciu, Nino Haratischwili, Stephan Thome und Eckhart Nickel.

3 KOMMENTARE

  1. Mensch Malte, selten sowas Spritziges gelesen, naja, ein etwas überdrehterer Daniel Scheck, oder?Musste deine Kurzrezensionen unbedingt lesen, nachdem meine Schreibkursleiterin uns den Link gemailt hatte mit dem Hinweis auf den ‘manchmal etwas albernen Malte Bremer’.
    Ganz nach meinem Geschmack, erinnert mich total an unsere gemeinsam verbrachten- auch öfters etwas albernen- Jahre beim theaterpädagogischen Fortbildungskurs.

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