Literarisches Quartett: Wut wird Wut und gelobt sei Jens Bisky

1
Volker Weidermann leitet das Literarische Quartett (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)
Volker Weidermann leitet das Literarische Quartett (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Isolde Reutter hat am 12.04.2019 im ZDF ebenfalls das Literarische Quartett gesehen. Sie ist wütend über die Wut-These zu Anke Stellings Buch »Schäfchen im Trockenen« und fühlt sich ins Jahr 1972 zurückversetzt. Hier ist ihre Gegen-Wut-Rede – und ein Lob.

Gelobt sei Jens Bisky!

Ohne seine »hymnische Besprechung« in der SZ, ohne sein Wirken als Jury-Vorsitzender in Leipzig hätten wir Anke Stellings Schäfchen im Trockenen vielleicht nie gelesen. Und es wäre im »Literarischen Quartett« am vergangenen Freitag nicht so trefflich über diesen Roman gestritten worden wie über keines der anderen Bücher, die besprochen wurden. Er sei jedoch auch getadelt, der »tolle« Jens Bisky (der Doppelsinn des Epitheton ist uns nicht entgangen): weil er die Wut-These zu diesem Buch vielleicht ein wenig zu sehr in den Vordergrund gestellt hat. Und so ziemlich das komplette hochkarätige Kritiker-Quartett ist auf diesen Wut-Zug aufgesprungen.

Volker Weidermann jedoch sei nicht bloß getadelt – nein, man möchte ihn vor Wut von seinem angemaßten Kritiker-Thron stoßen. Ob ihm wohl bewusst war, dass er die Stelling mit just den gleichen Vokabeln verriss wie 1972 sein großer Vorgänger Reich-Ranicki keine geringere als die Erzählerin Ingeborg Bachmann?!? Damals hieß es, »eine einst bedeutende Lyrikerin« sei »auf sonderbaren Abwegen«, und konkret wurde ihr »Penetrantes Selbstmitleid und elegische Selbstgefälligkeit, sanfte Larmoyanz und backfischhafte Überspanntheit« (DIE ZEIT 39/1972) vorgeworfen. Die Suada des vermeintlich modernen ZDF-Moderators wirkte da wie ein Déjà-vu: Da sei »Selbstmitleid von der ersten Seite bis zur letzten«, klagte Weidermann, er komme aus diesem »Schlamm der Selbstbemitleidung« gar nicht mehr heraus beim Lesen, und die Vokabel »larmoyant« fiel dann später auch noch.

Die moderne Zuschauerin ist fassungslos, dass das siebenundvierzig Jahre später immer noch genauso funktioniert wie eh und je: Wenn man eine spezifische, vielleicht sogar spezifisch weibliche Perspektive nicht wahrhaben will, weil sie gewisse Privilegien oder Machtverhältnisse in Frage stellt, dann diffamiert man sie einfach mit den sexistischsten aller Klischees!

Bachmanns Prosa darf inzwischen als rehabilitiert gelten – Erzählungen wie »Das Gebell« werden heute in der Schule gelesen als Beispiel für das, was Bachmann als »Faschismus […] in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau« bezeichnet hat. Und wie halten wir es mit Anke Stelling? Dank Jens Bisky muss es zum Glück keine zwanzig Jahre dauern, bis ihr Roman positiv rezipiert wird – bei Bachmanns Prosawerk war das erst ab den 1990er Jahren der Fall, und es darf als ein größeres Wunder der Literaturgeschichte gelten, dass die große Dichterin nach dem Ranicki-Verdikt weiter an ihrem Todesarten-Zyklus gearbeitet hat: Der Literaturpapst hielt Bachmanns Prosa für »Trivialliteratur«. Sein Nachfahre hält Stellings Prosa für »flach« – das war schon immer ein gutes Totschlagargument, und selbst überaus kluge Leute wie Sandra Kegel tun sich anscheinend schwer dagegenzuhalten! Vor allem aber wird man Stellings Roman nicht gerecht, wenn man ihn auf ein Wutbuch reduziert. Wut ist ein ungebrochenes Gefühl – das Aufbegehren der Ich-Erzählerin in Schäfchen im Trockenen dagegen erscheint vielfach gebrochen, bricht sich immer wieder Bahn und wird immer wieder reflektierend in Frage gestellt …: Es wird spürbar, dass vermeintliche Weisheiten etwas sehr Fluides sind. Was in alledem jedoch feststehen sollte, ist dies: Der zentrale Plot dieses Romans ist nicht »Wohnung da – Wohnung weg«, sondern die Geschichte einer Aufsteigerin. Und die Wahrheit ist, verdammt, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob man in einer Küche mit PVC oder in einer mit Terrakotta aufgewachsen ist, auch wenn Thea Dorn noch so gern nivellierend glauben machen möchte, dass das »doch alles Mittelstand [sei] im weitesten Sinne«. Die Wahrheit ist, dass sich die PVC-Leute sehr viel mehr anstrengen müssen als die Terrakotta-Leute, um Vergleichbares zu erreichen im Leben. Dies festzustellen, hat nichts mit Selbstmitleid, Larmoyanz oder Flachheit zu tun – wer solches unterstellt, zementiert genau das, wogegen Stellings Ich-Erzählerin aufbegehrt. Über sehr weite Strecken im Leben erlaubt sie sich nicht, die Ungleichheit zu beklagen und sich ihre aus der ständigen Anstrengung resultierende Erschöpfung einzugestehen, denn sie fürchtet den Vorwurf, sie stilisiere sich als Opfer. In anderen Worten: sie sei selbstmitleidig. Und das könnte ja den Terrakotta-Leuten um sie herum unangenehm sein, sie könnten das ja als »flach« empfinden. Die Erzählerin ist hier schon ein ganzes Stück weiter als ihr schärfster Kritiker, der wohl selbst zu privilegiert ist, um ihr Aufbegehren nachempfinden zu können.

Nun ist Stelling ebenso wenig eine zweite Bachmann, wie Weidermann ein zweiter Reich-Ranicki ist. Auch wenn man Stellings Annäherung an die Sprache einer bestimmten Schicht weniger streng verurteilt als der Spiegel-Kritiker, stören einen vielleicht doch verschiedene grammatische Unsauberkeiten in dem Roman, die kaum durch einen bestimmten Soziolekt bedingt sein dürften. Aber ihre Bachmann hat Stellings Ich-Erzählerin gekannt und sie hat die große Dichterin zitierend die Wahrheit für zumutbar befunden. Reich-Ranicki war der Meinung, »die entlarvende Atmosphäre der Prosa [wirke sich] auf sie immer ungünstig aus«. Dieses Klischee jedenfalls geht siebenundvierzig Jahre später nun wirklich nicht mehr, und deshalb sage ich noch einmal:

Gelobt sei Jens Bisky!

Isolde Reutter

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen: Roman. Gebundene Ausgabe. 2018. Verbrecher. ISBN/EAN: 9783957323385. EUR 22,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

Link ins Web:

1 Kommentar

  1. Gelobt sei die Meinungsfreiheit! Die gilt nämlich auch für das Bewerten von Büchern.

    Und was die Wut betrifft, so sollte ich vielleicht auch mal eine “Suada” halten – bezüglich Literaturkritiken. Denn obwohl mich für relativ gebildet halte, muss ich bei nahezu jeder Buchbesprechung Google bemühen und nach Wortbedeutungen suchen. Sehr oft handelt es sich um Fremdwörter, die der Verfassser nicht gebraucht hätte, weil es dafür wunderbare deutsche Begriffe gibt. Suada ist so ein Beispiel.

    Die meisten Literaturkritiker müssen der Welt wohl zeigen, wie groß ihr Fremdwörterschatz ist. Denn jemand, der so viele Wörter kennt (und benutzt), muss ja schließlich wissen, wo der Barthel den Most holt.

    Lobenswerte Ausnahme ist Wolfgang Tischer. Seine Literaturkritiken schätze ich, weil wir wohl einen ähnlichen Literaturgeschmack haben (Ausnahmen bestätigen die Regel), und weil er sich verständlich ausdrückt.

    PS: Was heißt, verdammt, “Soziolekt”? Ich spüre gerade, wie meine Wut wächst … ungebrochen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein.
Bitte geben Sie Ihren Namen ein