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StartseiteLiterarisches LebenDas Literarische Quartett vom Dezember 2021: Wir verlieren gerade Herrn Augstein

Das Literarische Quartett vom Dezember 2021: Wir verlieren gerade Herrn Augstein

Die Quartett-Besetzung vom 3. Dezember 20212 (von links): Thea Dorn, Jakob Augstein, Adam Soboczynski und Vea Kaiser (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)
Die Quartett-Besetzung vom 3. Dezember 20212 (von links): Thea Dorn, Jakob Augstein, Adam Soboczynski und Vea Kaiser (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Unerwartete Titel können zu unerwarteten Diskussionen führen. Warum also im Literarischen Quartett nicht auch mal ein Kinderbuch besprechen? Dass jedoch in der Dezemberausgabe 2021 ausgerechnet das »Weihnachtsschwein« von J. K. Rowling besprochen wurde, zeigt, warum man Kinderbücher auf diese Weise nicht zu fassen bekommt.

Allein das quietschbunte Cover fiel bei der Vorstellung der zu diskutierenden Bücher auf: »Jacks wundersame Reise mit dem Weihnachtsschwein« stand neben Büchern von Edgar Selge, Marie NDiaye und Stefan Zweig zur Diskussion.

Immerhin wurde im Literarischen Quartett schon mal Stephen King besprochen, warum also nicht auch einmal ein Kinder- und Jugendbuch? Schade, dass es aber offenbar nur die großen Namen sind, die es ausnahmsweise mal in die Diskussionsrunde schaffen. Es gibt doch wunderbare Kinderbücher von deutschsprachigen Autorinnen. Darüber hinaus ist die Autorin mit ihrer Haltung in, nun, sagen wir mal: Geschlechterfragen sehr umstritten. Da ist der unverstellte Blick aufs Buch bisweilen schwierig.

Die Schwierigkeiten im Quartett stellten sich aber als profaner da: Es zeigt sich, dass ein solches Werk mit literaturkritischen Werkzeugen nicht fassen ist, selbst wenn sich Vea Kaiser bemühte, die Altphilologin Rowling dafür zu loben, dass sie in diesem Kinderbuch auch die alten griechischen Unterweltgeschichten beleuchte. Jakob Augstein hingegen fand das Buch nur schwach, langweilig, nichtig, kitschig und übermoralisierend. Er vermisste Ironie und einen doppelten Boden in der Geschichte. Es sei eines der schlechtesten Bücher, dass er je gelesen habe. Thea Dorn brach es auf den Umstand herunter, dass Bücher, die der breiten Masse gefallen sollen, der klassischen Erzählmechanik der Heldenreise folgen. So auch hier. Kann man Kinderbücher – wie es Vea Kaiser noch versuchte – auf das Bewertungskriterium bringen: Gefällt es den Kindern? Herr Augstein war für diese Diskussion verloren, auch wenn Zeit-Literaturchef Adam Soboczynski sich in der Vermittlung der Positionen versuchte. Das Buch war nicht zu fassen.

Ganz anders die Diskussion um Edgar Selges »Hast Du uns endlich gefunden«, bei der nicht nur das bereits an anderen Stellen vielgelobte Buch besprochen, sondern auch die mediale Inszenierung dieses autobiografisch angelehnten Erzähldebüts eines Schauspielers analysiert und thematisiert wurde. Hier lieferte das Quartett einen Mehrwert in der Buchbetrachtung. Während dies – wenngleich auch in ganz anderer Form – bei Rowling nicht erfolgte, war es bei Selge gelungen und beantwortete die Frage »Warum muss das Quartett diesen Bestseller auch noch besprechen?« mit neuen Perspektiven.

Die Diskussion um das Buch »Die Rache ist mein« der französischen Autorin Marie NDiaye blieb im Vagen. Es schnitt weniger positiv ab.

Auch der Diskussion um die Neuauflage von Stefan Zweigs »Ungeduld des Herzens« hätte eine übergeordnete Diskussion und Einordnung gut getan. Thea Dorn war seinerseits als Gastgeberin angetreten, in der Runde immer einen neueren oder älteren Klassiker zu besprechen. Im Quartett bildete sich durchaus das Bild der heutigen Zweig-Rezeption ab: Zwei fanden das Buch sehr gut, für Vea Kaiser ist es eines der besten Bücher überhaupt, währen die beiden anderen Buch und Pathos als überholt empfanden. Die einen bezeichneten es als sprachlich gekonnt, Adam Soboczynski hingegen findet es aufgrund der großen Gefühle »für Jugendliche ganz schön zu lesen«. Es sei tolle Jugendliteratur, doch insgesamt schreibe Zweig schlecht, er habe einen schlechten Stil. Selbst im Entstehungsjahr 1938 sei das Buch bereits sehr altmodisch gewesen, urteilte Augstein. Es blieb die übergeordnete Frage offen, warum man das Buch heute noch lesen soll. Bis auf die Diskussion um »Hast Du uns endlich gefunden« fehlte dem Quartett der einordnende Blick von oben.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 03.12.2021 besprochenen und erwähnten Bücher:

3 Kommentare

  1. „Darüber hinaus ist die Autorin mit ihrer Haltung in, nun, sagen wir mal: Geschlechterfragen sehr umstritten.“
    Na ja, die Autorin ist, soweit ich weiß, dagegen, dass Männer die sich als Frauen ausgeben und die Frauen vergewaltigt haben, in Frauengefängnissen landen.

    „Schade, dass es aber offenbar nur die großen Namen sind, die es ausnahmsweise mal in die Diskussionsrunde schaffen.“
    Das ist wahr. Ich zum Beispiel hätte mich gefreut, wenn dort „Kaiserfront Extra: Winterkrieg in Finnland“ besprochen worden wäre :-).

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