StartseiteLiterarisches LebenDas Literarische Quartett vom August 2022: Salman Rushdie 30 Jahre später loben

Das Literarische Quartett vom August 2022: Salman Rushdie 30 Jahre später loben

Die Quartett-Besetzung vom 28. August 2022 (von links): Adam Soboczynski, Thea Dorn, Deniz Yücel und Vea Kaiser (Foto: ZDF/Jule Roehr)
Die Quartett-Besetzung vom 26. August 2022 (von links): Adam Soboczynski, Thea Dorn, Deniz Yücel und Vea Kaiser (Foto: ZDF/Jule Roehr)

Das literarische Quartett vom August 2022 war ungewohnt politisch, ansonsten wie gewohnt. Dennoch kam gegen Ende der Wunsch auf, man möge das Karussell der Immergleichen durch ein anderes Format ersetzen.

Am 12. August 2022 wurde versucht, den Autor Salman Rushdie auf offener Bühne zu ermorden. 1988 erschien sein Buch »Die satanischen Verse«, und ein unglücklicher Umstand führte dazu, dass es dem damaligen iranischen Staatschef Chomeini (88) in den Blick kam und man das Werk als antiislamisch verurteilte. Chomeini rief dazu auf, Rushdie zu ermorden. 1989 kam die deutsche Übersetzung auf den Markt. Zu diesem Zwecke erschien der Roman nicht bei Kiepenheuer & Witsch, sondern es wurde eigens der Verlag »Artikel 19« gegründet. Mehrere Verlage und über 100 Herausgeber standen zu diesem Werk. Die Angst vor Anschlägen war damals groß. Buchhandlungen wurde geraten, das Buch besser nicht sichtbar auszustellen.

Beim Literarischen Quartett vom März 1989 wurden das Buch und der Mordbefehl zwar thematisiert, doch man verzichtete bewusst auf eine literaturkritische Besprechung des Werkes. »Eine Diskussion, die die Qualität des Buches von Salman Rushdie verquickt mit dem Mordbefehl des Ayatollah Chomeini, die leistet Vorschub dem Gedanken, es könne was dran sein an dem, was man vielleicht dem Buch vorwerfen kann und der Praxis eines solchen absurden Mordbefehls«, argumentierte damals der Miterfinder des literarischen Quartetts Jürgen Busche. Man kann sich den Ausschnitt bei YouTube ansehen. Würde man über das Buch literaturkritisch diskutieren, verharmlose man den Fall, so Busches Argumentation. Es sei vielmehr ein Thema der nationalen und internationalen Politik. Danach ging es mit dem Tode Thomas Bernhards weiter.



Das Literarische Quartett vom 10. März 1989 zum Buch von Salman Rushdie

Das Literarische Quartett vom 10. März 1989 zum Buch von Salman Rushdie

Bis heute, sagt der damalige Lektor Rushdies und spätere Verleger des Kiepenheuer & Witsch Verlages, Helge Malchow, wirke dieses Argument nach, und man habe die ästhetische Qualität des Werkes stets ignoriert.

Dass nicht die Literaturkritik, sondern ein versuchter Mordanschlag über 30 Jahre später zur Wiederentdeckung der »Satanischen Verse« führt, ist nicht ganz unproblematisch und zeigt, dass die von Busche angeführte Argumentation bis heute gilt.

Sei’s drum. Fürs Literarische Quartett vom August 2022 entschloss man sich kurzfristig, den Klassiker zu diskutieren. Immerhin ist das Buch nach über 30 Jahren weiterhin als Taschenbuch erhältlich. Wobei: Wurde wirklich diskutiert? Im Grunde genommen wurde es etwas zu aktionistisch gelobt. Man habe das »verbotene« Buch damals vielleicht gekauft, aber kaum einer habe es gelesen. Thea Dorn schloss sich in diesen Kreis ein. Zusammen mit Vea Kaiser, Adam Soboczynski und Deniz Yücel lobte sie es nun in den Himmel, aus dem am Anfang des Romans zwei Schauspieler fallen. Als Bewertungsmaßstab zitierte Yücel Deichkind: »Leider geil!«

Mehr hätte man über das Leider gewusst. Es kann doch nicht nur das Literarische Quartett von 1989 gewesen sein, das damals die Lektüre erschwerte. Was unterscheidet die Rezeptionen von damals und heute? Nur »seiner Zeit voraus« reichte irgendwie nicht.

Die folgenden Diskussionen über die Bücher von Ralf Rothmann und Giulia Caminito verliefen dann wie gewohnt. Mit Caminito trat Vea Kaiser wieder einmal in die Fußstapfen Christine Westermanns, indem sie als einzige ein Buch in gewohnter Adjektivität als »großartig« bezeichnete, aber wie immer nicht in der Lage war, Worte der Begründung zu finden. Als ihr die drei anderen Gegenbelege lieferten, verwies sie hilflos auf die vielen Übersetzungen des Werkes.

Auch die letzte Diskussion des Tages hatte den üblichen Beigeschmack des inzestuösen Literaturbetriebs der Immergleichen. Warum diskutiert man wieder einmal über ein Werk eines anderen Kritikers, der darüber hinaus auch noch die französischen Brüder Autorenbrüder Goncourt als Hauptpersonen wählt?

Am Schluss der August-Ausgabe ging es dann wieder ins Politische. Der wegen Rushdie zurückgestellte Roman »Samson und Nadjeschda« von Andrej Kurkow diente als Anlass für Deniz Yücel, in Absprache mit Thea Dorn zur Lektüre ukrainischer Autoren aufzurufen, um die Geschichte des Landes besser zu verstehen.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 26.08.2022 besprochenen und erwähnten Bücher:

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2 Kommentare

  1. Auch hier wieder die rassistische Zweiteilung der Flüchtlinge, wann wurden als Flüchtlingswerke afrikanische, afghanische usw. Bücher besprochen?, Rushdie steht auf einem anderen Blatt. thematisiert?
    Das geht einfach nicht und darf nicht immer wieder vorkommen, es gibt keine Flüchtlinge 1. und 5. Klasse.

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