Anzeige
Anzeige
StartseiteLiterarisches LebenDas Literarische Quartett vom April 2022: Veamente Behauptungen

Das Literarische Quartett vom April 2022: Veamente Behauptungen

Die Quartett-Besetzung vom 8. April 2022 (von links): Christian Berkel, Thea Dorn, Cornelius Pollmer und Vea Kaiser (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)
Die Quartett-Besetzung vom 8. April 2022 (von links): Christian Berkel, Thea Dorn, Cornelius Pollmer und Vea Kaiser (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Thea Dorn war wieder da. Das Publikum war wieder da. Christian Berkel und Vea Kaiser waren wieder da. Nicht alles und alle hat man vermisst.

Wer schreibt beim ZDF neuerdings die Titel fürs Literarische Quartett? Damit sind nicht die Buchtitel der besprochenen Bücher gemeint, sondern die der Sendungen. Bislang hießen diese nüchtern »Sendung vom 14. Mai 2021«, neuerdings lehnen sie sich an den phrasenhaften Stil kostenloser Werbeblätter an: »Heißer Bücherherbst«, »Lese-Glanzlichter«, »Der Bücherfrühling lockt« oder »Leselust an Ostern«.

Es war die Sendung eine Woche vor Ostern. Hat sie Lust aufs Lesen gemacht? Womöglich Lust aufs Lesen der besprochenen Bücher?

Nach coronabedingtem Ausfall leitete Thea Dorn wieder die Runde, und man erkennt, wo ihre Qualitäten in der Gastgeberrolle liegen, indem sie das Gespräch tatsächlich führt und unklare oder unbekannte Dinge fürs Publikum einordnet.

Nach coronabedingtem Ausfall saß nach zwei Jahren auch wieder Publikum im Foyer des Berliner Ensembles. Noch nicht so zahlreich wie zuvor und mit Maske. Da das Publikum Teil der Kulisse und fast ständig im Bild ist, wirkte das befremdlich. Im Grunde genommen bebilderte es die Überflüssigkeit: es sitzt da, hat aber nichts zu sagen. Es gibt Fernsehsendungen wie »Markus Lanz«, bei denen man erkannt hat, dass die Gespräche ohne Publikum intensiver sind. Auch dem Literarischen Quartett tat die erzwungene Abwesenheit der Zuschauer gut. Mit leicht ironischem Unterton bezeichnete Thea Dorn dennoch die Rückkehr des Publikums als »emotionalen Moment«.

Ob es am Saalpublikum lag, dass die Bücherdiskussion diesmal unterdurchschnittlich war? Oder lag es an den Gästen? Oder an der allgemeinen Qualitätsschwankung? Es kann nicht jede Diskussion gut und unterhaltsam sein. Mit Vea Kaiser und Christian Berkel waren zwei aus dem üblichen Quartett-Ensemble dabei. Neu in der Runde war der studierte Volkswirt und Journalist Cornelius Pollmer, der seine Sache gut machte. Autor und Schauspieler Christian Berkel schlug einen leiseren und zurückhaltenden Ton an. War es Vea Kaiser, die das Quartett zu einem Topf voller Meinungen machte, ohne dass daraus eine würzige Diskussionssuppe wurde? Wieder einmal musste man feststellen, dass Vea Kaiser keine sprachlichen Mittel besitzt, um Bücher und Literatur angemessen zu beurteilen oder dieses Urteil zu begründen. Meist mit dem Adjektiv »großartig« erfreut sie sich an Banalitäten wie einem kapitelweisen Perspektivwechsel oder führt auf, was sie von guter Literatur erwartet, was Selbstverständlichkeiten und Banalitäten sind, wie »das Öffnen von Räumen«. Umgekehrt wirft sie mit Vehemenz den Büchern Dinge vor (Klischehaftigkeit, gleiche Figurensprache), die die anderen nicht erkennen können. Der faktenlose vehemente Behauptungsstil Vea Kaisers mag dazu geführt haben, dass Meinungen aufeinandertrafen, ohne dass diese aufgelöst wurden oder zu einer Diskussion um Buch und Inhalt führten. Eine gute Widerrede mag dazu führen, dass man angeregt wird, selbst ins Buch zu schauen, bei Vea Kaiser scheint sie jedoch nur aus sich selbst zu bestehen. Das Publikum kann die Schwächen und Stärken eines Buches aufgrund von Behauptungen nicht erfassen.

Zum ersten Mal seit langem wurde ein Übersetzer genannt. Christian Berkel lobte die »wundervoll rhythmisierte Übersetzung von Olaf Kühl« des Romans »Demut« von Szczepan Twardoch.

Der Rest der Diskussionen und die Frage, ob man die Bücher lesen sollte, blieb aus den genannten Gründen ambivalent oder – wie es in der Phrasenhaftigkeit des Sendungstextes heißt – ein »munterer Disput«.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 08.04.2022 besprochenen und erwähnten Bücher:

3 Kommentare

  1. Lieber Herr Tischer, danke für Ihren Beitrag, der fast wortidentisch von mir sein könnte. Das betrifft die Diskutanten (speziell Vea Kaiser, nicht nur in dieser Sendung, und Cornelius Pollmer, den ich für einen echten Zugewinn halte) ebenso wie das überflüssige bis störende Publikum. Und welchen Sinn hat das ganze Wortgeklingel? Aufgrund dieser Sendung würde ich mir keines der vorgestellten Bücher zulegen, obwohl mich ansonsten mindestens zwei der Titel interessieren – ganz ohne Lamento.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein.
Bitte geben Sie Ihren Namen ein