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Beitrag vom 22. Dezember 2014 | Rubrik: Literarisches Leben

ZDF-Märchenfilm: Das kalte Herz schlägt lauwarm neu

Peter Munk (Rafael Gareisen) hat sich in Lisbeth (Laura Louisa Garde) verliebt. (Foto: ZDF/Sandra Bergemann)

Foto: ZDF/Sandra Bergemann

Unbemerkt von der breiten Fernsehöffentlichkeit versendete das ZDF am 20. Dezember 2014 im Spartenkanal Neo die Neuverfilmung des Märchens »Das kalte Herz« nach Wilhelm Hauff.

Der 85-Minüter läuft über Weihnachten nicht im Hauptprogramm, kann aber über die Feiertage noch in der ZDF-Mediathek angesehen werden.

Ob es daran liegt, dass die Neuversion so bräsig bieder daherkommt, dass selbst die DDR-Verfilmung von 1950 zeitgemäßer wirkt?

»Das kalte Herz« von Wilhelm Hauff ist ein Klassiker des Kunstmärchens. Seine Aussage ist auch heute noch aktuell und die Grundlage vieler Lebenshilferatgeber: Sei glücklich im Hier und Jetzt, und strebe nicht nach scheinbar besseren Dingen, die dich nur noch unglücklicher machen werden.

So will der junge Peter Munk kein Köhler im Schwarzwald mehr sein, sondern Glashüttenbesitzer. Weil er ein Sonntagskind ist, erfüllt ihm das Glasmännlein – ein Waldgeist – drei Wünsche. Doch die ersten beiden sind so töricht, dass sie Peter in den Ruin stürzen. So wendet er sich an einen anderen Geist, den baumlangen Holländer Michel, der Peter Geld gibt. Aber dafür ersetzt er Peters Herz durch einen Stein. Das Unglück wird noch größer. Peter ist im wahrsten Sinne des Wortes kaltherzig geworden, wird zum Mörder und skrupellosen Geschäftsmann. Doch da wir im Märchen sind, wird am Schluss alles gut.

Die Neuverfilmung von Marc-Andreas Bochert (Regie und Drehbuch) hält sich eng an die Geschichte des Originals und fügt nur ein paar erzählerische Ausschmückungen hinzu. Der Film kommt stimmungsvoll und stimmig daher mit nebligen Tannenwäldern, Fachwerkhäusern, rauchenden Kohlemeilern, einer feurigen Glashütte und düsteren Wirtshausstuben. Drehorte, Kostüme, Ausstattung und Darsteller: Alles wirkt zunächst märchenhaft gut.

Dennoch bleibt der Film blass und kommt nicht richtig in Fahrt. Er bleibt auf dem Niveau einer Pilcher-Verfilmung stecken: schöne Landschaften, schöne Bilder … aber sonst?

Die »Spezialeffekte« wirken wie aus den 1970ern. Die Texte sind stellenweise aufgesagt wie in den Heimatfilmen der 1960er Jahre.

Vielleicht ist es aber auch die grausame filmmusikalische Dutzendware, die mehr nach Schwarzwaldklinik als nach Schwarzwaldmärchen klingt?

Oder ist es die Fehlbesetzung des Holländer Michel, der mehr als grantelnder Opi rüberkommt und nicht als der höllische Hüne, der mit dem Teufel im Bunde steht?

Der Film wirkt seltsam unzeitgemäß aus der Zeit gefallen.

Das kalte Herz: Zeichnung von Bertall aus dem »Mährchen fur Söhne und Töchter gebildeter Stände« von Wilhelm Hauff, Stuttgart 1869

Wer wirklich eine beeindruckende und gruselige Verfilmung des Hauffschen Märchens sehen will, der sollte an Heiligabend (24.12.2014) um 22:40 Uhr rbb einschalten. Da läuft die Version von 1950, die Filmgeschichte geschrieben hat. Es war die erste Farbfilmproduktion der DEFA-Studios. Selbst im Zeitalter der Computeranimationen überzeugen die damaligen Trickeffekte. Die dramatischen Licht- und Farbstimmungen, die Gruselelemente und die imposante Gestalt des Holländer Michel in dieser über 60 Jahre alten DDR-Produktion lassen die Neuverfilmung von 2013/14 noch blasser aussehen als fehle ihr das Herz am rechten Fleck.

Wolfgang Tischer

Links ins Web:

Die Zeichnung oben mit Peter Munk auf der Hand des Holländer Michel stammt von Bertall und aus dem Buch »Mährchen fur Söhne und Töchter gebildeter Stände« von Wilhelm Hauff, Stuttgart 1869, Seite 379.

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