Waldbaden: Du kommst anders aus dem Wald heraus, als du ihn betreten hast

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Das Buch »Waldbaden - Shinrin Yoku« von Annette Lavrijsen
Das Buch »Waldbaden – Shinrin Yoku« von Annette Lavrijsen

»Und wie war es beim Waldbaden?« Der Bekannte lächelt mich süffisant an.

Waldbaden ist gerade Trend. Selbst Fernsehzeitschriften schreiben darüber. Und ich war dabei. Der Bekannte sah mich wahrscheinlich halbnackt durch den Wald springen und Mantras singen.

Bevor ich das erste Mal im Wald gebadet habe, hatte ich ähnliche Vorurteile. Heute kann ich dazu sogar ein Buch empfehlen. Nicht zu den Vorurteilen, sondern zum Shinrin Yoku, dem Waldbaden.

»Es sind auch andere Männer mit dabei«

Sommer 2018. Ich bin nach Igelsberg gereist. Hier im Nordschwarzwald betreibt Sarah Braun die Black Forest Lodge. Hier ist man umgeben von Wiesen, Wäldern und bester Luft. Hier herrscht eine unglaublich erholsame Atmosphäre. In der Lodge habe ich selbst schon Schreibseminare veranstaltet, das nächste wird im September stattfinden (Infos dazu hier).

Doch heute bin ich Teilnehmer eines Waldbaden-Seminars. Im Dezember war ich schon mal dabei, nachdem ich am Rande meiner eigenen Seminare davon erfahren habe und neugierig wurde.

Auf in den Wald!
Auf in den Wald! Der Schwarzwald bei Igelsberg.

Waldbaden wird auch Shinrin Yokuin genannt, denn die Japaner haben es erfunden. Schon in den 1980er-Jahren hat die dortige Forstbehörde ein Waldstück zum »Baden« eingerichtet, damit sich gestresste Japaner erholen können.

Dass Wald erholsam wirkt, dürfte niemanden überraschen. Spätestens seit Peter Wohllebens Baum- und Waldbüchern ist Wald im Trend. Neueste Forschungen haben Stoffe ausgemacht, mit denen die Bäume auf Molekülbasis kommunizieren. Miteinander und mit uns. »Die heilende Kraft der Natur« ist keine Phrase, sondern wissenschaftlich belegt.

Adlerfarn im Schwarzwald bei Igelsberg
Adlerfarn im Schwarzwald bei Igelsberg

Aber im Wald baden? Das wiederum klingt doch esoterisch. »Es sind auch andere Männer mit dabei!«, hatte man mich im Dezember ermutigt. Und als die Gruppe durch den verschneiten Wald stapft, da bin es ich, dem das alles fast etwas zu laut und zu wenig meditativ ist. Menschen über 40 werden zu Kindern, toben durch den verschneiten Wald und entdecken ihre Kindheit wieder.

Waldbaden ist jedes Mal anders, und jede Gruppe ist anders, sagt Sabine Mauersberger, die schon seit Jahren und lange vor dem Trend Seminare im Waldbaden anbietet. Damals im Dezember musste man die Gruppe einfach auch mal im Wald herumtollen lassen.

Waldbaden ist eben Trend

Als ich im Frühjahr die Verlagsvorschau des Lübbe Verlags in der Hand halte, fällt mit ein Shinrin-Yoku-Buch auf, das Ende Juni erscheinen soll, und schon aus Neugier fordere ich es an. Später fällt mir in einer Buchhandlung ein Aktionstisch voll mit Büchern zu diesem Thema ins Auge. Waldbaden ist eben Trend.

Sechs Monate später ist der Wald saftig grün statt weiß und der Himmel nahezu wolkenlos blau. Zweimal ziehe ich mit unterschiedlichen Gruppen los, am Samstag und am Sonntag. Vier Stunden geht es in den Wald. Nicht zum Wandern, nicht zu einer Naturkundeexpedition, sondern zum Waldbaden. Immer wieder sind Menschen dabei, die ich da nicht erwartet hätte: Gestandene ältere schwäbische Männer oder ein junger Typ mit Sonnenbrille, der anscheinend nur wegen seiner Freundin mitgekommen ist.

Das kleine Baumbuch (Insel-Bücherei)
Das kleine Baumbuch (Insel-Bücherei)

Wir ziehen über die Wiesen zum Waldrand, der nur wenige Meter vom Dorf entfernt ist. Am Samstag ins nördliche, am Sonntag ins südliche Waldgebiet. Einige Leute sind gleich zweimal dabei und erleben Waldbaden zweimal unterschiedlich – so auch ich.

Sabine Mauersberger ist aus Tübingen angereist, wo sie ebenfalls regelmäßig Waldbaden anbietet. Doch der Wald um Igelsberg ist für sie ganz besonders. Sabine ist Yogalehrerin und Biologin. Der Tag ist keine Pflanzenexkursion, doch am Beginn erklärt Sabine den Unterschied zwischen Tanne und Fichte. Der Tannenbaum ist in Deutschland populär – nicht nur zur Winterszeit. Doch sowohl in den weihnachtlichen Wohnzimmern als auch im Schwarzwald überwiegen eigentlich die Fichten. Eindeutigstes Merkmal: die Zapfen ragen bei der Fichte nach unten und bei der Tanne nach oben. Die Fichte wirft die Zapfen zudem ab, sodass wir auf dem Waldboden meist Fichten- und eben nicht Tannenzapfen finden.

Bäume umarmen? Sähe ja doof aus!

Waldbaden folgt keiner festen Regel. Sabine setzt lediglich Impulse, macht Vorschläge. Niemand muss hier etwas tun, es gibt kein »Kursprogramm«. Den Eintritt in den Wald sollte man jedoch möglichst bewusst gestalten. Warum bin ich hier? Was will ich vielleicht zurücklassen, wenn ich den Wald betrete? Ein Stock, abgelegt am Waldrand, kann Symbol dafür sein.

Baumrinde
Baumrinde

Schon im Dezember sah ich mich Bäume umarmen. Nunja, eigentlich eher nicht. Sähe ja auch doof aus. Doch damals begann Sabine das Waldbaden mit einer interessanten Aufgabe: Man findet sich zu zweit zusammen, und einer oder eine bekommt die Augen verbunden. Der Sehende führt dann den Blinden zu einem Baum, den dieser ertasten muss. Mit Augenbinde beginne ich tatsächlich spontan, den Baum zu umarmen. Schließlich will ich mir seinen Umfang einprägen und spüren, wie die Rinde beschaffen ist. Denn später werde ich zum Ausgangspunkt zurückgeführt, mir wird die Binde abgenommen, und ich soll nun sehend den Baum aufsuchen, den ich gerade mit meinen anderen Sinnen erfahren habe. Das funktioniert verblüffend gut! Und ich denke: Oh Mann, du hast tatsächlich gerade einen Baum umarmt – und es hat Spaß gemacht!

Eine Stunde der Wald und ich

Wie gesagt: Waldbaden folgt keiner festen Regel, und diesmal führt Sabine die Baumübung nicht durch. Stattdessen macht sie Atemübungen mit uns und schärft unsere Sinne auf andere Art. Höhepunkt jeder Waldbadetour: eine Stunde allein im Wald. Abseits der Wege und möglichst so, dass man keine andere Teilnehmerin und keinen anderen Teilnehmer sieht. Und das alles natürlich ohne Mobiltelefon oder andere Ablenkung. Eine Stunde der Wald und ich. Eine Stunde den Wald sinnlich erfassen. Hören. Riechen. Tasten. An welchen Ort gerate ich? Wo setze oder lege ich mich hin?

Man könnte versuchen, all das zu beschreiben, was in einer Stunde Wald passiert. Oder man kann es einfach selbst ausprobieren. Denn das Beschreiben fällt schwer.

Im Wald bei Igelsberg
Im Wald bei Igelsberg

Am Ende jeder Waldbadeeinheit gibt es eine Runde mit Rückmeldungen der Teilnehmer. Wer will, darf etwas über seine Erfahrungen berichten. Mich erstaunt, dass gerade der gestandene Schwabe und der Typ mit der Sonnenbrille begeistert sind. Andere gestehen freimütig, dass sie in der Stunde Wald nicht so richtig loslassen konnten und wollten. Nicht ohne Grund betont Sabine, dass man sie gerne auch später noch kontaktieren könne. Wer eine Stunde mit sich allein im Wald ist, ist oftmals plötzlich sich selbst näher als ihr oder ihm in der Alltagshektik lieb ist.

Das Buch »Shinrin Yoku – Waldbaden« von Annette Lavrijsen

Drei Tage zuvor war das Buch »Shinrin Yoku – Waldbaden. Die heilende Kraft der Natur« von Annette Lavrijsen eingetroffen. Die Autorin kommt aus den Niederlanden, was man nicht unbedingt mit Wäldern in Verbindung bringt. Annette Lavrijsen war Redakteurin bei »Women’s Heath«. Ist auch das Buch eher im oberflächlichen Stil einer Frauenzeitschrift gehalten?

Doch auch hier bestätigen sich Vorurteile nicht. Allein schon optisch kommt das Buch ganz anders daher, als die üblichen Sachbücher mit bedrucktem Hochglanzpappumschlag. Stattdessen erinnert das kleine Büchlein mit schön gestaltetem Schutzumschlag und Lesebändchen eher an einen Roman. Im Innern finden sich zwischen hübscher Typografie fein zurückhaltende Zeichnungen. Lavrijsen kommt immer wieder auf die japanischen Einflüsse zu sprechen, berichtet aus erster Hand von ihren eigenen dortigen Aufenthalten und Eindrücken. Das Buch mit seinem persönlichen Ton wirkt angenehm. Weder ist es esoterisch, noch ist es zu sehr mit Namen und Zitaten vollgestopft. Ähnlich wie Sabine im Wald um Igelsberg gibt auch Lavrijsen Anregungen ohne festes Programm. Sie erklärt Bäume, gibt Tipps, und Übungen sollen stets Anregungen fürs eigene Badeerlebnis sein.

Als ich Sabine das Buch zeige, ist sie ebenfalls sehr angetan.

Die Yogalehrerin hat zudem selbst noch ein ganz anders Buch mitgebracht, dessen Naturbeschreibungen sie für sehr gelungen und beeindruckend hält. Es ist ein Buch aus der Insel-Bücherei, das ursprünglich 1934 erschienen ist und Anfang der 2000er-Jahre nochmals neu aufgelegt wurde. Zwischenzeitlich ist es leider nur noch antiquarisch erhältlich: »Das kleine Baumbuch«. Neben den für die Zeit unglaublich starken Natur- und Pfanzenbeschreibungen beeindruckt das Büchlein mit schönen Zeichnungen. Sonderbar, dass der Verfasser der Texte im Werk nicht angegeben ist.

Podcast: Sabine Mauersberger übers Waldbaden

Sabine Mauersberger
Sabine Mauersberger

Als die Teilnehmer des ersten Tages für eine Stunde im Wald verschwunden sind, spreche ich mit Sabine für den Podcast des literaturcafe.de über das Waldbaden und die beiden Bücher. Unser Gespräch, buchstäblich aufgezeichnet mitten im Wald, kann unten angehört werden.

Ohne die Dinge genau begreifen oder beschreiben zu können, kehrt die Gruppe an beiden Tagen irgendwie anders zurück. Das Waldbaden hat einiges bewirkt – und Unterschiedliches. Man spürt es ohne Worte. Man kommt anders aus dem Wald heraus, als man ihn betreten hat.

Im Herbst ist schon die nächste Waldbade-Einheit geplant. Ich werde wahrscheinlich wieder dabei sein, denn jedes Mal ist Waldbaden anders. Und wer nicht nach Igelsberg kommen mag, sollte sich das Buch von Annette Lavrijsen ansehen, das Simone Schroth ins Deutsche übersetzt hat.

Wolfgang Tischer

Annette Lavrijsen: Shinrin Yoku - Waldbaden. Die heilende Kraft der Natur. Gebundene Ausgabe. 2018. Bastei Lübbe (Lübbe Hardcover). ISBN/EAN: 9783785726358. EUR 16,00 » Bestellen bei Amazon.de Anzeige

Das kleine Baumbuch - Die deutschen Waldbäume - Insel Bücherei Nr. 316. Gebundene Ausgabe. 1984. . EUR 39,00
Vorsicht bei der antiquarischen Bestellung des Baumbuches: Es gibt die Erstausgabe von 1934 (noch mit Frakturschrift), es gibt die Neuausgaben des Bandes aus den 1980er und 2000er Jahren und es gibt eine weitere Neuausgabe als Band 1379 der Insel-Bücherei, die allerdings nicht mehr den Insel-Bücherei typischen Umschlag hat. Bei den Händlern ist leider nicht immer  ersichtlich, um welche Ausgabe es sich handelt.

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