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Beitrag vom 26. November 2010 | Rubrik: Literarisches Leben

Undankbare Literatur: »Und das alles für ein paar Cent«

Buch-Kunst 1Einer der Schwerpunkte in der Kultur unserer und der vergangenen Zeiten ist neben der Literatur die bildende Kunst. Man könnte meinen, beide Künste seien irgendwie gleichrangig oder zumindest bei vielen Menschen beliebt und geschätzt.

Ich gehe gerne zu Einladungen von Ausstellungen vieler Richtungen der bildenden Kunst und zu Lesungen mit den vielfältigsten Themen.

Aufgefallen ist mir, dass bei Ausstellungen mehr Publikum anzutreffen ist, bei Lesungen mit nicht so bekannten Autorinnen oder Autoren schon weniger. Du schaust dir die Bücher an, die ausliegen und denkst dir, na ja, eines könntest du dir schon kaufen, ist ja nicht so teuer, aber es fehlt halt die Zeit, das auch zu lesen.

Aber du zückst doch den Geldbeutel, weil der Typ da vorne am Lesepult ein wenig traurig dreinschaut. So eine Traurigkeit von innen, auch wenn er sich bemüht, seinen Part locker und easy vorzustellen.

Buch-Kunst 2Doch man merkt ihm oder ihr nicht an, wie lange er oder sie für das Werk gearbeitet hat, oft bis tief in die Nacht. Und auch am Sonntag und zur Badezeit, wo andere in die Kirche gehen oder sich am See räkeln.

Natürlich hat auch ein Autor, eine Autorin Freude an der Arbeit, so eine Freude von innen.

Ein wenig anders sieht es bei Ausstellungseröffnungen aus. Die Bilder hängen an der Wand, liegen nicht auf den Tischen herum. Es sitzt auch keiner vor seinem Schreibtisch und schaut ins Buch und schaut irgendwie so traurig aus, von innen.

Die Leute plaudern, trinken Wein oder Sekt oder sind einfach aufgekratzt. Ein Professor erklärt wortreich die Empfindungen des Künstlers, während dieser, umringt von Damen jeglichen Alters, beredt Auskünfte erteilt.

Buch-Kunst 3Nun, ich hole mir einen Katalog, in dem die Kunstwerke abgebildet sind und rechts daneben die Euros, die man spenden muss, wenn man sie haben möchte fürs traute Heim. Und dann traust du deinen Augen nicht, denn die kleinformatige Grafik mit den grausamen Fratzen, »zart gezeichnet«, stehen da drin mit Euro 3.200,-! Da schnallst du ab und denkst dir, wie lange hat der Künstler daran gewerkelt – eine Stunde oder zwei oder fünfzehn Minuten?

Und du erinnerst dich, wie du im TV gesehen hast, wie die Künstlerin die Farbe direkt auf die Leinwand geworfen hat, so als ob sie einen Diskus hinauswerfen würde.

Und du denkst an jene Nacht, in der du wie ein Verrückter an einer Stelle deines Romans oder deiner Erzählung hängen geblieben bist und du einfach dein müdes Haupt auf die Tischplatte gepresst und geflucht hast, dass du jetzt endlich die Schnauze voll hast von all der Herumstocherei im Leben anderer und ihrer Transkription aufs Papier oder in den PC! Und dass du das alles für ein paar Cent gemacht hast.

Buch-Kunst 4Dann kommt dir das Bild deiner Bekannten ins Gedächtnis, als sie eines Tages bei einer Tasse Kaffee sagte: »Markus, so blöd bin ich nicht mehr, dass ich monatelang in die Tasten des PC haue, ich mache schon seit einiger Zeit ‚Kunst’ und du kannst es glauben oder nicht, aber die Kerle mit den dunklen Anzügen reißen mir meine ‚Werke’ direkt aus den Händen und zahlen Hunderte und Tausende aus der Westentasche.«

In diesem Augenblick kam ich mir vor, wie ein Bettler aus dem Mittelalter, der vor einem Kirchenportal nach Kreuzern bettelt. Einige Kreuzer für eine Wortschinderei über Wochen und Monate.

Doch du weißt, dass du ein Verrückter bist, der nie aufgeben wird und unablässig herumfeilt an seinem Werk und der nicht mehr daran denken möchte, welch eine tiefe Ungerechtigkeit da am Werk ist. Und die der Gesellschaft gleichgültig und wurscht ist.

Markus Dosch

Hinweis: Die zart gezeichneten Grafiken zu diesem Artikel sind als Digitaldruck für Euro 3.200,- erhältlich.

4 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Annorra schrieb am 26. November 2010 um 12:29 Uhr

    Gut auf den Punkt gebracht. Genau so empfinde ich ich den Unterschied zwischen einem Kunstwerk und einem Buch und kein Maler mit so einem weißes-Quadrat-Bild soll mir erzählen, dass da der Preis im Verhältnis zum Arbeitsaufwand steht, wohingegen Autoren arg unterbezahlt mit ihren paar Cent pro Buch werden. Andrerseits hab ich die Vorstellung (nur eine Vorstellung, keine Erfahrung), dass Künstler nur in seltenen “Glücksfällen” mal überhaupt ein Bild verkaufen. Vielleicht sind die 3200 Euro dann auch alles, was in 365 Tagen für sie abfällt, während ein Autor viele kleine Ein-Euro-Erfolgslebnisse hat. Nun ja, aber wieder andrerseits betrachtet … 3200 Bücher für einen unbekannten Autor im Jahr zu verkaufen erscheint da schon mühsamer und schwerer als ein Bild … Löhne sind leider ungerecht, das kennt man aus vielen Berufen und Branchen.

  2. Jo schrieb am 26. November 2010 um 20:12 Uhr

    Es erscheint mir unsinnig, ästhetische Geschwisterkinder gegeneinander auszuspielen. In örtlichen Szene gibt es keinen Mangel an darbenden “Künstlern”. Das Problem ist wohl eher in Klüngelei und der Besetzung äasthetischer Positionen durch konsumorientierte Propaganda zu finden.

  3. Frank Rawel schrieb am 1. Dezember 2010 um 13:11 Uhr

    Wo bleiben mit ihren Wortmeldungen unsere U-Bahnhof-Musikanten?
    In allen Künsten, scheint mir, vollzieht sich eine extreme Polarisierung. Eine Handvoll Bestseller wird zu Millionären, der Rest muss zusehen, dass er wenigstens kostenneutral publiziert.

  4. Kurbjuweit, Till schrieb am 8. Dezember 2010 um 21:36 Uhr

    Zum Thema Ungerechtigkeit: Da fällt mir Neal Donald Walsh ein. In dem DVD-Film zu seinen Büchern „Gespräche mit Gott“ gibt es eine Szene, wo er bei einem Vortrag ausführt, dass ein Filmschauspieler für einen Film oder ein Profifußballer in einer Saison eine horrende Summe erhält (ich glaube es ging um ca. eine Million), und dass die Gesellschaft das akzeptiert und ok findet. Die Menschen hingegen, die wirklich etwas für die Menschheit tun, erhalten viel weniger: Lehrer, Pfarrer (einige weitere Beispiele) und eben auch Schriftsteller. Ergänzung aus dem Publikum: Mütter. Walsh: Genau, Mütter.

    Eine Gerechtigkeit gibt es hier nicht, wie sollte sie auch definiert werden? Genauso wenig, wie der Pfarrer sich sagen wird: Na, dann werde ich doch lieber Schauspieler oder Fußballer werden wir Schriftsteller aus pekuniären Gründen umsatteln und Radierungen ätzen oder Farbbeutel werfen. Was ich zu sagen habe über die Themen des Lebens lässt sich so nicht ausdrücken, sondern nur schreibenderweis. Dazu gibt es keine Alternative.

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