Textkritik: Zurückgestochen oder abgestochen?

Es saßen zwei Staaten beim Abendbrot

sich starr gegenüber im Gram,

dann sagte das eine: »Mein Angebot:«,

und streckte hinüber den Arm,

»Nimm hin das Schmalz,

es bleibt bei mir

das Döschen Salz,

die Flasche Bier

Das andere sagte: »Ich esse nicht

ein Brot nur mit Schmalz ohne Salz,

und ohne das Bier schmeckt mein Nachtgericht

mir übler als salzloses Schmalz.«

»Dann biete ich

jetzt Bier und Salz,

begnüge mich

allein mit Schmalz.«

Das andere Land hat im Groll gedacht:

Nur Worte aus Lug und Betrug!

Und eh sie der Gegner zur Tat gemacht,

ergreift es ein Messer: »Genug!«

Ein Stich geschwind

zur Feindesseit’,

und beide sind

zum Krieg bereit.

© 2017 by Hannelore Furch. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das wechselnde Metrum ist astrein durchgehalten: Handwerklich absolut überzeugend!

Aber inhaltlich? Absolut mangelhaft! Da bleibt nichts übrig und nichts hängen; das sollte wohl eine Parabel werden auf sich streitende Staaten oder Länder oder Männer oder Potentaten, aber das ist gründlich missglückt – Das gilt auch für die Überschrift zu diesem verunglückten Gedicht: Dafür habe ich nur ein Kopfschütteln übrig.

Die Kritik im Einzelnen

Das Staat? Hat sich hier etwa klammheimlich die Vorstellung von einem Staatsoberhaupt einschlawienert? Oha: Das ist ein verratzter Einstieg! zurück

Und noch etwas, was ein Staat nicht hat – wohl aber ein Gesetz: das hat sogar einen langen! zurück

Bier und Salz sind zwei Dinge, und logischerweise bleibt das nicht, sondern sie bleiben! Das ließe sich zudem völlig problemlos ändern, ohne die saubere metrische Gestaltung zu stören: »Es bleiben mir / das Döschen Salz, / die Flasche Bier.« zurück

Und: Zack! – da schlägt es wieder zu, das Staat … zurück

Hoppala: Hat da wer irgendwie was gemerkt und tut lieber so, als sei gar nichts, statt in der ersten Zeile Staaten in Länder umzubenennen? Immerhin meinen Staat und Land nicht dasselbe, und auch bei dieser Veränderung würde das vorbildlich durchgehaltene Metrum nicht gestört! zurück

Es gibt weder Worte noch Wörter, die aus Lug und Betrug bestehen! Aber mit Worten und Wörtern lässt sich trefflich lügen und betrügen, und genau das ist gemeint: Der Landstaat bzw. das Staatland vermutet eine Lüge!

Auch dieser inhaltliche Unfug ließe sich im Einvernehmen mit dem Metrum ganz einfach beheben: Nur Worte sind’s, Lug und Betrug! zurück

Mit Verlaub: Ich kenne zwar den Befehl »Stich zu!« – aber wie jemand zu einer Feindesseit’ bzw. überhaupt zu etwas stechen kann … Meiner Treu: »Reim dich, oder ich fress’ dich!« ist alles, was mir dazu einfällt! zurück