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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 5. Januar 2007 | Textart: Lyrik
Brillen: BrilleBrilleBrilleKeine BrilleKeine Brille

Der Jambus, die Sau

von Markus Linner

Du dreckiger Jambus, verfluchtes Gezücht,
verweigerst dich ständig, du ganz dumme Sau,
und wie ich’s auch winde und wie ich auch schau
und was ich auch schreibe – ein Jambus wird’s nicht.

Da soll man Gedanken in dichterisch’ Licht
betrachten und wälzen auf dass es erbau,
das Volk soll es mögen, der Mann und die Frau
und nicht am Gedanken – am Jambus es bricht!

Ich sag: »Liebe Leute, seid nicht gar so streng,
das Ding mit dem Jambus, ei seht’s nicht so eng.«
Der Pöbel schreit: »Stümper! Du bist nur zu faul!«

Es reicht nicht der Jugend rebellische Wut,
die Masse sie meckert: »Nix Jambus, nix gut.«
Dann lest was ihr wollt, weil ich scheiß euch ins Maul.

© 2007 by Markus Linner. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Sauber gestaltetes Sonett mit einem astreinen Metrum (Amphibrachus) und einer gewaltigen satirischen Fallhöhe: So etwas liest man doch gerne!
Kleinere inhaltliche Verbesserungswürdigkeiten und die zu massive letzte Zeile verhindern fünf Brillen.

Die Kritik im Einzelnen

Dieses ganz klingt etwas hilflos! Ich empfehle ein zusammengesetztes Wort, etwa saudumme oder: saublöde, strohdumme, strohdoofe – mein Herz gehört einer Verknüpfung mit sau-, weil das so schön zur Sau passt. zurück
Wie windet man ein Gedicht? Wie eine Zeile? Und worum windet man diese? Ich plädiere für wenden: Wie ich’s auch (drehe und) wende, es kommt kein Jambus dabei heraus. zurück
Durch Schauen erzielt man gedichtmäßig wohl kaum Fortschritte, sofern es um Metrik geht: Die muss man hören, dafür genügt das innere Ohr! Aber man kann Verse bauen: … und wie ich’s auch bau. Dagegen spräche nur das Reimwort erbau im nächsten Quartett, aber das fände ich nicht dramatisch, da es inhaltlich etwas anderes bezeichnet. zurück
Zu einem anständigen Gedicht gehören anständige Satzzeichen: … wälzen, auf dass es erbau, zurück
Dieses und mag mir nicht munden: Die Aufzählung ist beendet, eigentlich ist alles gegeben, damit das Volk = Mann & Frau das Gedicht goutieren könnte: Folgerichtig müsste die vorhergehende Zeile mit einem Doppelpunkt enden und diese mit einem starken doch beginnen. zurück
Ein Komma ist vonnöten: die Masse, sie meckert zurück
War bist jetzt eine Fallhöhe deutlich, kippt das Gedicht jetzt in ein rachsüchtig-persönliches Beleidigtsein: Das lyrische Ich will der Masse ins Maul scheißen. Da sollte etwas anderes stehen, etwas Ironisches, vielleicht könnte das Quartett gar plötzlich vor lauter Verzweiflung versehentlich in Jamben enden – der Autor ist Manns genug, da etwas Sinnvolleres zu finden als diese fäkale Breitseite. zurück

© 2007 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.