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Beitrag vom 12. Oktober 2008 | Rubrik: Literarisches Leben

Grrroßartig: Reich-Ranicki lehnt Deutschen Fernsehpreis ab und kritisiert »diesen Blödsinn«

Deutscher FernsehpreisDamit hatte niemand gerechnet: In der Selbstbeweihräucherungsgala »Deutscher Fernsehpreis«, in der sich Stars und Sternchen gegenseitig loben und nach Drehbuch Preise überreichen und sich freuen, wollte einer nicht mitspielen. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, dem der Preis für sein Lebenswerk überreicht werden sollte, lehnte diesen auf offener Bühne ab. Wie DWDL.de und andere Medien berichten, sagte Reich-Ranicki vor dem verdutzten Publikum: »Ich habe nicht gewusst, was mich hier erwartet. Ich finde es schlimm, dass ich das hier viele Stunden ertragen musste. Diesen Blödsinn, den wir hier zu sehen bekommen haben.«

Wie die Medien weiter berichten, ging Moderator Thomas Gottschalk offenbar sehr souverän mit der unerwarteten und für die Veranstalter peinlichen Situation um. Er bot Reich-Ranicki an, dass die Stifter des Deutschen Fernsehpreises ARD, ZDF, RTL und SAT.1 mit ihm eine eine einstündige Sendung produzieren, in der über die Qualität des Fernsehens diskutiert werde. Unter dieser Bedingung erklärte sich Reich-Ranicki nach der Aufzeichnung offenbar bereit, den Preis doch »symbolisch« anzunehmen. Der Literaturkritiker wurde nach seinem Auftritt offenbar recht gut gelaunt angetroffen.

Die Reaktionen beim Publikum, das in der Regel aus Vertretern derer besteht, die »diesen Blödsinn« mittragen, waren unterschiedlich. Einige betrachteten das ganze als Realsatire, andere als »unglaubliche Respektlosigkeit«. Und während das ZDF zu der von Gottschalk ausgesprochenen Diskussionseinladung steht, ist RTL-Chefin Anke Schäferkordt laut DWDL.de zutiefst empört über Reich-Ranickis Auftritt.

Nun bleibt abzuwarten, wie die TV-Sender mit dem Auftritt Reich-Ranickis umgehen und ob sie ihn aus der Sendung zensurieren. Die Sendung wurde gestern Abend aufgezeichnet, wobei die geplante Preisübergabe an den Literaturkritiker im Ablauf vorgezogen wurde. In der heute Abend im ZDF ausgestrahlten Sendung sollte der Preis fürs Lebenswerk am Ende stehen. DWDL.de deutet an, dass dies nicht nur wegen der Äußerungen Ranickis, sondern offenbar auch aufgrund einer weiteren Panne problematisch werden könnte (siehe Links am Ende des Beitrags).

So lohnte es sich also, die Bügelwäsche für heute Abend aufzusparen und den Deutschen Fernsehpreis einzuschalten – so man die Selbstbeweihräucherung ertragen mag. Es dürfte klar sein, dass Reich-Ranickis Auftritt sicherlich entschärft wird. Schon jetzt spricht die ZDF-Website nicht von einem »Eklat« oder »Skandal«, sondern von einer »faustdicken Überraschung«. Das Problem: als Veranstalter der Party wird keiner der Fernsehsender darüber objektiv berichten können und wollen.

Nachtrag nach der Ausstrahlung der Sendung:

Fast hätten wir es nicht ausgehalten, doch wir haben tapfer gebügelt und waren erleichtert, dass das ZDF den Auftritt MRRs nicht ans Ende der Sendung geschnitten hat.

MRRs Auftritt war wohl das einzig Sehenswerte an dieser unerträglich dummen Sendung, denn wer sonst hat den Mut und wer hätte es sich leisten können, so offen und so deutliche und berechtigte Kritik an der »Qualität« des heutigen Fernsehprogramms zu üben? Wobei Reich-Ranicki dies nicht plump tat, sondern durchaus unterhaltsam. Thomas Gottschalk reagierte zunächst souverän und gekonnt auf Ranickis Vorwürfe, trat dann jedoch etwas später unverschämt nach, indem er Martin Walser ausrichten ließ, dass er dessen Werk »Tod eines Kritikers« sehr schätze. Elke Heidenreich zitiert weitere nicht ganz so schöne Sätze Gottschalks, die offenbar rausgeschnitten wurden (siehe unten).

Dass ausgerechnet Bastian Pastewka sich über Reich-Ranickis Auftritt ärgerte und allen Ernstes seinem Kollegen Atze Schröder bescheinigt, er habe seine Sache »bestens gemacht«, zeigt umso mehr, wie berechtigt die offenen und deutlichen Worte des Literaturkritikers waren. Es zeigt auch, dass die, die gemeint waren, in einer Parallelwelt leben und gar nicht verstehen, dass es ein höheres Fernseh- und Bildungsniveau gibt als das des »Fun-Freitag«.

Noch deutlicher wird Elke Heidenreich in einem Beitrag für die FAZ. Heidenreich war vor Ort dabei und ahnte, was sich anbahnen würde und dass Reich-Ranicki dieses Niveau nicht würde ertragen können: Sie bezeichnet die Sendung in ihrem Text wortwörtlich als »hirnlose Scheiße«. Heidenreich: »Man schämt sich, in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten. Von mir aus schmeißt mich jetzt raus, ich bin des Kampfes eh müde. Ich schäme mich, ich entschuldige mich stellvertretend für alle Leidenden an diesen Zuständen, und derer sind auch in diesen verlotterten Sendern noch viele, bei Marcel Reich-Ranicki für diesen unwürdigen Abend. Der Eklat war diese ganze grauenvolle Veranstaltung. Reich-Ranicki war der Lichtblick.«

Video Thumbnail
Marcel Reich-Ranicki und der Deutsche Fernsehpreis

Und noch ein paar ebenfalls nachgetragene Links:

11 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Roman Kovar schrieb am 13. Oktober 2008 um 00:17 Uhr

    Wie geistreich hat Reich-Ranicki dem lachendem Publikum eine beschämende Ohrfeige verpasst, die versteinerten Mimen sprachen für sich. Hut ab vor dem Geist, der Selbstachtung und Wertschätzung dieses klugen Mannes.

  2. Jutta Ouwens schrieb am 13. Oktober 2008 um 11:16 Uhr

    M.R.R. und T.G., zwei Egomanen, die sich in den Armen liegen, sich “..DU sagen…”, dazu ein indigniertes Publikum, gewohnt, in jeder Situation zu lächeln und, wenn zur Aufrechterhaltung der eigenen Fassade wichtig, auch wie verrückt zu klatschen, das grenzt doch fast schon wieder an Comedy! Nicht, das ich diesem unsäglichen Szenario der Selbstbeweihräucherungen das Wort reden will, aber M.R.R. hat sich zunächst mal darüber aufgeregt, dass er warten mußte und sein Stuhl so hart war. Ich kann mir vorstellen, wie es dann in ihm zu brodeln begann, und als er den Rundumschlag machte, der weder analytische Schärfe besaß, noch darüber hinwegtäuschen konnte, dass die kindlich-trotzige Attitüde unpassend war, wirkte die Verbrüderung mit Gottschalk zwar erlösend, aber hochnotpeinlich.
    Natürlich ist es eine Binsenweisheit, dass in solchen Fällen “Friedensangebote” kommen, man könnte es als Identifikation mit dem Aggressoer bezeichnen, was die Intendanten jetzt für kurze Zeit demonstrieren, doch ich befürchte, dass im Endeffekt ein verlogenes Herunterspielen des Vorfalles siegen wird und M.R.R. schlimmstenfalls in der Ecke des alternden Querulanten landet, damit alles weiterlaufen kann wie gehabt: Pseudopädagogik im Häppchenformat, dazu Leichenfledderei mit rasanten Schnitten und jede Menge Betroffenheitsmist mit Helferanspruch. AUSSCHALTEN ist nach wie vor die einzig wirksame Reaktion!

  3. W. Rietig schrieb am 13. Oktober 2008 um 12:45 Uhr

    Sehr geehrter Herr Reich-Ranicki !
    Danke für Ihren Mut, vor DIESEM “erlauchten” Publikum die Wahrheit zu sagen!!!
    Ihr Auftritt war für mich, meine Frau und für zahlreiche Freunde gerade in diesen dramatischen Zeiten ein Lichtblick und eine große Freude!
    Leider wird es wohl keine bleibenden Wirkungen im “Öffentlich-rechtlichen” haben…
    Dennoch war dies eine Erholung.
    Freundliche Grüße
    Wolfgang Rietig
    Berlin

  4. Volker Beyer schrieb am 13. Oktober 2008 um 19:03 Uhr

    Großartig. Reich Ranicki hatte schon immer Charakter und das hat er erneut bewiesen…Er hat ja sooooo RECHT. Den Verdummungsprogrammen insbesondere der Privatsender kann man nur so begegnen. Bravo, er spricht mir aus dem Bauch.!!!!

  5. Christian D. schrieb am 17. Oktober 2008 um 18:49 Uhr

    Ich hätte am liebsten gelacht, wenn es nicht so ernst wäre. Es müsste wesentlich mehr Reich-Ranicki & Heidenreich in den ÖR geben, vorallem dort wo das Programm beschlossen wird, dann könnte man auch mal wieder den Fernseher einschalten.
    Aber diese ganzen D-Promi-Humor-, Frauentausch-, Top-100-, Deutschland-sucht-xyz-. Richter- Sendungen oder Schwerlasttransporte- und Wie-wird-xyz-hergestellt- Dokus sind einfach zu viel. Stehen denn die “Einschaltquotenboxen” nur bei Gehirnamputierten?

    Aber bei den privaten Sendern ist das Kind bereits vor 5 Jahren im Brunnen von Bakterien zersetzt worden.Nicht mehr lange und die ÖR werden genau solch einen grenzdebilen Mist senden.

    So! Nun Herrn Reich-Ranickis zulullen und irgendwo abstellen, die Querulantin Heidenreich rauswerfen. Und dann, ja dann kann man sich wieder gemütlich zuprosten und über all die Schröders und Pastewka herzlich – ja fast echt wirkend – lachen kann. Ich könnt ko%&4…

    Die Kiste bleibt weiterhin aus.

  6. Aloyse Ney schrieb am 17. Oktober 2008 um 23:52 Uhr

    Sehr geehrter Herr Reich-Ranicki,

    Das muss man erst mal machen und dazu gehört Mut.
    Ist Hinterfragen erlaubt? Wenn ja – ich kenne viele deutsche Autoren die ernst und gut sind, viele andere sind profan und unterhaltsam. Gute und unterhaltsame gibt es leider so wenige wie mutige alte Piloten.
    Dass ernst dann auch mit gut und langweilig asoziiert wird ist ein nachvollziehbares Vorurteil. In einem Fernsehen in dem der Erfolg einer Sendung über deren Zukunft entscheidet und die Qualität trotzdem stimmen sollte ist gut UND unterhaltsam unausweichlich. Einige dieser Autoren haben Sie auch schon mal im “Literarischen Quartett” zerrissen – und haben sich dadurch jetzt selbst kritisiert. Meine Hochachtung dafür.
    Jetzt war ich unfair, denn Sie können mir nicht mit Ihrer spitzfindiger Rhetorik, ich mag diese sehr, antworten. Schade, es hätte mich gefreut.

  7. Willie Benzen schrieb am 30. Oktober 2008 um 16:17 Uhr

    Ich habe bereits vor einigen Jahren mich gezwungen gefuehlt das Fernsehgeraet abzuschaffen. Sendungen wie die die Frau Heidenreich oder Herr Reich Ranitzki gemacht haben waren Perlen im Sumpf geistigen Schwachsinns. GZSZ und co kg dienen der geistigen Verbloedung des Volkes, dass sonst vielleicht aufmuepfig wuerde.

  8. Ingrid Steffen schrieb am 31. Oktober 2008 um 15:22 Uhr

    Ich mag Elke Heidenreich. Sie ist eine hervorragende Kritikerin. Ihre manchmal schnoddrige Redeweise gefällt mir besonders. Wer traut sich das sonst?
    Grüßen Sie Elke Heidenreich von einer Kollegin (Pseudonym Frauke Meissner), sie soll den Kopf nicht hängen lassen. Vielleicht kritisiert sie ja jetzt anderswo. Schriftsteller haben so ihre Probleme. Anerkannt zu werden ist ein langer Weg Herzlich Ingrid Steffen

  9. Georg schrieb am 30. Dezember 2008 um 16:35 Uhr

    Ob das so alles stimmt?

    Dadurch das sein Name in die Medien gekommen ist, hat MRR indirekt bestimmt einen hohen 6stelligen Betrag verdient.

    Möglicherweise ist dieser Auftritt nichts anderes als cleveres berechnendes Marketing, unter Umständen sogar mit anderen (Gottschalk, ZDF?) abgesprochen.

    Mutig empfand ich es zumindest nicht. Hoffentlich ist es ehrlich gemeint.

  10. christine matha schrieb am 23. Januar 2009 um 15:20 Uhr

    Wie ich bereits geschrieben habe, ist die leichte Kost im deutschen Fernsehen immer noch um vieles besser als die im italienischen oder auch unserer nachbarn in Österreich. Sender wie Phönix oder Br alpha die vom staatlichen Fernsehen ausgestrahlt werden, sind hierzulande eine Fata Nirwana. Und selbst die staatlichen Sender kommen nicht ohne Werbung aus, ganz zu schweigen von den Privaten die wirklich zur Volksverdummung führen können… Die Privaten sind ja fast alle in Berlusconis ( fast hätte ich geschrieben Burleskonis) Hand, der es mit der altrömischen Devise hält; panem et circensem… Da kann ich hin und herzappen wie ich will, es ist zum Verzweifeln. Selbst sogenannte seriöse Sendungen, wie z:B. über Medizin (in der Art von Visite oder Hauptsache gesund) werden regelmässig für die Werbung unterbrochen. Und was kulturelle Sendungen anbelangt, wird auch in Österreich nicht gerade viel geboten, deshalb möchte ich für die deutschen Kulturprogramme eine Lanze brechen. Evviva Phönix, Br alpha und auch der Dokukanal bringt das eine oder andere Mal gute Beiträge und schafft es ohne Werbung auszukommen. Bitte so weitermachen!

  11. Eduard Rosenzopf schrieb am 26. Januar 2009 um 08:28 Uhr

    Eher erstaunt wäre ich, hätte Herr Reich-Ranicki diesen medialen Rummel
    nicht benutzt, sich in den Mittelpukt zu hieven.
    Man sieht und sah es ihm immer schon an: Er leidet, wenn er zuhören soll
    bzw. er nicht selber dozieren darf.
    Wie gekonnt er den TV-Schrotthändlern die entsprechende Visitenkarte in
    die Hand drückte! Das war grosse Klasse.
    Hut ab ! Herr Reich-Ranicki

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