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Beitrag vom 12. März 2009 | Rubrik: Literarisches Leben

Nach dem Amoklauf in Winnenden: Morden mit Goethe, Hesse und Poe?

Im Fachhandel erhältlich: Waffen für den AmoklaufFür Amokläufe gibt es strenge, ungeschriebene Regeln. Diese gelten nicht nur für die Tat selbst, sondern auch für die Reaktionen der Presse, der Politiker, der »Experten« und »der Öffentlichkeit«. Visuell hat sich für einen Amoklauf in den Medien zudem das Bild des langhaarigen weiblichen weinenden Teenys durchgesetzt. Weinende Teenager kostet nach Angaben von w&v zwischen 20 und 100 Euro. Zum Standard gehört mittlerweile auch die Ankündigung der Tat im Internet.

Nach den Ereignissen in Winnenden wird die Schuld erwartungsgemäß bei Computerspielen (»Killerspielen«) gesucht. Dass ein männlicher Jugendlicher Counterstrike auf seinem Rechner hat, dürfte heutzutage mit fast 100%iger Sicherheit der Fall sein.

Dass die modernen Medien schuld sind und dass sie schlimmer eingeschätzt werden als die »alten« Medien davor, ist nichts Neues. Früher galten selbst Bücher als Nahrung für das Böse. Unter dem Titel »Morden mit Goethe, Hesse und Poe?« schrieb Johannes Näumann bereits 2002 über dieses Phänomen einen Artikel für das literaturcafe.de. Anlässlich des Amoklaufs in Winnenden haben wir ihn nochmals durchgelesen und festgestellt, dass man nur den Tatort und den Namen des Täters ändern muss. Jetzt können Sie dies im Artikel sogar selbst mit einem Mausklick erledigen. Der Rest ist auch 7 Jahre danach noch topaktuell.

Der von Hermann Hesse in »Klein und Wagner« beschriebene Amoklauf trug sich übrigens in Degerloch zu. Das ist keine 25 km von Winnenden entfernt. Ein Zufall?

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6 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Werner H.O. Reupke schrieb am 14. März 2009 um 01:31 Uhr

    Spitze!! Sehe ich ziemlich genau so. Sehr gut gefällt mir der Blick in die Vergangenheit – in die zurückversetzt ich diese Mail vom PC aus nicht hätte schreiben können…, aber Hesse habe ich gelesen und das Buch der Bücher…

    Beste Grüsse

  2. Andreas Wilhelm schrieb am 17. März 2009 um 10:34 Uhr

    Sehr schön, vielen Dank, Wolfgang!
    Vor zwei Tagen habe ich mich noch darüber aufgeregt, dass in den Nachrichten überall ein “mögliches Motiv” angekündigt und dann nur darüber berichtet wurde, dass der Junge Computerspiele gespielt hat.
    Und gerade gestern habe ich noch mit Kollegen darüber spekuliert, ob man möglicherweise auch Windows auf seinem Rechner gefunden hat!
    Ich bin selbst kein Freund von Ballerspielen mit möglichst realistischen Kopftreffern, aber diese immer gleiche Berichterstattung ist armselig, peinlich und dumm. Getretener Quark wird breit, nicht stark.
    Kein Wunder, dass den Zeitungen die Auflagen wegbrechen. Eigene Meinungen, vernünftige Recherche und Intelligenz gibt es in den Redaktionen nicht mehr. Man hechelt offenbar nur noch den Konservativen hinterher, um wenigstens diese Leser mit altem Wein in neuen Schläuchen noch ein paar Jahre zu erhalten – die intellektuelle Elite hat mit dieser Form der Berichterstattung längst schon nichts mehr am Hut. Weder als Produzent noch als Konsument.

  3. Daniela schrieb am 18. März 2009 um 08:51 Uhr

    Der Diskurs über Gewaltverherrlichung in Medien ist so alt wie er lächerlich ist. Müßig auf die kompensatorischen Kräfte hinzuweisen, die in Texten wirken, die die menschliche Realiät nicht ausklammern, sondern sich mit ihr auseinandersetzen, auch und gerade mit den dunklen Seiten. Müßig, darauf aufmerksam zu machen, dass nicht Counterstrike einen Menschen zum Killer werden lässt und Saw I-V Zuschauer nicht zu psychopathischen Massenmördern mutieren lässt. Das Problem sind nicht die Medien, das Problem sind wir. Und wir sind hier gefordert. Aber wer übernimmt schon gern Verantwortung, wenn er es so leicht auf ein Computerspiel abschieben kann?

  4. lars schrieb am 27. März 2009 um 15:01 Uhr

    Natürlich brauchen Jungs Computerspiele.

    ABER: nur die doofen Jungs kaufen sich welche.

    Die intelligenten Jungs erfinden sich die Computerspiele nämlich gleich selber (ohne digitale Unstimmigkeiten wie Pixel, schlecht gemachte Lichtverhältnisse, Zuckeln, etc).

    In meinem Kopf habe ich zum Beispiel eine hyperreale Voll-Simulation der gesamten Geschichte der Menschheit (inkl. alle Kunstwerke), vier Flugsimulatoren, drei ego-shooter und vier Rollenspiele.

    Da wird mir auch im Zug nie langweilig… (ich habe auch weder Handy noch X-Box noch Fernsehen – brauche ich ja nicht; mein Kopf liefert mir ja alles frei Haus).

  5. Reinard Schmitz schrieb am 28. März 2009 um 12:26 Uhr

    Beherzigenswerte literarisch-kulturelle Gedanken macht sich Wolfgang Tischer hier. Allerdings bleibt die Frage nach wie vor unbeantwortet, warum eine Gesellschaft es nicht schafft, rohe und hemmungslose Gewalt aus ihren Erziehungskonzepten zu verbannen; mir hilft auch nicht der Gedanke, dass ich zur ersten Generation derer gehöre, die (bisher) ohne Krieg das Leben durchschritten haben. Der Hinweis, dass »es schon immer so war« reicht nicht. Gerade an irregegangenen Schriftstellern liesse sich die Problematik doch in der Schule aufarbeiten. Ok., vielleicht müsste man sie wieder um 1 Jahr verlängern ;-)

  6. Anke schrieb am 30. März 2009 um 16:09 Uhr

    ist doch ganz logisch, dass “Killerspiele” als Grund für solche Taten herhalten müssen, sonst müsste die Gesellschaft ja mal tiefer graben, und das will doch keiner …
    – unsere Großeltern- und Urgroßeltern haben die halbe Welt in Schutt und Asche gelegt, und die hatten noch keine Online-Spiele zur Verfügung
    – Amokläufe sind ein seit vielen Jahrhunderten bekanntes Phänomen. Dass wir den Eindruck haben, sie kämen heute häufiger vor, hat mit der schnellen, weltweiten Berichterstattung zu tun.
    – ein verzweifelter, agressiv-depressiver, ausgegrenzter Jugendlicher greift zu Killerspielen, um sich dort abzureagieren. Man kann also davon ausgehen, dass diese Spiele schon einige Amokläufe verhindert haben! Nur wenigen reicht das dann irgendwann eben nicht mehr. In jedem Fall war die agressive Neigung zuerst da, dann kam erst der Griff zum Spiel. Wenn wir agressionsgesteuerte Jugendliche “von der Straße” bekommen möchten, gibts keine einfachere Methode als sie vor den Bildschirm zu setzen.
    – alle Amokläufer haben vor der Tat regelmäßig gegessen, getrunken und geatmet. Sollte man nicht sicherheitshalber diese gefährlichen Tätigkeiten verbieten?

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