Zwei Häuser erzählen Geschichten: »What Remains of Edith Finch« und »gone home«

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Screenshot aus »What Remains of Edith Finch«: Gewagte Architekur
Screenshot aus »What Remains of Edith Finch«: Gewagte Architekur

Wenn sich Ihr Freund gerade an der Spielekonsole durch die Schlachtfelder des 2. Weltkriegs kämpft oder die Kinder in den USA Nazis den Kopf wegschießen, sollten Sie nicht mit selbigem schütteln, sondern einmal selbst PlayStation oder Xbox kapern und ganz andere Dinge spielen.

Wir stellen zwei Spiele für Literatinnen und Literaten vor, bei denen Sie weder schießen noch rennen müssen, denn hier erzählen Häuser Geschichten. Beide Spiele zeigen, dass Computerspiele schon längst die besseren interaktiven Bücher sind und Geschichten auf eine Weise erfahrbar machen, wie es kein Buch und kein Film je können werden.

Aktuell und klassisch: »What Remains of Edith Finch« und »gone home«

»What Remains of Edith Finch« ist ein Spiel aus dem Jahre 2017 und »gone home« ein Klassiker aus dem Jahre 2013. Beides sind Titel, bei denen man Geschichten erzählt bekommt, indem man ein Haus und seine Räume durchwandert. Hier wird nicht geschossen, gesprungen oder gerannt, es besteht keinerlei Zeitlimit und man kann als Spielfigur auch nicht sterben. Das macht die Spiele auch für Anfänger interessant, die mit dem Spielecontroller von PlayStation oder Xbox noch nicht so vertraut sind. Stattdessen gibt es viel zu entdecken und zu sehen. Darüber hinaus spielen bei beiden Titeln auch inhaltlich Phantasie und Literatur eine Rolle.

Natürlich kann man die Frage stellen, ob »What Remains of Edith Finch« und »gone home« überhaupt Spiele sind, nur weil sie auf die Ego-Perspektive von Ballerspielen setzten. In beiden Titeln durchwandert man ein Haus, doch bis aufs Finden einiger Schlüssel gibt es keine Rätsel oder Aufgaben zu lösen. Stattdessen gibt es viel zu sehen, zu hören und zu lesen, sodass »What Remains of Edith Finch« und »gone home« vielleicht näher am Buch als am Spiel sind. Beide Titel zeigen eindrucksvoll, wie man anhand von Orten Geschichten erzählen kann und welche Welten sich im Kopf der Spielerin oder des Spielers aufspannen können, obwohl man vor einem Bildschirm sitzt.

Bildergalerie: »What Remains of Edith Finch« und »gone home« (17 Bilder)

Am besten lädt man sich »What Remains of Edith Finch« und »gone home« über die Shops der Spielekonsolen herunter, denn in den Regalen der Elektronikmärkte wird man sie nicht finden. Als Download kosten beide Titel zudem einiges weniger als aktuelle Top-Konsolenspiele wie Wolfenstein oder Call of Duty. »gone home« ist auch für Mac und Windows-Rechner erhältlich »What Remains of Edith Finch« leider (noch?) nicht für den Mac.

Die Spielzeit beider Titel beträgt rund zwei bis vier Stunden, je nachdem wie viel Zeit man sich fürs Erkunden der Häuser lässt.

»gone home« – Eine berührende Liebesgeschichte

Die Handlung von »gone home« ist 1995 angesiedelt. Man schlüpft in die Rolle der jungen Kaitlin Greenbriar, die nach einer längeren Europa-Reise in die USA zum Haus ihrer Eltern zurückkehrt. Der Flug war spät, sodass es mitten in der Nacht ist, als Kaitlin das Haus erreicht. Doch es ist verschlossen, und weder die Eltern noch die jüngere Schwester sind daheim. Ein einsetzendes Unwetter sorgt für eine leicht gruselige Atmosphäre, übersinnliche Elemente gibt es in diesem Spiel jedoch nicht. Schnell hat man als Kaitlin den Schlüssel für die Haustür gefunden und erkundet nun das Haus.

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Gone Home trailer

Obwohl »gone home« aus dem Jahre 2013 ein schon älteres Spiel ist, was man an der etwas einfacheren Optik merkt, beeindruckt der Titel nach wie vor mit seinen komplexen Erzählmechanismen. Wie sich hier gleich mehrere Geschichten über einen längeren Zeitraum entfalten, obwohl man »nur« innerhalb einer Nacht ein Haus durchschreitet, ist beeindruckend. Im Mittelpunkt steht dabei eine der schönsten, ungewöhnlichsten und ergreifendsten Liebesgeschichten, die jemals auf diese Art erzählt wurde. Wie bei einem guten Buch lässt einen das Spiel am Ende emotional berührt zurück und man bedauert, dass es schon vorbei ist.

»gone home« besticht zudem durch seine 1990er-Jahre Atmosphäre. Alle liebevoll und detailreich gestalteten Dokumente und Tonaufzeichnungen sind zwar auf Englisch, es gibt jedoch gut ins Spiel integrierte Übersetzungen und Untertitel. Obwohl das Spiel für Deutschland eine FSK6 Freigabe bekommen hat, ist es definitiv ein Spiel für ältere Jugendliche und Erwachsene.

Gone Home
Gone Home
Preis: 14,99 €

Gone Home (Collector's Edition). Computerspiel. NBG EDV Handels & Verlags GmbH. ISBN/EAN: 4018281676087

»What Remains of Edith Finch« – Im Reich der wilden Phantasie

»What Remains of Edith Finch« kommt optisch opulent daher und ist grafisch auf der Höhe der Zeit. Als Edith Finch kehrt man ebenfalls zum Elternhaus zurück. Hier sind jedoch Jahre vergangen, seit die Familie das Haus fluchtartig verlassen musste. Allein schon optisch ist dieses Haus etwas ganz Besonderes. Mit zahlreichen turmartigen Anbauten ragt es weithin sichtbar aus einem Waldgebiet heraus. Schnell verschafft man sich Zutritt. Auffällig: Das Haus ist vollgestopft mit Büchern, und viele Zimmer sind mit Schlössern und teilweise auch mit Bauschaum versiegelt. Es handelt sich oft um Kinderzimmer, und schnell ist klar, dass die Lebenszeit der Kinder meist nicht sehr lang war. Was ist hier passiert? Wer waren diese Kinder? Woran sind sie gestorben? Was ist mit den anderen Familienmitgliedern? Warum wurde das Haus plötzlich verlassen? Und was hat dies alles mit der eigenen Geschichte von Edith zu tun?

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What Remains of Edith Finch – Launch Trailer

»What Remains of Edith Finch« wartet mit üppigen visuellen erzähltechnischen Mitteln auf. So verwandelt man sich beispielsweise in einen Hai oder findet sich in einem Comic-Heft wieder. Die Steuerung ist komplexer als bei »gone home«, doch im Vordergrund stehen auch hier die oftmals skurrilen Geschichten der Kinder, sodass es viel zu entdecken und zu erkunden gibt, ohne dass man großartige Rätsel lösen müsste. Die Spielwelt ist hier weitaus belebter als bei »gone home«. Auf keinen Fall sollte man bitterbösem schwarzem Humor abgeneigt sein, sonst könnten manche Dinge verstörend wirken.

Edith und auch die anderen Protagonisten erzählen ihre Geschichten auf Englisch. Der Text der deutschen Übersetzung ist jedoch kunstvoll in die Örtlichkeiten integriert, was die ganze Spielwelt zu einer Art animiertem Buch werden lässt. Trotz der optischen Dominanz wird »What Remains of Edith Finch« parallel textbasiert erzählt.

Das Spiel ist in Deutschland ab 12 Jahren freigegeben, doch auch »What Remains of Edith Finch« ist definitiv für ältere Jugendliche oder Erwachsene konzipiert.

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