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Beitrag vom 23. September 2014 | Rubrik: E-Books, Literarisches Leben

Jo Lendle über den neuen E-Book-Verlag Hanser Box: »Kalkulatorisch keine Freudentränen«

Hanser-Verleger Jo Lendle

Hanser-Verleger Jo Lendle

Mit »Hanser Box« hat der Hanser Verlag einen reinen Digitalverlag gegründet. Immer mittwochs soll ein neuer, kürzerer Text eines Hanser-Autors exklusiv als E-Book erscheinen. Die Preise werden zwischen 1,99 und 4,99 Euro liegen.

Zum Start am 1. Oktober 2014 erscheinen 10 bislang unveröffentlichte Titel von namhaften Autoren wie Henning Mankell, Janne Teller und Ilija Trojanow.

Im Interview mit dem literaturcafe.de spricht Hanser-Verleger Jo Lendle über die Pläne und Ziele der Hanser Box. Sind die günstigen Preise eine Reaktion auf die Self-Publisher-Preise? Wird das E-Book nun endlich auch im Feuilleton salonfähig? Oder braucht man dieses gar nicht mehr? Wie erfährt der Leser künftig von literarisch anspruchsvolleren E-Books?

Herr Lendle, für kürzere Texte scheint das Format E-Book sehr gut geeignet. Unterhaltungsverlage wie Bastei Lübbe veröffentlichen schon länger kürzere Texte günstiger. Zudem behaupten viele, die kürzere Form passe besser zu modernen Lesegewohnheiten, wo auf Handys in Zügen gelesen wird. Ist Hanser Box also eine logische Entwicklung?

Jo Lendle: Logisch klingt so determiniert, das würde außer Acht lassen, dass niemand weiß, wohin all diese Reisen gehen. Ich würde es eine mögliche Entwicklung nennen, zudem eine reizvolle.

Wer ist in Ihren Augen die prädestinierte Hanser-Box-Leserin, der prädestinierte Hanser-Box-Leser?

Jo Lendle: Ich glaube in der Literatur nicht an Prädestination. Erst recht nicht in der digitalen Welt. Inzwischen lesen Menschen elektrisch, die ich nie mit einem Reader zusammengebracht hätte. Und sei es nur wegen der skalierbaren Schrift.

Kürzer bedeutet auch günstiger. Geht es auch darum, auf dem von Self-Publishern dominierten E-Book-Markt mit 2,99-Euro-Titeln zu bestehen?

Jo Lendle: Nein. Aber als Leser würde ich erwarten, für 50 Seiten weniger zu bezahlen als für einen voluminösen Roman.

Ein Problem dürfte die Sichtbarkeit sein. Ein literarisch hochwertiger Titel dürfte es schwer haben, zwischen reißerischen Krimi-Titeln und -Covern zu bestehen?

Jo Lendle: Ach, die Herausforderung besteht in der Buchhandlung durchaus auch. Das Werben um Aufmerksamkeit gehört nun mal zur Verlagsarbeit. Und den einen mag ein reißerisches Cover locken, den anderen gewinnt das Glücksversprechen eines geschätzten Autorennamens.

Logo der Hanser Box

Mit Hanser Box hat der Hanser Verlag einen reinen E-Book-Verlag für kürzere Texte gegründet.

Jede Woche, immer mittwochs, soll ein neuer, bisher unveröffentlichter Titel von namhaften Hanser-Autoren erscheinen. Die Preise werden zwischen 1,99 und 4,99 Euro liegen.

Die E-Books werden in allen Online-Stores erhältlich sein.

hanserbox.de

Für Verlage, die nicht den Genre-Mainstream bedienen, scheinen die traditionellen Wege wie Feuilletonbesprechung oder Literaturpreis nach wie vor wichtig zu sein, um die Leser auf einen Titel aufmerksam zu machen. In dieser Leserschaft wird dann immer wieder gerne von Haptik und dem Geruch von Papier gesprochen. Wie macht man das E-Book dem Feuilleton schmackhaft?

Jo Lendle: Die Kritik wird digitale Publikationen in dem Maße stärker wahrnehmen, in dem dort exklusiv Dinge stattfinden, die über den Tag hinausweisen. Ein Autor wie Aboud Saeed wurde von allen Feuilletons wahrgenommen. Mich erinnert das an den Start der Taschenbuchproduktion, die journalistisch lange ignoriert wurde.

Welche Rolle wird das Feuilleton künftig überhaupt noch spielen? Für Hanser Box gibt es eine Website, die Titelinfos werden sicherlich über die üblichen Social-Media-Kanäle verbreitet. Doch über welche Wege werden wir künftig noch von literarisch geprägten Titeln erfahren? Wo wird der Ort sein, wo sich Nicht-Genre-Leser Anregungen holen?

Jo Lendle: Ich erwarte solche Hinweise von den beweglicheren Teilen des Feuilletons durchaus – ansonsten verbreiten sich diese Programme über Blogs und Social Media wie heute schon.

Die kürzere Form heißt in der Praxis auch: am Buchhandel vorbei. Doch ist nicht der Buchhandel vor Ort ebenfalls für einen Verlag wie Hanser sehr wichtig?

Jo Lendle: Sie unterschätzen, in welchem Maße der Buchhandel vor Ort bereits seine Netzniederlassungen betreibt. Die Hanser Box wird auf allen Plattformen angeboten, auch auf den Seiten der Buchhandlungen.

Jeden Mittwoch ein neues E-Book in der Hanser Box. Da wäre doch das viel diskutierte Abo-Modell eine gute Option.

Jo Lendle: Durchaus – technisch allerdings sehe ich da noch keine befriedigende Option.

Hanser Box beginnt mit etablierten Hanser-Autoren wie T. C. Boyle oder Thomas Glavinic. Für die Digitalausgaben wird es keinen eigenen Verlagsbereich geben, keine neuen Mitarbeiter. Dennoch machen sich vielleicht einige Autorinnen und Autoren Hoffnung, über diesen Weg mit ihren Kurzgeschichten zu Hanser Autoren zu werden. Ist diese Hoffnung begründet? Haben Sie Angst, von kürzeren Manuskripten überschwemmt zu werden?

Jo Lendle: Wir entwickeln das Programm der Hanser Box tatsächlich sehr eng mit unseren Autoren, auch weil wir glauben, dass Bücher und Boxen voneinander profitieren.

Denken Sie, dass durch das E-Book und die kürzere Form der große literarische Roman an Bedeutung verliert? Oder hat er das schon längst? Denn auch gedruckt haben viele Romane des Öfteren nicht einmal mehr 200 Seiten.

Jo Lendle: Jede Bewegung erzeugt Gegenbewegungen. Ich habe nichts dagegen, im Print weiter große Weltentwürfe zu veröffentlichen, in denen man relevante Teile von Lebenszeit verbringt. Das Lesen wird vielfältiger.

Wie geht es digital bei Hanser weiter? Sind auch Fortsetzungsgeschichten und Reihen denkbar? Auch die sind als E-Book ja sehr beliebt und binden die Leser.

Jo Lendle: Durchaus. Ich zähle darauf, dass Autoreneinfälle und technische Möglichkeiten aneinander wachsen.

Sie äußerten sich bekanntermaßen sehr selbstkritisch über die künftige Rolle der Verlage. Aber einmal abgesehen von der immer wieder gern genannten Filterfunktion der Verlage, bedeutet eine Zunahme des E-Book-Anteils doch andere verlegerische Kalkulationsmodelle anzugehen. Wie wird sich hier – auf lange Sicht gesehen – ein Haus wie der Hanser Verlag verändern?

Jo Lendle: Die Hanser Box treibt uns kalkulatorisch keine Freudentränen in die Augen. Aber hoffentlich bereitet sie uns auch nicht allzu viel Kummer. Wir sind eher in Expeditions- als in Goldgräberstimmung.

Herr Lendle, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Hanser Verleger Jo Lendle wurde von Wolfgang Tischer per E-Mail geführt.

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