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Beitrag vom 5. September 2011 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Einfach nur schön: Schimmernder Dunst über Coby County von Leif Randt

Cover: Schimmernder Dunst über Coby CountyEine komprimierte Version seines Romananfang hatte Leif Randt in Klagenfurt bei den Tagen der Deutschsprachigen Literatur 2011 vorgelesen. »Schimmernder Dunst über Coby County« erhielt zwar nicht den Bachmannpreis, jedoch den mit 7.000 Euro dotierten Ernst-Willner-Preis. »Eine Geschichte der Generation Obstkorb«, urteilte Jurorin Daniela Strigl über den Text des 28-jährigen Autors.

Nun ist der vollständige Roman im Berlin Verlag erschienen und herausgekommen ist ein durch und durch schönes Buch, das auf ungewöhnliche Art mit den aktuellen Schreib- und Lesegewohnheiten bricht.

Die Schönheit des Buches beginnt beim Einband, den kein Schutzumschlag verhüllt. Das Buch ist weiß mit silberner Prägeschrift. Statt eines Bildmotivs ist auf der Vorderseite über dem Titel eine leicht spiegelnde Fläche zu finden. Wer das Buch betrachtet, sieht daher das eigene Gesicht wie im schimmernden Dunst verborgen. Für die wunderbare Gestaltung des Einbands sind Nina Rothfos und Patrich Gabler verantwortlich, die zeigen, dass man für einen schönen Umschlag nicht unbedingt Leinen benötigt. Das Äußere verweist aufs Innere und ist perfekte harmonierende Herstellungskunst. Die Typographie besorgte Birgit Thiel.

Ein Buch, bei dem der optisch-haptische Eindruck überzeugt, das man einfach besitzen und in den Händen halten möchte. Als E-Book, das noch dazu nur einen Euro günstiger ist, geht einem viel verloren, hier gehört die Papierform zum Gesamtkunstwerk.

Wenn die Protagonisten deutschsprachiger Autoren Tom O’Brian und Calvin Van Persy heißen, dann klingt das immer etwas affig, so als wolle man mit englisch klingenden Namen zeigen: Hey, das hier ist ein Text von internationaler Strahlkraft! Dass Leif Randt seine Texte scheinbar im englischen Sprachraum ansiedelt, mag damit zusammenhängen, dass er selbst teilweise in England studierte. Es könnte jedoch auch Absicht sein, denn die abgehoben wirkenden Namen passen in diesem Fall zum Text.

Leif Randt in Klagenfurt 2011

Leif Randt in Klagenfurt 2011

Leif Randt beschreibt in seinem Roman das Leben in Coby County. Sein Ich-Erzähler ist der 26-jährige Literaturagent Wim Endersson. Coby County ist vornehmlich ein Ort der Künstler und der Kunstbegeisterten. Hier ist das Leben schön und beige gekleidete Rentner amüsieren sich bei Geburtstagsempfängen im örtlichen Hotel. Im Programmkino wird die »leicht farbkorrigierte Langfassung« des Dokumentarfilms »Schimmernder Dunst über CobyCounty« gezeigt, der den Spezialpreis in Cannes erhielt. In Coby County genießt man das Leben, wenngleich auch nicht auf wilden Partys sondern mit Wellness im Whirlpool. Coby County ist ein künstlerischer und fast künstlicher Ort, der trotz der englischen Namen irgendwo im Nirgendwo liegt. Es herrscht eine Waldorf-Romantik, die Rudolf Steiner erfunden haben könnte, auch wenn das so im Buch nicht gesagt wird.

Vielleicht ist mittlerweile in Coby County alles etwas zu schön geworden, vielleicht besteht die Gefahr der Langeweile.

Denn, ja, es gibt kleine gelegentliche Anzeichen, dass die schönen Tage in Coby County gezählt sein könnten. Es gibt ein Unglück mit der örtlichen Hochbahn, und neben den feinen leichten Stehempfängen entwickelt sich eine Underground-Szene, die nahezu wilde und illegale Partys in den nächtlich-leeren Einkaufszentren feiert.

Der langjährige beliebte Bürgermeister wird nicht wieder gewählt und dann droht auch noch ein Orkan über Coby County hinwegzufegen, und an die Bewohner geht die Aufforderung, das Gebiet zu verlassen.

So beschrieben klingt das nach einem »Vertreibung aus dem Paradies«-Roman, nach der schönen Welt, die es auf Dauer einfach nicht geben kann und mit der es böse enden wird, weil seit Adam und Eva alles irgendwie nicht besser geworden ist.

Doch Leif Randt – und hier verrät man sicherlich nicht zu viel – durchbricht in seinem Werk diese Erwartungshaltung und das Standardplotsetting. Alles bleibt doch irgendwie gut in Coby County. So fügt sich das Äußere, die leichte und angenehme Sprache Randts und die Handlung zu einem fast zu schönen Dreiklang, der natürlich viel Interpretationsspielraum bietet. Denn hinzu kommt, dass sich die Protagonisten meist bewusst darüber sind, an was für einem schönen Ort sie doch leben und wie wohlgeordnet dieses Leben ist.

Leif Randt spielt mir der Erwartung, dass jedes Buch einen Konflikt benötigt, und bei ihm besteht er darin, dass so gut wie jeglicher Konflikt ausbleibt. Der Leser muss daran gefallen finden, muss sich an dieser fast ironischen erzählten Schönheit erfreuen können, sonst droht ihm Langeweile. »Schimmernder Dunst über Coby County« ist ein Anti-Roman zur blutrünstigen Horror-Thriller-Welt, die man mit heutzutage in den Buchhandlug vorfindet, wo einem Cover in Blutoptik entgegenbrüllen und wo es handlungsmäßig unter der brutalen und live ins Internet übertragenen Verstümmelung Minderjähriger kaum mehr für den Leser interessant zu sein scheint. Da könnte der unbekümmert schimmernde Dunst über Coby County zum Nebel des Grauens werden, wenn einfach nicht Böses geschieht und der Roman dennoch weit vom Kitsch eines seichten Liebesromans entfernt ist.

Denn das Schlimmste, was mit diesem Buch passieren könnte, wäre, wenn sein Umschlag Kaffeeflecken bekommen würde.

Wolfgang Tischer

Leif Randt: Schimmernder Dunst über CobyCounty: Roman. Gebundene Ausgabe. 2011. Berlin Verlag. ISBN/EAN: 9783827010278. EUR 18,90

1 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Arthur Missa schrieb am 18. September 2011 um 16:15 Uhr

    Ich dachte, ich würde nie ein Marx-Zitat für meine Gedichte brauchen / aber die Zeiten / sind jetzt / vorbei

    “Deutschland ist ein so schönes Land,
    dass man lieber außerhalb seiner Grenzen lebt.”

    Soeben las ich
    vom Roman
    eines jungen Mannes
    und davon
    dass er
    der junge Mann
    ihn nicht
    im deutschen Sprachraum
    angesiedelt
    habe
    und überdies
    bei seinen Protagonisten
    mit abgehoben wirkenden Namen
    arbeite
    wie der Rezensent
    extra vermerkte.

    Es mag, sagte der Rezensent,
    damit zusammenhängen,
    dass der junge Mann
    in England studiert hat.

    Nein
    Herr Rezensent
    das hat nichts mit englischen
    Universitäten
    zu tun
    sondern hängt mit deutschen
    Küchen
    zusammen
    in denen es noch immer
    nach Kohlsuppe riecht
    und die Männer
    Namen
    wie Wolfgang
    tragen.

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