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Beitrag vom 16. Februar 2011 | Rubrik: Notizen

Ein Jahr nach Hegemann: Hat auch Guttenberg abgeschrieben?

Haare von Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg (Quelle: Wikipedia)

Foto: Wikipedia / Gel: unbekannt

Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg Teile seiner Doktorarbeit offenbar von anderen Quellen übernommen habe, ohne in den Fußnoten darauf hinzuweisen. Die Süddeutsche spricht von »eklatanten Lücken«. Die betreffenden Stellen seien »teilweise über eine Seite lang«.

Der SPIEGEL zitiert Guttenberg mit den Worten: »Ich … würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen«.

Berichte von geklauten Textpassagen und angeblich vergessene Quellenangaben, die in einer Neuauflage nachgereicht werden? Das erinnert fatal an Helene Hegemann, der vor genau einem Jahr nachgewiesen wurde, dass sie Textpassagen aus einem anderen Buch geklaut hatte.

Jungautorin Helene Hegemann hatte für ihr Buch »Axolotl Roadkill« Passagen aus dem Buch »Strobo« des Bloggers Airen übernommen, ohne dies kenntlich zu machen. Bemerkt hatte dies Deef Pirmasens, der einen kleinen Literaturskandal lostrat. Speziell im Internet machte man sich über die Kritiker des Feuilletons lustig, die Hegemanns Werk zuvor in den Himmel gelobte hatten und nun feststellen mussten, dass die neue literarische Kaiserin offenbar nackt war.

Rasch wurde Hegemanns Urheberrechtsverletzung zum künstlerischen Stil umgedeutet, zu dem immer schon Plagiat und Collage gehörten. Berühmte literarische Vorbilder, die sich nicht mehr wehren konnten, mussten als Beleg herhalten.

In den späteren Auflagen des Buches war Blogger Airen als Quelle angegeben und der Ullstein Verlag zahlte nachträglich Tantiemen.

Nun ist eine Doktorarbeit nicht mit einem belletristischen Werk vergleichbar. Zitieren ohne Quellenangabe ist in wissenschaftlichen Kreisen eine Todsünde. Es wird interessant sein, die Diskussion in den nächsten Tagen zu verfolgen, die natürlich ganz andere Züge wie die um Hegemann tragen wird.

Egal wie die Diskussion ausgeht und was an den Vorwürfen dran ist: Schon jetzt zeigt sich, dass die Copy-and-paste-Kultur überall Einzug gehalten hat.

Während die Verlegerlobby versucht, ihre Geschäftsmodelle durch massive Lobbyarbeit zu retten, und von der Politik verlangt, dass künftig Textabschnitte im Internet nur noch gegen Geld verwendet und zitiert werden dürfen (Leistungsschutzrecht), verdienen sich anscheinend auch Politiker ihre Meriten mit Hilfe von »Strg-C«.

Wie die Süddeutsche Zeitung weiter berichtet, habe Guttenberg unter anderem die »Bewertung« in seiner Doktorarbeit ohne Quellenangabe aus einem Text von Klara Obermüller in der Neuen Zürcher Zeitung übernommen und lediglich ein »möglicherweise« hinzugefügt, sowie einen Einschub der Autorin in die Fußnoten verlagert. Die FAZ wiederum schreibt, Guttenberg habe die Einleitung seiner Doktorarbeit bei ihr geklaut.

Welches Signal setzt ein Verteidigungsminister, der Plagiatsvorwürfe daraufhin als »abstrus« abschmettert?

Wolfgang Tischer

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9 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. HarryHI schrieb am 16. Februar 2011 um 17:32 Uhr

    Es geht hierbei auch um die (mögliche) Aberkennung des Doktortitels:
    http://www.freitag.de/politik/1107-nur-eine-entscheidung-moeglich-aberkennung-des-doktortitels
    Interview mit dem “Entdecker” betreffenden Staatsrechtler Andreas Fischer-Lescano

  2. Frank Rawel schrieb am 17. Februar 2011 um 11:38 Uhr

    Erschrocken ist die Allgemeinheit wohl mehr darüber, dass der Minister die Dummheit beging, wortwörtlich abzuschreiben. Das disqualifiziert ihn als tolpatschig.
    Wir wollen aber clevere Minister.
    Beim literarischen Abschreiben ist es komplizierter. Da zerbricht meist die Textqualität, wenn man nicht wortwörtlich kopiert. Aber von einer juristischen Doktorarbeit mit literarischen Qualitäten hat noch keiner was gehört.

  3. Vreni schrieb am 17. Februar 2011 um 14:12 Uhr

    Die “Copy-and-paste-Kultur”! Treffender hätte man es nicht ausdrücken können!

  4. Klamaewa schrieb am 17. Februar 2011 um 14:56 Uhr

    Warum wartet man nicht ab, bis die Angelegenheit geprüft und von der Uni beurteilt ist? – ich hasse Vorverurteilungen!!

  5. Gabriele Brunsch schrieb am 17. Februar 2011 um 15:23 Uhr

    …erst seit einigen jahren ist es usus (weil möglich geworden), dass facharbeiten, diplom- und doktorarbeiten mit einer digitalen prüfung auf correctness abgeklopft werden, um sauberes zitieren zu erzwingen, abkupfern zu vermeiden.

    zitat des obigen artikels: Schon jetzt zeigt sich, dass die Copy-and-paste-Kultur überall Einzug gehalten hat.

    blauäugig, wirklich. diese abkupferei ist und war allgemeiner usus, in allen geisteswissenschaften, der literatur, der musik und in der technik (was jedem bekannt ist und als betriebsspionage allgemein gefürchtet wird!!!).

    selbst in der darstellenden kunst länderübergreifend war das kopieren allgemein üblich.

    wenn dann etwas ganz neues entsteht, wenn neue literatur, neue kunst auf der grundlage geschaffen wird – bei nennung des gebers – ist es nur zu begrüßen, denn anders wird sich kunst nicht fortbewegen… in der wissenschaft ist es nicht anders, es wird auf bereits bestehendem aufgebaut, nur so kann ein eigenes neues gedankengut bei der flut des geschriebenen nachweislich als solches dargestellt werden… die angabe, auf welcher basis man seine erkenntnisse aufbaut, ist und sollte ein „grundsatz“ sein.
    ganze abgekupferte passagen aus einer tageszeitung ohne fußnote zu übernehmen ist in der heutigen zeit entweder schlichtweg “dumm” oder absolute „schlamperei“…. wenn das erst 2007 war, dann ist es entweder so „dreist“ oder so „ungebremst selbstherrlich“, dass mir die worte fehlen. aber schau mer mal was noch alles dazu geschrieben wird…. (zwischen dumm – schlampig – dreist und selbstherrlich können die grenzen fließend sein!!!kicher)

  6. rolf schneider schrieb am 17. Februar 2011 um 15:46 Uhr

    antwort an klamaewa:
    man wartet nicht, weil die vorliegenden fakten bereits evident genug sind. es sei denn jemand hält es für möglich, dass ein text dieser länge “rein zufällig” wörtlich übereinstimmt. das halte ich für unmöglich.

  7. Renate Blaes schrieb am 17. Februar 2011 um 16:02 Uhr

    Ich finde “coppy and paste” nicht blauäugig oder tolpatisch, sondern dreist, um nicht zu sagen dumm. Wer anderen Autoren in kurzen Passagen “zitiert”, sollte ausdrücklich dessen Namen nennen, das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand. Und wenn man längere Passagen “ausleiht”, dann muss man den anderen Autoren um Erlaubnis fragen. Denn hier geht es um geistiges Eigentum. In ähnlichen Fällen gab es schon sehr teure Abmahnungen. Und egal, ob eine sich naiv gebende Hegemann oder ein smarter Adeliger – ich bin mir sicher, dass beide wussten, dass sie geklaut haben. Vermutlich mit der Hoffnung, dass dieser Diebstahl niemandem auffällt. Falsch gehofft! Denn die “anderen” sind meistens nicht so doof, wie die Plagiatoren sich das wünschen.

  8. W. Weller schrieb am 18. Februar 2011 um 15:41 Uhr

    Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit könnte hinter dieser Dissertation nicht nur Guttenberg, sondern auch ein beauftragter Ghostwriter gestanden / geschrieben haben.
    Der (falsche?) Doktor von und zu kann einem fast wieder leid tun. Das geht schlimm für ihn aus.

  9. Gabriele Brunsch schrieb am 19. Februar 2011 um 15:22 Uhr

    !!!!!!!!!!!!! meine persönliche meinung dazu noch nachgeschoben:

    ich, für meinen teil finde es einfach schade, dass der junge herr v. G. nicht den gleichen prüfungskriterien unterzogen wurde, wie alle anderen jungen doctoranden.
    das hätte ihn vielleicht noch 2 monate zusätzliche Arbeit gekostet, sein guter ruf und der seines doktorvaters wären dann allerdings nicht so jämmerlich aufs spiel gesetzt worden.

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