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Beitrag vom 7. Dezember 2011 | Rubrik: Literarisches Leben, Literatur online

David Gray: Autoren-Soundbites im Outerspace

Wolfswechsel bei Facebook

Man hat ja schon davon gehört, dass der ein oder andere seine Beziehung via SMS beendete oder wie es neuhochdeutsch heißt: cancelte. Und ich bin ich sicher, dass bereits eine Menge Liebesbeziehungen auch via Facebook oder Google+ abgesagt worden sind.

Man mag angesichts solcher Meldungen allzu rasch auf die Idee verfallen, Social-Media Webseiten wie Facebook oder Google+, hätten irgendetwas mit den Realitäten des wirklichen Lebens zu tun.

Das haben sie nicht.

Social-Media-Webseiten als Resonanzboden

Social-Media-Webseiten spielen für das wahre Leben höchstens als Resonanzboden eine Rolle. Diese Rolle sollte man allerdings nicht unterschätzen. Überschätzen sollte man sie aber auch nicht. Die überwiegende Anzahl der Meldungen auf Facebook, Xing oder Google+ haben eine Halbwertszeit, gegen die sich die Lebensspanne einer flügellahmen Eintagsfliege wie Jahrhunderte ausnimmt. Auch die die Relevanz der meisten Meldungen dort bewegt sich in einem vergleichbaren Rahmen.

Hi alle, das Erdbeereis hier schmilzt zu schnell. Meine Freundin hat ihr Shirt versaut.
Thomas F / Facebook-Update / via Smartphone / Standort: Düsseldorf Eiscafe »Sizilia« / 22. 09 /14.30

Moin ihr Löcher! Jetzt erst mal n Kaffee. Dann Büro. I’ll keep you posted ;-)
Konstantin K / Google+ Update / via Smartphone / Standort: Hamburg/ Ottensen. / 11.10. 2011/ 7 Uhr 38

Dennoch bleibt der Fakt, dass immer mehr Bücher – ob nun Print oder Ebook – online verkauft werden. Online mit Erfolg Bücher zu verkaufen, bedeutet längst nicht mehr, nur die eigene Autorenwebseite zu pflegen.

Eine Unmenge an Fettnäpfchen

Dazu gehört in Zeiten nach Web 2.0 genauso der Facebook- oder Google+ Auftritt des Autors. Social-Media-Webseiten halten jedoch für den Berufsstand des Autors auch eine Unmenge an Fettnäpfchen bereit. Fettnäpfchen, in die man besser nicht hineintappt, will man nicht neben der Glaubwürdigkeit innerhalb der verschiedenen Social-Media-Webseiten, auch noch die im realen Leben verlieren.

Arbeitet bei: Selbstständig / Autorin
Facebook Profilangabe von »Autorin – Philomena C.« / Mainz / gesehen am 2. November 2011

Liebe Leser meiner Bücher! Herzlich willkommen auf meinem Facebookauftritt . Hier erfahrt ihr ständig jede Menge Neuigkeiten über mich und meine aktuellen Projekte.

Ein kleiner Hinweis an die lieben Kollegen: Wer auf meiner Facebookseite Werbung für seine eigenen Bücher macht, der wird entfriendet.

(letztes Posting: 23. 6.2009 / Anzahl von Facebook Friends: 32)

Ich wage zu behaupten, dass Philomena mit ihrem ganz speziellen Facebook-Auftritt keinen einzigen neuen Leser für ihre Bücher ansprechen konnte. Eher hat sie sich damit ein dickes Eigentor geschossen und Leser verloren, statt neue für sich zu interessieren.

Ausgebuffte Webprofis mögen die gute Philomena und ihre Art der Profilpflege im Web 2.0 ja müde belächeln. Ich gebe auch zu, dass ihr Facebook-Auftritt ein extremes Beispiel dafür darstellt, wie man sich besser nicht im Internet präsentieren sollte. Doch absolut untypisch für die Webpräsenz einer beachtlichen Anzahl von Kollegen und Kolleginnen ist Philomenas Auftritt auch nicht.

Immerhin hat das Facebook-Profil der Dame ein paar Lacher erzeugt. Was im Web 2.0 so einfach nun auch nicht immer ist. Aber in Philomenas Fall waren das eher die Sorte Lacher, auf die keiner wirklich erpicht sein kann.

Philomenas Fall ist ein gutes Beispiel für einen klassischen Denkfehler in Bezug auf die Funktionsweise des Internets, dem man selbst im Jahre 2011 immer noch zu häufig begegnet. Die bloße Präsenz eines Autoren auf den diversen Social-Media-Webseiten allein reicht nämlich längst nicht aus, um den Verkauf irgendeines Buchs ankurbeln zu können.

Soundbites als Gesamtbild

Das Web erzeugt »Wellen«, »Räusche« und »Trends« – ab und an auch Skandale und Skandälchen. Im Netz ist der einzige rote Faden, den man als Autor für sich finden kann, der der eigenen ganz persönlichen Marke. Einer Marke, die im Web 2.0 vor allem in Form von Soundbites an den Mann und die Frau gebracht wird.

Diese Soundbites – kurze Kommentare, Anekdoten oder mit anderen Usern im Stream geteilte Cartoons, Fotos oder Blogposts – sind es, die das Gesamtbild – die Onlinepersönlichkeit – des Autors XYZ ausmachen.

Diese Soundbites und das Image, welches sich daraus mosaikartig ergibt, sind es die den Verkaufserfolg eines Autors im Internet bestimmen. Denn erst nachdem eine gewisse Anzahl von Usern diese Soundbites ansprechend, witzig oder aufregend findet, werden diese User auch bereit sein, einige Augenblicke ihrer Zeit dafür zu opfern, die Onlineshops anzuklicken, auf denen irgendein Autor seine Titel zum Verkauf anbietet.

Die alte Volksweisheit vom Wald, aus dem es genauso zurückschallt, wie hineingerufen wurde, gilt im Internet mehr denn je.

Nur ist es da eben so, dass der Einzelne sich nicht mit einem schweigend dunklen Wald konfrontiert sieht, sondern vor einem undurchdringlich scheinenden Dschungel steht, der so schnell, bunt und laut daherkommt, dass man meint, jeder einzelne Grashalm jedes noch so winzige Insekt hätte da eine Stimme und Meinung, die unbedingt zu Gehör gebracht werden müsse.

For men who think: a women’s place is in the kitchen.
Just remember: that’s where the knives are kept
Google+ / Beitrag von Nikki M. / Geteilt am 30.10.2011/
Kommentare: 16/ 20 mal geteilt

…und deshalb lässt man sie ja da auch nicht mehr raus … ;-)
Kommentar von RedKermit/ 3. 10. 2011 / 22 Uhr 20

Das Gesamtbild der Persönlichkeit eines Autors im Netz ist wesentlich komplexer und in gewisser Weise auch intimer, als der Eindruck, den er bei einer Lesung oder in einem Presse- oder TV-Interview vermitteln könnte.

Ständige Konzentration auf das Image im Netz

Auf Facebook, Google+ oder all den anderen vergleichbaren Webseiten und Communities läuft jede Handlung in Echtzeit ab. Schon allein, indem man da Beiträge anderer User kommentiert, mit den eigenen Facebook oder Google+ Freunden teilt, oder bestimmte von anderen Usern offerierte Inhalte ab und an eben auch bewusst ignoriert, gibt man ein Statement ab, das von einer nicht zu überschauenden Anzahl anderer User bewertet und eingeordnet wird.

Entscheidend für den Umgang mit Facebook, Google+ und Co ist: genau diesen Aspekt nie aus den Augen zu verlieren. Denn so hilfreich Social-Media-Netzwerke auch sein mögen, um den Erfolg als Autor zu steigern, die Fettnäpfchen, in die man dort unvermutet hineingeraten kann, sind Legion.

Das Bild der »Marke Autor XYZ« will gerade auf Facebook und Co sehr gut durchdacht und vor allem auch langfristig angelegt sein. Wer da jedem schnellen Trend gleich hinterherläuft oder zu einem zu lockeren Umgangston neigt, wird früher oder später »virtuell« untergehen, das heißt: an Glaubwürdigkeit und daher »Sichtbarkeit« unter den Usern und potenziellen Käufern seiner Bücher verlieren.

Keiner, der im heutigen Mediengeschäft sein Brot verdient, sollte je außer Acht lassen, dass im Web 2.0 ein einziger dummer Ausrutscher nur noch Sekunden braucht, um die Runde unter Kritikern, Beobachtern und Lesern zu machen.

In Zeiten von Telefon und Postbriefen dauerte das Verbreiten irgendeiner Nachricht oder eines böswilligen Gerüchts noch mehrere Minuten, wenn nicht Stunden. Heute ist irgendeine Nachricht durch nur einen einzigen Mausklick bereits Tausenden anderen Usern zugänglich. Usern, die diese Information ungefiltert an andere User weitergeben oder gar mit eigenen Kommentaren versehen in eigenen Publikationsformen verwenden, wodurch selbst der dümmsten Behauptung ein gewisses Gewicht verliehen wird.

Jeder Zauberer ist immer nur so gut wie sein allerletzter Trick
Google+/ Beitrag von David Gray/ 28.10. 2011/ 16 Uhr 20
1 mal geteilt / 0 Kommentare

Neben der ständigen Konzentration auf sein Image im Netz verlangt die schöne neue Web-2.0-Medienwelt vom modernen Autor vor allem Vielseitigkeit. Gute Bücher wollen auch clever beworben werden. Und die Onlinepräsenz eines Autors ist nur dann wirkungsvoll, wenn er sich dort seinen Lesern möglichst authentisch darstellt. Diese Authentizität ist, was den potenziellen Leser vor allem an den Autor im Netz bindet. Irgendeine auf Social-Media spezialisierte Firma oder die Marketingabteilung irgendeines Verlages kann diese Authentizität unmöglich über längere Zeit hinweg vortäuschen.

Und wer als Autor im Internet wirklich Erfolg haben will, der wird sich damit abfinden müssen sich online in vielseitigen Literaturformen zu tummeln. Er wird dort mit der Form des Essays ebenso arbeiten müssen, wie mit der Anekdote, dem Witz, pointierten Kommentar oder der Kurzreportage.

Guess what: An asshole on social media is still an asshole. Start with your people, not your tools. They are what makes social either work or fail.
thebrandbuilder.wordpress.com/Blogpost zu Social Media /18. 10. 2011/ Auszug

»Die Zukunft war früher auch schon mal besser. Und die Menschen sind ja gut, aber die Leute eben schlecht«, Karl Valentin.
Google+/ Beitrag von David Gray /3.11.2011/ 12 Uhr 04
1 mal geteilt / 0 Kommentare
(Der Beitrag war verbunden mit einem Link zu einem von David Grays Ebooks)

Warum ich mich bemüßigt fühlte, diesen eher trockenen Artikel zu verfassen, mag man sich fragen.

Damit ich ihn dem nächsten Deppen, der meint, dass Schriftstellerei im Internetzeitalter der reine Spaß sei, wenn schon nicht real, so immerhin virtuell in Form eines Links oder Zitats, um die Ohren hauen kann. Und zwar solange bis er entweder seiner Ignoranz abschwört, oder – schlicht und ergreifend: lacht.

Herr Gray bedankt sich bei allen Lesern und Leserinnen für ihre Geduld.

»Du kannst alles zum Verkauf anbieten, was Du nur willst. Du musst nur einen Trottel finden, der bereit ist Dir dafür Geld zu zahlen« Homer Simpson.
Google+ / Beitrag von David Gray/ 4. 10. 2011/ 14 Uhr 26
1mal geteilt / 0 Kommentare

David Gray

Über den Autor dieses Artikels

Symbolbild: David Gray (Foto: privat)David Gray ist das Pseudonym eines deutschen Journalisten und Filmkritikers. Geboren 1970 in Leipzig, weist sein Lebenslauf längere Aufenthalte in Südostasien, Irland und Großbritannien auf. Er hat einen historischen Roman, einen Polizeithriller und eine Shortstorysammlung auf amazon.de veröffentlicht.
Autorenseite von David Gray bei amazon.de

3 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Kerstin schrieb am 10. Dezember 2011 um 21:19 Uhr

    Hey David,
    Ist Authentizität nicht schwer für Dich, wenn du ein Pseudonym verwendest? Wie schaffst Du das deinem Leser zu vermitteln? Finde deinen Artikel sehr interessant und kann dir in vielen Punkten zustimmen.
    LG Kerstin

  2. Gregor Rosenauer schrieb am 12. Dezember 2011 um 14:25 Uhr

    danke für einen guten Beitrag, der die Fallen und Möglichkeiten von social media sehr gut zusammenfasst.

    Eine Frage zu Ihren ebooks: Ich möchte gerne darauf verzichten, ein proprietäres, geschlossenes Format wie Kindle ebooks zu kaufen, das ich nur mit der Amazon-Software lesen kann. Lieber wäre mir ein epub-Format oder gar PDF.
    Gibt es alternative elektronische Formate Ihrer Bücher?

  3. Katharina Gerlach schrieb am 25. Januar 2013 um 22:19 Uhr

    Vielen Dank für diesen großartigen Beitrag. Deutlicher kann man es kaum noch sagen — und so trocken war er ja dann doch nicht. Als AutorIn im Internetzeitalter muss man eben ständig im Auge haben, wie sichtbar man überall ist. Es zwingt einen ja niemand, an den Sozialen Netzwerken teilzunehmen, aber wenn man es tut, sollte man sich auch gut benehmen.

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  1. Leipziger Buchmesse: Veranstaltungen für Autoren - Ich mach was mit Büchern | Ich mach was mit Büchern verlinkte am 12. Februar 2013 um 15:51 Uhr

    […] Buchmarkt direkt vertritt. David Gray ist ebenfalls mit mehreren Buchprojekten als Selbstverleger aktiv. Wie aber wird man ein erfolgreicher Selbstverleger? Mit: Emily Bold und David Gray, Selbstverleger […]

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