
Der Österreicher Thomas Glavinic galt als einer der besten zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren. Doch seit 10 Jahren gibt es keinen neuen Roman mehr von ihm. Was ist los mit Thomas Glavinic? Wer sich im Netz auf Spurensuche begibt, liest die Geschichte eines tragischen Absturzes. Doch es gibt ein klein wenig Hoffnung auf ein neues Buch.
Erst der Erfolg …
Damals schien alles möglich. Bereits Glavinics erster Roman »Carl Haffners Liebe zum Unentschieden« aus dem Jahre 1998 erhielt viel Lob im Feuilleton. Sein dritter Roman »Der Kameramörder« wurde mit dem renommierten Krimipreis »Glauser« ausgezeichnet. »Die Arbeit der Nacht« (2006) wurde von der Kritik gefeiert, die Literaturbetriebssatire »Das bin doch ich« (2007) schaffte es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Das literaturcafe.de produzierte mit Thomas Glavinic für den Hanser Verlag einen Podcast zu »Die Arbeit der Nacht«, in dem wir durch ein menschenleeres Wien liefen. Es war der Beginn einer Zusammenarbeit: Wir gestalteten seine Website, entwickelten Kampagnen wie das Webradio zu »Lisa«, führten Interviews für unseren Buchmesse-Podcast.
Glavinic war produktiv, vielseitig, experimentierfreudig. Er wechselte zwischen Kriminalroman (»Der Kameramörder«), dystopischer Parabel (»Die Arbeit der Nacht«), metafiktionaler Satire (»Das bin doch ich«) und kafkaesker Paranoia (»Das Leben der Wünsche«). Wie kaum ein anderer Autor liebte er es, sich und sein Publikum zu überraschen.
2013 kam »Das größere Wunder«, ein Everest-Roman über Jonas, seinen wiederkehrenden Protagonisten. Nach jahrelangem Stammplatz bei Hanser wechselte Glavinic danach zum S. Fischer Verlag. 2016 erschien dort »Der Jonas-Komplex«, 752 Seiten stark, exzessiv, zwischen drei Erzählsträngen springend. Ein Jahr 2015 voller Drogen, Alkohol, Sex. Ein Ich-Erzähler namens Thomas Glavinic, Wiener Schriftsteller, am Rand des Abgrunds.
Viele Kritikerinnen und Kritiker fanden das Buch überreizt, zu nah am Autor, zu überladen. Aber es war grandios erzählt, wie die FAZ schrieb eine »maßlose Fortschreibung der universellen Angst- und Verlorenheitsenzyklopädie«.
Danach kam nichts mehr.
Die Glavinic-Geschwindigkeit
2011 schredderte Thomas Glavinic laut »Standard« bei einer Testfahrt für ein Auto-Magazin auf einer Landstraße nahe Padua einen Lamborghini Aventador. Das Magazin »News« schrieb im November 2025, die »Eskapaden des Verfassers« seien »mit Begeisterung zur Kenntnis genommen« worden. Als er den 700-PS-Boliden zu Schrott fuhr – laut »News« kostete der Wagen über 250.000 Euro –, hätten »die Akklamationen den Höhepunkt« erreicht. Glavinic kam unverletzt davon, zahlte 39 Euro für einen gefällten Telefonmast.
Zu der Zeit galt Glavinic als »genialer Nonkonformist«, wie »News« schrieb. Zwei Nominierungen für den Deutschen Buchpreis hätten »das literarische Ausnahmeformat beglaubigt«. »Da hatte sich einer an die europäische Spitze geschrieben.«
Aber das Werk der Selbstzerstörung habe schon begonnen, schrieb das Magazin. Nicht nur seine Protagonisten nahmen Drogen.
… dann der Absturz eines Autors
Im April 2023 berichtete der »Kurier«, dass Glavinic ein Schuldenregulierungsverfahren eingeleitet habe. 163.000 Euro Schulden, davon 38.000 beim Finanzamt. Er arbeite für den Gastronomen Sepp Schellhorn in Bad Hofgastein als eine Art Nachtportier für etwas mehr als 1.100 Euro netto, schrieb das Blatt. Den Gläubigerinnen und Gläubigern biete er eine Quote von 8,47 Prozent in 60 Raten. Die Tantiemen würden »immer weniger«, hieß es.
»Ich verarme, ich schlafe nicht mehr, ich verliere die Kontrolle über mich«, schrieb Thomas Glavinic bereits 2019 in einem Beitrag für »Die Welt«.
Ende November 2025 gab Glavinic dem österreichischen Magazin »News« ein seltenes Interview. »Ich bin so klar wie seit Jahrzehnten nicht mehr«, sagte er. »Ich lasse seit acht Jahren die Finger von Alkohol und Drogen.« Ein vergiftetes Happy End. Denn der österreichische Staat pfände ihm alles, was er verdiene. »Ich würde zu gern einen Roman veröffentlichen, aber der österreichische Staat hat eine faszinierende Methode entwickelt, Literatur zu verhindern«, interpretiert es Glavinic auf seine Art.
Ein neuer Roman sei »weit gediehen«, werde aber »so bald nicht erscheinen«.
Glavinic lebe inzwischen außerhalb Österreichs, berichtete »News«. Freundinnen und Freunde vermuteten, er halte sich im ehemaligen Jugoslawien auf, der Heimat seines Vaters. Die telefonische Verbindung sei labil, ließ er wissen. Er existiere »in einem Zustand permanenter neuronaler Überstimulation, ein unablässiges Senden ohne Empfangspause«.
Panikattacken hätten ihn schon in der Grazer Kindheit geplagt, mehrmals die Woche, sagte Glavinic früher. Im »Jonas-Komplex« hatte er über Drogenexzesse geschrieben, die keine Fiktion waren. Während der Pandemie beschrieb er für »Die Welt«, wie seine Seele bei lebendigem Leib verwese. 60 Stunden ohne Schlaf, 22.000 ungeöffnete Mails, rasende Betriebsamkeit bis zum Zusammenbruch.
»Das war die harmlose Version für das Publikum«, fügte Glavinic hinzu.
Die Rollmops-Affäre
Sommer 2016. Stefanie Sargnagel, die provokante Satirikerin, hatte geschrieben, sie würde »noch ein paarmal abtreiben, bevor Hitler Bundespräsident wird« – eine Anspielung auf FPÖ-Kandidat Norbert Hofer. Glavinic, der damals eine seltsam versöhnliche Haltung gegenüber Hofer-Wählerinnen und -Wählern einnahm, geriet mit Sargnagel aneinander.
Auf Facebook fragte er: »Wieso kann ein sprechender Rollmops meine Seiten verschweinen?«
Was als literarischer Disput begann, eskalierte zum Shitstorm. Glavinic wurde Body-Shaming vorgeworfen. Es folgten Vorwürfe, er schicke ungefragt Penisfotos an Frauen. Sein Computer sei gehackt worden, behauptete Glavinic auf Facebook, Fotos von ihm und seiner Freundin seien auf Pornoseiten gelandet, ein Twitter-Account unter seinem Namen angelegt worden.
Die feministische Scherz-Burschenschaft »Hysteria« rund um Sargnagel habe bei einer seiner Lesungen Flugblätter mit seiner Handynummer verteilt, berichteten Medien. »Kann der nicht bei einem Motorradunfall sterben?«, hätten manche auf Twitter geschrieben, zitierte das Magazin »Heute«.
Der österreichische Presserat entschied später, dass die Berichterstattung zulässig sei – der Streit habe öffentlich stattgefunden, heißt es in der Entscheidung.
Glavinics Facebook-Aktivitäten waren unklug, seine Äußerungen zuweilen tölpelhaft. Im Podcast-Interview 2011 hatte er noch gesagt: »Man sollte die Wirklichkeit nicht zu ernst nehmen und Facebook schon gar nicht.«
Doch er selbst nahm es zu ernst.
Ein großartiger Schriftsteller
»Die Arbeit der Nacht« erzählt von einem Mann, der aufwacht und feststellt, dass alle Menschen verschwunden sind. Wien ist menschenleer. Er ist allein. Ein grandioser Albtraum über existenzielle Einsamkeit.
»Das Leben der Wünsche« ist eine brillante Variation des Drei-Wünsche-Motivs, das in dunkle Abgründe führt. »Unterwegs im Namen des Herrn« – eine Wallfahrtsbeschreibung ebenfalls schon mit viel Drogen und Alkohol – scheiterte in der zweiten Hälfte, aber auch das Scheitern war interessant. »Das bin doch ich« bleibt eine der witzigsten Literatursatiren, die je geschrieben wurden.
Im Interview mit »News« sagte Glavinic, er sei »wieder liiert«. Sepp Schellhorn, sein ehemaliger Arbeitgeber und NEOS-Politiker, wird in dem Artikel mit den Worten zitiert, er versuche zu helfen, »sofern es in meiner Macht steht«. »Bei all der Kritik an der Person Glavinic«, sagte Schellhorn, »er ist ein großartiger Schriftsteller.«
Glavinic gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen und Autoren seiner Generation. Seine Bücher sind in 20 Sprachen übersetzt, mehrere wurden verfilmt.
Glavinic ist derzeit verschwunden. Verloren wie Jonas im menschenleeren Wien. Doch die Hoffnung auf einen neuen Roman bleibt.
Wolfgang Tischer

