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Textkritik: Traurigkeitslevel 5, Brillenwertung 3

Der Blick auf diesen Text war durch Zeichensetzungsfehler und Kitsch getrübt. Dabei hat er inhaltlich durchaus etwas zu bieten.

Traurigkeitslevel 5

von Thomas Bauernfeind
Textart: Prosa
Bewertung: 3 von 5 Brillen

Ich bin schon lange wach, bevor der Wecker klingelt, so wie jeden Morgen. Ich starre im Dämmerlicht an die Decke meiner leeren Wohnung, meine Einsamkeit und meine Traurigkeit sind um mich herum wie ein vergifteter Nebel. Schließlich gebe ich es auf, noch einmal einzuschlafen, und gehe in gebückter Haltung ins Bad. Wie so oft schaue ich in den Spiegel, versuche zu ergründen, was in meinem Leben schief gelaufen ist, aber mein Spiegelbild verrät mir nicht die Antwort. Dann übe ich eine halbe Stunde lang mein Lächeln, bis ich fast selbst daran glaube. Ich hole den TL-Checker aus dem Versteck hinter dem Wandschrank, er ist natürlich vom Schwarzmarkt, für Privatpersonen ist der Besitz illegal. Ich führe meine rechte Hand durch die Mess-Schleife und starte das Gerät. Mein Traurigkeitslevel ist 2,5 … so früh am Morgen ist das gar nicht gut! Heute wird ein schwieriger und gefährlicher Tag.

Ich zwinge mich dann dazu, wenigstens etwas zu essen. Über meinen erkalteten Kaffee hinweg blicke ich ins Leere. Ich habe heute frei und würde mich am liebsten in der Wohnung verkriechen, aber das geht natürlich nicht, das elektronische Türschloss und die Bewegungsmelder überwachen akribisch mein Kommen und Gehen, ich habe diesen Monat schon zu viele Stunden in meiner Wohnung verbracht. Werden es noch mehr, kommt von der Behörde ein Einschreiben mit der Vorladung zu einer BESPRECHUNG. Oder schlimmer noch: sie schicken gleich die CLOWNS. Beides kann ich mir in meiner jetzigen Verfassung nicht erlauben, also verlasse ich meine Wohnung, um Spaß zu haben, wie es von einem Single erwartet wird. Ich kontrolliere noch kurz den Sitz meines Lächelns und meines Anzugs, und mit dem beschwingten Gang, den ich mir so mühsam antrainiert habe, flaniere ich durch die Straßen meiner Stadt. Alle Menschen lächeln mich an und grüßen mich freundlich, ich lächele und grüße zurück, einige ziehen ihren Hut, dessen Tragen neuerdings wieder in Mode gekommen ist, aber ich werde so ein Ding nie aufsetzen. Ich frage mich, welches Lächeln echt ist und welches genauso eine Fassade ist wie mein eigenes. Nur die Leute, die schon eine BEHANDLUNG hinter sich haben, erkennt man gleich: ihr Grinsen ist fast manisch, und ihre Augen sind leer.

Ich bin auf der Hut und achte auf die CLOWN-Patrouillen. Ich wechsele betont langsam die Straßenseite, wenn ich ihrer ansichtig werde, und versuche meine Nervosität zu verbergen. Heute sind sehr viele unterwegs, es ist fast ein Spießrutenlauf. In einem uralten Buch, das mir mal in die Hände fiel, schrieb ein Autor namens Stephen King, dass Kinder Angst vor Clowns haben und dass Erwachsene sie albern finden. Das Buch ist natürlich verboten, so wie alle Texte, Filme und Lieder, die einen traurig oder ängstlich machen. Ich finde sie albern und beängstigend zugleich: Albern wegen ihrer Uniform, den von Hosenträgern gehaltenen Sackhosen, den viel zu großen Clown–Schuhen, dem Rüschenhemd samt Fliege mit quietschbuntem Sakko kombiniert. Sie tragen immer eine Perücke mit Halbglatze und roten Haaren, ihre Clownschminke und die rote Nase sind ganz klassisch. Und sie ängstigen mich wegen dem, was sie tun: Die riesigen Pistolen in ihren Schulterhalftern sind keine Dekoration! Und sie immer sind zu zweit.

Ich will nicht sehen was jetzt kommt, aber es wird von uns erwartet, dass wir gut gelaunt die Szene beobachten. Eine Flucht würde mich verraten. Einer der CLOWNS legt ihr die Handschellen an, der andere ruft die Behörde. Sie will zu ihrem Kind, während Tränen über ihr Gesicht laufen, aber sie lassen es nicht zu. Einer der CLOWNS setzt ihr eine Spritze, es ist wohl ein starkes Beruhigungsmittel, ihr Körper verliert jede Spannung, ihr Gesicht erschlafft. Zehn Minuten später kommen zwei Fahrzeuge, ein Krankenwagen mit bunten Clowngesichtern und ein Auto der Behörde, in leuchtendem Rosa lackiert. Die CLOWNS verfrachten die Frau in den Krankenwagen. Dieser wird sie in die Klinik bringen zur BEHANDLUNG. Dort wird sie all ihre Ängste und all ihre Traurigkeit verlieren, aber auch all ihre Liebe und Empathie und große Teile ihrer Intelligenz. Zur Mutter taugt sie danach nicht mehr, wahrscheinlich kommt sie dann ins Lächlerheim. Der Mitarbeiter der Behörde nimmt das Kind mit. Entweder wird der Vater sich darum kümmern, wenn er den TL-Test übersteht, oder es kommt in die Obhut der Behörde. Beide Fahrzeuge verlassen den Ort des Geschehens, nur der am Straßenrand vergessene Kinderwagen bleibt zurück als Mahnmal der Tragödie die sich gerade abgespielt hat. Und ich überstehe auch diesen Tag.

Und dann bleibt die Nadel bei 4,9 stehen und fällt dann rasch. Einer der CLOWNS grinst mich an und meint: »Na, hast du gerade an etwas wirklich Lustiges gedacht?«

Und ich grinse zurück: »Ja, in gewisser Weise!«

© 2020 by Thomas Bauernfeind. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Viele Zeichensetzungsfehler (annähernd 50) machten das Lesen zunächst zu einer Qual. Der Versuch, eine erschreckende Zukunft zu skizzieren, überzeugt nur teilweise: Die Nähe zum Kitsch wertet ab! Da starrt der Ich-Erzähler an die Decke seiner leeren Wohnung, und er fühlt sich nicht etwa einsam und traurig, nein: SEINE Einsamkeit und SEINE Traurigkeit befinden sich außerhalb von ihm, denn sie sind um ihn herum! Und zwar wie ein Nebel. Zum Glück kein giftiger Nebel, sondern ein VERGIFTETER: Von wem vergiftet? Warum? Wir werden es nicht erfahren, denn der Protagonist geht jetzt in gebückter Haltung (Warum denn das? Ist die Wohnung so niedrig?) ins Bad, um vor dem Spiegel zu ergründen, was in seinem Leben schief gelaufen ist.

Die Kritik im Einzelnen

Hier habe ich zum ersten Mal eingegriffen: Bis hier hatte ich bereits sieben Kommafehler getilgt, jetzt wird es inhaltlich: Zunächst handelt es sich um einen der ausgeleierten Anfänge, nämlich einem Aufwachen, das hier bereits stattgefunden hat.  Der Titel dieser Erzählung lautet Traurigkeitslevel 5, aber es fehlt eine Erklärung, warum Level 2,5 am Morgen gar nicht gut sein soll: Da ist doch eine Menge Platz nach oben? Und wer misst denn sowas? Der Protagonist benutzt schließlich ein illegales Messgerät! Aber warum? Zurück

Das ist eine starke Kombination! Zurück

Das kann getrost gestrichen werden, denn in einer fremden statt der eigenen kann diese Erzählung nicht spielen! Zurück

Umständlich: Es reicht, dass Hüte wieder in Mode gekommen sind – das Tragen ergibt sich von ganz allein! Zurück

Auch hier: Streichen! Fassade genügt, da braucht es kein eine davor! Zurück

Das die Schuhe von Clowns überdimensioniert sind, ist allgemein bekannt, muss also nicht extra erwähnt werden! Zurück

Das wiederum stimmt nicht: Jeder echte (!!!) Clown hat seine ganz persönliche, unverwechselbare Maske! Zurück

© 2020 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.