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Textkritik: langärmlig – Lyrik

Eine Textkritik von Malte Bremer

langärmlig

von Karin Riesler
Textart: Lyrik
Bewertung: 5 von 5 Brillen

Aus Deinem langärmligen
Wortgewand
schüttelst Du mein Bild

Und klebst es an
die Sprosse
zu Deinen Füßen

Mit Spucke,
die mein Leben löst.

© 2005 by Karin Riesler. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

So soll es sein! Nichts wird mir aufgedrängt, keine Moral wird gepredigt, sondern meinen eigenen Gedanken und Assoziationen überlassen werde ich dank einer präzis-offenen Sprache.

Die Kritik im Einzelnen

Wollte Brecht nicht einem Lyriker den Ärmel abschneiden, weil der aus diesem Gedichte schüttelte? Und gibt es nicht einen Text von ihm »Über das Anfertigen von Bildnissen«, wo es Aufgabe ist, sich von einem Partner ein Bild zu machen und dafür zu sorgen, dass der Partner dem Bild gleicht? All diese Erinnerungen kommen mir in den Kopf, wenn ich diese drei Zeilen lese, wohl angeregt durch »langärmlig« und dieses wortgewandte »Wordgewand« und »schüttelst« . fein! zurück
»du« steht wohl auf einer Leiter, hat den Boden unter den Füßen verloren, besteigt vielleicht gerade wieder sein hohes Ross oder will eine uneinnehmbare Festung erstürmen – die Fülle der Bilder ist nicht einzufangen, die mich überstürzt . das lyrische Ich darf bis zu diesem Bild emporsteigen, damit würde es aber zu seinen Füßen liegen bzw. stehen: Lebensziel, einem anderen zu Füßen zu liegen? Ziemlich hemdsärmelig, finde ich. zurück
Wovon wird das Leben gelöst? Von seiner Substanz? Wird es gelöst oder gar erlöst, aufgelöst? Wird das lyrische Ich sein Leben los? Oder wird sein Leben endlich locker? Jeder möge seinen Gedanken nachhängen, die dieses Gedicht auslöst (sofern man sich darauf einlässt!). zurück

© 2005 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.