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Sharon Dodua Otoo: »Herr Gröttrup setzt sich hin« und das literarische Ei

Das Buch »Herr Gröttrup setzt sich hin« von Sharon Dodua Otoo vereint drei Texte vom und über den Bachmannpreis 2016
Das Buch »Herr Gröttrup setzt sich hin« von Sharon Dodua Otoo vereint drei Texte vom und über den Bachmannpreis 2016

Sharon Dodua Otoo gewann 2016 den Bachmannpreis. Sechs Jahre später erscheint ihr Gewinnerinnentext »Herr Gröttrup setzt sich hin« gedruckt als schmales Büchlein, zusammen mit zwei weiteren Texten, die sich auf die »Tage der deutschsprachigen Literatur« in Klagenfurt beziehen – und auf die Autorin. Man liest Erstaunliches.

Es scheint, als erinnert man sich unter all den Gewinnertexten beim Bachmannwettbewerb der letzten Jahre – wenn überhaupt noch – an den von Sharon Dodua Otoo ganz besonders. Es war der Text mit dem Ei, dem Frühstücksei. Immer wieder wurden Bezüge zu Loriots berühmten Eiertext gezogen (»Berta, das Ei ist hart.«). Und auch der Name des Mannes in Otoos Geschichte klingt wie ein Name bei Loriot: Herr Gröttrup.

Doch das war es dann auch mit den Loriot-Bezügen. In Otoos Text will das Ei selbst nach längerer Kochzeit nicht hart werden.

35 Einträge findet man in ganz Deutschland zum Namen Gröttrup. Bei Wikipedia findet man einen Helmut Gröttrup (1916–1981). Und in der Tat: Er ist die Figur aus dem Text mit dem Titel »Herr Gröttrup setzt sich hin«. Dort lesen wir: »Helmut Gröttrup, achtundsiebzig Jahre alt, einundneunzig Kilogramm, ein Meter dreiundachtzig, war deutscher Ingenieur (Raketenspezialist, seit neun Jahren pensioniert), Erfinder und Schachgenie.« In Peenemünde arbeitete er an der Entwicklung von Hitlers V2-Rakete mit. Nach dem Krieg musste er für das russische Raketenprogramm arbeiten, 1953 kehrte er in die damalige Bundesrepublik Deutschland zurück.

Sharon Dodua Otoo
Sharon Dodua Otoo beim Bachmannpreis 2016 (Foto: Tischer)

Man kann in jeder Hinsicht sehr viel im Gewinnertext 2016 des Bachmannpreises entdecken. Nicht nur inhaltlich. Auch die dreiteilige Form mit einer jeweils vorangestellten Leseanleitung ist interessant. Und die Erzählperspektive.

Man ist beim Wiederlesen erstaunt, wie kompakt und perfekt die Geschichte für ein schmales Bändchen, erschienen im S. Fischer Verlag, überarbeitet wurde. Doch dann stellt man beim Vergleich mit der Version von damals fest (sie findet sich gemäß den Wettbewerbsstatuten zum Download auf der Bachmannpreis-Website), dass da gar nichts überarbeitet wurde, sondern dass es genau der Gewinnerinntext ist. Es wird klar, wie verdient der Preis war. Otoo hat den Text ihrerzeit speziell für den Wettbewerb geschrieben, nachdem die Jurorin Sandra Kegel die Autorin dazu eingeladen hatte. Wieder einmal ist man erstaunt, wie präzise, souverän und sprachgewaltig Nicht-Muttersprachlerinnen mit der deutschen Sprache umgehen. Sharon Dodua Otoo (*1972) ist in London geboren und aufgewachsen. Sie studierte dort German und lebt seit 2006 in Berlin.

Drei Texte von Sharon Dodua Otoo fasst das kleine Buch zusammen. Alle haben einen Bezug zu den »Tagen der deutschsprachigen Literatur« in Klagenfurt, die gemeinhin »Bachmannpreis« genannt werden.

Der zweite Text ist die Eröffnungsrede des Jahres 2020, die sogenannte »Klagenfurter Rede zur Literatur«. Sie trägt den Titel »Dürfen Schwarze Blumen malen?«. Da der Wettbewerb 2020 nur virtuell durchgeführt wurde, konnte Otoo die Rede leider nie vor Ort und vor Publikum halten. Sie wurde zuvor aufgezeichnet. Gedruckt erscheinen die Klagenfurter Reden zur Literatur in der Edition Meerauge des kleinen Verlages der Klagenfurter Buchhandlung Heyn. Dankenswerterweise konnte sie mit freundlicher Genehmigung in den Fischer-Band übernommen werden, zusammen mit den Zeichnungen der Autorin.

Publikumspreisträgerin Stefanie Sargnagel (links) und Bachmannpreisträgerin Sharon Dodua Otoo
Bachmannpreis 2016: Publikumspreisträgerin Stefanie Sargnagel (links) und Bachmannpreisträgerin Sharon Dodua Otoo (Foto: Tischer)

Auch die Rede wirkt mit Abstand stärker. Es geht darin um Schwarze Menschen, um Communitys in Deutschland allgemein. Im Jahre 2022, in denen das Thema hart, nicht selten beleidigend und nach wie vor von Rassismus durchsetzt diskutiert wird, in einer Zeit, in der solche Themen immer wieder als »woke« negativ abgetan und mit anderen vermeintlichen Untergangsszenarien wie dem Gendern vermengt werden, ist Sharon Dodua Otoos Rede eine ruhige Stimme und ein leiser Text geblieben, der fast schon schüchtern und zurückhaltend und daher nicht minder selbstbewusst, die Situation und ihre Probleme aufzeigt. Otoo scheint sich dem Thema behutsam anzunähern. Selbst wenn man nicht mit allem einverstanden sein sollte, lohnt sich die Lektüre der Rede, auf die man sich einlassen sollte.

Der dritte Text des Buches trägt den Titel »Härtere Tage« und ergänzt die Gesamtkomposition des kleinen Buches. Die Erzählstimme ist die Autorin des Jahres 2022, die sich selbst am Bachmannpreis-Sonntag 2016 auf dem Weg ins ORF-Studio beobachtet, wo gleich über den Preis abgestimmt werden wird. Ebenso beobachtet sie ihre Eltern im Studio nach der Preisverleihung. Allerdings waren sie nicht wirklich dort. Durch die Fiktion wird der Blick aufs Ich der Erzählerin möglich. Mit dem Blick ihrer Eltern hinterfragt sie das eigene Engagement. Auch das erzählerisch gekonnt gearbeitet.

Bisweilen werden in Klagenfurt Ausschnitte aus Romanen gelesen, die schon fertig sind und unmittelbar danach erscheinen. Dieser Anteil wird in den letzten Jahren weniger. Bisweilen entsteht erst später mehr aus einem Bachmann-Text wie beispielsweise bei Bov Bjerg.

Der Text von Sharon Dodua Otoo ist der Text des Jahres 2016 geblieben. Dennoch wurde mehr daraus. Im dritten Teil der Titel-Geschichte wird Herr Gröttrup der Hausangestellten gewahr. Sie heißt Ada. Und die durch die Zeit wandernde Ada hat ihr eigenes Buch bekommen. Auch die Erzählperspektive ist Otoo-üblich geblieben: Die Autorin erzählt gern aus der Sicht unbelebter Dinge. Schon im Bachmann-Text erzählte das Ei, das früher mal ein roter Teppich war.

Wolfgang Tischer

Sharon Dodua Otoo: Herr Gröttrup setzt sich hin: Drei Texte. Gebundene Ausgabe. 2022. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103971859. 18,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
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