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»Nichts, nur« – sich Zeit lassen mit Walle Sayer

»Nichts, nur« von Walle Sayer, erschienen in der Edition Klöpfer im Kröner Verlag
»Nichts, nur« von Walle Sayer, erschienen in der Edition Klöpfer im Kröner Verlag

Was für ein Buch! 532 Gramm schwer. Ein fester, rauer Leinen-Umschlag, Lesebändchen. Am rechten Außenrand sehr klein, fast schüchtern KRÖNER EDITION KLÖPFER. Der neue Band von Walle Sayer vereint Gedichte und Textminiaturen aus 35 Jahren, stellt ältere Werke neuen gegenüber.

Walle Sayer: Erinnerungen werden wach an seine Lesungen, in den Lesepausen oft unterstützt von Musikern, die das gerade Gehörte auf ihre Weise interpretieren. Die Stille im Raum. Das Staunen, das vorsichtige Wiegen der Zuhörer:innenköpfe. Zögerlich das Lachen und Lächeln, vor allem auch die Stille, das Auftauchen eigener Erinnerungen …

Vor allen eben: Walle Sayers Sprachmacht:

Ein struppiger Wind.

Ein Marder, der das Lautlose quert.

Sehen, was nicht hörbar ist.

Ein Tautropfen, der ins Randvolle fällt.

Raben, die die Sicht zerkrächzen.

Nein: Das ist kein Gedicht von Walle Sayer, das sind fünf Zeilen aus fünf seiner Werke. Zufällig ausgewählte Beispiele für das, was Walle Sayers Sprache ausmacht. Denn er hat kein Vorbild. Dafür hat er seine eigene Sprache.

Aber an die muss man sich erst einmal gewöhnen! Seine Bilder werden sich nicht allen öffnen. Bestimmt werden sich manche kopfschüttelnd abwenden: Ein Tautropfen, der ins Randvolle fällt? Was soll das sein? Voller als voll geht schließlich nicht!, könnte da ein pedantischer Textkritiker einwenden. Hat das irgendwie was mit dem sattsam bekannten »Tropfen auf dem heißen Stein« zu tun?

Der Tropfen auf dem heißen Stein verdampft einfach. Bei Walle Sayer aber ist mit diesem ein Winter endgültig zu Ende gegangen: Das wird symbolisch als ein (überflüssiger) Tropfen dargestellt. Denn so etwas wie das Randvolle gibt es überhaupt nicht, das ist eine Erfindung von Walle Sayer. Redensartlich gibt es zwar den Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt. Aber Walle Sayers Tropfen ist überflüssig, denn der hat hat keine Funktion mehr.

An Walle Sayers Sprache muss man sich also gewöhnen, denn sie weitet und vertieft den Blick auf viel Alltägliches. Und frau&man darf sich darauf freuen, mit ungewöhnlichen und überraschenden Wahrnehmungen konfrontiert zu werden.

Fazit: Walle Sayers Texte, seine Wahrnehmungen und deren Interpretationen sind großartig und befremdlich. Empfehlung: Langsam und vorsichtig einlesen in homöopathischen Dosen, sich Zeit lassen …

Malte Bremer

Sayer, Walle: Nichts, nur: Gedichte und Miniaturen (Edition Klöpfer). Gebundene Ausgabe. 2021. Alfred Kröner Verlag. ISBN/EAN: 9783520755018. 28,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

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