Literarisches Quartett: Schnuffige Männer Mitte dreißig

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Kein schnuffiger Mann Mitte dreißig: Joachim Meyerhoff als Gast im Literarischen Quartett (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)
Kein schnuffiger Mann Mitte dreißig: Joachim Meyerhoff als Gast im Literarischen Quartett (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

War das die 19. Ausgabe des »neuen« literarischen Quartetts? Oder habe ich mich verzählt? Auf jeden Fall musste man lange warten, bis man einen so schön formulierten Verriss zu hören bekam, wie in dieser Sendung. Der kam vom Gast und der war Joachim Meyerhoff.

Joachim Meyerhoff ist Schauspieler, wechselt demnächst vom Wiener Burgtheater an die Berliner Schaubühne und dürfte den meisten eher aufgrund seiner autobiografisch geprägten Romanreihe »Alle Toten fliegen hoch« bekannt sein. Deren vierter Teil »Die Zweisamkeit der Einzelgänger« wurde in der Sendung vom Dezember 2017 besprochen. Nun also war Meyerhoff selbst Gast der Sendung. So dreht es sich, das Literaturbetriebskarussell.

In jener Dezember-Sendung führte Thomas Gottschalk als Gast das Duzen vor der Kamera ein, und zumindest Christine Westermann hält sich bis heute daran, während sie von Volker Weidermann brav zurückgesiezt wird. Thomas Gottschalk hat bekanntermaßen mittlerweile eine eigene Literatursendung, deren zweite Ausgabe in der kommenden Woche zu sehen sein wird. So dreht es sich, das Literaturbetriebskarussell.

Aber zurück zum Quartett und zur Sendung vom 14. Juni 2019, die wie immer spät ausgestrahlt wurde und einem auch am Morgen des 15. nicht auf der Startseite der ZDF-Mediathek entgegenspringt. Eine Nischensendung eben, obwohl der Börsenverein des Deutschen Buchhandels unlängst verkündete, es gäbe wieder rund 300.000 Buchkäufer mehr, was medial als Aufwärtstrend vermeldet wurde, obwohl in den Jahren zuvor rund 6,5 Millionen Buchkäufer abhanden kamen.

Aber zurück zum Quartett und zur Sendung vom 14. Juni 2019, in der Christine Wester- und Volker Weidermann gebräunt wirkten, gegenüber den bleichen Gesichtern von Thea Dorn und Joachim Meyerhoff. Eine völlig belanglose Äußerlichkeit.

Die Sendung begann mit dem neuen Buch »Die Nickel Boys« von Colson Whitehead, um das man derzeit nirgendwo herumkommt. Der Vorgänger-Roman »Underground Railroad« war ein »Welterfolg«, erhielt den Pulitzer-Preis und war in meinen Augen völlig überbewertet.

Wieder einmal drehte sich die Diskussion um den Inhalt und die Wirkung des Geschilderten auf den Leser, also eher um Buchbloggerkriterien. Gerne hätte ich etwas über die Sprache des Romans erfahren und über die Übersetzung, denn die war – wie ich seinerzeit erläutert habe – bei der »Railroad« problematisch. Ich sehe, dass der neue Roman von Henning Ahrens übersetzt wurde und nicht mehr von Nikolaus Stingl. Merkt man da Unterschiede beim Lesen? Darüber habe ich vom Quartett leider nichts erfahren.

Aber neugierig auf das Buch machte die Diskussion durchaus.

Hingegen stand die Sprache, respektive die Übersetzung beim dritten besprochenen Buch im Vordergrund: »Zazie in der Metro« von Raymond Queneau. Das Werk aus dem Jahre 1959 wurde von Frank Heibert neu übersetzt. Ich kann den Übersetzer-Ehrgeiz gut verstehen, dass man aus einem älteren Werk nochmals sprachlich einiges rauskitzeln will, aber umgekehrt ist es schade, dass ein solch zusätzlicher Aufmerksamkeitsbonus nur übersetzten Werken zuteil wird, während deutschsprachige Werke selten in einer »neuen und zeitgemäßen Sprache« aufpoliert werden.

Aber gut, wenigstens wurde die Neuübersetzung vom Quartett thematisiert, was seinerzeit beim »Widersacher« von Emmanuel Carrère mit keinem Wort erwähnt wurde und ich nach der Sendung beim Vergleich der neuen und alten Übersetzung (unter dem Titel »Amok«) feststellen musste, dass die ältere eindeutig die besser war.

Aber neugierig auf das Buch »Zazie« machte die Diskussion durchaus.

Reinschauen würde ich nach der Diskussion gerne auch in »Ein Auftrag für Otto Kwant« von Jochen Schmidt. Jochen Meyerhoff stellte Buch und Inhalt eloquent und enthusiastisch vor, was vom Publikum sogar mit einem zaghaften Applaus gewürdigt wurde. Allerdings bin ich mir nicht sicher, inwieweit es ein weiteres dieser Die-unglaublichen-Erlebnisse-in-einem-fiktiven-postsowjetischen-Osteuropastaat-Buch ist, deren Witz sich irgendwann aufgebraucht hat. Thea Dorn ordnet das Buch eher dem Genre »Schnuffige Männer Mitte Dreißig, die nie erwachsen werden können, dabei aber auch schon frühvergreist sind« zu.

Und dann war da am Schluss der neue Roman »Der Zopf meiner Großmutter« von Alina Bronsky, die seit Jahren im Genre »Randgruppen mit osteuropäischem Migrationshintergrund« feststeckt. Das Buch wurde von Christine Westermann vorgestellt, sodass man nach ihren einführenden Worten automatisch in Deckung geht, da man davon ausgehen kann, dass das Werk nun von den drei anderen niedergemacht wird.

Mit den schönen Worten »Das Buch ist ein bisschen das, was es ist« leitete Joachim Meyerhoff einen wunderbaren Verriss des Buches ein, der unglaublich lieb klang und dennoch vernichtend war. So schön hat es Maxim Biller nie formuliert. Und bevor ich meinerseits den Inhalt der Meyerhoffschen Meinung zusammenfasse, möge man die Zeit nutzen, solange die Sendung in der Mediathek zu finden ist, und ab Minute 38:45 das Ganze ansehen. Wobei Meyerhoffs schönes Schwimm-Gleichnis hier zitiert sei: »Ich habe es relativ schnell gelesen, weil ich immer dachte, wenn ich es zu langsam lese, verliere ich die Lust und gehe unter wie beim Schwimmen. Man muss die ganze Zeit in Bewegung bleiben – dann ist es schon vorbei, und man denkt: Tjo. (…) Dieses Buch kann man besser erzählen, als selbst lesen.«

So werte ich meine drei »Würde-ich-gerne-mal-Reinschauen« als positiv für diese Sendung. Positiv war auch, dass sich die Vier selten unschön ins Wort fielen, sich nicht dauern gegenseitig angingen und thematisch bei den Büchern blieben.

Erwähnt sei mit Chronistenpflicht, dass Kamera und Bildregie in dieser Sendung auffallend und gleichmäßig verteilt die Hände der Diskutanten in Großaufnahme zeigten, um dann davon wegzuzoomen. Umblätterhände.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 14.06.2019 besprochenen Bücher:

2 Kommentare

  1. Der Autor möchte, dass “deutschsprachige Werke selten in einer »neuen und zeitgemäßen Sprache« aufpoliert werden”? Das kann ja wohl absolut nicht ernstgemeint sein und hat mich davon abgehalten, auch nur einen Beitrag von ihm zu lesen. Wenn er Lust hat, z.B. die Märchen der Gebrüder Grimm in “zeitgemäßer” Sprache zu lesen, dann schlage ich ihm das Buch “Total tote Hose: 12 bockstarke Märchen”. Viel Spaß damit! Was für ein Schwachsinn…

  2. Lieber Stephan Ludwig,

    herzlichen Dank für Ihren Kommentar, der sehr schön illustriert, wie durch flüchtiges Lesen (auf das Sie sogar mit Empörung stolz sind) aus Beiträgen Meinungen herausgezogen werden, um diesen Meinungen, die im Artikel gar nicht vertreten wurden, dann empört zu widersprechen. Oftmals werden diese Diskussionen sogar weitergetragen und am Ende spielt es keine Rolle mehr, was der Verfasser des Artikels wirklich meinte.

    Ich empfehle tatsächlich vor dem Kommentieren das aufmerksame Lesen, um herauszubekommen, was wirklich gemeint ist. Ich bin zwar der Meinung, dass eine Erklärung nicht notwendig ist, dennoch möchte ich diese hier anschließen, um zu zeigen, wie plötzlich solche falschen Behauptungen wie ‘Der Autor möchte, dass “deutschsprachige Werke selten in einer »neuen und zeitgemäßen Sprache« aufpoliert werden”‘ entstehen. Denn das möchte der Autor mitnichten, noch wird diese Forderung gestellt. Ich gebe zu, dass der Satz, den man zu diesem Zwecke aus dem Zusammenhang reißen kann, auch etwas Ironie enthält, was bekanntlich im Netz immer schwierig ist.

    Aber schauen wir nochmals auf den Zusammenhang: Was ist wirklich gemeint?

    Von Zeit zu Zeit erscheinen Neuübersetzungen von fremdsprachigen »Klassikern« oder solchen Titeln, von denen ein Verlag oder ein Übersetzer der Meinung ist, dass die damalige Übersetzung – aus welchen Gründen auch immer – nicht ganz so optimal ausgefallen ist. Ein Beispiel ist das im Quartett diskutierte Werk »Zazie in der Metro«.

    Oftmals werden diese Werke damit beworben, dass die alte Übersetzung nicht sorgfältig genug erfolgte oder sprachlich zu antiquiert sei und sie nun in einer neuen und zeitgemäßen Sprache erscheinen (was immer das bedeuten mag).

    Durch die Neuübersetzung wird diesen älteren Werken also das zweite Mal hierzulande eine Aufmerksamkeit zuteil, wie unlängst auch »Amok« bzw. der »Widersacher«, das so besprochen wurde, als wäre dieser französischsprachige Roman neu erschienen.

    Diesen Vorteil der zweifachen Wahrnehmung haben leider deutschsprachige Romane nicht. Niemand wird einen Roman von Böll oder Michael Ende so besprechen, als wäre er gerade erschienen.

    Genau das ist im Artikel gemeint, wenn mit etwas Ironie angemerkt wird: »Umgekehrt ist es schade, dass ein solch zusätzlicher Aufmerksamkeitsbonus nur übersetzten Werken zuteil wird, während deutschsprachige Werke selten in einer »neuen und zeitgemäßen Sprache« aufpoliert werden.«

    Daraus den zweifachen Umkehrschluss zu ziehen, der Autor möchte, dass deutschsprachige Werke in einer »neuen und zeitgemäßen Sprache« aufpoliert werden, ist also definitiv falsch.

    Wolfgang Tischer

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