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Eine Wahrheit, die es nicht gibt – »Ocean State« von Stewart O’Nan

»Ocean State« von Steward O’Nan

Zwei Anfangssätze wie ein perfekter Pitch. Im Roman »Ocean State« zeigt Stewart O’Nan wieder sein ganzes Können. Eine leise Geschichte über ein Verbrechen. Eine Geschichte über Würde und Verfall, deren Kraft im Ungesagten liegt.

»Als ich im achten Schuljahr war, half meine Schwester dabei, ein anderes Mädchen zu töten. Sie sei verliebt gewesen, sagte meine Mutter, als wäre das eine Entschuldigung.«

Das sind die beiden ersten Sätze des Romans »Ocean State« von Stewart O’Nan, übersetzt von Thomas Gunkel.

Damit ist der Inhalt der folgenden 250 Seiten zusammengefasst. Es geschah offenbar ein Mord, und jetzt wollen wir Genaueres wissen. Doch alles werden wir nicht erfahren. Was ist die Wahrheit? Juristisch ist vielleicht schon der Begriff »Mord« ein falscher.

Stewart O’Nan schildert die kurze Zeit vor dem Verbrechen und im letzten Teil des Romans die Zeit danach wie im Zeitraffer. Es ist die Art, einen Roman zu beenden, den auch O’Nans Freund Stephen King gerne einsetzt: kein Knall, kein Höhepunkt am Schluss, sondern ein stilles, ruhiges Auslaufen, der den weiteren Weg der Figuren erzählt.

O’Nan beschreibt am Beginn das Dorf Ashaway im kleinen US-Bundesstaat Rhode Island so präzise, dass alles wie die Dokumentation eines tatsächlichen Verbrechens erscheint.

Es sind vier Frauen-Perspektiven, aus denen die Geschichte in der dritten Person erzählt wird, dazwischen immer wieder die Ich-Erzählerin, die auf das Geschehen zurückblickt.

Im Grunde genommen ist die Geschichte des Verbrechens so einfach, wie in den beiden ersten Sätzen zusammengefasst. Ein Verbrechen aus Eifersucht, die Täter stehen schnell fest. Dies ist kein Krimi, kein Thriller. Hier gibt es keine dramatischen Szenen – zumindest keine dramatisch inszenierten.

Es ist die Geschichte eines Verfalls, schon lange vor der Tat.

Carol versucht, für ihre beiden Töchter eine gute Mutter zu sein, doch alle wissen, dass sie es nicht schafft. Sie lebt mit den beiden Kindern vom Vater getrennt, hat ein Alkoholproblem und wechselnde Männerbekanntschaften.

Allen Figuren in O’Nans Roman ist bewusst, dass sie nicht das beste Leben leben. Doch raus kommen sie nicht. Man hofft und macht weiter, der Zerfall ist unübersehbar. Die zerbröckelnde ehemalige Textilfabrik gegenüber steht für den langsamen Verfall einer ganzen Stadt, womöglich der Gesellschaft.

Und dann geschieht das Verbrechen. Alles wird noch schlimmer, und selbst dann kämpfen die Figuren um ihre Würde, für eine Normalität, die es längst nicht mehr gibt.

O’Nan fängt dies in den präzise beobachtenden Erzählerinnen ein, deren wahre Emotionen und Empfindungen immer hinter dem Erzählten bleiben. Das Nicht-Gesagte, das Nicht-Erzählte hat in O’Nans Geschichten das meiste Gewicht. Als Leserin und Leser bleibt man ebenfalls Beobachter. Man trägt die Fassade der Figuren mit, und wir werden selbst nicht alles erfahren, weil es nicht immer eine Wahrheit gibt und geben kann.

Aus Romanen, Filmen oder Berichten kennen wir die dramatischen Gerichtsprozesse, die das Geschehene aufarbeiten und nach der Wahrheit suchen.

Ganz nebenbei zeigt uns O’Nan das andere Gesicht der US-Justiz. Selbst bei Tötungsdelikten kommt es nicht immer zu Prozessen, sondern im Vorfeld werden »Deals« zwischen Justiz, Staats- und Rechtsanwälten geschlossen. Ein Strafmaß wird vorgeschlagen, und wenn alle Beteiligten einverstanden sind, kommt der Fall nie vor Gericht. Auch hier sucht keiner mehr nach der Wahrheit.

Wolfgang Tischer

Stewart O′Nan; Thomas Gunkel (Übersetzung): Ocean State. Gebundene Ausgabe. 2022. Rowohlt Buchverlag. ISBN/EAN: 9783498002688. 24,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Stewart O′Nan; Thomas Gunkel (Übersetzung): Ocean State. Kindle Ausgabe. 2022. Rowohlt E-Book. 19,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

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3 Kommentare

  1. Die beiden ersten Sätze hören sich krank und unglaubwürdig an. Ich würde das Buch schon deswegen sofort zurücklegen, weil ich es leid bin, dass immer alles an Ausnahmefällen aufgehängt wird, weil das mehr „selling“ ist.

  2. Krank und unglaubwürdig?
    Dergleichen wird fast jede Woche berichtet. Unglaubwürddig ist es also – leider – nicht. Ist es krank? Ja. Wir leben in Zeiten, in denen Menschenleben wenig wert zu sein scheinen. Selbst in unserem zivilisierten Land. Kollateralschäden werden sehr wohl in Kauf genommen.
    Ist es schlimm, darüber zu schreiben? Ist es schlimm, Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft literarisch aufzuarbeiten?
    1. Was wäre die Alternative? Rosamunde Pilcher? DAS ist glaubwürdig? Oder auch nur wünschenswert?
    2. O’Nan lässt den Menschen ihre Würde, in einer Gesellschaft, die inzwischen die meisten Menschen nicht mehr ernst nimmt. Er maccht daraus gute Literatur. Das ist ein Verdienst, der vielleicht mehr wiegt als Verdrängung durch Heile-Welt-Kunst.

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