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Das Mööp – Ein fantastischer Seuchenbericht – Teil 2

Das Mööp (Zeichung: Holger Much)
Das Mööp (Zeichung: Holger Much)

Corona-Epidemie. Lockdown. Ein Autor sitzt daheim und schreibt an einem Horrorroman. Dann erhält er überraschenden Besuch. Oder wohnte dieses Wesen schon immer hier? Es ist das Mööp. Das literaturcafe.de präsentiert einen fantastischer Seuchenbericht in Fortsetzungen von David Gray. Teil 2.

Fortsetzung von Teil 1

Zeit: 24.03.2020
Ort: Homeoffice des Autors in sächsischer Metropolennähe

Sebastian Balthasar Mööp ist mir vierundzwanzig Stunden lang entweder durch das Rascheln und Knistern in seinem Nest oder durch endlose Beschwerdepredigten so sehr auf die Nerven gegangen, dass ich schließlich sogar von ihm träumte.

Ich bereue diesen Traum nicht, denn da pinnte ich Mööp auf ein hölzernes Schneidebrett und begann fröhlich, ihn zu filettieren, während ich »Bloody Sunday« von U2 vor mich hin summte. Später verfütterte ich seine Überreste an den Kater meines lokalen Else-Kling-Klons. Doch was in den Träumen so einfach war, hat meistens Haken in der Realität. In diesem Fall sind es gleich zwei.

Der erste: Ich habe noch gestern Abend die Gesetze zum Schutz von Fabelwesen gegoogelt und war erschrocken darüber, wie hoch die Strafen ausfallen: In Nepal zum Beispiel riskiert man lebenslängliche Haft für das Erlegen eines Yetis. In Irland ist es theoretisch gestattet, dass man auf der Stelle gelyncht wird, sollte man sich an einem Leprechaun vergreifen. Wobei man sagen muss, dass dieses Gesetz aus dem Jahre 1921 stammt und wohl den Scherz eines verliebten Abgeordneten darstellt, der mit seiner Angebeteten gewettet hatte, dass er es durchs Parlament bekommen würde.

Den Vogel schießen die Isländer ab: Die verzichten zwar auf offizielle Strafen für die Misshandlung von Fabelwesen, gestatten dafür aber, dass die Vergeltung des kleinen Volkes für Belästigung oder gar Mord an einem seiner Mitglieder in schrecklichen Flüchen und Zauberei ausfällt, die den Verfluchten in kürzester Zeit entweder wahnsinnig machen oder in den Selbstmord treiben.

Hier in Deutschland existiert zwar kein mit Nepal, Irland oder Island vergleichbares Gesetz. Doch je länger ich mir den Shitstorm vorstelle, der mir im Netz entgegenschlagen würde, sollte je ruchbar werden, dass ich ein Fabelwesen filettiert und an einen Kater verfüttert habe, umso blasser werde ich.

Der zweite Haken besteht darin, dass ich weder weiß, wo Herr Mööp hergekommen war, noch ob es dort mehr von seiner Sorte gibt. Die es vielleicht nicht gar so amüsant fänden, dass ich einen ihrer Verwandten zu Katzenfutter verarbeitet habe. Womöglich suchen Mööps Verwandte mich dann im Rudel heim? Na toll! Und das, wo ich immer noch kein Bier im Haus habe.

Da es zumindest zu diesem Zeitpunkt zu riskant wäre, meinen unwillkommenen Besucher zu filetieren, muss ich einen Weg finden, um zeitweise mit ihm auszukommen. Aber weil seine permanente Geräuschkulisse mich daran hindert, mich auf Igors Kannibalenhobby zu konzentrieren, versuche ich jetzt, mehr über ihn herauszufinden.

Es ist jetzt neun Uhr abends in Zeiten der Pandemie, und ich lebe auf dem Land. Was bedeutet, dass mein Netz ungefähr so schnell und zuverlässig ist wie die Deutsche Bahn nach einem Hurrikan. Trotz geduldiger und langwieriger Onlinesuche finde ich jedoch keinerlei Hinweise auf einen Balthasar Sebastian Mööp. Nicht einmal das heimlich aufgenommene Vergleichsbild von ihm, das ich in die Google-Search einspeise, um nach ihm ähnlichen Wesen zu suchen, bringt verwertbare Ergebnisse. Alles, was die Suchmaschine mir anzeigt, sind entweder verwischte Aufnahmen von Bigfoot, einem südrussischen Stinktier oder dem Yeti.

Aber was weiß ich denn schon, wo Mööp wirklich herkommt? Und, zum Nepomuk, wie steht es eigentlich mit der artgerechten Haltung eines Wesens wie Mööp? Ist der so etwas wie ein etwas zu klein geratener evolutionärer Onkel des Yeti und hatte sein Ursprungshabitat im Himalaya? Muss ich damit rechnen, dass demnächst ein Spezialkommando nepalesischer Gurkha-Söldner mit Kukri-Messern und Uzi-Maschinenpistolen in Marsch gesetzt wird, um mich zu kidnappen und aufgrund von Fabelwesenquälerei in einen Knast in Kathmandu zu stecken, falls ich Mööp nicht artgerecht behandle?

Möglicherweise stammt er aber auch aus Island, und ich zöge mir bei einem Vergehen gegen ihn eine magische Superkrätze zu, an der ich mich manisch zu Tode jucken würde?

Doch nichts findet sich darüber, wie man Mööp während einer Pandemie artgerecht in einer achtzig Quadratmeter Dachwohnung zu halten hatte. Das Internet war mit knallharten Fakten zum Zusammenleben mit Fabelwesen erschreckend unterversorgt!

Gut, vielleicht bietet ein schneller, relativ schmerzloser Fabelwesengnadenmord ja doch für alle Seiten die beste Lösung?

Alkohol! Ich brauche jetzt Alkohol. Daher knacke ich vorm Schlafengehen doch noch den Deckel einer meiner Scotchflaschen und nehme einen kräftigen Schlaftrunk.

Das bringt mich auf eine Idee, die ich eigentlich längst hätte haben müssen: Wo das Internet dich im Stich lässt, könnten dir vielleicht gute, altmodische Lebendkontakte weiterhelfen? Sofort schreibe ich eine Nachricht an Herrn von B, der ich den Schnappschuss Mööps anhängte.

Herr von B ist ein kauziger Mann, der in einer kleinen Wohnung voller seltsamer Artefakte wohnt, bei denen man nicht immer sicher sein kann, ob es sich z. B. um Schrumpfköpfe, papuanische Schneezauberfetische oder bloßen harmlosen Sperrmüll von irgendeinem Straßenrand handelt. Herr von B mag zwar über jene Wohnung verfügen, lebt aber in letzter wahrster Wahrheit in den Zügen der Bundesbahn. Denn er ist den größten Teil des Jahres auf Reisen in die abgelegensten Provinzen, wo er immer wieder Menschen mit eher dunkelbunter Gesinnung findet, die seinen Geschichten, Märchen und Gedichten lauschten.

Vor allem aber hat er einst gemeinsam mit einem weiteren Herrn, dessen Name mir entfallen ist, einen riesigen Folianten herausgebracht, der die Systematisierung sämtlicher Kobolde und der meisten bisher von der Kryptozoologie vernachlässigten Fabelwesen enthält. Überraschenderweise ist das Teil kein Bestseller geworden.

Dennoch ist Herr von B seither der wahrscheinlich beste Kobold- und Fabelwesenexperte weltweit, und ich setze große Hoffnungen in seine Antwort.

Während ich also durchaus beschäftigt bin, macht Herr Mööp sich ständig bemerkbar, raschelt, knistert, seufzt oder knirscht in seinem von Wollmäusen und Skriptseiten fabrizierten Nest hinter meinem Drucker.

Das treibt mich noch in den Wahnsinn …

Ich habe den Vorschuss des Verlages genommen. Ich habe Verträge unterzeichnet. Mein Lektor wartet auf die erste Fassung meines Horrorschockers.

Aber angesichts dieser permanenten Geräuschkulisse bin ich unfähig, mich auf einen russischen Oligarchen mit Kannibalenhobby und unfassbar schlechtem Mundgeruch zu konzentrieren, der eigentlich längst hätte damit fertig sein sollen, die rosige Alina auszuweiden.

Ich stehe auf und schaue in Mööps Nestecke hinab. »So wird das nichts mit unserem Zusammenleben, Herr Mööp! Ich muss Miete zahlen. Und deswegen muss ich arbeiten. Das ist so der Grundsatzdeal im Kapitalismus: Arbeitsleistung gegen Honorar. Ich kann mich aber nicht auf meinen Text konzentrieren, während Sie hier so schamlos ständig herumrascheln!«

Herr Mööp wackelt einige Male mit seinem grauen Rüssel. Dann schaut er hämisch zu mir auf. »Haben Sie jemals Donald Trump gesehen? Ich finde, er hat eine bemerkenswert elegante Frisur. Im Gegensatz zu Ihnen übrigens, Sie haben sich offensichtlich mit einer Unterart des Frisurmodells ›Topf‹ begnügt!«

Entweder lag es in seiner Natur, Fragen regelmäßig zu übergehen, oder diese Ignoranz ist Teil eines sinisteren Plans, mich um den Verstand zu bringen. »Mööp!«, versuche ich es noch einmal: »Der Geräuschpegel, den Sie erzeugen, behindert meine Arbeit. Stellen Sie das ab! Sofort!«

Balthasar Sebastian Mööp schaut mich weiter hämisch an, lässt sich dann schwungvoll in sein Wollmauspapiernest fallen und beginnt, dort wie wild mit Beinen, Ärmchen und Rüssel herumzurudern, dass es nur so knirscht, knistert und knarzt. »Ich weiß, dass Sie vorhin die Strafen für die Misshandlung von Fabelwesen gegoogelt haben. Sehr kluger Zug von Ihnen!«, ruft er durch das Knistern, Knarzen und Knirschen.

»Arschloch!«, denke ich, fühle mich dennoch ertappt und irgendwie schuldig. Aber wenn er schon mit Gehässigkeit vorlegt: Bitte sehr, kein Problem – Häme habe ich auch auf Lager: »Hey, Rüssel! Schon mal darüber nachgedacht, dass ich Krimis schreibe? Und deswegen wahrscheinlich ziemlich gut weiß, wie man einen perfekten Mord begeht? In den Knast kommt nur, wer auch erwischt wird! Ich an Ihrer Stelle wäre da ein bisschen vorsichtiger mit Drohungen!«

Mööp hebt den Rüssel und lacht, er lacht so sehr, dass der blöde Rüssel vibriert und er sich seinen Bauch halten muss. »Haha, wenn Sie … haha … Wenn Sie den Mut für Verbrechen hätten, müssten Sie nicht darüber schreiben. Dann würden Sie die auch begehen, in einer Villa leben und hätten einen Butler, der Ihnen Kaffee kocht und Ihnen die Zigaretten dreht!«

Du mieser, kleiner Stänkerer! »Rüssel? Schon mal was vom Notwehrparagraphen gehört? Oder Totschlag im Affekt? Da gibt’s großen Rabatt beim Strafmaß. Vielleicht ist es mir ja ein, zwei Jahre Knast wert, Sie loszuwerden. Meine Romane schreiben kann ich schließlich auch im Gefängnis!«

Mööp stoppt seine schwungvollen Raschelbewegungen und setzt sich in seinem Nest auf. »Im Gefängnis wird man Ihnen bestimmt nicht Ihren geliebten Danske-Club-Tabak liefern. Und der Kaffee dort ist sogar noch dünner als Ihr eigener!«

Da schau her! Endlich habe ihn eingeschüchtert. Sehr gut! »Ich gehe jetzt ins Bett. Und Sie hören gefälligst mit dem Rascheln auf!«

Im Schlafbereich hinter meinem begehbaren Kleiderschrank liege ich dann mindestens zwei Stunden wach und lausche angestrengt in die Dunkelheit hinein … Doch Mööp scheint sogar seinen etwas rasselnden Atem eingestellt zu haben, denn in der Wohnung herrscht Stille! Und ich träume einen paradiesischen Traum vom katzenfuttergerecht zubereitetem Mööp und wache erfrischt und tatendurstig wieder auf.

Irgendetwas muss geschehen. Das geht so nicht weiter. Wenn es wegen möglicher magischer oder militärischer Vergeltungsmaßnahmen zu riskant ist, Mööp zu töten, muss ich ihn eben auf andere Art loswerden.

Ich bin schließlich Teil der Kreativblase. Mir wird ganz sicher etwas einfallen.

Hinter dem Drucker raschelt es.

Natürlich …

David Gray

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Über den Autor

David Gray (Foto: (c) 2013 Licht und Linse Fotografie, Le)
David Gray (Foto: Licht und Linse Fotografie, Le)

David Gray ist das Pseudonym des deutschen Journalisten und Filmkritikers Ulf Torreck.
Geboren 1970 in Leipzig, weist sein Lebenslauf längere Aufenthalte in Südostasien, Irland und Großbritannien auf.
Er hat zahlreiche Romane und Kurzgeschichten in Verlagen und bei amazon.de veröffentlicht.

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