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Das Mööp – Ein fantastischer Seuchenbericht – Teil 3

Das Mööp (Zeichung: Holger Much)
Das Mööp (Zeichung: Holger Much)

Corona-Epidemie. Lockdown. Ein Autor sitzt daheim und schreibt an einem Horrorroman. Dann erhält er überraschenden Besuch. Oder wohnte dieses Wesen schon immer hier? Es ist das Mööp. Das literaturcafe.de präsentiert einen fantastischer Seuchenbericht in Fortsetzungen von David Gray. Teil 3.

Fortsetzung von Teil 2

Zeit: 25.03.2020
Ort: Homeoffice des Autors in sächsischer Metropolennähe

Ich stehe auf, spare mir, Mööp einen »Guten Morgen!« zu wünschen, putze mir die Zähne, setze Kaffee auf und drehe mir eine Zigarette. Mööp liest derweil in meinem vorletzten Roman. Auf dem Schreibtisch steht immer noch die Scotchflasche. Das ist kein Zustand! Ich werde in den sauren Apfel beißen, rausgehen und endlich Bier kaufen müssen. Außerdem gehen auch die Tiefkühlvorräte von Fischstäbchen und Pommes bedenklich zur Neige.

Mööp hat zwar einige Male misstrauisch den Blick von der Skriptseite gehoben, aber den ganzen Morgen noch kein Wort gesagt. Ich werfe einen raschen Blick auf die Seite, die er liest. Ah: Das ist der Punkt, an dem die unvergleichliche Miss Artemisia Jones sich von dem Kreuz befreit, an das sie von der Satanistenbruderschaft gefesselt wurde und den ersten Akt ihrer grausamen Vergeltung einläutet.

»Spannend, Mööp?«, erkundige ich mich wie nebenbei, während ich in meine dampfende Kaffeetasse blase.

»Der Bundestag wird heute beschließen, dass er nur noch mit einem Viertel der Abgeordneten beschlussfähig ist. Sie sind ja angeblich mal für Bürgerrechte auf die Straße gegangen und haben demonstriert. Außerdem wird Ihr Freund L heute eine Livestreamlesung halten, die das dreifache an Zuschauern erreicht als Ihr letzter, übrigens rhetorisch recht erbärmlicher Versuch, eine solche Veranstaltung abzuhalten.«

»So?«, sage ich und werfe einen langen Blick auf das Bücherregal, wo die Gesetzbücher stehen. Ich habe die Notwehr- und Totschlagsparagraphen länger nicht mehr gelesen. Ich sollte das nachholen, nehme ich mir vor. Dringend!

»Mööp?«

»Nein!«, erwidert Mööp.

»Ist Ihre prophetische Gabe echt, oder beruht die auf irgendeinem mööpigen Trial-and-Error-System?«

»Morgen wird außerdem eine Ihrer Kolleginnen sich sehr begeistert über den neuen Roman von Julie Z im Deutschlandfunk äußern. In dem geht es um eine Pandemie. Dieser Roman wird noch morgen Nachmittag die Bestsellerlisten anführen. Frau Z zieht in ihrem Haus in Brandenburg übrigens sehr leckere Biotomaten!«, antwortet Mööp.

Wie immer, wenn man ihm eine Frage stellt, geht seine Antwort völlig an der Frage vorbei. Immerhin hat er nun schon zum wiederholten Mal in einem für ihn auffallend positiven Kontext Biotomaten erwähnt. »Aha, Sie mögen also Biotomaten, Mööp? Gut zu wissen! Die streiche ich dann von meiner Einkaufsliste!«

Mööp greift nach der nächsten Skriptseite. »Ich verabscheue Tomaten!«

Oookay, dann eben nicht. Mein Kaffee ist soweit abgekühlt, dass ich davon trinken kann, was ich schlürfend umsetze.

»Sie haben gestern 54 Zigaretten geraucht! Das ist im Grunde zwar Ihre Sache, falls Sie sich umbringen möchten, bitte sehr! Doch ich teile jetzt Ihre Wohnung mit Ihnen! Ich erwarte, dass Sie Rücksicht auf meine Gesundheit nehmen und dem Rauchen höchstens noch am offenen Fenster frönen!«

Ich ignoriere Mööps Gemecker und überprüfe die Messages und Pushmeldungen, die letzte Nacht auf meinem Handy eingegangen sind. Sehr gut! Kollege von B hat geantwortet. Auch er hat sich in seine eigenen vier Wände zurückgezogen, um dort die Pandemie auszusitzen. Seine in einem unnötig komplizierten, altmodischen Stil formulierte Antwort lässt mich jedoch kaum klüger zurück. Denn er teilt mir mit, dass auch er so auf den ersten Blick Balthasar Sebastian Mööp keiner bislang bekannten Spezies zuzuordnen wisse. Aber er versichere, dass er sich weiter darum bemühen werde, das Rätsel um Mööps Existenz zu lösen und dazu weitere, offenbar sehr seltene Fachbücher zu Rate ziehen wolle.

Immerhin, denke ich, stecke mir die erste Zigarette des Tages an und blase den Rauch nicht nur zufällig in Mööps Nestecke. Nimm das, Nervwichtel! Mööp wackelt unwillig mit dem Rüssel, und vielleicht wehen dazu seine dünnen seidigen Haare ein wenig umher.

Aus reiner Gewohnheit überprüfe ich die Wetter-App. Mir bleibt schließlich nichts anderes übrig, als einkaufen zu fahren, und da will man schon wissen, ob man mit Wolkenbrüchen oder Sonnenschein zu rechnen hat: Die Wetter-App teilt mir mit, dass die Heuschnupfenwerte richtig raufgegangen waren. Vielleicht hat Mööp ja Heuschnupfen? Und kommt der Nervwicht eigentlich da draußen außerhalb meiner Wohnung zurecht? Ich könnte ihn überrumpeln, in meinen Rucksack stecken und dann irgendwo beim See oder am Straßenrand aussetzen. So klein, wie der ist, bezweifele ich, dass er mich auf meinem Rad einholen könnte.

Hm … die Aussetzung von Fabelwesen mochte eine rechtliche Grauzone darstellen. Aber ausdrücklich verboten ist das hierzulande sicher nicht. Und Mööp auszusetzen ist auch nicht dasselbe, wie ihn in Teilen geschnitten an den Else-Kling-Klon-Kater zu verfüttern.

Das Problem dabei ist aber Mööps prophetisches Talent! Wenn er vorhersehen konnte, dass irgendeine meiner Kolleginnen heute Julie Zs neuen Roman beim DLF loben und der in die Bestsellerliste schießen würde, ist dann nicht davon auszugehen, dass er auch vorausahnt, was ich mit ihm vorhabe? Kommt auf einen Versuch an …

»Sie glauben daran, dass am Ende alles immer gut wird, nicht wahr? So wie in Ihren erbärmlich einfach gestrickten Romanen!«, sagt Mööp.

Ich trinke meinen Kaffee aus. »Nö, Romane sind Fiktion. Da muss das so. Realität ist da ein bisschen nerviger!«, antworte ich, stehe auf und gehe zum Kleiderschrank, um mir etwas anzuziehen.

»Lügner!«

Klugscheißer, denke ich, betrete meinem begehbaren Kleiderschrank und kleide mich ein für den Einkaufsausflug: Außenwelt – ich komme!

Sowie ich aus dem Kleiderschrank heraustrete, greife ich den größten meiner drei Rucksäcke und dann – stößt meine Hand in Mööps Nestecke hinab, bekommt sie ihn zu fassen und versenkt ihn ins kleinste Fach des Rucksacks.

»Was beabsichtigen Sie?«, fragt Mööp noch, dann habe ich auch schon den Reißverschluss zugezogen. Eigentlich habe ich mindestens einen heftigen Zappelkampf erwartet. Aber nichts dergleichen: Balthasar Sebastian Mööp bleibt völlig ruhig, weder bewegt noch beklagt er sich.

Seltsam … Ich schnalle mir den Rucksack auf den Rücken, schieße die Treppe hinab, vorüber an der Zugangstür zur Zweitwohnung nach draußen, setze mich auf mein Rad und fahre los.

Ich hatte erwartet, dass die Außenwelt stiller, in sich gekehrter sein würde und vielleicht den Eindruck vermittelt, dass sie gerade dabei ist, sehr langsam den ganz großen Stinkefinger auszustrecken. Allerdings frage ich mich, was uns bevorstehen mochte, sobald er die volle vertikale Raste erreicht hätte.

Aber vielleicht ist das auch Unsinn! Der Welt da draußen sind wir Menschen letztlich sowieso egal. Die hatte immerhin Viren und Kakerlaken hervorgebracht, und die überleben angeblich sogar Atomkriege. Die Viren tun das dann unter anderem im Innern der Kakerlaken. Was vielleicht sogar die größere Leistung darstellt.

Mann, erschrecke ich gleich darauf, was ist mit mir los? Ich bin plötzlich so lyrisch! Beim Nepomuk, wenn das anhält, dann aber gute Nacht für Kannibalenigor und den neuen Horror-Roman!

Draußen ist es kalt, aber sonnig. Ich bin froh, dass ich den Schal über den Mund gezogen und die Handschuhe übergestreift habe. Es ist schon praktisch, wenn der behelfsmäßige Seuchenschutz so nahtlos mit den Außentemperaturen harmoniert.

Als ich den Radweg entlang auf die ersten Häuser der Stadt zufahre, denke ich darüber nach, wo ich Mööp am besten aussetzen könnte. Doch die Pandemie hat das Schlechteste im Menschen zum Vorschein gebracht: Der Radweg war voller Jogger, Spaziergänger und Hunde-Gassi-Geh-Menschen. Wie ich sie verabscheue! Spaziergänger sind schon schrecklich genug. Aber dazu kommen ja noch die Jogger und Radfahrer! Schlimmer gehts eben wirklich immer! Doch nicht einmal die Jogger sind so furchtbar wie die mittelalten, fast ausnahmslos männlichen Radfahrer in ihren bunten mit Bäckerei- oder Autohauswerbung bedrucktem Lycra. Wie die Jogger glauben sie offenbar, dass sie vor der verdammten Seuche davonlaufen können.

Narren! Gleich darauf fällt mir auf, dass ich mich womöglich schon fast so anhörte wie Mööp …

Fuck: Mööp steckt immer noch in meinem Rucksack und ist dort hoffentlich bereits längst erstickt. Jedenfalls ist es unmöglich, auf dem unerwartet belebten Weg unbemerkt ein grau-blaues, etwa dreiundzwanzig Zentimeter großes Fabelwesen mit Hörnchen und Rüssel auszusetzen. Okay, Mööp: Dann eben ein gemeinsames Supermarktshoppingerlebnis!

* * *

Vier Rentner vorm Supermarkteingang schauen zu, wie ich mein Rad anschließe. Dabei schauen sie mich an, als sei ich der fleischgewordene Antichrist. Klar:

Erst kamen Fridays for Future und die Schulschwänzerei, jetzt kommt Corona – ihr müsst gerade alles hassen, was jünger wirkt als fünfzig. Aber, liebe ältere Mitbürgertagesversammlung: So eng auf Flüsterlasterabstand ohne Hörgeräteinsatz, wie ihr da gerade beieinandersteht, wirkt ihr auf Coronaviren bestimmt wie eine Leuchtreklame, die blinkend in einer dunklen Kneipenmeile Saalrunden ankündigte.

Ich ignoriere die Rentnergang und betrete den Markt: So leer habe ich den um diese Zeit noch nie gesehen. Klar, die regelmäßige Samstagsplünderung macht schon auch was mit den Regalinhalten. Aber heute ist Mittwoch und außerdem später Vormittag. Da kauften außerhalb der Pandemie sonst nur die Spätspiritis und Arbeitslosen ein. Die sind finanziell aber so stramm gespannt, die können nur sehr begrenzte Lücken ins Sortiment reißen.

Beim Gedanken daran, dass die Getränkeabteilung so leer aussehen könnte wie die für Körperhygiene und Frischgemüse, vergesse ich für einige Schrecksekunden sogar Mööp in meinem Rucksack und stürme blindlings los, nur um erleichtert festzustellen, dass die örtlichen Alkibrigaden zwar die Billigbiere abgeräumt, aber den edlen Importstoff ignoriert haben.

Ich erinnere mich an meinen Chat mit Kollege M von gestern. Darüber, wie er in allernächster Zukunft Plünderungen erwartet. Und ich bin daher fast geneigt, in Guinness- und Köstritzer-Hamstermodus zu verfallen. Andererseits würde das meine Kreditkarte überfordern. Weswegen ich nur zwei Sixpacks Guinness und einen Elferkasten Köstritzer Schwarzbier ergreife und diese schwitzend Richtung Kasse schleppe. Wegen meines plötzlichen Panikanfalls angesichts möglicherweise kurz bevorstehender Plünderungen hatte ich vorhin gar nicht recht auf die Kassen geachtet.

My home is my castle finden angeblich die Briten. In Deutschland zu Zeiten der Pandemie führt man dieses Konzept geradlinig zu einem neuen Höhepunkt. Denn die lohngedumpte Kassiererin hat ihre Kasse in eine Do-It-Yourself-Anti-Virus-Festung verwandelt. Aus drei flexiblen Zeltstangen hat sie Bögen geformt, diese am Boden mit Klebeband befestigt und dazwischen selbstklebende Frischhaltefolie gespannt. Man kann nur hoffen, dass sie die auch bezahlt hat, so eng wie es deutsche Supermarktbosse erfahrungsgemäß mit der Zweckentfremdung ihres Warenbestands haben.

Die »Heldin der Krise«, wie unser Gesundheitsminister sie zweifellos bezeichnen würde, ist hinter ihrer Folienfestung nur verschwommen zu erkennen. Immerhin streckt sie ihren Kopf so weit gegen das leicht beschlagene Virenbollwerk, um auszumachen, was ich zu kaufen beabsichtige.

»Zweeundzwanzch dreiunneunzisch!«, verkündet sie.

»Kartenzahlung!«, verkünde ich und halte ihr meine global einsatzbereite Karte entgegen.

»Geht nisch! Nur Bargeeeeld. Geene Garte, Anweisung von ooohm!«

Ich überschlage kurz, wie viel Bargeld ich habe, greife in meine Jeans und hole Scheine und Münzen hervor. Grob überschlagen müsste es reichen, hoffe ich und halte ihr die Handvoll Cash entgegen. Das Folienbollwerk weist offenbar Konstruktionsnachholbedarf auf, denn nirgendwo entdecke ich eine Möglichkeit, der Heldin der Arbeit die Kohle zukommen zu lassen.

Jetzt hebt sie hinter ihrer Folie eine schwarze Schale und legt diese gegen die Bespannung. »Da reen, bitte!«, fordert sie mich auf.

Und tatsächlich sehe ich dort über der Schale einen schmalen Schlitz in der Folie. Also mache ich eine Faust und schiebe sie hindurch, öffne sie und lasse all das Geld in die Schale fallen. Das Problem dabei ist, dass dieser Schlitz offenbar nicht für Männerfäuste ausgerichtet ist, denn als ich meine Hand zurückziehen will, bleibt sie stecken.

Zum ersten Mal, seit wir unseren Trip angetreten hatten, rührt sich auch Mööp im Rucksack. Er niest. Und zwar gewaltig. Wackelt dabei im Rucksack herum und stößt irgendeinen Fluch aus, der unmöglich zu verstehen ist und eher nach dem Blöken eines ziemlich alten, ziemlich angesäuerten Widders klingt.

»War’n Sie das?«, fragt die Heldin der Arbeit und zeigt auf mich, indem sie ihren Finger ungefähr auf meiner Gesichtshöhe gegen die Folie sticht.

Hinter meinem Rücken niest Mööp erneut, vor mir sticht die lohngedumpte Kassiererin in ihr Frischhaltecastle, während ich weiterhin versuche, meine Cashhand aus ihrer scheiß Folie zu befreien – ich bin kurzzeitig verwirrt.

Die Heldin der Arbeit missinterpretiert meine Bewegung als Aggressionsakt, erhebt sich, ruft mir irgendetwas zu und sticht dabei heftig gegen die Folie. Ergebnis: Die Grundkonstruktion ihrer Virentrutzburg verweigert den Dienst. Die drei Zeltstangen springen aus ihrer erzwungenen Halbbogenform in ihre natürliche Vertikale zurück, wobei eines der Teile mir ins Gesicht schlägt. Es ist nicht ganz ein klassisches k.o., aber der Schlag ist trotzdem heftig genug, um mich zurücktaumeln zu lassen, wobei ich über den Elferkasten Köstritzer stolpere und neben ihm auf den Hintern falle.

Was zunächst einen Überraschungs-Bindestrich-Schmerzensschrei meinerseits auslöst, der gleich darauf von einem undefinierbar schrillen Gebrüll von Mööp aus dem Rucksack übertönt wird.

»Sischerheet! Isch brauch hier mal de Sischerheet!«, ruft die mittlerweile ungeschützte Kassiererin in den leeren Supermarkt hinein.

Rechts neben mir rappelt mein Rucksack, erhebt sich und bewegt sich von mir weg. Links neben mir liegen zwei Sixpacks Guinness und steht der Elferkasten Köstritzer.

Die Heldin der Arbeit ruft immer noch nach »De Sischerheet!«.

Mir wird klar, dass ich zu viel zu erklären hätte, was möglicherweise sowohl das Fassungsvermögen der Kassiererin wie das des Security-Menschen überfordern würde, sollte er jemals hier eintreffen. Also greife ich die Sixpacks und den Rucksack, werfe einen letzten traurigen Blick auf den Elferkasten und trete einen haltungsmäßig nicht ganz einwandfreien taktischen Rückzug zu meinem Fluchtfahrrad an. Natürlich hat sich Mööp bis dahin ausgeniest und ist wieder ruhig.

* * *

Vor mir im Fahrradkorb liegen traurig und verloren die beiden Sixpacks herum. Erst nach und nach wird mir bewusst, dass ich mich in dem Supermarkt wohl bis auf weiteres nicht mehr blicken lassen konnte. Das nächste Geschäft, das mein irisches Lieblingsbier führt, liegt etwa zwei Kilometer weiter entfernt als der Supermarkt. Grandios! Zudem fällt mir ein, dass ich vor lauter Eile, an das Bier zu kommen, völlig vergessen hatte, auch Pizza, Pommes und Fischstäbchen zu kaufen … Na ja, du hast guten Grund zu trinken, und es gibt ja immer noch Lieferservices. Verhungern würde ich in absehbarer Zeit eher nicht.

Der Verkehr auf dem Radweg ist immer noch heftig. Also biege ich auf einen schmalen Pfad ab, der zum Seeufer führte, radele dann mühsam durch den mal festen, mal lockeren Sandstrand zum Waldrand. Hier ist kein Mensch zu sehen, obwohl ich zwei Jogger höre, die sich mit rasselndem Atem auf dem Weg oberhalb des Strandes gegenseitig zu überholen versuchen. Bei den angestrengten Atemgeräuschen würde das Virus sicher viel Freude mit den beiden haben, sobald es den Weg in deren Lungen gefunden hat.

Ich setze den Rucksack ab und öffne ihn. Mööp springt heraus und läuft ein paar Zentimeter von mir und dem Rucksack weg, baut sich dort breitbeinig auf, hebt den Rüssel und lässt den Nieser des Jahrzehnts ab, wobei er zwei bemerkenswert große Flatschen einer grünlich-gelben Masse aus seinem Rüssel ausstößt. Wie eklig!

»Gesundheit!«, wünsche ich ihm. Das steckt einfach so drin. Meine sachsen-anhaltinische Oma hatte uns vier Kindern das so nachhaltig eingebläut – wir alle würden sogar unseren Folterern noch Gesundheit wünschen, sollten die während zweier Wasserboardingsessions mal niesen müssen.

Mööp hat noch damit zu tun, Luft zu holen und sich die Tränen aus den Augen zu wischen.

Ich werfe einen Blick in meinen Rucksack: Natürlich ist Mööps Fach voll von diesem zähen Schleim. Fuck! Dennoch setze ich den Rucksack wieder auf und ergreife das Rad. »Tja, Mööp, das wird so nichts mit unserer Seuchen-WG. Bewegtes Restleben noch! Bleiben Sie gesund, und immer schön den Rüssel in den Wind halten!«

Mööp sagt gar nichts, sondern starrt nur mit bebendem Rüssel an mir dem Rucksack und dem Rad vorbei den Strand entlang.

Oi, wundere ich mich, sollte es ihm die Sprache verschlagen haben? Wie wunderbar!

»Issn das?«, ruft eine Jungenstimme hinter mir.

Ich wende mich um: Drei Kids – zwei schimmernde Jogginghosen, eine schneeig ausgewaschene Jeans, ein Basecap, ein Beanie, sechs Sneakers und ungefähr dreiundachtzig Tattoos von eher minderwertiger Qualität. Ich kann die Methpickel an ihren Armen und Gesichtern von hier aus sehen. Tja, die haben es jetzt sicher auch nicht leicht, wo doch die Lieferwege dicht waren und selbst die einheimischen Küchen Lieferschwierigkeiten haben mussten, angesichts all der Polizeistreifen. In Sachsen ist man so was schließlich nicht mehr gewöhnt.

»Issen das?«, ruft einer der drei wieder und zeigt dabei auf Mööp.

»Das is ne Puppe! Mann, Mann, Mann, der Typ spielt noch mit Puppen?!«, vermutet ein anderer.

Mööp tippelt näher zu mir und dem Rucksack. Die Aggrovibes, die die drei Kids absondern, machen ihm eindeutig Angst.

»Scheeeiiiße! Das Teil hat sisch bewegt?!«, kommentiert Kid Nummer zwei.

»Der Arsch spielt mit Puppen! Is nicht nice, oder?«, meint Nummer eins.

»Der hat Sixpacks in seim Korb! Bier!«, ruft Nummer drei, und es klingt sehr nach einer Aufforderung zur Spontanplünderung meiner mühsam erkämpften Biervorräte.

»Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner findet immer noch, dass man jetzt durch die Pandemie temporär arbeitslos gewordenes gastronomische Personal und Kleinkünstler zum Ernteeinsatz auf den deutschen Spargelfeldern heranziehen sollte!«, piepst Mööp so schrill, dass er kaum zu verstehen ist.

»Die Puppe redet!«, sagt Nummer eins.

»Das Bier, du Eemer!«, sagt Nummer zwei und rennt auf mich, mein Rad, das Bier und Mööp los. Gut, das ist jetzt ein bisschen ungünstig. Zumal die Jungs auch schlau genug sind, mir den einzig möglichen Fluchtweg mit halbwegs festem Untergrund so zu verstellen, dass es zwecklos gewesen wäre zu versuchen, mich mit Rad und Bier durch den lockeren Sand freizustrampeln.

»Ihr könnt die Puppe haben! Aber wer sich an meinem Guinness vergreift, kriegt aufs Maul!«

Meine Drohung schüchtert sie nicht einmal soweit ein, dass sie die einer Erwiderung für wert halten. Mist, das lief früher aber schon mal besser.

Ich lasse das Rad fallen und gehe in Kampfstellung, was zumindest zwei der potenziellen Plünderer für den Bruchteil einer Sekunde zu verunsichern scheint. Die haben eindeutig mit leichterer Beute gewettet. Aber Bier ist in diesen Zeiten auch schon kostbarer geworden. Wer weiß heute schon, ob nach dem Spargel auch die Getreideernte im Herbst auf den Feldern verrottet und es zu einer massenhaften Bierunterversorgung der Bevölkerung kommt?

Die drei Kids beschließen offenbar, dass ihnen die Beute der beiden Sixpacks das Risiko eines Kampfes wert ist.

Brutalität, denke ich, jetzt hilft nur noch Brutalität – direkt und schmerzhaft voll auf die Nasen-Zwölf, sonst wird das hier nichts. In meiner Kampfesvorbereitung habe ich Mööp aus den Augen gelassen. Verständlich, ich werte ihn nicht als einen wirklich gefechtsentscheidenden Verbündeten. Und habe außerdem vergessen, was er mir bei seinem Einzug in meine Wohnung angedroht hat, nämlich dass er fähig sei, einen Stoff abzusondern, der schlimmer riecht als frisch geöffnete Wasserleichen. Wie sich jetzt herausstellt, sind extreme Geruchsbelästigungen allerdings nicht alles, was Mööp an Abwehrtechniken für Plünderungsgelaunte Methkids auf Lager hat.

»Ey!«, ruft Kid Nummer zwei und greift sich wankend ins Gesicht, wo er panisch versucht, irgendetwas von seiner Wange zu wischen, doch gleich darauf trifft ihn ein zweites Geschoss, das ihn wortwörtlich umwirft. Und er ist nicht der einzige, der mit jenen mysteriösen Geschossen belegt wird, denn auch Angreifer Nummer eins und drei schwanken und stürzen gleich darauf zu Boden, alle dabei panisch bemüht, irgendetwas aus ihren Gesichtern zu wischen.

Ich wende mich Mööp zu: Der hat seinen Rüssel erhoben, presst seine knubbeligen Finger gegen den Bauch und vollführt eine merkwürdige Bewegung, irgendwo zwischen tiefem Einatmen und Bauchdruckmassage, die zur Folge hat, dass in rascher Folge Schleimbatzen aus seinem Rüssel fliegen. Okay: Das WAR eindrucksvoll. »Sie erstaunen mich, Mööp!«

Mööp versendet weiter seine Schleimgeschosse, obwohl unsere Gegner längst am Boden liegen. Das passt zu ihm, finde ich, sozusagen noch mal nachzutreten, obwohl seine Angreifer wehrlos sind.

»Ich wäre auch allein mit denen fertig geworden!«

Mööp wirft mir einen Blick zu, der Tote erneut töten könnte, tippelt dann zu meinem Rad und weist auf dessen Korb mit den Sixpacks. »In Bayern hat Söder klar gemacht, dass die bayrische Verfassung es erlaube, die Bevölkerung in Notsituationen zu Handdiensten zu verpflichten. Was glauben Sie, wie lange es dauert, bis Ihr Ministerpräsident da nachzieht? Viel Spaß beim Spargelziehen, wünsche ich!«

Einen Moment lang frage ich mich, was Söders zwangsverpflichtende Handjobs mit dem Fahrradkorb zu tun hatten.

»Falls Sie die Absicht haben, mich erneut in Ihren Rucksack zu befördern, werde ich Mittel und Wege finden, all Ihre Freunde und Kollegen wissen zu lassen, dass Sie sich selbst und mindestens zwei Ihrer Pseudonyme täglich zwei Mal googeln und außerdem jeden Abend die täglichen Abrufzahlen ihres Wikipediaeintrags überprüfen!«

Die drei Methkids sind immer noch dabei, sich Mööps Schleim aus ihren pickeligen Gesichtern zu kratzen. Ich habe zwei Sixpacks Guinness und die Sonne scheint. Ich befördere Mööp in den Korb und schiebe das Rad zum Seeweg hinauf.

»Bayern ist gar keine Spargelgegend!«, maule ich dabei.

David Gray

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Über den Autor

David Gray (Foto: (c) 2013 Licht und Linse Fotografie, Le)
David Gray (Foto: Licht und Linse Fotografie, Le)

David Gray ist das Pseudonym des deutschen Journalisten und Filmkritikers Ulf Torreck.
Geboren 1970 in Leipzig, weist sein Lebenslauf längere Aufenthalte in Südostasien, Irland und Großbritannien auf.
Er hat zahlreiche Romane und Kurzgeschichten in Verlagen und bei amazon.de veröffentlicht.

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